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Unknown Kings: Unknown Kings: ORB, D-Pelt und Cence

veröffentlicht: Montag, 09.11.2015, 23:43 Uhr

Autor: Max





ORB – Kein Kokolores EP

Es gibt Rapper und Producer. Es gibt aber auch Rapper, die selbst an den Beats schrauben. Zu letzterer Gruppe gehört der selbsternannte "Pestdoktor" ORB, der seine szene- und gesellschaftskritischen Textzeilen gekonnt über samplegespickte Oldschoolbretter schickt. Zwischen dumpfen Bässen, scheppernden Snares und jazzigen Pianoklängen lässt es der Kölner auf seinem Debütrelease so richtig krachen: Anstatt sich der hiesigen Raplandschaft anständig mit Representern vorzustellen, geht ORB inhaltlich gleich auf die Vollen und behandelt komplexere Themen. Nazis, Lifestyles und utopische Traumländer werden mit genug Finesse und lyrischer Gewandheit angepackt, um diese nie an Spannung verlieren zu lassen, sondern den Hörer weiterhin zum Denken anzuregen. Zudem bäumt sich der Sprachgesangsartist mit der sechs Tracks umfassenden EP nicht nur gegen gewohnte Floskeln und das hohle Phrasendreschen auf, er setzt auch musikalisch ein Zeichen gegen aktuelle Einflüsse im Rap und bleibt dem HipHop-Feeling auf nostalgische, aber nicht sentimentale Weise treu. Ein paar Fans konnte sich ORB durch die "Kein Kokolores EP" schon sichern, der Durchbruch in nationale Rapgefilde muss aber erst noch kommen. Eine gute Grundlage sollte damit aber schon einmal gesetzt sein und zum Glück steht die Veröffentlichung der nächsten EP schon in den Startlöchern.

ORB - Kein Kokolores EP auf Bandcamp Streamen und Downloaden

(Hyotoko)




D-Pelt – Instinct

Ein Video "hosted by Ill Bill", einen Auftritt auf dem jüngsten Sampler von US-Rapper Slaine und ein reger Kontakt zu Untergrundgrößen der Berliner Hardcore-Szene sind nur einige der Gründe, warum die absolute Unbekanntheit von D-Pelt in Deutschland in meinen Augen eine sehr fragwürdige Sache ist. Nach über einer Dekade aktiver Musik steht der MC nun einmal mehr mit einem neuen Album in den Startlöchern und präsentiert eine Platte zwischen melancholischem Oldschool-Vibe und nicht zu verhaltenen Punk/Rock-Einflüssen, die sich mal nebeneinander, mal parallel zueinander in ein sehr eigenes Gesamtprodukt einfügen. Gerade großartig hasserfüllte Titel wie "Puppenspieler" oder die Kooperation "Tiefer" mit der Metalband Brawl Between Enemies glänzen in einem in Deutschland viel zu selten gesehen Subgenre und funktionieren musikalisch trotz des nicht optimalen Mixdowns wunderbar. Die Harmonie der beiden musikalischen Pole wirkt in D-Pelts Schaffen so selbstverständlich und abgeklärt, dass man immer wieder für einen kurzen Moment dem Gedanken verfallen möchte, dass diese Mischung zweier über Jahrzehnte dominanter Großgenres eigentlich kein absoluter Exot unter den Heerscharen an monatlich erscheinenden Releases sein dürfte. Doch abseits der Crossover vermitteln auch oldschoolig und persönlich angehauchte Titel eine Menge Stimmung und zum Gesamtbild passenden Untergrundflair, so dass sich die EP in der Gesamtheit vielfältig, aber stringent präsentiert. Der einzige tatsächlich anzusprechende Kritikpunkt ist, dass zwischen allem Obrigkeitenhass der politischen Tracks immer wieder unschön antiamerikanistische Töne angeschnitten werden, die in Meinung und Darstellung schlichtweg eine gewisse Unreflektiertheit des Interpreten suggerieren. Das mag ein Nebenprodukt der irgendwie punklastig erscheinenden Umgebung sein, hinterlässt bei manchen Textpassagen aber dennoch einen faden Beigeschmack und hindert mich daran, die Platte wirklich voll und ganz genießen zu können. Dennoch: "Instinct" von D-Pelt kann textlich sowieso vor allem wegen der dafür durchweg gelungenen persönlich inspirierten Texte überzeugen und stellt einen absolut hörenswerten Geheimtipp für eine seltene Nischenmusik dar. Denn ganz ehrlich: Hardcore-Rap und Einflüsse aus Rock-Metal-Gefilden gibt es hierzulande viel zu selten.

Instinct von D-Pelt auf Bandcamp

(Cuttack)




Cence – Tagträumer

Die Verbindung aus Rap und Pop mag für viele Heads auch in 2015 noch ein rotes Tuch sein, dennoch ist eine immer stärkere Wechselwirkung nicht zu leugnen. Einer von denen, die sich vor dieser Entwicklung nicht verschließen, ist Cence, der mit "Tagträumer" eine fünf Track starke EP serviert. Zwischen Singsang, Rap und gelegentlichem Einsatz von Autotune findet das Mitglied der Highlife Gang seine eigene Fusion aus Rap und Pop. Inhaltlich wird sich maßgeblich auf den eigenen Mikrokosmos aus alltäglichen Problemen, Wünschen und Gefühlen konzentriert, wobei die gesamte Präsentation angenehm unaufgeregt wirkt. Die Produktionen von Z.a.K., DeadEye, PCP und BeatsOnTheRocks versprühen eine ordentliche Portion Zeitgeist, greifen den poppigen Ansatz sinngemäß auf und schmeicheln so mit durchgehend analogen Klängen sanft dem Gehörgang, wenn auch der Sound insgesamt manchmal etwas zu steril und kühl wirkt. Trotz großer Produzentenzahl gelingt ein homogenes Gesamtbild, wobei jederzeit erkennbar ist, dass es hier nicht darum geht, raptechnisch neue Wege einzuschlagen oder die besten Zeilen zu schreiben, sondern schlicht ein insgesamt rundes und angenehm zu hörendes Gesamtprodukt zu erschaffen, das vielleicht auch abseits der Rapszene Anklang finden kann. Rappuristen sollten definitiv einen Bogen um "Tagträumer" machen, wer allerdings etwas offener ist, der möge sich von Cence in atmosphärische 20 Minuten entführen lassen. Die Reise könnte sich lohnen.

Die EP auf Soundcloud.

(Felixxl)

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