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Unknown Kings: Unknown Kings: Dezember 2014

veröffentlicht: Freitag, 02.01.2015, 20:09 Uhr

Autor: Cuttack



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.



Albert Parisien & Asadjohn – Future Lean

Es gibt Rapper, die in ihrer unfassbaren Eigenheit, ihrem absolut unorthodoxen Gefühl für Klangbilder und ihrem Charisma wie Style so sehr polarisieren, dass man sie entweder hasst oder liebt. Ein wunderbares Beispiel für diese Sorte MC dürfte Cosmo-Gang-Mitglied Albert Parisien darstellen. Dieser veröffentlichte jüngst eine fünf Track starke EP namens "Future Lean", deren bloßes Klangbild zunächst wie eine Karikatur auf modernen Sound zu wirken scheint, sich dann aber schnell zu einem sehr harmonischen Zusammenspiel aus diversen elektronischen Klangtypen entwickelt. Der Hauptgegenstand dieser musikalischen Art ist Alberts bis zum Anschlag mit Flangern und anderen Bearbeitungsprogrammen aufgepumpte Stimme, die in ihrer Unnatürlichkeit und fast schon roboterhaften Art nahezu dieselbe Klangfarbe wie die synthethischen, sphärischen Instrumentals von Asadjohn aufweist. Abgerundet wird das Gesamtpaket dabei von drei Gastauftritten der Cosmo Gang-Kollegen Holy Modee, Johnny Space und Adi Space, die durch ihre stilistische Ähnlichkeit das Klangbild auflockern, aber nicht entscheidend verändern. Was sie dabei aussagen? Ganz ehrlich – so wirklich angekommen ist da nichts. Aber darum geht es auch gar nicht. Wer sich auf "Future Lean" einlässt, den erwartet eine gute Viertelstunde charakteristisch gut produzierter und futuristischer Sound, und wenn man sich mit diesem nicht anfreunden kann, sollte man generell einen weiten Bogen um die Cosmo Gang machen. Falls man es aber mag, kann auch für dieses Release eine weitere dicke Empfehlung ausgesprochen werden.

Zum Download von "Future Lean" auf der Facebookseite der Cosmo Gang



Johnny Moto – Mototape

Eigentlich müsste man denken, dass im Jahre 2014 BoomBap in Kombination mit stereotypen Lyrics über Rap, Gras, Rap, Wack-MCs und nochmal Rap so langsam langweilig werden müsste. Und tatsächlich gab es in letzter Zeit immer mehr Oldschool-Releases, die in ihrer mangelnden Innovation mehr gewollt als gekonnt lässig wirkten. Dennoch schafft es ein gewisser Johnny Moto, genau dieses Subgenre einmal mehr in all seiner Blüte auszuspielen. Denn der Sichtexot-Member verbindet einen hochansprechenden und ausgefeilten Rapstil mit zum Großteil von einem gut aufgelegten Tufu produzierten, zeitlosen BoomBap-Instrumentals und schafft es sogar, gegenüber den berüchtigten Wack-MCs noch den ein oder anderen frisch formulierten Vorwurf aus dem Handgelenk zu schütteln. Dabei ist es an und für sich vollkommen egal, dass sich seine Lyrics lediglich zwischen "Du bist wack" und "Ich bin Johnny Moto – halb Mensch, halb Motorrad" abspielen, denn die gekonnt stilsicheren Formulierungen, das gute Timing der Pointen und das sehr runde Klangbild machen das Mototape zu einem starken Vertreter der Oldschoolfraktion. So beweist auch Johnny Moto, obwohl er das Rad an dieser Stelle mit Sicherheit nicht neu erfindet, einmal mehr, warum das Sichtexot-Camp im deutschen Untergrund durchaus vorne mitspielt.

Mototape von Johnny Moto kostenlos auf der Seite von Sichtexot downloaden



BlaDesa – Snowborder (Bootleg EP)

Ich war mir lange unschlüssig, was ich von einem BlaDesa-Album zu erwarten habe. Nachdem er in der RBA und vor allem im letzten VBT durchaus Aufmerksamkeit erregen konnte und dort zweifelsohne eine großartige Leistung zeigte, insbesondere wenn man den kreativen und musikalischen Aspekt betrachtet, war es trotzdem irgendwie schwer einzuschätzen, wie sein Klangbild in einem tatsächlich Release aussehen wird. Nun ist es endlich soweit – zwar noch kein Album, aber zumindest eine Bootleg-EP namens Snowborder wurde umsonst ins Internet gestellt, und ich muss sagen: Ich bin überrascht. Das insgesamt zehn Anspielstationen starke Miniwerk wählt nämlich einen deutlich elektronischen Einschlag, die unter anderem von Lindsey Stirling und Deadmau5 entlehnten Instrumentals gehen spürbar nach vorne und liefern den Klangteppich für einen BlaDesa in Höchstform. Im Reim- und Redefluss reiht er vor Eloquenz und Wortgewandtheit triefende Zeilen aneinander, die von einem unfassbaren Gefühl für Atmosphäre und Bildsprache zeugen. Egal, ob er auf "Zwillinge" kraftvolle, abstrakte Satzkonstrukte in den Takt presst oder auf "Krähen" eine gestochen scharfe Szenerie vor Augen des Hörers führt, "Snowborder" reißt mit und zählt definitiv zu den Perlen der deutschen Underground-Releases des Jahres.

Snowborder auf BlaDesas Homepage kostenfrei downloaden oder im rappers.in Thread herunterladen

Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" bitte ab sofort wieder an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!

(Yannik Gölz)

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