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Unknown Kings: Oktober 2014

veröffentlicht: Freitag, 31.10.2014, 08:39 Uhr

Autor: SK-pe



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.





Neonschwarz – Fliegende Fische

2010 taten sich Johnny Mauser und Captain Gips zusammen und veröffentlichten das gemeinsame Album "Neonschwarz". In der Folge ist aus dem Albumtitel das Projekt Neonschwarz und mit Female MC Marie Curry und Spion Y an den Cuts aus dem ursprünglichen Duo ein Quartett geworden – laut eigenem Pressetext auf der Homepage ihres Labels Audiolith eine richtige "HipHop Supergroup". Nach einer EP im Jahr 2012 hat diese nun ihr Album "Fliegende Fische" an den Start gebracht. Der Facettenreichtum und die Bedeutung von Kontrasten, wie sie durch Band- und Albumtitel bereits angedeutet wurden, sind hier zentral für Neonschwarz. Werden auf dem Opener "Legen ab" beispielsweise noch titelgemäße Seefahrer-Metaphern zum Besten gegeben, bekommen auf "Neonschwarzer Block" und "2014" rechte Ideologien ihr Fett weg. Auf dem Titeltrack des Albums wiederum wird die Selbstbestimmtheit und Einzigartigkeit jeder einzelnen Person hervorgehoben. So vereint Neonschwarz Gesellschafts- und politische Kritik, eine autonome Lebensphilosophie und persönliche Betrachtungen mit klassischen Rap-Elementen in feine Lyrics verpackt auf insgesamt zwölf Tracks. Soundtechnisch gibt es an "Fliegende Fische" ebenfalls nichts zu bemängeln. Die Instrumentals bestechen größtenteils durch ihren organischen Jam-Session-ähnlichen Klang. Während "Fliegende Fische" und "Hinter Palmen" mit schnellen Drums und melodischen Akustik-Gitarren zu wirklich eingängigen, Chart-tauglichen Songs avancieren, kreieren die Kopfnicker-Beats zu "Ypsilon" oder "Die Schwizzys" samt Scratches und Cuts eine angenehme Oldschool-Atmosphäre. Zusätzlich zu den konstant stark auf diese Beats gepackten Raps der Künstler kann Marie Curry auch mit ihrem gesanglichen Talent punkten, da sie mit ihren teils Ohrwurm-verdächtigen Hooks das Soundbild auflockert und um eine weitere Facette bereichert. Da kann man auch verzeihen, dass ein, zwei Anspielstationen im Vergleich dazu qualitativ ein wenig abfallen, ist "Fliegende Fische" doch im Großen und Ganzen ein durchweg gut hörbares Album. Fazit: Wenn jemand meint, die Zukunft von Deutschrap schwarzmalen zu müssen, dann doch bitte in neonschwarz.

Homepage von Audiolith – zu kaufen





Monaco F – 1

"Du bist doch 'der von Doppel D'!" – so stellt sich Monaco F zu Beginn seiner "1"-EP vor, nur um selbstironisch nachzuschieben: "Wer ist denn Doppel D überhaupt?" Eigentlich eine gute Frage, doch einigen Raphörern dürfte schon zu Ohren gekommen sein, dass die besagte Zwei-Mann-Crew Doppel D, bestehend aus ebenjenem Monaco F und Gräm Grämsn, für etwas Besonderes, nämlich für Rap auf Bayrisch, steht – und das schon seit einiger Zeit und mit beachtlichem, regionalem Erfolg. Nach mehreren gemeinsamen Releases und Touren bringt Monaco Fränzn den weiß-blauen Dialekt in Reimform jetzt eben mit einem Soloprojekt an die Leute. Das Ergebnis ist sowohl raptechnisch als auch in Sachen Beats ein richtiger Hammer. Natürlich erscheint die für die meisten wohl ungewohnte Mundart zunächst befremdlich, doch gehen die Raps von Fränzn vor allem flowlich einfach sehr gut ins Ohr. Außerdem muss man sich so auch einmal genauer oder häufiger mit einem Track und dessen Text auseinandersetzen, um ihn auch wirklich zu verstehen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man erfahren, wie der Rapper trotz selbst diagnostizierter "Bierallergie" die Nacht durchmacht und seine Pflichten auf Übermorgen verschiebt. Mit dem gepitchten Voice-Sample im Hintergrund, das die Bassline eines "A Milli"-ähnlichen Beats bildet, entsteht daraus ein Track, der auf keiner guten Party fehlen darf. An anderer Stelle philosophiert Monaco F sehr beschwingt und begleitet von Jazz-Gitarren und Scratches darüber, dass man sein Leben "so oder so" und auch abseits von gängigen Idealen wie Haus bauen und Baum pflanzen leben kann. Auf dem gesamten Release wechseln sich witzige und nachdenkliche Inhalte sowie straighte Rap-Ansagen mit ernsthafter Selbstbetrachtung ab. Diese Form der Wandelbarkeit liefern auch die Instrumentals. Samples von bayerischen Schlagern werden in den unterschiedlichsten Geschwindigkeiten mit Gitarren, Trompeten und knallenden Drums kombiniert – und trotz des variablen Klangspektrums wirkt jeder Beat zum jeweiligen Track passend und das Gesamtkonstrukt absolut stimmig. Zum Abschluss von "1" gibt es mit dem Remix zu "der von Doppel D" dann noch einmal ein echtes Highlight auf die Ohren, denn hier haben sich neben dem Hauptprotagonisten auch noch zahlreiche namhafte Featuregäste auf einem Track versammelt. So liefern beispielsweise Monaco Fs Partner Grämsn, Fatoni oder Moop Mama-Sänger Keno erstklassige Parts ab und ergänzen ein sehr rundes Gesamtbild. Mit gerade einmal fünf Tracks ist diese EP dann zwar doch ein sehr kurzweiliges, aber dennoch sehr lohnendes Vergnügen. Denn in Zeiten, in denen sich die musikalischen Vertreter einer Jugendkultur häufig mit Zukunftskrisen ihrer Generation auseinandersetzen, erscheint es positiv erfrischend, dass Monaco F seinen Platz in Szene und Gesellschaft gefunden hat und seine bayerische Identität auf so sympathische Art und Weise präsentiert.

"1" auf Monaco Fs SoundCloud-Page anhören





Falk – Sprechgesang und Schabernack

Gleich vorweg: Wer wegen des Namens Falk davon ausgeht, dass es sich bei "Sprechgesang und Schabernack" um das Werk des bekannten und geschätzten Journalisten-Kollegen und Deutschrap-Urgesteins handelt, liegt total falsch. Viel mehr ist hier die Rede von der aktuellen EP eines jungen und talentierten Rappers aus Duisburg – und die kann sich wirklich hören lassen. Auf sieben Tracks präsentiert sich Falk dem Hörer mit einem durchweg soliden Flow und ansprechenden Reimen. Inhaltlich konzentriert sich der MC, passend zum Titel, meist auf sein eigenes musikalisches Talent und nimmt mit seinen teils humorvollen Zeilen nicht nur rappende Kollegen oder diverse Modeerscheinung, sondern auch mal sich selbst aufs Korn. So beschreibt er beispielsweise, warum auch "OhneMooswaslos!" ist, erzählt über sein Dasein als "Experte" für Rap oder stellt seinen "Hunger" nach mehr Aufmerksamkeit und Erfolg der trägen Verfressenheit seiner Mitmenschen gegenüber. Auch "Reimezähler", der gemeinsame Track mit dem einzigen Featuregast Johnny Rakete, weiß durch teils witzige, teils offensive Aussagen in den Texte sowie durch die starke Vortragsweise beider Rapper zu gefallen. Klanglich untermalt wird die gesamte EP durch die von Meister Lampe und HawkOne gebauten Beats. Diese kommen meist oldschoolig daher; mal dienen lockere Piano-Melodien, mal Swing-Samples mit Blasinstrumenten-Sounds als Grundgerüst. Durch diese Instrumentals werden die roughen, aber auch die lockeren Raps von Falk durchweg passend unterstützt, was für echten Hörgenuss sorgt. Nachdem die letzten Klänge verstummt sind, wird wohl jeder lobend anerkennen, dass Falk außer Schabernack vor allem eines im Sinn hat: Sprechgesang mit guter Qualität.

Rapblokk.com – kostenfreier Download





Acyr & Lord Wax – REAKTANZIA

Es war um die Jahrtausendwende herum, als sich die Hannoveraner Crew MB1000 aus dem Umfeld von Künstlern wie Spax oder Ferris MC in der hiesigen Rapszene einen Namen machte. Seitdem ist eine Menge Zeit vergangen, die Drei-Mann-Kombo gibt es mittlerweile leider nicht mehr. Doch nun lässt Lord Wax, seines Zeichens DJ und Beatproducer von MB1000, mit der kompletten Instrumentierung der "REAKTANZIA"-EP des ebenfalls aus Hannover stammenden Acyr wieder von sich hören. Mit einer Mischung aus lockeren G-Funk-Sounds ("Kool Killer"), harten Drums zu Dubstep-Tönen ("Reaktanzia") und Rap-typischen Kopfnicker-Beats ("Fukushima") setzt Lord Wax den Rapper abwechslungsreich, aber immer passend und auf einem technisch hohen Niveau in Szene. Acyr wiederum nutzt diesen Klangteppich perfekt aus und gibt ansprechende Lines zum Besten, die gekonnt einen Laid-Back-Style mit nachdenklichen Inhalten verbinden. Egal, ob er sich selbst als verträumtes, positiv gestimmtes "Wlknknd" vorstellt oder auf "Il Pleu" die traurige Veränderung einer zwischenmenschlichen Beziehung verarbeitet – die Stimme des Rappers wirkt lässig und ungezwungen on point. Trotzdem können die Textinhalte immer mit der nötigen Nachdrücklichkeit vermittelt werden. Dadurch ist die "REAKTANZIA"-EP von Acyr & Lord Wax ein starkes Stück Musik, was sich – dem Titel entsprechend – gängigen Trends zum Trotz von anderen Releases problemlos abheben kann.

Bandcamp – kostenfreier Download



Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!


(Sascha Koch)

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