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Review: OG Keemo - Otello

veröffentlicht: Mittwoch, 26.06.2019, 16:31 Uhr
Autor: Vincentbl3003





01. Otello
02. Tanamo
03. Obi-Wan
04. Schnee
05. Whitney


Das Jahr 2018 war ein schlechtes Jahr für den deutschen HipHop. Ja, diverse Streaming-, Verkaufs- und andere Rekorde wurden von Rappern aus der Bundesrepublik immer wieder aufs Neue getoppt, die Qualität und der künstlerische Aspekt litten aber unter der Synthese aus Rap und Pop, die die Charts eroberte. Sowohl klanglich wie lyrisch war die Eintönigkeit enorm, die Qualität ging in der Quantität unter; man kann wohl sagen, dass der Kapitalismus deutschen Rap durch den Fleischwolf gedreht hat. Wer sich dieser Entwicklung aber entziehen wollte, dem gab der junge Mainzer Straßenrapper OG Keemo letztes Jahr die Antithese zur Modus-Mio-Playlist: Sein Album "Skalp" ließ dem anspruchsvollen Publikum und den verzweifelten Rap-Journalisten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dieses Album hatte alles. Nicht nur alles schmerzlich im Jahr 2018 Vermisste, nein, alles, was ein starkes Rap-Album braucht. Moderne, fein produzierte, abwechslungsreiche und stimmungsvolle Beats, einen jungen, hörbar hungrigen Künstler, der von unten kommt und seine sagenhafte Geschichte authentisch, so eloquent und technisch versiert wiedergibt. Stilsicherer Rap und einen herausragender Charakter kamen dazu und verhalfen dem 22-Jährigen zu dem Durchbruch auf großer Bühne.

Aber nach einem derart brillanten Album lag die Messlatte natürlich ungemein hoch. So hätte OG Keemo mit einem zweiten, vollwertigen Album zwar kommerziell sicher abgeräumt, sich jedoch vermutlich schwer getan, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Besonders Keemos Variabilität und seine schaurig wahren Anekdoten hatten beeindruckt, und letztere lassen sich nicht einfach wiederholen oder ersetzen. Von der Variabilität nimmt er nun bewusst Abstand. Genauso wie von den Problemen, die ein erfolgreiches Debüt klassischerweise mit sich bringt.

Denn "Otello" ist ein kurzes Tape statt eines langen Albums geworden, und die Dezimierung tut der Platte gut. OG Keemo und sein kongenialer Produzent aus dem eigenen Haus haben sich mit diesem Werk für ein 90er-Jahre-Boom-Bap-Revival-Album entschieden. "Otello", der erste Track des Albums, weist sozusagen den Weg.

"Niggas hoffen, ich hätt' Leistungsdruck
Doch hab' ich 'ne Blockade, raube ich einfach weiter Niggas aus
Schreib' es auf, bring' es raus und mach' damit dann doppelt Geld mit dei'm Verlust
"

(OG Keemo auf "Otello")

Das er harte Zeiten auf grauem Asphalt verbracht hat, unterscheidet ihn zwar nicht unbedingt von der austauschbaren Modus-Mio-Elite - die Art, wie er von davon berichtet, jedoch schon. Die tiefe, eindringliche und robuste Stimme und die vom routinierten Flow unterstrichenen, technisch niveauvollen Strophen sind eine tolle Kombination. Man glaubt ihm, was er in seinen fein gereimten Punchlines über sich und seine Hood erzählt, auch wenn wir diese Geschichten in Deutschland - dem Land, in dem wir gut und gerne leben - kaum oder gar nicht für möglich halten.

Die Lässigkeit und Arroganz, mit der er seinem Image Ausdruck verleiht, werden unterstützt von der Stilsicherheit und Schnörkellosigkeit, mit der OG und sein Produzent hier überzeugen. "Tanamo" läutet ein Oldschool-Kopfnicker-Beat mit einfachen, aber eingängigen Samples und einem klassisch rhythmisch betonten Drumset ein. Mit coolen, powervollen Flows lässt der Mainzer ebenso die Muskeln spielen wie mit kreativen Punchlines, deren Effekt sich durch Authentizität und Humor des Künstlers noch verstärkt.

"Ich mobbe mit der Gang,
Fotzen reden schlecht
Doch bleiben schockgefrostet stehen,
Mädchen tropfen aus dem Rock
Sobald der Neger rappt
"

Taktisch gut platziert ist der schwächste Track der Platte, "Obi-Wan", in der Mitte. Auch hier ist ein Oldschool-Beat mit starkem Bass eine eigentlich gute Grundlage, unter einer erhöhten Geschwindigkeit des Instrumentals leiden aber OG Keemos Stimmgewalt und seine Betonungen. Er klingt angestrengt und zu monoton, um den Beat dominieren zu können, und davon leiden auch seine Lines. Nach nur anderthalb Minuten Lauflänge beginnt allerdings schon "Schnee" und bringt die anfänglichen Vibes zurück. Glaubwürdig präsentiert sich der Künstler hier wieder als der Pate seines Ghettos und kreiert stimmungsvoll die Atmosphäre, die sich jeder Straßenrapper wünscht. "Whitney" ist ein großartiger Abschluss. Hier geht OG Keemo über in die Rolle des Poeten seiner Hood und schildert melancholisch Eindrücke aus seiner Umgebung. Auch wenn Bilder wie das des einsames Wolfs am Lenkrad, der sich aus einer tiefen Depression heraus Hennessey kippt, leicht klischeebeladen daherkommen, sind andere Anekdoten so fein ausformuliert, dass man sich Handlungen, die hier mit nur zwei, drei Versen angeschnitten werden, nach dem Hören noch minutenlang vorstellt und weiterdenkt. Der Humor kommt oft makaber, aber nie gewollt gewollt daher und die Pointen sind bittersüß zynisch.

"Otello" erfüllt meine Erwartungen an ein starkes Boom-Bap Tape und schafft die Vibes, die man sich erhofft hatte. Soundtechnisch und textlich wurde hier sehr fein gearbeitet, und man merkt, wie viel Talent in diesem Team steckt. OG Keemo hat neben Balladen und Trap-Banger mit dem Boom-Bap eine dritte Stärke entwickelt, bei der man nur hoffen kann, dass er in Zukunft wieder darauf zurückgreift.

Vincent Busche



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