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Unknown Kings: Mai 2014

veröffentlicht: Freitag, 06.06.2014, 13:44 Uhr

Autor: SK-pe



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.





Tice – Each One Tice One

Künstlerinnen wie Schwesta Ewa und Kitty Kat haben gerade in jüngerer Vergangenheit einmal mehr gezeigt, dass Female MCing in der hiesigen Rapszene mittlerweile ein fester, nicht zu unterschätzender Bestandteil ist. Eine Rapperin, die sich nun ebenfalls in der Riege weiblicher Wortakrobaten etablieren möchte, ist die Düsseldorferin Tice. Mit ihrer sieben Tracks starken Debüt-EP "Each One Tice One" stellt sie unter Beweis, warum man sie in Zukunft besser auf der Rechnung haben sollte. Sehr hungrig und energisch erscheint sie, wenn sie auf "Mein HipHop und ich" ihrer tiefen Verbundenheit zur HipHop-Kultur Ausdruck verleiht, auf "Ich bin so" ihre streckenweise problematische Vergangenheit mit einem multikulturellen Background aufarbeitet oder von ihrem "Traum", sich mit ihrer Rapmusik Gehör zu verschaffen, erzählt. Generell wirkt die EP bei diesen vorherrschenden Themen recht persönlich, die Inhalte erscheinen offen und ehrlich. Unabhängig von der reinen Message begeistert Tice aber auch durch ihre raptechnischen, musikalischen Fähigkeiten. Neben einem konstant starken Flow sowie der druckvollen und sauberen Vortragsweise gehen auch die von der Rapperin selbst gesungenen Hooks zu Tracks wie "Irgendwann" und "Traum" gut ins Ohr. Unterstützt wird das Ganze durch ein vorwiegend an Straßenrap erinnerndes Soundbild. Harte Drums und Streicherklänge ("Gott ist mein Zeuge"), Piano- und gepitchte Vocalsamples ("Ich bin so") sorgen für Kopfnicken, aber auch ruhigere Töne zu sanften Gitarrenakkorden ("Ohne Dich") verstärken gekonnt die Stimmung, die textlich erzeugt wird. "Each One Tice One" sollte dank dieses runden Gesamtbilds und einer unglaublich überzeugenden Tice auch die letzten Kritiker weiblichen Sprechgesangs eines Besseren belehren.

Homepage von Tice – kostenfreier Download





Miasma – Urbane Liebe

In einer Zeit, in der Großstädte immer noch größer werden und die damit verbunden Veränderungen der Gesellschaft und ihrer Lebensumstände immer komplexere Ausmaße anzunehmen scheinen, fühlt man sich als Individuum häufiger verloren oder überfordert und sucht nach etwas Sicherheit und Beständigkeit. Dieser Problemgedanke könnte auch dem Konzept der EP "Urbane Liebe" des Rappers Miasma zugrunde gelegen haben. Auf sechs Tracks widmet er sich den einzelnen Aspekten des modernen Großstadtlebens und dem Versuch, den eigenen Platz darin zu finden. Vom Spaziergang durch dichten Smog auf dem EP-Titeltrack über die Gedanken an eine verlorene Jugendfreundschaft ("HSWO MMXIV") bis hin zur kritischen Betrachtung einer Instagram- und vergnügungssüchtigen "Generation YOLO" ("Rudeltiere") greift er dabei Situationen und Emotionen auf, die viele Leute so oder so ähnlich schon mal erlebt haben dürften. Diese teils bedrückenden, teils hoffnungsvollen Inhalte bleiben außerdem so eindrücklich im Gedächtnis, weil Miasmas kratzige Stimme, die beim ersten Hören an Casper erinnert, diese authentisch transportiert. Mir ist es lange nicht mehr passiert, dass in einer so kurzen Spieldauer von gerade mal 18 Minuten so viel Ausdruck und Inhalt bei mir hängen geblieben ist. Auch in Sachen Beats ist "Urbane Liebe" großartig geraten. Ein Klangteppich aus langsam schlagenden Drums, druckvollen Bässen und variabel eingesetzten Piano- und Synthiesounds verdeutlicht die durch die Textinhalte kreierte Atmosphäre zusätzlich. Man sollte sich dieses Werk einfach aufmerksam anhören und auf sich wirken lassen. Punkt.

File-Upload.net – kostenfreier Download





Fill MC – ÜBER:WUNDEN

Wien, Österreich: Mit seinem mittlerweile vierten Release, der "ÜBER:WUNDEN"-EP, macht Fill MC aktuell wieder von sich Reden. Die vom Titel abgeleitete Idee des Releases erscheint nur logisch: Auf sieben Tracks erzählt der Rapper über Wunden, hervorgerufen durch eine im jeweiligen Song auftretende Begebenheit und das Überwinden ebendieser Wunden und Schwierigkeiten. So setzt er sich mit allgemeinem und szeneinternem Hass ("Unter Ratten", "Es kotzt mich an") genauso auseinander, wie mit dem schmerzhaften Ende einer Beziehung ("Offener Brief"), um sich anschließend mit der Erkenntnis zu begnügen, dass er "broke, aber dope" sei und somit "Glück im Unglück" habe. Auch wenn die Aussage eines Tracks mal nicht einwandfrei erkennbar ist oder ein Titel technisch noch ein wenig ausbaufähig erscheint, lässt Fill durchweg sein großes Potenzial durchblicken. Seine Rapskills wirken größtenteils versiert und der öfter hörbare Wiener Dialekt sorgt zudem für ein angenehmes Wiedererkennungsmerkmal. Unterstützt werden Fill MCs Texte von recht abwechslungsreichen Instrumentals. Hört man zu Beginn oldschoolige Kopfnickerbeats mit starkem Drumeinsatz und gekonnt eingesetzen Cuts von DJ Burnee ("ÜBER:WUNDEN") und DJ Craft von K.I.Z. ("Unter Ratten"), erwarten den Hörer danach auch mal ruhigere, balladenähnliche Beats unter Verwendung von Pianoklängen ("Offener Brief", "Wasch mich rein") oder mit "Glück im Unglück" eine Up-Tempo-Nummer mit eingängigen E-Gitarrenriffs. Unterm Strich ist "ÜBER:WUNDEN" trotz ein paar kleiner Makel also alles andere als eine schmerzhafte Hörerfahrung und Fill MC ein vielversprechender Künstler.

dopeshit.at – zu kaufen





Mo-D & PCP – O Genie, der Herr ehre dein Ego

Rapper-Producer-Duos, bei denen der Beatschrauber namentlich ebenso in den Fokus rückt wie sein rappender Kollege, sind ja mittlerweile wieder Gang und Gäbe und auch "O Genie, der Herr ehre dein Ego", das zweite Album des Frankfurter Zweiergespanns Mo-D & PCP, ist auf jeden Fall mehr als nur eine kurze Betrachtung wert. Während PCP nämlich ein herausragendes Boom bap-Soundbild, bestehend aus perfekt arrangierten Jazz- und Soulsamples sowie klatschenden Drums und Bässen, kreiert hat, berappt Mo-D dieses offensiv und selbstsicher. Oft geht es dabei um die Liebe zur Rapmusik, aber auch um das zwiespältige Verhältnis zu einer vom Rapper als unehrlich empfundenen Szene ("Memento") sowie die generelle Differenz zwischen Schein und Sein im Leben ("Beverly Hills"). In die Texte mischen sich auch immer wieder Erwähnungen anderer Künste und kultureller Strömungen ("Belle Époque", "Weltfremd") sowie Anspielungen auf Rap-Klassiker ("Fenster zum Hof"), die durch ihre gekonnte Verwendung den künstlerischen Anspruch an das eigene Schaffen verdeutlicht. Als wäre das alles nicht schon Eigenwerbung genug, haben sich Mo-D & PCP auch noch einige namhafte Acts als Gäste mit ins Boot geholt. Neben C-Raze und Stressfilm auf "Check meinen Flow" steuern DLG ("Fall N Love"), King Keil ("Schall und Rausch 2"), Seperate und OverdOZe ("Spread di Luv"), Battlerapper Gregpipe ("State of Mind") sowie Kool Savas ("Radio (CSWS RMX)") Gastparts bei, die sich gut in das Album einfügen und dieses ansprechend komplettieren. So steht am Ende ein saustarkes und durchgängig gut hörbares Release, um das man als Rapfan einfach nicht herumkommt.

Bandcamp-Page von Mo-D X PCP – kostenfreier Download



Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!


SK-pe (Sascha Koch)

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