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Unknown Kings: März 2014 (Teil 2)

veröffentlicht: Sonntag, 06.04.2014, 15:17 Uhr

Autor: SK-pe



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.





RAFRO – Freitag bis Sonntag

Das Wochenende ist eine Zeit, der wohl die meisten von uns immer sehnsüchtig entgegenfiebern – entspannen, feiern und Freunde treffen stehen dann an oberster Stelle. Seine Begeisterung für die freien Wochentage und alle für ihn damit zusammenhängenden Annehmlichkeiten bringt RAFRO nun auf seiner Debüt-EP "Freitag bis Sonntag" zum Ausdruck. Auf den vier Tracks des Mini-Werks widmet er sich so fast ausschließlich diesem Themenkomplex, berichtet beispielsweise von einem "Blackout" als Folge einer alkoholreichen Partynacht oder animiert seine Hörer dazu, Stress und Probleme auszublenden und einfach mal auf "Standby" zu schalten. Überzeugen kann der Ingolstädter dabei durch die Vortragsweise der Inhalte: Die Raptechnik wirkt sehr ausgereift, der Flow ist variabel und auch lockere Gesangspassagen in Hooks sitzen und klingen sehr gut. Hinzu kommt, dass RAFROs Stimme durch die teils eigenwillige Betonung und Ausprache – zum Beispiel ein häufig gerolltes "r" – einen echten Wiedererkennungswert aufweist und außerdem gut mit den von Mike Semilian bereitgestellten Beats harmoniert. Diese sind allesamt klasse ausproduziert und weisen einen starken Einschlag aus dem Bereich elektronischer Musik auf. So basiert "Blackout" etwa auf einem Dubstep-Sample, während "Unbesiegbar" von einprägsamen Synthie-Sounds untermalt wird oder auf "Wochenende", der Ode an ebendieses, sogar ein Reggae-Beat mit Electro-Sounds vermischt wird. Mit elektronisch verfremdetem, aber angenehm hörbarem Gesang auf "Standby" klingt die "Freitag bis Sonntag"-EP schließlich auch aus und hinterlässt in mir persönlich den Wunsch, dass RAFRO bald ein weiteres Werk nachlegt – neben dem nächsten Wochenende würde ich das doch sehr begrüßen.

Homepage von RAFRO – kostenfreier Download





AndOnez – Outlines

Seit 2001 widmet sich AndOnez mittlerweile intensiv der Rapmusik. Mit der "Outlines"-EP veröffentlichte er vor Kurzem in Eigenregie sein neuestes Werk. Bereits im "Intro" wird die Marschrichtung klar: Es geht nach vorne. Im Anschluss an verschiedene Beatschnipsel bekannter Deutschrap-Klassiker setzt der Freiburger MC mit druckvoller Stimme und energischem Flow ein. Diesen motiviert und offensiv klingenden Vortrag hält er über die gesamte Spieldauer aufrecht – egal, ob er auf "Kein Sommer" den Egoismus und die Selbsttäuschung der Menschen anprangert, mit seinem alten Weggefährten Nu Name auf dem "Bazar" beobachtet, wie andere ihre Seele gegen Erfolg und Luxus tauschen, oder auf dem EP-Titeltrack aufrüttelnd feststellt: "Es ist dein Leben, Gott malt nur die Outlines". Generell sind die Selbstbestimmtheit und -verantwortung des eigenen Handelns oder die Veräußerung und die Missachtung allgemeiner Werte und der HipHop-Kultur die bestimmenden Themen in AndOnez' Texten. So beruft er sich in seinem persönlichen Jahresrückblick "Newzletter 2013" neben all der Szenekritik auf seine eigene Realness und betitelt sich kurzerhand als "weltbester Hobbyrapper". Getragen werden diese straighten Inhalte von vorwiegend klassischen Rap-Beats. Die von AndOnez und Studiokollege Trantino sowie von Reyk, Uncle Raffa und Wox Continental gebastelten Instrumentals basieren meist auf knallenden Drums, Gitarren- und Piano-Klängen sowie Chor-Samples und überzeugen durch ihre hohe Qualität. Mal animiert der Sound unmittelbar zum Kopfnicken und Mitrappen ("Newzletter 2013"), an anderer Stelle sorgt das Zusammenspiel von Drumline und Trompetenklang dafür, dass man dem ernsteren Inhalt einfach aufmerksam lauscht ("Stillleben" feat. Nu Name). Hier passt von vorne bis hinten alles zusammen, wodurch diese EP aus der breiten Masse hervorsticht – wie ein ansprechendes Piece mit sauberen "Outlines".

Soundcloud-Page von AndOnez – kostenfreier Download





Omik K. – Sangre Mala

Der in Kuba geborene und in Leipzig ansässige Omik K. ist kein unbeschriebenes Blatt in Sachen Rap: Musik macht er seit 2004, sein erstes Soloalbum erschien 2009 und konnte mit Features von unter anderem Morlockk Dilemma und Joe Rilla aufwarten. Für den Bonustrack zum nächsten Werk konnte er Ober-Azzlack Haftbefehl für einen Gastpart gewinnen. Knapp drei Jahre nach dem letzten Release erscheint Omik K. mit seinem dritten Album namens "Sangre Mala" nun endlich wieder auf der Bildfläche. Inhaltlich konzentriert sich der Rapper vorwiegend auf sich selbst und seine Umgebung: Die Aufarbeitung der Vergangenheit in Kuba ("Mein Barrio"), die Probleme eines Außenseiterlebens im neuen "Vaterland" Deutschland und die daraus resultierenden Probleme rund um Gewalt und die Drogen-Kriminalität ("Überdosis"). Dass sich in diese offenen und schonunglosen Beschreibungen auch Wut und Trauer vonseiten Omiks mischen, ist nur allzu verständlich – im druckvollen Flow und der Stimme, die sehr rau und aggressiv wirkt und mit der Omik seine Reime fast schon geschrien präsentiert, wird das auch für den Hörer deutlich. Trotzdem klingt er klar und deutlich und rappt auf einem technisch konstant hohen Niveau, sodass man den Texten gerne folgt. In einzelnen Songs nähert sich der Leipziger der vorherrschenden Straßenrap-Thematik dann auch mal anders: Auf "Kleiner Bruder" ruft er sehr eindrücklich dazu auf, nicht dieselben Fehler wie er selbst zu begehen; an anderer Stelle relativiert und hinterfragt er diverse Aussagen und Verhalten von Szenekollegen und erklärt, dass er ihnen "kein Wort" ihres Gangsterrap-Films glaube. Bei solchen Inhalten darf ein energiegeladener, Straßenrap-tauglicher Klangteppich natürlich nicht fehlen. Die von Batok, Defekto, MecsTreem und Phatal Beatz produzierten Sounds liefern genau das: Knallende Drums, scharfe Gitarren, Synthie-Melodien und Geigen-Samples werden je nach Track gekonnt miteinander kombiniert, sodass sowohl druckvolle Nummern ("Ich gebe Gas", "Assozial" feat. Big A), als auch ein nachdenklicherer Song wie "Arme Seelen" durch die Beats perfekt unterstützt werden. Der Representer "Ostblockspezial" ist deshalb nicht nur wegen starker Beiträge von Omik K. und seinem Featuregast Plusmacher, sondern gerade auch aufgrund des knallenden Instrumentals ein echtes Highlight des Albums. Nach 17 Anspielpunkten bleibt so die Erkenntnis, dass "Sangre Mala" ein rundum gelungenes, drittes Album von Omik K. ist, das Straßenrap-Fans definitiv gefallen wird.

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Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!


SK-pe (Sascha Koch)

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