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Review: Lance Butters - Angst

veröffentlicht: Donnerstag, 10.01.2019, 19:41 Uhr
Autor: Moody





01. Angst
02. Wake up f*cked up
03. PZP
04. Kuchen
05. Keller
06. So schön
07. Interlude
08. Wald
09. Vater
10. Mag sein
11. Yeeeaaah
12. Respekt vor dir
13. Gefahr / JM
14. Karma


Ja, der Typ mit Ironman-Maske, der die Vokale so unnötig in die Länge zieht – würden persistent negative Kritiker (im Fachkreisen bekannt unter dem Begriff "Hater") sagen. Der Typ, der mit Arroganz Laid-back-Flow auf Bennett On Beats, wohl der mit Abstand erfolgreichste Ex-VBT’ler ist und seinen eigenen Stil kreiert und gepflegt hat – würden Fanboys entgegnen. Der Typ der jetzt aufhören möchte – zumindest möchten uns das die gängigen Interview-Plattformen mit sinnig-reißerischen Titeln suggerieren. Es ist der vielleicht erste sichtbare Unterschied zu den "Selfish" und "Blaow"-Zeiten: Interviews mit Lance Butters, bisher mindestens drei. Persönliche Anmerkung: (Er-)spart euch die Zeit mit dem Splashmag-Interview, investiert sie lieber in die Gespräche mit Niko (Backspin) und Jan Wehn von DIFFUS.

Mit 14 Titeln und 48 Minuten Spielzeit ist das Release endlich mal ein richtiger Longplayer – und der hat es ziemlich in sich. Der Titel "Angst"zeigt bereits eine weitere, tiefer gehende Änderung an: Persönliche Gefühle, private Geschichten und dergleichen waren bisher im Repertoire des Rappers unbekannten Namens, bis auf wenige, weit verteilt eingestreute Lines, wie zum Beispiel auf "30", verpönt. Die letzten Veröffentlichungen lassen sich bis auf einige, obig erwähnten Zeilen, auf die von ihm selbst oft genannten 3 Gs herunterbrechen: Girls, Gras und Geld. Nun steht genau das an, was der Mann mit neuer Maske noch vor einigen Jahren partout nicht machen wollte: Persönliche Gefühle und Situationen aus seinem realen Leben auspacken und musikalisch verarbeiten. Doch nicht nur der Themen-Kosmos hat sich stärker gewandelt, auch auf Produzenten-Ebene gibt es eine eminente, wenn auch nicht unbedingt neue Zäsur:

Ahzumjot, welcher auf dem letzten Album ("Blaow") Mixing und Mastering erledigte, ersetzt wie auch schon auf den vorhergegangenen EPs Bennett On als Produzent. Und auch wenn es viele Petitessen innerhalb der musikalischen Grunduntermalung gibt, welche in der Masse einen deutlichen Unterschied ausmachen, so ist der Sound, den gewählt düsteren, melancholischen Grundtenor mal außen vor lassend, immer noch homogen zum vorherigen musikalischen Schaffen von Lance Butters, synkopierte Drums und Synthies dominieren weiterhin, manchmal dreckig, beinahe aus dem Takt fallend. Hallende, Effekt-angereicherte Adlips, die gleichermaßen Stimmung erzeugen wie auch für den Hörer übertragen, gehören genauso dazu wie kleine, markant in die Beats integrierte Motive, die sich mit dem Text und Stimmeinsatz des Manns mit der ehemals eisernen Maske zu kleineren Phrasen zusammenschließen. Die Beats sind weitestgehend minimalistisch aufgebaut, der entstehende Platz wird von Lance Butters mehr als nur ausreichend ausgefüllt.

Mit dem "Angst" beginnt es, düster, pessimistisch und gleichzeitig direkt. Das hallende Intro (was ohne Autotune auskommt); harte Drums blenden ein, ziehende Synthies und viel harte Selbstreflexion.

Ich brauche keinen Zuspruch, Negativität ist meine Zuflucht/
Mein ganzes Leben wirkt als sei's verflucht/
Denn geschieht auch mal 'ne positive Sache/
Finde ich 'nen Weg, sie zu hassen/
Denn darauf kann ich mich wenigstens verlassen

(Lance Butters auf "Angst")

"Wake up fucked Up" ist Programm, das Notorius B.I.G. Sample bietet das Intro für die Beschreibung allgemeiner, wahrscheinlich depressionsbedingter Antriebslosigkeit, wie auf dem gesamten Album, in klaren, manchmal hart in den Flow eingebaut wirkenden Sätzen. "PZP" reizt mit dem Arno Dübel-Cuts zum Schmunzeln und die Hook greift wieder zum Teil die alte Essenz der Themenwahl: Rauchen, paffen, zocken. Im Kontext der restlichen Stimmung des Albums bekommen diese jedoch eine neue Bedeutung, als Ablenkung, als Ausdruck von Hilfslosigkeit. Dafür wird auf "Kuchen" das Rapbuissenes auf- und angegriffen, inklusive Seitenhieb in Richtung Cro. Das beständige Reiben am Rap-Business wechselt auf diesem Album mit der Einstellung, das es einem eigentlich egal sein könnte – wäre es halt nicht so scheiße. Anschließend geht es in den Keller: "Blaow" war das Wohnzimmer, Angst ist der Keller, in dem sich Lance Butters emotional befindet, und gleichzeitig seine defätistische, beinahe schon depressiv zu nennende Weltanschauung beleuchtet.

Na, gefällt euch mein Keller?/
Merkt ihr, wie er euch verändert?/
Nur ein klein wenig sein wie ich wird nicht reichen/
Leg dein bisschen selbst noch zur Seite.

(Lance Butters auf "Keller")

"So schön" ist wieder inhaltlich äußerst konkret und gradlinig: Die Kindheit vor der Scheidung, der emotionale Reichenbachfall, den die Scheidung auslöste, der Tod des Vaters, der, so die augenscheinliche Interpretation, von Lance Butters vermisst wird, und zu dessen Grab er spricht:" Hol mich zu dir, ist so schön da." Das wirkt durch den beinahe sanften Vortrag umso stärker, als es wohl jeder deepe Piano-Beat je schaffen könnte. Das "Interlude" (auf Englisch), von einem dafür angeheuerten Sprecher erzählt, ist ebenso bedrückt/bedrückend wie die restliche Platte, wirkt aber auch wie eine kleine Unterbrechung, eine kleine Dusche zwischen den Tracks. Nach der Dusche in den "Wald", denn dort geht Lance Butters hin, sarkastisch rappend "ich und meine Schaufel, ich und meine Schaufel, gehen in den Wald", wo er sich selbst sein Grab schaufelt. Ob das ein weiterer Seitenhieb Richtung Cro ist, bleibt wohl der Eigeninterpretation des Hörers überlassen. Gleichzeitig wird im ersten Part nochmal der Bruder-Konflikt geteasert, der später noch ausführlicher bearbeitet wird. "Vater" hat ganz entgegen dem Titel keinen offensichtlich persönlichen Inhalt. Stattdessen referiert er über die seiner Meinung nach peinliche Deutschrap-Szene, für die er wie ein Vater war, wobei im dritten Part deutlich wird: Er hat für sich selbst mit dem Rappen begonnen, ergo ein Vater wie sein eigener, nie da.

Alles schon gehört, weil sie imitier'n/
Kein Spaß, man hört euch an, dass ihr klingt wie/
Die, die ihr feiert, krass, wie ihr sie bitet/
Pack doch ins Booklet ein Quellenverzeichnis, yeah/

(Lance Butters auf "Vater")

"Mag sein" ist wohl der mit Abstand (für Außenstehende) emotionalste Track der Scheibe: In zwei der drei Parts reflektiert sich Lance Butters en détail, bis zu einem Punkt, an dem es schon einer Selbstdemontage gleichkommt, wobei auch seine Suizid-Gedanken offen und ausführlich thematisiert werden. Der dritte Part widmet sich dann in harten, ungeschönten Sätzen seinem Bruder, dessen Ausgrenzung aus seinem persönlichen Leben bereits seit "30" deutlich gemacht, und auf diesem Album mehrfach thematisiert wird. Der gravierende Einschnitt des Tods des Vaters wird unverblümt dargelegt, wobei Namen und Persönlichkeiten ausgepiept werden.

Erinner' mich an diesen Tag, als man mich abholte von der Arbeit/
Ich denk' an die Fahrt, wie ich's da schon geahnt hab'/
Doch muss dein - - dich jetzt wirklich verarzten?/
Solltest nicht du da sein, - -, mein'n Pfad weisen, - -/
Zur Liebe einfach weiter am Start bleiben?/
Um dich - -reichen anscheinend keine paar Zeilen, - -/
Begreifst du es ja da an mei'm Grabstein, mag sein.

(Lance Butters auf "Mag sein")

Das Zensur-Piepen steigert sich zum Herzschlag, das Outro bildet dann das an ein EKG erinnerndes, durchgehendes Piepen – Patient tot. Die Tracks "Yeah", "Gefahr/JM" und "Karma" bilden das Ende der Scheibe, rund, melancholisch, Selbstkritik und Reflexion, und das Präferieren der Lösung der eigenen Probleme vor dem Zwang, für andere Leute Musik zu machen, bilden einen galanten Abschluss.

Ich hasse Fazits. Resümieren, was man die Seiten davor geschrieben hat, erscheint zunehmend dümmlich, da redundant. Aber was soll man machen? Es ist ein gutes Album, mit der Tendenz zu grandios. Die Emotionen wirken ungekünstelt, die Texte frei heraus. Das allein anmerken zu müssen, tut weh, aber angesichts des umgebenden Treibens in Deutschrap kommt man da auch nicht mehr drumherum. Aus musikalischer Sicht ist es tatsächlich eine Glanzleistung, den eigenen Stil beibehalten, ihn dennoch erweitern, erneuern d.h. mit neuen Facetten versehen und am Ende etwas sehr Eigenständiges zu erschaffen. Ganz ohne die Erfindung des 32-Silbenreims oder anderem technischen Zierrat oder Fuhrladungen von Effekten, die eigentlich nur kaschieren, dass man niemand ist und nichts zu sagen hat.


Andreas "Moody" Haase



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