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Unknown Kings: Juni 2014

veröffentlicht: Samstag, 28.06.2014, 14:50 Uhr

Autor: TagTiC



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.





EmGi – Vom Leben gezeichnet

Fans von diversen Battlerap-Turnieren haben ihn sicherlich schon länger auf dem Schirm, doch nun will EmGi auch beweisen, dass er Musik machen kann, ohne dabei namhafte Leute wie Pimf fronten und kontern zu müssen. Nach einigen Kollaborationen mit dem Rapper Pille ist nun seine Solo-EP "Vom Leben gezeichnet" erschienen. Auch ohne konkretes Angriffsziel weicht der Saarbrücker von seiner Linie nicht komplett ab und liefert auf dem Werk so zum Teil Battlerap vom Feinsten, der der Konkurrenz technisch in Nichts nachsteht ("Geh vom Mic"). Als Produzenten wählte er sich dabei erfahrene Unterstützer, beispielsweise den vor allem von den Halunkenbande-Produktionen bekannten 2Bough ("Platz da"). Der liefert mit seinen harten Drums und dem bombigen Soundbild die perfekte Kulisse für die Punchlines, die EmGi uns hier serviert. Wenn der Rapper dann auch mal seine andere Seite zeigt und in "Alles gesehen" den schnöden Alltag in einer Realität, die vom immer gleichen Rhythmus bestimmt wird, bebildert, beweist er, was für eine große thematische Bandbreite er bedienen kann. Ähnliches zeigt er, wenn er den Zwiespalt eines ehrlichen Menschen darstellt, der zwischen der verletzenden Wahrheit und der tröstenden Lüge balancieren muss, nur um am Ende in ein Loch zu fallen, in dem seine Meinung sowieso nichts mehr wert ist ("Keine Meinung"). Die Liebe zu HipHop steht bei all diesen Thematiken für EmGi selbst immer wieder im Vordergrund, denn er braucht eigentlich nur Stift und Papier, um am Ende glücklich zu sein. Und mit dem gleichen Enthusiasmus, der diesen Lebensstil prägt, ist der dazugehörige Track "Kritzelei" auch gerappt. Wer EmGi bisher also nur für den pausenlos battlenden 08/15-MC hielt, wird auf "Vom Leben gezeichnet" eines Besseren belehrt.

Facebook-Page von EmGi – kostenfreier Download





Bambus – self-titled.

Nachdem wir vor knapp sieben Monaten schon einmal über seine Fähigkeiten berichteten, ist Bambus nun mit einer neuen EP unterwegs. Gleich vorweg: Seinem Stil ist der Dortmunder auch auf "self.titled" komplett treu geblieben. Seine lockere Art zu rappen, behält er bei – das merkt man schon, wenn er im Intro "Starthand" zum lässigen Schlusswort "Hört die EP!" aufruft . Wohl wahr. Stets zwischen philosophisch angehauchten Phrasen und der reinen Routine eines immer ruhig bleibenden Kiffers nimmt die EP einen mit auf eine Art Trip, der rein vom Soundbild her auch perfekt zu so einer halluzinogenen Gedankenreise taugt. Immer locker-leicht, nie aggressiv, recht sanft – so präsentiert sich Bambus auf der "self-titled."-EP. Zuerst wagen wir den Blick in die Vergangenheit, in der – im Gegensatz zu heute – noch alles so möglich erschien, wenn man an die Zukunft dachte ("Zukunftsfusion"). Daran schließt die Lobeshymne auf die ruhigen Zwischenmomente an, die man einfach auf der Couch verbringt, um die Welt auf sich wirken zu lassen ("HSB"). All das passt genauso gut ins Gesamtbild wie der sture Blick in den Himmel, um die Unendlichkeit des Universums zu erkennen ("Space Melancholia II Skit") und das langsam erscheinende Morgengrauen beziehungsweise das Grauen am Morgen, wenn der Stoff nicht mehr wirkt und man die Realität wieder ohne die rosarote Brille ertragen muss ("Niederlage"). In Kombination mit der Ruhe in Bambus' Stimme ergibt all das am Ende das stimmige Gesamtbild der EP, welches Bambus einen weiteren Platz in dieser Rubrik eingebracht hat.

Bandcamp-Page von Bambus – kostenfreier Download





Trouble Orchestra – Heiter

Der Versuch, zwei komplett unterschiedliche Musikrichtungen zu kombinieren, geht meistens schief, wenn man kein Meister in zumindest einem der beiden Stile ist. Es sei denn, mehrere Musiker tun sich für das Experiment zusammen. Wenn also das Trouble Orchestra mit einigen interessanten und nicht zu unterschätzenden Einzelkünstlern auffährt, kommt ein Album wie "Heiter" heraus, auf dem man versucht, HipHop mit (Punk-)Rock-Elementen zu verbinden. So koppeln die Jungs schon im ersten, titelgebenden Track zwei Hauptelemente beider Richtungen aneinander, indem ein Acapella-Intro mit einem daran anschließenden, poppigen Beat und knallenden Gitarrenriffs im Hintergrund kombiniert wird. Genau so singen, musizieren und rappen sich die beiden MCs Phurioso und Johnny Mauser gemeinsam mit Leadsänger Jakob durch die zehn Tracks ihrer Platte, die manchmal vom Konzept her an Kraftklub, an anderen Stellen an frühe Phasen von Freundeskreis erinnert. Das Spektrum ist groß, die Themenauswahl klein und auf das Wichtigste reduziert. So besingt man meist die positiven Seiten des Lebens ("Heiter") oder formuliert ein Loblied auf die Freude ("Verzogen") und die Liebe im Leben aus ("Stadt am Meer"). Kombiniert werden diese Nummern stets mit einer Ohrwurmhook, die man so schnell nicht mehr los wird. Wenn das Ganze dann über die gewöhnliche Themenwahl hinausgeht, sprechen Trouble Orchestra über eine dunkelgraue Welt, die keinesfalls farbenfroh anmutet, sondern eher nur verschiedene "Graupausen" vorzuweisen hat – zumindest, so lange die Zeit keine Wunden heilt, denn das "ist am Ende nur eine Redensart". Diesen thematischen Zwiespalt überspielen die Jungs gekonnt mit Musikalität, die sich unter anderem auch im "Interlude" ausdrückt. Kein Wunder, schließlich besteht die Band neben den drei Vocalartists auch aus dem Gitarristen Jonas, dem Bassisten Kralle und dem Schlagzeuger Sjard. Hier allerdings sind nur selbst eingespielte Streichinstrumente zu hören. Unterm Strich klingt "Heiter" wie das gelungene Experiment einer Band, die sich selbst längst gefunden hat und nun Musik für die Nachwelt schaffen will. Und das ist definitiv gelungen.

Homepage von Audiolith Records – zu kaufen





MZEEO – Ca$h gegen Seele

"Auf diesem Album hörst du echten Rap, die Texte sind deep" – so lautet die große Ankündigung von MZEEO im vermeintlichen Intro "M.D.Z." seines neuen Werks "Ca$h gegen Seele". Eine große Ansage, die außer dem Münchner ja schon viele andere so herausposaunt haben. Wie viel Wahrheit hinter der Ankündigung wohl steckt? Sehr viel kann man behaupten. Ob der Rapper nun auf "Ein und Alles" über vergangene Fehler spricht, die einen prägen, ohne die Zeit zurückdrehen zu können, oder sich selbst "frei" macht von seinem ehemaligen Ich und einen Neuanfang wagt: MZEEO wirkt immer authentisch und ehrlich und beeindruckt den Hörer mit dieser Art. Wer denkt, der MC würde sich auf seinem Album allerdings nur selbst bemitleiden, liegt weit daneben. Wenn er sich seinen Kumpel Tilos schnappt und über seine "Hood im Club" rappt, dann klingt die Untermalung genau so, wie man sie bei diesem Titel erwarten würde und bewegt sich thematisch in der letzten Samstagnacht, die wir so wahrscheinlich alle schon einmal erlebt haben – ohne am nächsten Morgen darüber reden zu wollen. Wenn dann im Instrumental die Polizeisirenen erklingen und MZEEO den "Mittelfinger" für Cops und das Game hebt, dann schießt der MC, der noch so mutig von seinen deepen Texten im Intro sprach, plötzlich auf die Rap-Szene, die sich in seinen Augen "wie 'ne Hoe" benimmt. Das muss er allerdings tun, schließlich hat er "keine Wahl" – auch wenn er selbst Angst davor hat, dass das Böse irgendwann seinen Körper übernimmt und das Gute in seinem Geist besiegt. Egal, was MZEEO nun für Probleme, Leiden oder Freuden hat: Auf "Ca$h gegen Seele" erzählt er es den Hörern eindrucksvoll auf 22 Tracks, die mal von Pianoklängen, mal von harten Drums und einem Sound, der aus der Bronx stammen könnte, begleitet werden. MZEEO lebt für Rap. Und das merkt man in jeder Sekunde.

Amazon – zu kaufen



Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!


Sven Aumiller (TagTiC)

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