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Unknown Kings: April 2014

veröffentlicht: Dienstag, 29.04.2014, 17:33 Uhr

Autor: SK-pe



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.





Marc Zufall – Karies am Zahn der Zeit

"Represente MS City wie Thiele und Börne" – Unter diesem Leitsatz schickt sich Marc Zufall mit seinem Debütalbum "Karies am Zahn der Zeit" an, in der hiesigen Raplandschaft Fuß zu fassen. Auf zwölf Anspielpunkten liefert er vorwiegend Battletexte, die von der Liebe zur Alten Schule, Kritik an aktuellen Strömungen im Deutschrap und jeder Menge Wortwitz leben. Dieser drückt sich auch in den Songtiteln aus. So zerflext er beispielsweise seine Gegner mit wortakrobatischem "Muay Tight" oder vergnügt sich gemeinsam mit DasJannek beim "Restefisten" der Szene. Mit zu den Songtiteln passenden sprachlichen Spielereien, variablem Flow und seiner rauen Stimme gewinnt er den Hörer dabei für sich. Doch auch die eigene Herkunft und Umgebung sind zentrale Aspekte in MZs Texten. So findet er nicht nur auf "Stadt der Enge" (feat. Milky Himself) wenig herzliche Worte für die "alte Heimat". Die Instrumentals von Timaha, TLB, Richbeatzz, Beatburgerz und Chez zeichnen sich durch lockeren, häufig eher ruhigeren Oldschool-Klang aus. Sie bilden zwar einerseits einen Kontrast zu den meist offensiven Textinhalten, andererseits ergänzen sie diese auch ansprechend und geben dem Künstler die Möglichkeit, seine Stimme und Raps voll zu entfalten. Mit diesem Album hat der Rapper aus dem Westfalenland insgesamt einen eindrucksvollen Start hingelegt und auch, wenn "Karies am Zahn der Zeit" nagt, wird man in Zukunft mit Sicherheit noch häufiger von Marc Zufall hören.

SoundCloud-Page von Marc Zufall – kostenfreier Download





Roni 87 – Wiege der Menschheit

Obwohl Berlin seit Jahren als eine der größten Rap-Metropolen im Land gilt, kann man einfach nicht müde werden, über Rap in beziehungsweise aus der Hauptstadt zu sprechen. Denn gerade, als man denkt, es sei bereits alles, wirklich alles dazu gesagt worden, tritt ein neuer Künstler in Erscheinung und bereichert die Berliner sowie die gesamtdeutsche Rapszene um eine weitere Facette. Ein solcher MC ist Roni 87, der aktuell mit seiner EP "Wiege der Menschheit" unterwegs ist. Die Inhalte seiner Tracks lassen sich grob in zwei Themenschwerpunkte unterteilen. Auf der einen Seite findet man feinsten Punchline-Rap mit einer fast schon arroganten Grundhaltung, gerichtet gegen alle anderen Rapper. Von sich selbst überzeugt packt Roni gleich zu Beginn die "Knarren aufn Tisch" und sieht sich dafür verantwortlich, dass aufgrund seiner Battledisziplin Panzer in und "Jets über Berlin" unterwegs sind. Auf der anderen Seite findet der Hörer Lieder, in denen der Rapper mit den Dreadlocks scharfe Kritik an Machtsystemen übt, hierarchische Strukturen infrage stellt und sich selbst als "Kontraprodukt" dieser ihm missfallenden Konstrukte sieht. Zwar wird diese Anti-Haltung sowie die Auseinandersetzung mit fragwürdigen Verschwörungstheorien auch mal einer gehörigen Prise zynischem Humor präsentiert ("So denkt es in euch"), aber besonders die drastische Wortwahl zur Endzeit-Darstellung auf dem EP-Titeltrack bleibt nachhaltig im Gedächtnis und regt zum Nachdenken an. Diese Eindrücklichkeit wird auch durch Ronis Vortrag erzeugt: Technisch hochklassige Raps, sichere Flowvariationen sowie der aggressive, energische Klang der Stimme sprechen für den Berliner. Abgerundet wird die Leistung von Roni 87 durch ein Soundbild, das sich trotz der kurzen Spielzeit recht abwechslungsreich gestaltet und zu den Texten passend erscheint. Werden die Battletracks von Kopfnicker-Sounds auf einer Basis aus Swing- und Jazz-Samples untermalt ("Jets über Berlin"), unterstützen düstere Synthie-Klänge ("Wiege der Menschheit") oder gepitchte Gesangssamples ("Kontraprodukt") die Inhalte ernsterer Songs. Zum Ende der EP wird ganz schnell klar, warum man sich immer wieder gerne über die Mucke aus Berlin unterhält – Roni 87 ist ein weiterer Grund dafür.

Bandcamp-Page von Roni 87 – kostenfreier Download





M.u.D. – Doobiesound

Vor ziemlich genau einem Jahr berichteten wir an dieser Stelle über die Tracksammlung "Mischkassette" der Crew M.u.D., bestehend aus den Rappern Max Fresh und Deef Cosby sowie dem Producer Roboti Niro. Nun haben die zwei Göttinger mit "Doobiesound" nachgelegt und ihr erstes richtiges Album veröffentlicht. Auffällig ist, dass hier generell der Linie des letzten Releases treu geblieben wird. Die von Roboti Niro bereitgestellten Beats sind mal ruhiger und langsam, mal druckvoll und laut, aber häufig durchzogen von Trompeten-, Piano- und Chorsamples, knallenden Drums sowie reichlich Cuts. Über diesen für M.u.D. mittlerweile typischen Sound legen die beiden MCs dann ihre Texte, die größtenteils Rap und HipHop an sich zum Thema haben. Dabei stehen freche, selbstsichere Battleinhalte auch hier wieder im Vordergrund. So wird anderen Rappern einfach mal die "Redefreiheit" entzogen, eine "Handrückenschelle" verteilt oder es werden auch mal "Wack MCs verscharrt im Wald" ("Schwadron"). Es fällt positiv auf, dass Deef Cosby und Max Fresh in Sachen eigener Technik und Abstimmung aufeinander noch mal eine Schippe draufgelegt haben und perfekt miteinander harmonieren, ohne dass dabei die eigenen Stärken verloren gehen. So lauscht man auch den wenigen ernsteren Tracks wie "Tanz" oder "Ja, vielleicht" gerne und aufmerksam. Fazit: Mit "Doobiesound" ist M.u.D. ein gehöriger Schritt nach vorn gelungen und das Trio sollte damit weitere Liebhaber klassischer Rapmusik für sich gewinnen können.

Bandcamp-Page von M.u.D. – kostenfreier Sownload





Mundwerk-Crew – #logoamstart

"#logoamstart" lautet der Titel des neuen Albums der aus dem bayerischen Chiemgau stammenden Mundwerk-Crew. Dass einen hier kein typisches Rap-Release erwartet, wird beim Hören relativ schnell klar. Das liegt vor allem daran, dass die Crew um die Rapper Touze und Sebaino neben DJ DaMOP seit circa zwei Jahren auch von den Musikern Thomas, Fabian, Gerhard, Michael und Christian unterstützt wird. Durch die von ihnen selbst eingespielten Instrumente entsteht ein warmer, lebendiger Klang aus Elementen von Funk, Soul, Rock und Ska, der auf fast jedem der 12 Tracks zum Mitnicken oder gar Tanzen einlädt. Besonders "Rad der Zeit" oder die Bayern-Hymne "Weiss-Blauer" mit LaBrassBanda-Mitglied Stefan Dettl gehen super ins Ohr und reißen den Hörer einfach mit. Aber auch andere Songs wie "Für Euch!", eine Liebeserklärung an die Freunde, oder "Kleiner gelber Zettel", eine hurmorvolle Erinnerung an die wichtigen Dinge im Leben, überzeugen durch die Kombination von Musik und den Raps von Sebaino und Touze. Auch im Gesamten überzeugt das Album wegen der kreierten Atmosphäre, Tiefen sucht man wirklich vergebens. "#logoamstart" ist einfach ein feines Stück Musik, dass durchweg frisch rüberkommt und gute Laune macht.

Amazon – zu kaufen



Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!


SK-pe (Sascha Koch)

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