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Nationaler Trauertag / Mondlandung (Literatur-Challange #1)

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Nationaler Trauertag / Mondlandung

Als sich die dichte, wabernde Nebelbank des Rausches aus Elises Kopf verzogen hatte, ließ jene das Bett zurück, als wäre es ein nach einem heftigen Sturm vom Meer angespültes Stück Treibholz. Der Raum stank nach Kotze, Blut, Fusel und Rauch und ihr Schädel war von der gestrigen Nacht noch in einer milchglasfarbenen, gewölbten Kuppel gefangen, die ihre Gedanken in einem schmerzvoll zermürbenden Schleier ummantelte. Neben ihr lag Acui – sie hatte es geschafft. Irgendetwas war schiefgelaufen. Elise hatte es nicht geschafft. Sie war noch hier.
Die letzten Tage waren für sie beide ein einziger Sog, über die Feiertage in der großen Stadt wollten sie es endlich zu Ende bringen, „Lass uns zum Mond fliegen“, hatte Acui ihr immer wieder gesagt, „Lass uns Heiraten“. Jetzt waren die Feiertage vorbei, heute war der letzte amtlich freie Tag, bis die Leute von Jadestadt morgen wieder Ihre Arbeit aufnehmen würden. Trotzdem war dies heute kein wörtlicher Feiertag, sondern der nationale Trauertag. Die Glocken würden nicht spielen, die Läden würden nicht öffnen, eine in schwarz gehüllte Parade würde schweigend all den Toten gedenkend durch die Straßen marschieren und Missmut, Trauer und Trübsal tragen.

Wie unpassend. Acui wollte doch immer, dass ihr Todestag ein Freudentag wäre. Heute war kein Freudentag. Elise konnte ihre Gefühle noch nicht genauer einordnen, obwohl sie zwar wusste, dass sie traurig sein sollte, war sie es aber nicht. Nicht direkt. Sie fühlte sich nur benommen und orientierungslos. Eigentlich wollte sie wie ihre Freundin heute schon tot sein, eigentlich wollten sie, dass es für sie beide gleichzeitig zu Ende geht. Sie sah Acuis Leiche an. Die Augen waren offen, immer noch rot gefärbt und die Pupillen hatten sich immer noch nicht in ihre ursprüngliche Form zurückbegeben. Es wäre eigentlich die Sitte, dass man einer geliebten Person nach dem Tode die Augen schloss, doch Acui hätte das nicht gewollt. Sie war auf dem Mond gelandet, sie hatten geheiratet. Drei Tage hatten sie mit nichts anderem zugebracht, als all ihre Reserven in einen gigantischen Rausch zu investieren. Sie hatten geraucht, getrunken, gezogen, gedrückt und erst, als die geschäftszimmergraue Spießbürgerwelt wie eine kunterbunte Fieberfantasie anmutete, begaben sie sich auf ein schäbiges Tavernenzimmer, um sich die Seele aus dem Leib zu vögeln.

Eigentlich hatte Elise – genau wie Acui – mindestens das fünffache einer lethalen Dosis an Drogen konsumiert. Eigentlich hätte das gereicht, um eine Gruppe ausgewachsener Kerle unter die Erde zu bringen. Und auch wenn ihr Schädelbrummen die Intensität von Erdbeben inne hatte und alles keinen Sinn mehr zu ergeben schien, wo ihre jahrelange Geliebte nun tot war und sie selbst sie überleben musste, sie geradezu umgebracht zu haben schien, blieb ihr nichts als eine pitoreske Ödnis, eine apathische Sehnsuchtslosigkeit gegenüber der Welt. Sie hatte nichts verloren, sie hatte einen Weg verpasst und nun gab es keinen mehr. Ganz einfach. Jetzt zu sterben, wäre nicht mehr das gleiche. Elise hatte den Zeitpunkt ihres eigenen Todes verpasst und hatte deshalb auch kein Verlangen, sich nun nachträglich umzubringen. Acui war zum Mond geflogen, Elise könnte sich nur noch zur Hölle schaufeln.

Was für ein Raum war das? Sie kannte ihn nicht; sie kannte weder die Taverne, noch das Stadtviertel, nicht einmal den Distrikt, in dem sie sich aufhielt. Hilflos torkelte sie zum Fenster und sah in die Gassen. Reges Leben, tausend fremde Gesichter, eine Millionen Mal hätte sie hier schon entlanggelaufen sein können, doch niemand, der ihr irgendeine Vertrautheit zurückgab. Würde sie zurückblicken, sich nur ein Mal kurz umdrehen, würde sie das Vertrauteste aller Gesichter sehen, doch gleichzeitig war eben dieses nun auch das, das am weitesten von ihr entfernt sein würde. Elise würde ihr nicht die Augen schließen, erst recht keine Beerdigung veranstalten. Wen gab es schon, der Acui vermissen würde, außer Elise selbst. Wen gab es schon, der Elise vermissen sollte, und wer waren sie beide, dass sie eine Beerdigung verdient oder erwartet hätten. Acui hätte eine Behimmligung verdient, so dass ihre Überreste für immer mit den Wolken treiben könnten, in einem farbenfrohen Luftballon in all ihrer unfehlbaren Überheblichkeit, doch Elise konnte das nicht veranlassen. Also tat sie das, was passiert wäre, wenn sie in jeder Nacht auch gestorben wäre, vielleicht um Acuis Überreste im Glauben zu lassen, das eben dies geschehen wäre. Sie ließ sie im Zimmer der namenlosen Taverne zurück und überließ sie Ungeziefer und Fäulnis. Das wäre, was sie gewollt hätte. Vielleicht.

Sie taumelte aus dem Gebäude, ohne Frühstück zu nehmen und ohne zu bezahlen, nicht einmal ihr nötigstes Hab und Gut nahm sie mit sich. Nur ihre eigene Maske - und Acuis Okular - vielleicht würde sie ihr damit irgendwann doch noch die verdiente unverdiente Würde veranlassen können. Nun war sie ein Geist, der noch nicht gestorben war. Ziel- und sinnlos, vielleicht das gestrafteste Wesen, dass sie zu werden sich je hätte nie vorstellen können. Sie lebte ohne Grund, ohne Zweck und ohne irgendjemand, den es kümmerte, dass sie ihre Strafe absaß. Ohne irgendeinen sadistischen Wärter, der sie in ihrer Zelle misshandelte. Keine Gaffer, die bei ihrer Exekution mitleidlos ihre Schaulust befriedigten. Es gab nicht einmal einen Richter, der ihr das vernichtende Urteil mit hämischem Unterton ausgesprochen hätte. Sie war einfach da, wie in einen küstenlosen Ozean geworfen und alle höheren Mächte hatten sich wortlos von ihr abgewandt. Lebenslange Freiheitsstrafe hatte immer den Schrecken, man würde hinter Gitter sein Leben verpassen. Aber was für eine Strafe war es, wenn man kein Leben mehr zu verpassen hatte, keine Menschen, keine Geschichten, sondern nur noch ein sinnloser, zweckentfremdeter Ballen Fleisch war, der das Sterben vergessen hatte?

Elise hatte keinen Gedankenstrom mehr. Apathie brach über ihre Kopfwelt ein wie eine mattgraue Springflut zähflüssigem Quecksilbers und ertränkte ihren Kummer in die hintersten Areale ihres Gehirns. Da war kein Kummer. Da war schon zu viel Kummer. Acui war einst diejenige, die ihr so etwas wie einen Sinn oder Grund zum Leben gegeben hatte. Einen Fixpunkt. Eine Romanze. Dann hatte sie sie verloren, hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, allein zu sein, hatte sich ihr Leben um berufliche Karriere, großräumige und Geschmackvolle Wohnungen in guten Vierteln und Weinverkostungen aufgebaut, hatte sie wiedergefunden, alles für ein wenig Glück aufgegeben und sie wieder verloren. Manch einer sprach dem Schicksal so etwas wie Ironie zu, das hier war jedoch widerwärtigster Zynismus, wie er nur von jemandem kommen könnte, dem es selbst viel und viel und viel zu gut ging. Alles Bastarde.

Es war wohl an der Zeit, sich weiterzubewegen. Die letzte Person, mit der sie in den letzten Jahren Kontakt hatte, und die keine bestialische Aversion in ihr auslöste war Isa. Isa und Hattrick und die Taube. Sie wusste nicht einmal, was seit den Ereignissen an der Grenze mit ihnen passiert war. Geschweige denn, wo sie sein könnten. Vielleicht würde sie sie finden. Irgendwo auf dem Weg. In der Stadt. Irgendwo. Vielleicht würden sie zumindest wieder eine Heimat für sie bieten. Eine Weile lang.

Elise blickte noch einmal zurück. Unter der wolkenkratzertiefen Quecksilberschicht in ihrem Kopf brodelte noch einmal die letzte Dekade ihres Lebens auf, die Erinnerungen an Acui und ihr gemeinsames Dasein. Das war alles, was sie je gewollt hat. Elise war sich sicher, dass sie sich gefreut hätte, wenn sie gemeinsam zum Mond geflogen wären, doch jetzt war es zu spät, und mit Sicherheit war sie dort auch allein glücklich. Elise würde ihr irgendwann folgen, doch die Gelegenheit würde sich erst später wieder bieten. Irgendwann. Bis dahin würde sie sich eine neue Heimat und einen neuen Sinn suchen müssen, und vielleicht würde schon allein die Suche nach einem Sinn reichen, um ihrem Dasein in dieser grotesken Welt ein klein wenig weniger Nichtigkeit zu verleihen. Große Fragen, große Töne, Pathos und Drama. Elise schmunzelte ein wenig. All diesen romantischen Kitsch hätte sie sich für Acui gar nicht denken dürfen. Das hätte sie nicht gemocht. Vielleicht wäre es die einzig angemessene Würdigung, ihren Geist weiterzutragen und auf dieses Elend zu verzichten. Und Acuis Geist würde nicht eingehen. Der würde weiterblühen, zu Mond wie zu Erden, und Elise würde diesen unausgesprochenen letzten Unwillen mit Sicherheit nicht verwehren. Vor der Taverne, auf der geschäftig belebten Straße stehend, hob sie die Faust zum Gruß gen Himmel, als sie ein letztes Mal mit starrem Blick in die Fensterfront blickte und lächelte.

Es war Zeit, zu gehen.

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