Remember me

Interview: Ebow

veröffentlicht: Donnerstag, 14.11.2013, 16:35 Uhr
Autor: Redaktion




Ebow ist jung, tough, gebildet und emanzipiert. Die Münchnerin mit türkischen Wurzeln fühlt sich in diesen beiden kulturellen Welten zuhause. Sie arbeitet schon lange mit ihrem Produzenten Nik zusammen und ist für Beobachter der Szene kein gänzlich unbekannter Name. Aktuell erwartet sie ungeduldig die Veröffentlichung ihres Albums "Ebow" am 23. November. Sie hat keine Scheu, sie selbst zu sein und das macht ihr Album wortgewaltig überdeutlich. Mit ihrer direkten Art schafft sie dabei etwas Einzigartiges. Ihre Lieder sind sowohl politisch als auch sozialkritisch oder handeln von der Liebe. Warum sie die Anfänge ihrer Musik unter anderem auch rappers.in verdankt, verriet sie uns beim Interview in Berlin.

rappers.in: Schön, dass du heute die Zeit gefunden hast, dieses Interview mit uns zu führen. Du veröffentlichst bald dein Album "Ebow", viele unserer Leser dürften dich allerdings noch nicht auf dem Schirm haben. Möchtest du dich den rappers.in-Lesern erst einmal vorstellen?

Ebow: Ich bin die Ebow und komme aus München, so wie auch mein Produzent Nik. Wir machen orientalischen Alternative-HipHop.

rappers.in: Was ist daran das besonders Außergewöhnliche, das dich von anderen Künstlern der Deutschrapszene unterscheidet?

Ebow: Die verschiedenen Einflüsse. Ich muss gestehen, dass ich selber kaum deutschen HipHop höre, sondern viel orientalische und alte türkische Musik aus den 70ern. Ich bin ein 90er Jahre-Kind und damit mit R'n'B groß geworden. Mit deutschsprachigem HipHop habe ich erst mit circa 16 angefangen. Davor war alles auf englisch.

rappers.in: Wie fühlt sich das an? Deutsch gegen Englisch?

Ebow: Im HipHop geht es ja darum, authentisch zu sein. Deutsch ist für mich authentischer. Das ist die Sprache, mit der ich groß geworden bin. Als ich angefangen habe, deutsche Texte zu schreiben, habe ich mir Bands wie Mia angehört – die Sachen, die sie 94, 96 gemacht haben. Ich fand es sehr geil, wie sie mit Sprache gespielt haben. Sie haben sehr viel Wortwitz in den Texten und sind ganz anders damit umgegangen als die Rapper, die ich damals in der Zeit kannte. Meinen Anschluss habe ich eher an Mia oder Rio Reiser gefunden als eben an den deutschen Rappern. Deswegen hat es mir dann auch viel Spaß gemacht, in der deutschen Sprache zu texten.

rappers.in: Magst du die Sachen von Mia immer noch oder hat sich das mittlerweile verändert?

Ebow: Ich höre sowas auch noch ab und zu, aber wirklich nur die älteren Sachen. Das Punkige. Shouten statt Singen.

rappers.in: Kannst du denn aktuell eine deutschsprachige Punk-Band aus dem Untergrund empfehlen?

Ebow: (lacht) Da kommt Nik eher her. Das muss er beantworten.

Nik: Von früher fällt mir einiges ein. Im Moment höre ich eigentlich nur noch die alten CDs. Ich hatte mal eine Riesensammlung, aber die ist bei einem Umzug abhanden gekommen. Seitdem habe ich nur noch ein paar CDs. Deswegen höre ich das nicht mehr so oft, man kommt an die Sachen ja auch gar nicht mehr ran. Schade, eigentlich.



rappers.in: Kann, zum gegenwärtigen Zeitpunkt, HipHop etwas, was Punk nicht kann?

Nik: Ich glaube, mit Punk ist man musikalisch eingeschränkter. HipHop hat so viele Möglichkeiten. Man kann auch einen HipHop-Song machen mit Punk-Elementen. Im HipHop finden sich ganz viele Elemente anderer Musikrichtungen. Vom Musikalischen her bietet er viel mehr. Deswegen bin ich auch beim HipHop gelandet. Das ist so ein Riesenwort. Es gibt Rap, R'n'B, so viele verschiedene Formen. Mittlerweile entsteht ja auch sehr viel Neues instrumental und so. HipHop ist die Zukunft!

rappers.in: Gibt es denn HipHop, von dem du dich abgrenzen möchtest?

Ebow: Ich würde keinen Bitch-Rap machen. Ich finde es lustig, mir das anzuhören, aber so etwas würde ich nie machen. Das ist ein billiges Schutzschild, um den Männern zuvor zu kommen. Frauen, die sich selber erniedrigen und das versuchen als cool darzustellen. Ich verstehe das einfach nicht. Ist das für die Männer gemacht? Hört sich da ein Typ den ganzen Tag lang an, wie eine Rapperin darüber rappt, dass sie eine Bitch ist? Ich verstehe nicht, wie eine Frau sich absichtlich so runtermacht.

rappers.in: Eine Form des emanzipierten Sexismus'? Die schlimmere Variante von Antifeminismus ist eigentlich nur noch: "Andere Frauen machen das eventuell so und so. ICH bin da aber ganz anders."

Ebow: Ja, furchtbar. Dieses Erklären. Da könnte ich anfangen mit mir als Migrant: "Ich bin nicht so. Die anderen Türken ..." Im Rap: "Die anderen Rapper. Aber ich bin nicht so ..." Das zieht sich überall durch, weißt du. Ich hasse es, diesen Drang zu haben, sich immer selber erklären zu müssen. Die Leute haben Vorurteile im Kopf und da muss man entgegenwirken. Ist ja bekannt. Muss man das aber immer so vorlaut und beweisend? Ich weiß es nicht.

rappers.in: Das ist aber ja nicht nur erklärend, sondern wird oft sogar als Beleidigung benutzt. "Mädchen-Rap" ist ja auch zumeist negativ belegt, obwohl Du ja "nur" Rap machst. Deine Kunst und nicht die sexuell herausgeforderte Variante.

Ebow: Ja, natürlich. Ich bin ja jetzt auch nicht so krass in der Rapszene drin. Ich habe Freunde, die in Crews waren und so weiter. Ich war selber nie in einer Crew. Ich wollte nie das Quotenmädchen sein. "Hey, wir haben auch noch ein Mädchen, das rappt". Ich habe gerne Features gemacht, aber ich brauche keine fünf Typen um mich herum, um sagen zu können: "Ich bin Rapperin". Daher kommt auch dieses: "Kennst du die Rapperin von XY?". Ich kann einfach nur sagen: "Ich mache Rap-Musik". Und da sagt keiner "Mädchen-Rap". Ich mache Rap. Ich mache HipHop. Ich bin nicht das Weibchen in einer Crew.

rappers.in: Online fallen ja manchmal Sprüche à la "Frauen sollten einfach nicht rappen". Ist das nur online so oder sagen dir Menschen das auch ins Gesicht?

Ebow: Ich habe das auch schon gehört. Mit 16 bin ich das erste Mal ins Studio gegangen. Das war total schwierig als Mädchen, Typen zu finden, die sagen: "Wir haben Beats. Das ist geil, was du machst". Als Junge findest du da eher Anschluss. Ich kannte in München auch keine andere, die gerappt hat. Da bin ich zu einem Battle gegangen, bei dem nur Jungs waren. Die meinten direkt: "Nee, nee, Mädels battlen wir nicht". Der eine hat dann aber gemeint: "Ja, komm her, wir battlen uns". Danach kam ein Kumpel von ihm zu mir und meinte: "Es ist geil, was du machst. Willst du mit ins Studio?" Ich musste mich also auch erstmal gegen Jungs beweisen, was einfach mal Bullshit ist. Bis auf den Abend habe ich das echt nicht mehr gehört von wegen: "Kannst du nicht machen". Ich hatte immer Leute, die mir positives Feedback gaben. Auch mit Nik habe ich echt Glück.

rappers.in: Mal wieder weg von diesem Thema und zurück zu deiner Musik: Deine CD hat einen grundaggressiven Tenor. Möchtest du wachrütteln oder bist du garstig?

Ebow: Das ist keine Schmusemusik, klar. Wachrütteln? Es sind eigentlich Sachen, die jeder weiß. Da ist kein Thema drauf, das top secret ist.



rappers.in: Was jeder weiß oder was jeder wissen könnte?

Ebow: Was jeder wissen könnte – und auch sollte. Ich will mit dem Album nicht urteilen oder von außen nach innen reden. Ich will einfach nur erzählen, wie ich die Dinge um mich herum wahrnehme. Das mache ich eben auf eine sehr lautstarke Art. Ich arbeite mit Nik über Jahre hinweg. Die Musik, die Nik macht, unterstützt das auch so. Das sind üblicherweise keine Slow-Beats.

rappers.in: Nik, was kommt dir zu dem Album noch in den Sinn? Wie würdest du es beschreiben?

Nik: Ein alternatives HipHop-Album, das auf jeden Fall sehr stark nach vorne geht und sehr wichtige Themen anspricht. Ob Liebe, gesellschaftskritische oder politische Themen. Das ist ja alles eigentlich drinnen. Ein sehr starkes Statement, das Ganze. Wir haben da sehr intensiv dran gearbeitet. Wir hatten immer Phasen, in denen wir Themen gesucht haben, mehrere Songs angefangen haben und so weiter.

rappers.in: Hast du ein Lieblingslied, das noch einen Tick besser ist als die anderen?

Nik: Aus der Produzentenrichtung sind das natürlich die Lieder, in denen viel Arbeit steckt mit einem langen Entwicklungsprozess. Die sind alle großartig. Aber zwei sind sehr besonders. Einmal "Deine Augen" und "Candle Light Döner".

Ebow: Ich dachte jetzt, du sagst "Muss ich an Dich denken".

Nik: Irgendwie hänge ich an den Liebesliedern.

rappers.in: "Deine Augen" klingt aber auch nochmal anders als der Rest des Albums.

Nik: Ja, das fällt ein bisschen raus. Wir sind da auch ganz anders ran gegangen. Wir haben einen Deal bekommen und uns gedacht: "Okay, wir machen jetzt nochmal ein paar neue Songs fürs Album". Davon war eben "Meine Augen". Den Beat habe ich gemacht, als ich von Buenos Aires wiederkam. Dann haben wir uns zusammengesetzt und Beats durchgehört. Das ist halt auch nicht der typische Beat vom Album. Er sticht schon raus, von der Klangfarbe her.

Ebow: Durch den Beat bin ich ganz schnell auf den Text gekommen.

rappers.in: Hast du denn ein Lieblingslied? Etwas, von dem du sagst: "Das war so fiese harte Arbeit und jetzt ist es perfekt"?

Ebow: Ich würde auch fast sagen "Meine Augen" und "Oriental Dollar". Das ist das erste Lied, das wir zusammen gemacht haben.

rappers.in: Nervt dich das dann schon, weil du dich solange damit beschäftigst oder noch nicht?

Ebow: Gar nicht. Wann mache ich das Lied denn? Wenn ich auf der Bühne stehe. Es ist immer fantastisch zu sehen, wenn der orientalische Beat einsetzt. Und dann kannst du damit spielen, du kannst mit dem Publikum agieren. Ich möchte nicht wissen, wie oft ich das schon auf einer Bühne performt habe, aber ich mache das immer wieder gerne. Je sicherer du in einem Lied bist, desto mehr kannst du rausholen.

rappers.in: Hast du noch eine finale Message für rappers.in?

Ebow: Ich muss rappers.in total danken. Durch das Beatportal auf der Seite habe ich meine erste Musik gemacht. Danke euch! Danke! Ich bin unglaublich dankbar.


(Jasmin N. Weidner)

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