Remember me

Review: Ben Salomo – Es gibt nur einen

veröffentlicht: Freitag, 16.12.2016, 17:58 Uhr
Autor: Der Aepp





01. Identität
02. Kennst du das?
03. Kaninchenbau
04. Puzzleteil
05. Erfolgsstory
06. Ein Weg raus
07. Es gibt nur einen
08. Thora der Dschinn
09. Krav Maga
10. Kommando
11. Unschlagbar
12. Er & ich
13. Vergesst nicht
feat. Damion Davis, Tierstar, Brian Lee Voice
14. Mehr will ich nicht

Was geht ab, Alter?
Das hier ist Ben Salomo
Bald kommt mein Album!
Und an alle Hater da draußen:
Ihr könnt mich mal am Arsch lecken

(Ben Salomo auf "Kommando")

Lange hat es gedauert, viele werden nicht darauf gewartet haben. Dennoch ist es nun soweit: Ben Salomo, bekannt als lautstarker Host und Initiator von Rap am Mittwoch, als welcher er stets auf dem schmalen Grat zwischen Promoter-Ikone und Marktschreier wandelt, bringt nach etwa 20 Jahren im Rap-Business sein erstes Solo-Album auf den Markt. Verwunderung und Zweifel müssen erlaubt sein, denn Ben Salomo mag ein umstrittener Promoter, mag mit seiner Show eine Ikone deutscher Battlerap-Kultur sein, doch für guten und kommerziell erfolgreichen Rap als solchen sind er und seine Weggefährten nun wirklich nicht bekannt. Wird das Solo-Projekt glücken? Wird es das "erste jüdische Deutschrap-Album"? Was erwartet uns?

Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens/
Ich bin nicht tot zu kriegen/
Dem Mensch ist alles möglich, sogar zum Mond zu fliegen/
Du willst wie Messi Tore schießen?/
Ich will wie Hannibal auf Elefanten über die Alpen ziehen und Rom besiegen/

(Ben Salomo auf "Identität")

Mit 14 Titeln mit durchschnittlich dreieinhalb Minuten Länge ohne Skits, besitzt das Album eine ordentliche Spielzeit; Features gibt es, allerdings alle auf einen Track gepresst ("Vergesst nicht"). Spoiler vorab: Vom vielfach beworbenen "ersten jüdischen Deutschrap-Album" ist außer ein paar Bemerkungen und Anspielungen nicht viel geblieben. Doch genug der Randinformationen: Wie klingt es nun?
Die Beats des gesamten Albums sind abwechslungsreich und detailliert produziert worden. BoomBap trifft auf Funk trifft auf Soul. Mal weicht das althergebrachte Beatgerüst und macht härteren, meist synthetischen Klängen Platz. Auch technisch wird hier deutlich besser vorgelegt, als es Bens einzelne Beiträge bei RaM befürchten ließen. Einen wahren Höhepunkt stellt zum Beispiel der Themen-Pool dar, aus welchem hier mit vollen Händen geschöpft wurde: Sozialkritische Töne und der Kampf für die Unterdrückten und Abgehängten dafür gegen Diskriminierung aller Art beherrschen die Platte. Mit Eindringlichkeit schildert Ben Stationen aus seinem Leben, die Probleme, als Jude in einer von Arabischstämmigen geprägten Wohngegend aufzuwachsen. Dabei nimmt die Religion, wie bereits erwähnt, nur eine sehr untergeordnete Rolle ein, was man angesichts der Entgleisungen anderer Rapper nur positiv erwähnen kann. Abwechselnd zwischen Punchline-ähnlichen Phrasen ("Krav Maga", "Kommando") und durchaus gut gelungenem Story-Telling ("Thora der Dschinn") wird auch die ganz große Systemkritik nicht vernachlässigt. Insbesondere auf "Puzzleteil" und "Kaninchenbau" wird heftig nach oben getreten und zur (geistigen) Emanzipation der einfachen Bevölkerung aufgerufen. Auch wenn die Rhetorik dabei manchmal unangenehm an manch anderen Zeitgenossen erinnern mag, denn "Wir sind das Volk, doch für die Spitzen sind wir das Vieh/ Sie verarschen uns übertrieben, aber ganz mies", ist dann doch etwas platt formuliert.

Aha, da ihr nun wisst, dass ich ein ehrlicher MC bin/
Erzähl' ich euch das Geheimnis meines sechsten Sinns/
Es ist 'ne Gabe, die ich hab', seit ich sechzehn bin/
Ich hör' im Bett, was Frauen wollen, wie Mel Gibson/

(Ben Salomo auf "Unschlagbar")

Nach all diesen positiven Aspekten kommt gewöhnlich ein fettes "Aber".
ABER:
So richtig geil ist das alles nicht. Angefangen bei den Beats, welche zwar sehr abwechslungsreich daherkommen, doch das Rad nicht neu erfinden. Da fehlt dem Bass teils das Volumen, mal klingt es, als ob man ungünstig an die Regler des Mischpults gestoßen wäre. Dazu kommen die Synthie-Einwürfe, die man in dieser Form im Gruselkabinett der 2000er hätte bleiben lassen sollen. So richtig "aktuell" oder "frisch" klingt eigentlich keiner der Beats. Im Hiphop-Museum der Muff von tausend Jahren – schlägt mir nun nicht wirklich entgegen, doch auch der Mief von 20 reicht mit seiner euphemistisch als herb zu bezeichnenden Duftnote völlig aus, mir stellenweise die Tränen in die von überbordendem Pathos geröteten Augen zu treiben. Das Potpourri ist mal unterfordernd, mal überfordernd, mal wird man von der wild umher geschwungenen Moralkeule erschlagen.

Aus diesem Alptraum führt ein Weg raus/
Ich werd' erdrückt vom System, doch ich steh' auf/
Auch wenn die Welt ist wie ein Gefängnis/
Gedanken sprengen die Ketten, Gedanken hält nichts/

(Ben Salomo auf "Ein Weg raus")

Mangelhafte Themen-Relevanz kann nicht zum Vorwurf gemacht werden, doch auch etliche Jahre im Business, aktiv oder begleitend, können nicht verhindern, dass der Protagonist der drehenden Scheibe textlich mit einer Gewaltladung an formelhaften Plattitüden die Böschung herunterbrettert, nur um am Ende in einem derart tiefen Loch zu landen, dass man sich als reviewender Redakteur (leise) die Frage stellt, ob er da wohl wieder herauskommen wird.
Es gibt gute Tracks, wie "Krav Maga" und "Kommando", Battle-Tracks, bei denen vom Beat über den Text zum Flow alles absolut klargeht. Und dann gibt es wieder Titel wie "Er & ich", bei denen ich mich wirklich frage, wie es so etwas durch den Produktionsprozess ins Presswerk geschafft hat. Kurzfassung: Er lernt eine Frau über Facebook kennen, die sich als Körperklaus herausstellt. Nach kurzem Selbstgespräch mit seinem Penis übernimmt dieser und Ben ist machtlos. Dazu ein funky Beat mit diesem 2000er-Flair und der berüchtigten 90er-Gedächtnistechnik.

Fazit:
Nach den vereinzelten Darbietung in seinem Reich (Rap am Mittwoch) hatte ich das Schlimmste befürchtet. Doch auch, wenn es sicherlich kein Meilenstein deutschen Sprechgesangs geworden ist, so ist es zumindest ein solider Auftakt als Solo-Künstler. Jedoch steht Ben noch vor einem geographisch nicht näher verorteten Berg, welcher erst noch überwunden werden muss, um sich seinem Host-Bekanntheitsgrad auch als Rapper annähern zu können. Er hat viel zu sagen, nur an der Art und Weise muss noch dringend nachgefeilt werden. Außerdem würden mehr Features auf verschiedenen Tracks definitiv die gefühlte Spieldauer verkürzen. An der Stelle: Es sollten auch andere sein, Leute, für die das Rappen auf Beats eine alltägliche Sache darstellt. Auch wenn es nur einen geben mag, Ben ist es schon mal nicht. Im Jahr 2016 erwarte ich von einem Rap-Album auf allen Ebenen einfach mehr.


Andreas 'Aepp' Haase



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