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Special: "tru." von Cro: Einmal Geschlechterdebatte, bitte!

veröffentlicht: Montag, 11.09.2017, 10:33 Uhr
Autor: Max



Es ist mittlerweile schwierig geworden, in einem Album über Liebe, vor allem über gescheiterte Liebe, um eine Geschlechterdebatte herumzukommen, was ich bewusst mit meiner Review versucht hatte. Mein geschätzter Kollege Yannik hat jedoch einige kritische und kluge Gedanken über die Texte auf dem neuen Album von Cro geäußert. Als Verfasser der hochlobenden Review zu "tru." sehe ich mich daher gezwungen, selbst einige, oft andere, Gedanken zu den Texten dieses Albums zu benennen und klarzustellen, warum ich die von Cro gerappten Inhalte keinesfalls für sexistisch oder gar chauvinistisch halte. Denn in Wahrheit ist "tru." weitestgehend ein emanzipiertes Album. Eine Verteidigung.

Zugegeben: Natürlich gibt es die ein oder andere Zeile, die einem übel aufstoßen kann. Wenn Cro sich in "computiful" darüber ärgert, dass aus seiner Maria "plötzlich eine Slut" wird, weil sie es ihm zu leicht macht, mit ihr nach Hause zu gehen, dann hinterlässt das vor allem aufgrund der musikalisch-stimmlichen Präsentation der Zeile einen faden Beigeschmack. Wenn Liebe scheitert, weil diese Frau sich so verhält und dargestellt wird, als würde der Protagonist zwischen verschiedenen Modellen wählen und sich einfach nicht entscheiden können, dann ist das sicher keine sehr klug gewählte Denkweise. Bei aller Liebe sei aber darauf hingewiesen, dass so ziemlich jeder Rapper auf der Welt mit Klischees arbeitet, mit ihnen teilweise spielt oder gerade in Deutschland sich bei jedem zig Zeilen finden, bei denen man sich schon mal an den Kopf fasst. Doch genau das gehört zu Rap und wer nicht mit einer verrohten Sprache in der Musik zurechtkommt, bei der natürlicherweise vor Frauen kein Halt gemacht wird, dem kann ich so gut wie kein Rapalbum empfehlen. Doch das, was Yannik an "tru." kritisiert, geht weitaus tiefer. Ihm geht es vor allem um den latenten Chauvinismus, das Gesamtbild, das textlich auf diesem Langspieler vermittelt wird. Das Entscheidende hierbei vergisst er jedoch: Kontext.

Lieber zwei Mal zuhören

Die Probleme mit Maria auf "computiful" und eben erwähnte Zeile sind dafür das beste Beispiel. Betrachtet man die Parts von Cro isoliert, so zeichnet der Song ein Bild von einem Mann, der verzweifelt nach der Liebe sucht und sie anscheinend in jener Maria auf Tinder gefunden zu haben scheint, als er sie jedoch nach einiger Überwindung angeschrieben hat, feststellen muss, dass es ihm diese Maria viel zu leicht macht und er schnell das Interesse verliert. Ein einfaches, chauvinistisches Muster, klar. "Die bietet sich so an, das ist langweilig." Entscheidend ist jedoch nicht ausschließlich, was Cro auf diesen Parts rappt, die Pointe findet sich erst im Outro: Wiedergegeben wird dort nämlich ein Ausschnitt aus einer Rede der HipHop-Ikone Lauryn Hill von 2000, in der sie das zuvor vom Interpreten wiedergegebene Verhalten einordnet. Sie erzählt etwas von bedingungsloser Liebe, was ihr in der Wörtlichkeit noch nie begegnet sei. Denn jeder höre dann auf, zu lieben, wenn er von dieser Person nicht mehr gereizt würde. "If a person stops stimulating us, we stop loving them." Diese Rede spiegelt genau wider und allem voran kritisiert sie das Verhalten von Cro. Während er nämlich aufgeregt ist, nicht weiß, ob es mit dieser Maria was wird, scheint er zumindest Anzeichen von Verliebtheit zu spüren – sobald sie aber auf seine Avancen ohne weiteres eingeht, verliert das Spiel für den Protagonisten seinen Reiz; und damit er auch das Interesse. Genau diese Art, die Cro wiederum durch seine Parts zumindest teilweise mit Dating-Apps wie Tinder in Verbindung bringt, wird von Lauryn Hill kritisiert. Wir sehen hier keinen Carlo, der sich als Chauvinist über die Frauen aufregt, sondern einen Rapper, der nachdenklich ist: Über sein Bild von dieser Maria, über seinen Umgang mit Frauen generell, wenn er aufhört, zu lieben, sobald die andere Person ihn nicht mehr auf irgendeine Weise stimuliert – zumindest Lauryn Hill sagt ihm und uns, dass die Liebe dann keinesfalls bedingungslos, vielleicht nicht einmal echt war und dass auch Cro sich Unwegbarkeiten stellen muss, wenn er echte Liebe erfahren will. "But that real love, that love that sometimes is difficult, difficult to have. That's that love." – so schließt die Rednerin ihren Satz und damit "computiful".

Wir erleben sehr oft einen Rapper, der sich beim ersten Anhören schlecht verhält und nicht einmal darüber nachzudenken scheint. Doch hören wir genauer hin und sehen die Melancholie, die in all diesen Songs auch über das eigene Verhalten mitschwingt, sehen wir einen Cro, der sich sowohl über sich als auch seinen Gegenüber Gedanken macht, stets unter dem Motto der Suche nach dem Grund für das Scheitern dieser und jener Beziehung. Die simpelsten Geschichten und Gründe erleben wir beispielsweise in "noch da", in dem offensichtliche Ursachen wie Eifersucht und das häufige Unterwegs-Sein der Beziehung einen Strich durch die Rechnung machen, oft sind am interessantesten aber die latenten Zwischentöne, die sowohl den Interpreten als auch dessen Partnerin unter die Lupe nehmen.
Eine Schlüsselrolle kommt dabei "no. 105" zu. Cro versucht, sich die perfekte Partnerin nach seinen Vorstellungen zu basteln – und scheitert stets nach allen Regeln der Kunst. Uns präsentiert er nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Verfahren, denn 105, das ist die Zahl der Versuche, die er selbst bereits verbraucht hatte, die Enttäuschungen häufen sich. Am naheliegendsten ist dabei natürlich: Keine Frau wird seinen Ansprüchen gerecht, er selbst ist unglaublich wählerisch und sucht selbst nach dem zigsten Anlauf die Schuld für dieses Scheitern in den erschaffenen Frauen, nie aber bei sich selbst. Doch diese Interpretation verfehlt die psychologische Brisanz dieser Metapher. Diese Konstrukte, Maschinen fast schon, die Cro sich baut, sind doch gerade, wie schon beim griechisch-mythologischen Original, nicht etwa echte Persönlichkeiten; sie sind lediglich Konstrukte aus seiner eigenen Fantasie, seinen eigenen Ansprüchen erwachsen, geformt aus nichts weiter als den Gedanken in seinem Kopf. Wenn der Protagonist in dieser kleinen Geschichte also von Enttäuschung zu Enttäuschung rennt, verzweifelt er nicht etwa an realen Menschen, sondern an seinen eigenen Ansprüchen, Denkmustern, Fantasien. Er versagt förmlich und muss sich mit jedem erneuten Versuch mehr und mehr eingestehen, dass er selbst das Problem ist, dass er selbst derjenige ist, der keine Ahnung hat, was er braucht und was er will (wie übrigens schon in der Review geschrieben, ein Hauptthema des gesamten Langspielers) und stellt fest, wie stark er sich durch den Wahnsinn der letzten Jahre in Klischees und einer Planlosigkeit von der Liebe verloren hat, die eigentlich doch keine sein will. Schliesslich deutet er an: Auch Versuch 106, 107 und zig weitere werden nicht zur perfekten Beziehung führen, weil er schlicht und ergreifend nicht in der Lage ist, aus seinem Kopf konkret den Willen zu formulieren, der ihn dorthin führt. Das ist die hochreflektierte, deprimierende und zugleich extrem fortschrittliche Message dieses Songs: Die Schuld für das Scheitern etlicher Beziehungen liegt auch bei ihm, vielleicht sogar ausschließlich bei ihm und so kann die einzige Schlussfolgerung sein, dass jeder Versuch, sich eine Frau zu bauen "wie sie mir gefällt", Pyrrhussiege für maximal ein paar Minuten sind. Will man dies unbedingt in eine Geschlechterdebatte hineindrücken, sagt sie dem Mann doch gerade, dass es nicht nur aus moralischen Gründen falsch ist, sich seine Partnerin zurechtzukonstruieren und den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen, sondern schon aus Eigeninteresse unbedingt notwendig ist, dass jeder sich in einer Beziehung immer noch nach seinem Gusto entfalten darf. Denn sich den anderen zurechtzubasteln, wird früher oder später natürlich denjenigen kaputtmachen, der sich dem einen unterwerfen muss, genauso aber denjenigen, der sich den anderen konstruiert hat – irgendwann nämlich wird es langweilig, später vermisst man alle perfekten Unperfektheiten und zuletzt kommen die berechtigten Zweifel auf ("ist ihre Liebe echt?"). Cro wird es erst einige Anläufe später merken, doch uns wird dann schon klar: So kann es überhaupt nicht funktionieren und das soll es auch gar nicht. Die perfekte Beziehung kommt nicht aus unseren Vorstellungen heraus, die wir auf einen Partner übertragen, sondern nur durch den Willen zweier eigenständiger Persönlichkeiten, die sich finden. Echte Liebe – das bewusst gewählte Gegenbeispiel hierzu stellt "no. 105" anschaulich dar und schießt nebenbei noch einige gehörige Schüsse vor den Bug einiger Rapper, die gerne einmal von "der einen unter tausend" oder der "guten Frau" erzählen; solche Konstrukte zerschlägt dieser Song im Vorbeigehen.



Durchschnittstyp? Viel mehr echte Gefühle

Die wie vom Kollegen erwähnte conclusio dieser Anhäufung von Liebesgeschichten findet sich jedoch nicht in "2kx", das eher das gesamte Album abschließt und einen Bogen zum Intro schlägt, sondern eine Anspielstation davor: In "slow down" nämlich hat Cro eine Partnerin gefunden, mit der es irgendwie zu passen scheint. Zusammen mit Durchstarterin Ace Tee erzählen die beiden von einem Abend, den sie entspannt und in Zweisamkeit verbringen. Beide schwärmen dabei völlig gleichberechtigt jeweils davon, was für Banalitäten sie an dieser Zeit so schätzen und genießen. Von Netflix, über Pianospielen, bis hin zu "Kuss auf die Wange". Natürlich blitzt dabei der erwähnte "schwäbische Durchschnittstyp" hervor – nicht aber als Charaktereigenschaft des Protagonisten, sondern als echte Alternative für dieses Paar, als vielleicht auch logische Option in dem Leben zweier Personen, das sonst so voller Wahnsinn jenseits jeglicher Spießigkeit stattfindet. Ein bisschen Durchschnitt, ein wenig Pause und Entspannung; das scheint die Voraussetzung für eine perfekte Beziehung zu sein oder zumindest ein Teil davon und lässt Cro in diesem Moment menschlicher und im positiven Sinne langweiliger erscheinen. Die Message dabei könnte sein, dass es egal ist, ob man reich oder arm, kreativ oder unkreativ ist – am Ende gibt es doch viele Sachen, in denen wir uns und auch unsere Liebe wiederfinden. Das mag vielleicht naiv klingen. Uns sollte aber auch klar sein, dass hier zwar musikalisch und auch textlich neue Wege gegangen wurden, am Ende reden wir aber immer noch von dem Cro von "Einmal um die Welt". Und sich ein Leben zu wünschen, in dem alles irgendwie passt und sei es für andere noch so durchschnittlich und langweilig, mag für den tumblr-geprägten Besserwisser (Schüsse in die Luft) vielleicht verächtlich sein, viele sehnen sich aber genau danach – wer sind wir also, das zu verurteilen?
"tru." ist ein Album echter Gefühle und Geschichten. Dass man sich dabei auch Mal im Ton vergreift, ist nicht nur ehrlich, sondern auch menschlich und sollten wir gerade im Rap tolerieren, da gerade dort auch schon immer ein Sprachrohr für diejenigen war, die vielleicht ihren Text nicht gendern konnten oder erst einmal sozialwissenschaftlich reflektierten, was sie damit vielleicht ausgesagt haben könnten. Dabei geht der Künstler hier sogar einen Schritt voraus: Er beschäftigt sich sowohl mit seinen Partnerinnen als auch mit seinem eigenen Verhalten und gelangt letztlich zu der Einsicht, dass nicht die Kunstfigur mit Pandamaske, die von Stadt zu Stadt reist und der Schnelllebigkeit unterworfen ist, die perfekte Beziehung finden kann, sondern nur er selbst, der sich vielleicht doch nur nach einem klassischen Einfamilienhaus mit Frau, zwei Kindern und Hund sehnt. Das ist vielleicht spießig, aber auch ein klassisches Modell von Liebesgeschichte, das auch heute noch Respekt verdient, transformiert in ein modernes Gewand. Cro daher als Sexisten abzustempeln, was Yannik nicht, aber beispielsweise der Musikexpress getan hat, ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht all jener, die versuchen, sich nicht mit simplen Parolen à la Sookee mit Partnerschaften und der Liebe auseinanderzusetzen, sondern auch derjenigen, die alltäglich für Frauenrechte in einer Weise kämpfen müssen, wie wir es uns in Europa nur noch stellenweise vorstellen können. So wird am Ende natürlich ein Bild von einem Typen gezeichnet, der vielleicht manchmal auch wie wir alle simpel gestrickt ist, sich einmal im Ton vergreift oder falsche Entscheidungen trifft. Nicht aber jemand, der von Frau zu Frau springt, ohne sein eigenes Verhalten zu hinterfragen und letztlich lediglich in die Vergangenheit, seine Heimat flüchtet. "tru." ist ein Album über Liebe, in der man viele Fehler machen kann. Doch diese Fehler sieht Cro, oft in Zwischentönen, die er vielleicht nicht einmal selbst so genau bewusst setzen wollte, oft werden sie uns aber wie in der Rede von Lauryn Hill geradezu aufgedrängt. Daher sehen wir nicht einen verzweifelten Aufreißer, der sich zu großartig für die Frauen dieser Welt fühlt, sondern einen im Wahnsinn seiner Kunstfigur gefangenen Carlo, der sich letztlich doch nur nach dem großen Durchschnitt sehnt. Solche Ehrlichkeit ist es daher, die diesem Klassiker seinen Charme gibt. Voller Zweifel und Widersprüche – doch auch voller Hoffnung und einer Mentalität des Nicht-Aufgebens. Voller Cro, gespickt mit mehr Carlo als je zuvor.


(Max)

Hier findet Ihr die Kritik von Yannik

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