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Special: rappers.in Awards 2018: Alben

veröffentlicht: Samstag, 29.12.2018, 21:01 Uhr
Autor: No My Name Is Maxi

Wieder einmal haben wir uns zusammengefunden und nach so einigen Ausführungen, Diskussionen, gerne gar Streitereien können wir unsere Highlights des Jahres küren. Dementsprechend haben wir für Euch national wie international in den Kategorien Videos, Tracks, Alben und Künstler unsere Top 5 des Jahres 2018 gewählt.

National:

Platz 5: Ahzumjot - "RAUM"

"RAUM" ist in doppelter Hinsicht interessant für diese Liste. Zum einen bewegt sich Ahzumjot damit soundtechnisch am Puls der Zeit und lässt sich trotzdem die Freiheit für das ein oder andere musikalische Experiment. Prominent deutlich wird das schon im albumbetitelnden Introtrack "Raum" mit BLVTH, Chima Ede und Joy Denalane. Gleichzeitig liefert der gebürtige Hamburger aber auch livetaugliche Pit-Hymnen wie "Thugger" mit OG Keemo. Ahzumjot schafft es aber, "RAUM" mit einem roten Faden zu versehen und das Hören der einzelnen Songs zu einem kohärenten Erlebnis zu machen. Vergessen sind aber definitiv die Major-Zeiten von "Nix mehr egal". Zum anderen ist das Release des Albums sehr interessant und – zumindest in Deutschland – ungewöhnlich. Statt zu einem festen Termin das gesamte Projekt zu veröffentlichen, wurde "RAUM" im Stil einer Playlist erst im Prozess über sieben Monate entwickelt. Das Konzept ist nicht neu, stellt allerdings immer noch eine klare Ausnahme vom Normalfall oft unangenehmer Alben-Promos dar. Darüber hinaus ist es zum Großteil von Ahzumjot selbst produziert, was dem Gefühl einer organischen Entwicklung zugutekommt und glaubwürdig vermittelt, dass es sich bei "RAUM" um ein Projekt handelt, das nicht darauf abzielt, allen zu gefallen – und damit gefällt.



Platz 4: Juse Ju - "Shibuya Crossing"

Juse Ju war (und bleibt wahrscheinlich) immer ein Nischentipp. Wenn man ihn mag, ist es Rap, der besonders durch intelligente, durchdachte Texte mit der Extraportion Witz besticht, die sich meistens mit seinen Kollegen in der Rapszene, unliebsamen Politikern oder dem verwerflichen System befassen.
Wie Lance Butters auch geht er allerdings in seinem diesjährigen Release "Shibuya Crossing" – laut ihm sein erstes "richtiges Album" – einen Schritt von dem Konzept weg, in seinem thematischen Mikrokosmos lyrisch um sich zu schlagen. Stattdessen erzählt er dem Hörer viel von sich selbst und präsentiert teilweise eine ungewohnt melancholische Ader. Und trotz seines nicht allzu fortgeschrittenen Alters hat der gebürtige Kirchheimer, der Abschnitte seines Lebens in den USA sowie der namensgebenden japanischen Stadt Tokio verbracht hat, eine Menge zu erzählen. Sein sehr persönlicher Erzählstil, die ständig wechselnden Locations und die nicht zu kurz kommende Battleattitüde sorgen dafür, dass man über das gesamte Album ständig Abwechslung geboten bekommt und gut unterhalten wird.



Platz 3: Fler - "Flizzy"

Mittlerweile wird Fler auch von anderen großen Deutschrap-Künstlern in der Szene anerkannt, so bekam er zum Beispiel Propsvon Kollegah, nachdem diese jahrelang ihren Beef öffentlich austrugen und Kolle im September 2016 sogar einen 18-minütigen Disstrack "Fanpost 2" veröffentlichte .Doch widmen wir uns seinem Album "Flizzy", welches am 23. März diesen Jahres erschien. "Flizzy" kam besonders gut bei den Fans an und bestach durch ein Soundbild mit all jenen Trap-Elementen, die Fler laut eigener Aussage in der Deutschrap-Szene erst etabliert hat. Allgemein kann man sagen, dass der Maskulin-Rapper ein ziemlich erfolgreiches Jahr hatte und mittlerweile ziemlich gehypt ist, was man am besten an seinem jetzt verschobenen Album "Colucci" fest machen kann, welches Aufgrund zu hoher Nachfrage nicht pünktlich releast werden konnte. Was an Fler so begeistert, ist für viele seine tiefe, markante Stimme in Kombination mit harten Trap-Instrumentals und tiefem Bass. Damit überzeugte Fler aauch Redaktion, so gehört ihm der dritte Platz für sein gelungenes Album "Flizzy".



Platz 2: OG Keemo - "Skalp"

Nachdem der Mannheimer OG Keemo laut eigener Aussage mit seinem Mixtape „Neptun“ das beste Rapalbum 2017 geliefert hat, ist der Nachfolger "Skalp" auch nach Meinung der rappers.in-Redaktion eins der besten deutschsprachigen Rapalben diesen Jahres. Der Zonkeymob-Chef lässt seiner Ignoranz und Fuck-off-Attitüde freien Lauf und paart beides mit einer greifbaren Portion Wut. Diese Aggression schlägt sich auch im Großteil der Beats nieder, die ausnahmslos aus der Feder von Funkvater Frank stammen. Über diese Beats rollt Ke-Mo-Sah-Bee mit der Gradlinigkeit und und Unaufhaltsamkeit eines Schnellzugs auf Talfahrt. Sein Flow ist in Deutschland einzigartig und auch technisch macht OG Keemo kaum jemand etwas vor. Thematisch setzt Keemo dabei auf sein bekanntes und nicht zwangsweise innovatives Konzept von PEN ("Pferde - Euros - Nutten"), erweitert es jedoch, um dunkle persönliche Noten: "Unterschrieb den Vertrag 'nen Tag, nachdem ich sie begraben hab: Der Start meiner Karriere hat auf ewig einen Nachgeschmack - Fuck". Diese Zeilen machen das "Vorwort" – seines Zeichens Intro des Albums – auch zu einem der besten nationalen Songs des Jahres. OG Keemo gibt sich selbst mit "Skalp" mehr Profil und hält sich alle Türen offen für kommende Releases. 2019 sollte Deutschrap auf seine Kopfhaut aufpassen.



Platz 1: Lance Butters - "Angst"

Lance Butters – schon im VBT mischte der Image-Rapper die gesamte Battlerap-Szene mit seinem einzigartigen Style auf und sorgte damit für einen kleinen Hype um ihn. Heute ist Lance Butters nicht mehr in Battlerap-Turnieren zu finden, sondern ein darüber hinaus etablierter Rapper. So auch wieder dieses Jahr, denn Lance brachte sein neues Album mit dem Titel "Angst", welches am 12. Oktober dieses Jahres erschien, an den Start. Das Album besticht besonders durch interessante, einzigartige Produktionen sowie Lyrics, die man in dieser Art von Lance Butters noch nie gehört hat und oftmals von seinen Problemen, die ihm im Alltag plagen, handeln. Mit "Angst" hat Lance die Redaktion auf jeden Fall überzeugt und seine Diskographie um ein sehr gutes Album mit tiefgründigen Texten, seinem einzigartigen Flow und seinem altbekannten Style erweitert.



(care9 & J-boy800)

International:

Platz 5: Pusha T - "DAYTONA"

Ye ist eine ausgesprochen facettenreiche Persönlichkeit, wobei es ihm aber keine dieser Facetten ermöglicht, im Hintergrund zu stehen. Wie soll so jemand als Produzent arbeiten, gleichwohl er ein musikalisches Genie ist? Wie kann er gleichzeitig an seinem eigenen Album arbeiten, ohne mit seinem Megalomanismus die anderen Scheiben, an denen er für andere arbeitet, zu kannibalisieren? Tja, er kann. Als Musterbeispiel dieses frenetischen Sommers an West'schem Output muss "DAYTONA" herhalten, ein (kurzes) Album voller Killer, voller Brüche. Pusha T ist mit seiner zurückgenommenen Stimme und dem wenig dynamischen Vortrag ein schwierig zu bespielender MC, aber hier passt vieles. In verqueren und fast schon eintönigen Nummern wie "If You Know You Know" und "Infrared" würden sich andere MCs verlaufen, aber Pusha streift sich die kargen Nummern wie ein Mäntelchen um und schafft so ein ungemein homogenes, spannendes Album. Handwerklich nahe der Perfektion, bleibt der Eindruck, dass Pusha dem Hörer noch mehr von seiner Daytona erzählen könnte, anstelle "nur" guter One-Liner. Der Irre aus Chicago hat einem alten Hund hier wirklich einige neue Tricks beigebracht, dafür gebührt ihm Respekt. Das Artwork ist natürlich Bombe, fuck Bobby Brown.



Platz 4: A$AP Rocky - "TESTING"

2018 wurden fast jeder Woche gleich mehrere Alben veröffentlicht, die das Interesse der Rap-Szene auf sich zogen, aber viele davon wurden schon kurz nach dem Release vergessen und enttäuschten – zu lang seien die Tracklists, zu häufig werde die Kohärenz, die für ein gutes Album notwendig ist, vergessen. Diese Punkte wurden kurz nach der Veröffentlichung auch an A$AP Rockys drittem Album namens "TESTING" bemängelt. Sogar schon vor dem eigentlichen Release war die Freude auf das Projekt gedämpft, da Rocky Anfang des Jahres auf SoundCloud halbgare Song-Skizzen veröffentlichte, die viele für Singles des Albums hielten, und der gesamte Rollout von vielen wagen Andeutungen auf eine baldige Veröffentlichung, die die Geduld vieler Fans überstrapazierten, geprägt war – entsprechend verhaltend fielen die ersten Reaktionen aus. Knapp ein halbes Jahr später kann man aber sagen, dass "TESTING" für viele wohl eher ein Grower war, denn es landete in vielen Jahresrückblicken auf den vorderen Plätzen – so auch bei uns. Mit einem überraschenden Albumkonzept, vielseitigen, experimentellen Produktionen und A$AP Rocky als Vocalist, der es schafft, sich sowohl ruhigen, melancholischen RnB-Beats als auch aggressiven, übersteuerten Trap-Instrumentals mit seiner charakteristischen Lässigkeit problemlos anzupassen, bekam das Album – wenn auch langsam – die Ankerkennung, die es zweifelsohne verdient hat.



Platz 3: XXXTENTACION - "?"

Die Vergleiche zu "COWYS 2" drängen sich förmlich auf, klar. "?" hat deutlich mehr Diversität im Sound, mehr Variabilität im musikalischen Ansatz. XXXTENTACIONist hier klar bemüht, die Musikalität von "17" noch weiter auszubauen und gleichzeitig als MC stärker in den Vordergrund zu treten. Größtenteils gehen diese Bemühungen auch auf, Patzer wie "I don't even speak Spanish lol" fallen angesichts der Qualität von Songs wie "going down!" und "Moonlight" nicht weiter ins Gewicht. "?" ist eben kein musikalisches Versuchslabor geworden, sondern über weite Strecken musikalisch ausgereift und – angesichts des raschen Outputs umso verwunderlicher — ohne Schwächen im Songwriting, mit nachdenklichen, allerdings zu oft oberflächlichen, Texten.
Es wird interessant zu sehen sein, ob XXXTENTACIONs musikalischer Nachlass im Laufe der Jahre durch das kantigere "Skins" samt Kanye-Song-Takeover oder dem musikalisch reicheren, authentischer wirkenden "?" bestimmt wird. "?" hätte es jedenfalls verdient, dass viele junge MCs gut zuhören; man merkt an jeder Ecke, dass XXXTENTACIONkeineswegs davon ausging, dass sein Weg bald zu Ende wäre. "?" ist keine abschließende Eloge wie "COWYS 2", es ist ein Punkt in einer Entwicklung, die nie stattfinden wird.



Platz 2: Travis Scott "Astroworld"

Ja, die Wartezeit auf "Astroworld" hat uns alle so genervt, dass unter gefühlt jeden Social-Media-Beitrag von US-Rappern monatelang tausende Kommentare à la "DROP ASTROWORLD!" zu finden waren – aber einige Monate nach dem Release des Albums sind sich HipHop-Fans einig: Das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Mit "SICKO MODE" landete Travis den größten Hit seiner Karriere, der uns noch monatelang auf jeder Party begegnen wird, das Projekt verkaufte sich noch mal sehr viel besser als seine beiden Vorgängeralben und das Release löste kurzerhand einen Beef mit Nicki Minaj aus, die nicht akzeptieren konnte, dass sich "Astroworld" sogar in der zweiten Woche nach der Veröffentlichung bessere verkaufte als ihres in der Release-Woche.
Aber auch darüber hinaus ist "Astroworld" auf der musikalischen Ebene ein stimmiges Album, das durch oft subtil eingesetzte, aber stets bereichernde Features, vielseitige Instrumentals und natürlich nicht zuletzt Travis' einzigartigen Stil, den er auf diesem Album in Bestform präsentiert, besticht.



Platz 1: Lil Peep - "Come Over When You're Sober Pt. 2"

"COWYS 2" ist treffend benannt, denn musikalisch ist es genau das: Eine Fortsetzung von "COWYS 1", und da gibt es zweifelsfrei schlechtere Anknüpfungsmomente. Die Spuren sind größtenteils in denselben Sessions entstanden, musikalisch war also nicht wirklich Neues zu erwarten, zumal die Produktion von Smokeasac und Konsorten übernommen wurde. Heraus kamen für Peep typische, tolle Tracks wie "Cry Away" und "Hate Me", die die verwaschene, melancholische Seite des Künstlers zumeist vor die trappig-aggressive stellen. Was "COSWYS 2" besonders macht, ist nicht etwa eine morbide Faszination, keine sich erfüllende Prophezeiung, keine Stimme aus dem Grab. Es ist die ganz eindrückliche Vergegenwärtigung, wie einfach und schlicht manche Sachen sind. Dass Peep nicht leben wollte und es ihm deshalb egal war, dass über kurz oder lang mal zu viel Fentanyl im Spritzengemisch wäre. Und dass kein Philosophieren, kein Geschrei, keine Behandlung aus Peeps Sicht etwas daran ändern konnte, und er sein Lot aus seiner Sicht auf sich nahm und eben deswegen kein Erfolg oder Misserfolg etwas daran ändern konnte. Kann ein 21-Jähriger so was überhaupt? Kann sich seine Mutter zur Bewahrerin seines musikalischen Erbes aufschwingen? Hat sie als Mutter nicht ebenso ultimativ versagt wie er als sie doch so explizit liebender Sohn? Diese Fragen interessierten Peep nicht, er fragt: "wonder who you'll fuck when I die". Die Banalität, das zeichnet "COWYS 2" aus, ebenso wie Peeps Können als MC. Ein einfaches Album des Jahres, im besten Sinne.



(No My Name Is Maxi & barau)

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