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Review: eRRdeKa – Rapunderdog

veröffentlicht: Donnerstag, 10.09.2015, 18:55 Uhr
Autor: Rogozhin





01. Intro
02. Rapgott
03. Unter Deck
feat. Frauenarzt
04. Kaputt aber dope
05. Zu spät
feat. Prinz Pi
06. Rapasteroid
07. Autoscoota
08. Trips en masse
09. High as fxck
10. Rapunderdog
11. Maxxximal
12. Durch die Nacht
feat. Shawn The Savage Kid
13. Outro

Rapdeutschland staunte nicht schlecht, als Prinz Pi mit seinem Label Keine Liebe zum ersten Mal einen anderen Rapper signte, der sich ausgerechnet als recht unbekannter Lokalrapper aus Augsburg herausstellte. Dann ging alles schnell: eRRdeKa veröffentlichte sein Debüt, ein melancholisch-verträumtes "Paradies" aus kühlen Synthieklängen und harten Drums, aus ehrlichen, kryptischen Texten und einem großen Schuss Pathos, wofür es viel Anerkennung und noch mehr beißende Kritik von seinen Kollegen gab. Nicht einmal ein Jahr danach schlägt eRRdeKa zurück, mit einem Album, das nach dem Untergrund klingen soll, aus dem er kommt, das beweisen soll, dass er auch mit brillantem Battlerap überzeugen kann. Schafft es eRRdeKa, mit einem Erfolgslabel wie Keine Liebe Records im Rücken, glaubhaft anti-kommerzielle Untergundkunst zu schaffen?

"Oh mein Gott, Rapgott/
Meine Styles sind pervers, wie die Bitch, die auf mei'm Bett hockt/
Flute deine Ohren, schlage Wellen/
Klar wie das Meer auf den Seychellen/
Dank Amphetamin/
"
(eRRdeKa auf "Rapgott")

Das Intro verstreicht schnell, gibt mit verlangsamter Stimme und ausgefallenen elektronischen Sounds den Ton für das kommende Album an und man fühlt sich voll und ganz verleitet, Großes zu erwarten. Darauf folgt dann "Rapgott", der erste der zahlreichen Battletracks, die zusammen gut drei Viertel des Albums füllen. Es geht um die eigene Dopeness und das Unvermögen der Konkurrenz, wohlbekannte Kost also. Zusammen mit einigen Tracks, die sich explizit mit Drogen beschäftigen, ist das auch schon fast alles, was es inhaltlich zu holen gibt. Die Battle-Thematik ist natürlich nicht jedermanns Sache, was das Album für viele potenzielle Hörer uninteressant machen wird, und konstante Selbstbeweihräucherung ist in jedem Fall nicht besonders aufregend, vor allem, wenn man dem Protagonisten irgendwie nicht alles von dem abnehmen möchte, was er einem weismachen will.

"Nichts mit Eitelkeit, ich bin ehrlich und direkt/
Deine Jungs sind nicht gefährlich, nur erbärmlich oder wack/
Und beschwern' sich in den Tracks über alles, was sie nicht checken/
Zum Beispiel rappen, ich flowe in HD und euer Kopf fängt an zu laggen/
"
(eRRdeKa auf "Kaputt aber dope")

Begleitet wird das Ganze von rauen elektronischen Klängen, gerne mit spielerischen Dissonanzen, kurzen Samples und Pianomelodien. Darunter füllen rumpelige Drums mit trockener Snare den Raum. Nachgewürzt wird das Ganze mit gepitchten Stimmen, abgeschmeckt mit Schussgeräuschen, die einen nicht zu überhörenden Trashfaktor mit sich bringen. Gerne wird aber auch mit gewohnten Songstrukturen gebrochen, was sehr erfrischend wirkt und dazu beiträgt, einer allzu tiefgreifenden Monotonie vorzubeugen. Hausproduzent Max Mostly hat anscheinend wieder alles gegeben und zeigt sich fähig, auch ganz andere Klänge anzustimmen als jene von "Paradies". Rap und Beats bilden eine vorbildliche Symbiose, doch genau hier wird ein zentrales Problem dieses Albums so deutlich, wie sonst fast nirgends: Diese eigentlich sehr schön produzierten Beats klingen genau so, als hätte man enorme Energie darauf verwendet, dass alles sich sehr untergründig und eigenständig anhört. Dabei zeigt sich sogar eine große Liebe zum Detail. Doch leider haftet an allem der leicht bittere, kaum greifbare Nachgeschmack eiskalter Berechnung.

"Spitt' so lang, bis du verzweifelt dein Equipment inserierst/
Meine Tracks analysierst nach der Formel zum Erfolg/
Underdog, eRR, mein Rap ist gekonnt nicht gewollt/
"
(eRRdeKa auf "Rapasteroid")

Gleichzeitig wird mantrahaft in jedem einzelnen Song die Verbindung zur Eyeslow-Crew heruntergebetet, um auch lyrisch Untergrundkredibiltät zu beweisen. Doch wenn Raphael der King darüber rappt, dass sein Vocalcoach pissed sei, weil er nur noch auf Nase rappe, bleibt weniger hängen, was dieser eRR für ein unfassbarer Typ ist, sondern: Moment, welcher ernsthafte Untergrundrapper hat schon einen Vocalcoach? So künstlerische Namen wie Rapgott, Rapasteroid und Rapunderdog sollen die Attitüde des arroganten Desinteresses – weil man es sich leisten kann - unterstreichen, wirken aber angesichts der thematischen Wiederholung ziemlich unkreativ. Abwechslung bietet das Prinz Porno-Feature "Zu spät", der einzige Track mit inhaltlicher Aussage. Doch das wehmütige Klagelied gegen den, alle Zeit verschlingenden, Alltag geht schnell unter. Beispielweise gegen "Unter Deck", mit einem Frauenarzt-Featurepart, der wie üblich zum Fremdschämen einlädt, und aus dem zu zitieren ich nicht über mich bringen würde. Bei so viel gefühlter Maskerade sehnt man sich nach der angenehmen Ehrlichkeit von "Paradies". Gerade "Durch die Nacht", das von Stimmung, Inhalt und Produktion dem Vibe des vorherigen Albums am meisten ähnelt, ist ein spätes Highlight. Hier kommt noch einmal der melancholische Unterton auf, den ich auch persönlich am Vorgänger geschätzt habe. Doch direkt danach bekommt man wieder geschriene Bekundungen der eigenen Dopeness zu hören, die den Ausklang des Albums doch noch stören.

"Ich fühl' mich wohl im Überflug, guckt mal nach oben ihr Fotzen/
Ihr könnt gerne von meinem Po noch was kosten/
Ich bring die Labels zum Kotzen, denn ihre Marketingpläne gehen nicht auf/
Selbst deine Frau hat ihren Ehering verkauft/
Und kriegt Penis in ihr Maul, Shit/
"
(eRRdeKa auf "Outro")

Fazit:
"Rapunderdog" ist eine Platte, die unheimlich krampfhaft versucht etwas zu sein, was sie einfach nicht ist: Untergrund. Dafür klingt und wirkt einfach alles an ihr zu berechnet, zu professionell und zu massentauglich. Gleichzeitig ist der angenehm kühle, traurige Sound des Vorgängers fast vollständig verloren gegangen. Der selbst an das Album gestellte Anspruch ist also weit verfehlt worden, dennoch ist es in sich selbst ein gut produziertes Gesamtwerk. Battlerapmuffel sollten auf jeden Fall einen weiten Bogen machen, Fans dieses Subgenres werden dafür gut bedient. Auf Dauer wird dieses Konzept jedoch nicht funktionieren, wenn so viel Prophezeiung gestattet ist. Denn wenn sich der beste Track auf dem Album am meisten am Sound des letzten Albums orientiert, sollte das einem Musiker durchaus zu denken geben. Entweder eRRdeKa macht wieder, was er wirklich gut kann, oder er liefert wieder ein sehr ambivalentes Album ab. Diese Entscheidung liegt bei ihm, und ich bin mir sicher, dass er die richtige Wahl treffen wird.


(Rogozhin)



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