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Special: Zum Tod von XXXTentacion: Der Problematische, der Wegweisende

veröffentlicht: Dienstag, 19.06.2018, 16:57 Uhr
Autor: Cuttack



XXXTentacion ist tot. Mit gerade einmal 20 Jahren wurde Jahseh Onfroy am vergangenen Montag, dem 18. Juni in einem Auto in Florida erschossen. Bislang gibt es weder Anhaltspunkte noch Verhaftungen, sein Tod wirkt so willkürlich und chaotisch, dass ein morbider Blick ihn fast schon als passend für seine turbulente Karriere empfinden könnte. Der Fall von XXXTentacion ist eine Geschichte von auseinanderklaffenden Widersprüchen, von Licht und Schatten und einem Umgang, der bis heute nicht gefunden ist.

Onfroy war ein Monster. Liest man die von Pitchfork dokumentierten Anschuldigungen gegen seine Person, in denen die brutale und ekelhafte Geschichte der Misshandlung seiner Partnerin detailliert aufgeführt wird, ergibt sich ein Bild eines schwer gestörten jungen Erwachsenen. Eines Menschen, den Paranoia, Drogen und eine Spirale seelischer Gewalt in Extremzustände von Eifersucht, Angst und Hass geführt haben, die selbst wiederum in noch erschütternden Gewalttaten mündeten. Er soll seine Freundin geschlagen haben, weil sie den Song eines anderen gesungen habe. Ihm wird vorgeworfen, sie während ihrer Schwangerschaft tagelang gefangen gehalten zu haben. Bei ihrer Befreiung sei sie bis zur Unkenntlichkeit misshandelt worden.

Dennoch war Onfroy einer der wegweisenden Künstler einer jungen Generation an Rappern. Nicht nur stand er bei Capitol und Caroline Records unter Vertrag, er hatte sich zu Lebzeiten den Respekt von Hochkarätern wie Kendrick Lamar, A$AP Rocky, J. Cole, Kanye West und Danny Brown verdient. Er brachte der Soundcloud-Szene das erste Nummer-Eins-Album ein, brachte einen Emo-Trap-Song in die Billboard Top Ten. Er war ein XXL Freshman, seine Tapes vereinten unzählige Genres und Ideen, wie es kaum ein Musiker vor ihm getan hatte.

Sein junges Ableben verkompliziert die Dinge. Überstürzt reagiert Musiklandschaft wie Feuilleton auf den Vorfall, der einen angemessen Umgang mit der Dualität seines Lebens nur noch weiter erschwert. Eine Fraktion spricht X im Affekt gerade nahezu heilig, gesteht ihm Legendenstatus zu, relativiert seine Taten, nimmt sie aus dem Bild. Auf der anderen Seite werten Betrachter der Szene nun nicht nur sein Leben, sondern auch sein Schaffen ab. Die geballte Abfälligkeit, die X aus manchem Kommentarbereich entgegenschlägt, kann erschüttern. Denn aus ihr spricht nicht nur die Abscheu vor seinen Taten, sondern auch die Abfälligkeit gegenüber einer ganzen Szene an Musikern und Menschen, die in ähnlichen Umständen existieren müssen. Und eine herablassende Arroganz gegenüber der Realität, aus der ein Mensch wie Jahseh Onfroy und ein Musiker wie XXXTentacion hervorgehen konnte.

Versuchen wir, zu verstehen, was das Erbe von X ist. Nicht nur, um besser zu verstehen, was daraus über die Natur von Depression, Gewalt und Hass spricht, wie er in seiner Umgebung in Florida und Soundcloud einzuordnen ist, sondern auch, um besser nachvollziehen zu können, wie andere – vielleicht weniger problematische – Künstler diesen musikalischen Weg in Zukunft fortsetzen können. Bei einem so ungefilterten und authentischen Musiker wie XXXTentacion wird es nahezu unmöglich, die Kunst vom Künstler zu trennen. Aber gerade das macht es essentiell, an einem Punkt wie diesem noch einmal eine genaue Auseinandersetzung zu wagen.



Post-Internet-Rap: Von "Revenge" bis "?"

Gerade einmal drei Jahre gilt es aufzuarbeiten, um die Karriere nachzuvollziehen. "Vice City", der erste Song auf Soundcloud erschien im Frühjahr von 2014, aber erst 2015 legt er mit "Heartbreak Hotel" eine handfeste EP nach. Er vernetzt sich mit lokalen Künstlern online, insbesondere Ski Mask The Slump God wird ein wichtiger Zeitgenosse. Wie viele Jugendliche, die in den Zweitausendern aufwachsen, bietet das Internet Onfroy ein weites musikalisches Spektrum an.

Nu-Metal, Hardcore und Punk Rock werden zu genauso wesentlichen Einflüssen, wie Trapmusik von der Three 6 Mafia bis hin zu Young Thug und klassischem HipHop zwischen Pro Era und J Dilla. Im Gegensatz zur Konvention, sich auf eine Nische festzulegen, tauchen all diese Ideen in der Musik von X parallel und glechzeitig auf. Schon sein 2017 erscheinendes Debut-Mixtape "Revenge" lässt ein Nu-Metal-inspiriertes "King" neben der Diplo-produzierten RnB-Nummer "Looking For A Star" oder dem New York-esken BoomBap-Track "Slipknot" stehen.

Diese Vielfalt ist ein Stilmittel, das derzeit auch in Popmusik und experimentelleren und elektronischen Nischengenres als Post-Internet-Ära zelebriert werden. XXXTentacion kann definitiv als einer der essentiellen Künstler betrachtet werden, der das Dogma des verengten Sounds in den letzten Jahren massiv angegriffen hat. Nicht zuletzt sind unter seinen viraleren Erfolgen auch zahllose Reaction-Videos, in denen Fans ein Spektakel aus den krassen Unterschieden seines Sounds machen. Der durchschlagende Erfolg gibt ihm jedoch recht – und könnte auch in kommenden Jahren in Mainstream wie Untergrund nachhallen.



Florida übernimmt Soundcloud

Dazu muss eben auch gesagt werden, dass Florida um 2016 den optimalen Nährboden für Genie wie Wahnsinn von X dargestellt hat. Nachdem 2016 die ausufernde zweite Welle von Atlanta-Trappern wie Future, Young Thug, Lil Yachty und Lil Uzi Vert erste Ermüdungserscheinungen zeigte, nicht mehr schockierend genug zu sein schien, hatte sich um Miami eine Untergrund-Community gebildet, die Atlanta perfekt abzulösen schien.

Bevor die neue Welle an Soundcloud-Rockstars Fahrt aufnehmen konnten, waren da nämlich verschiedene Untergrund-Phasen aktiv, die Sound abgebrühter machten, die hochglänzenden Trap-Sounds eines Metro Boomins oder Southsides durch massive, exzentriche Lo-Fi-Produktionen ersetzen. Zu nennen wären da die Buffet Boys um Pouya und Fat Nick, die in Wechselwirkung zum Umfeld der $uicideboy$ standen und einen Sound vorantrieben, der im Kontext mit Artists wie Spaceghostpurrp, Xavier Wulf, Ghostemane und Lil Ugly Mane bis hin zum exzentrischen Genie von Lil B zurückreicht. Dem gegenüber steht mit Denzel Curry oder Young Simmie zwar eine technisch versiertere, aber genauso Haudrauf-freundliche Truppe und vereinzelte Phänomene wie Kodak Black oder Wifisfuneral (der in der Tat seinen ersten Relevanz-Peak bereits um 2016 zu verbuchen hatte), die es weiterhin auf gegenseitige Steigerung anlegen.

Klar wird schnell: In Florida blüht um 2016 und 2017 der späte Geist der Three 6 Mafia – und Soundcloud provoziert junge Artists, mit immer noch kruderen und noch exzentrischeren Sounds immer noch einen draufzulegen, befeuert von sensationslustigen Outlets wie No Jumper, Lyrical Lemonade und den Cufboys. Eine Welle, die Lil Pump, Smokepurrp, Ski Mask The Slump God – über Ecken des Internets nicht zuletzt auch Trippie Redd, 6ix9ine und Jay Critch – hervorbringt. Das markanteste Produkt von allen ist aber der 2016 beginnende Aufstieg von XXXTentacion.



Depression & Obsession

Was die Suche nach Extremen angeht, ist X der zweifellose Champion. Schon sein erster Hit "Look At Me!" kanalisiert die übelsten Ecken des Trap-Untergrundes so weit, dass an manchen Enden sogar davon gesprochen wird, er würde den Industrial HipHop der Death Grips oder Kanye Wests "Yeezus" in seinem Repertoire führen.

Und gerade, nachdem er diesen komplett Mainstream-untauglichen Sound dank Drake-Beef und Hardcore-Fanbase in die Charts geführt hat, knüpft er "17" an. Ein Album aus depressiven Sound-Vignetten, die sich irgendwo aus Indie-Rock, Folk und Trap zusammensetzen. Melancholischer Gesang löst das Geschrei ab, ungeschönte, ungefilterte Depression in all ihren verletzlichen und auch all ihren unangenehmen Facetten ersetzt die blinde Wut. Viele können sich mit dem nahbaren, intimen Projekt identifizieren, finden einen besonders engen Zugang zu diesem amateurhaft zusammengestellten Album, das gerade für seine DIY-Natur auf gemischte bis geradezu negative Kritiken trifft.

Aber genau wie sein darauffolgendes Album "?" ist "17" die radikale Auslebung des Post-Internet-Ansatzes, bei dem sich ein Jeder zu Allem in der Lage wähnt und die Vision über dem Handwerk steht. Dass Indie-Rock-Anleihen, Nu-Metal-Nummern bis hin zu Latin Pop-Song "I Don't Even Speak Spanish Lol" ohne genaueres Hintergrundwissen geschrieben und produziert werden, trägt nur zu ihrer natürlichen Ausstrahlung bei. Die Fans von X interessieren sich für seine Vision, seine Erfahrung und sehen es nur als Vorteil, dass so wenig Nachbearbeitung und Politur in die Musik fließt. Auf einer Meta-Ebene wird hier seine handwerkliche Rohheit zu einem Nachweis der Authentizität. Ein gänzlich neuer Ansatz, Musik zu beurteilen und zu konsumieren, die dank X auf einmal mitten im Mainstream stattfand, es mit Tracks wie "Sad!" und "Moonlight" sogar bis ins Radio geschafft hat.



Umgang

Diese Zäsur wird bleiben. XXXTentacion ist ein Manifest für den veränderten Anspruch an Künstler, die Trapmusik derzeit vorantreiben und dadurch ihre Fühler bis hin in die Popmusik ausfahren. Seine äußerst problematische Geschichte ist dabei nur ein weiteres Argument für seinen Magnetismus. Das Drama, die Kontroverse um seinen Namen haben nur noch weiter dafür gesorgt, dass das Spektakel seiner Musik sich ausufernder, fesselnder angefühlt hat. Für seine Fans haben seine Versuche, sich als Mensch zu bessern, genauso zur Erfahrung der Musik beigetragen, wie seine Rants und seine fragwürdige Social-Media-Präsenz. Intensiver als viele andere Musiker zur Zeit stellt XXXTentacion die Sehnsucht nach einer ungefilterten, authentischen menschlichen Erfahrung dar, die sich durch die DIY-Natur des Sounds bis auf die Meta-Ebene durch alle Facetten ihrer Realisierung zieht.

Auch deswegen war es der Öffentlichkeit bis zum Schluss nicht möglich, ihn trotz aller handfesten Nachweise seiner abstoßenden Taten effektiv zu boykottieren. Dafür war die Musik zu lebendig, zu unberechenbar, ohne je ihren gewissen Crossover-Appeal zu verlieren. Mit seinem Ableben wird sein Nachhall vermutlich noch anwachsen. Er wird eine Figur werden, die in ihrer Kontroverse auf die Größe eines R. Kelly anschwellen könnte. Dabei sollte man dennoch nie den Respekt vor diesen Umständen verlieren.

Jahseh Onfroy ist ein Kind aus unbeständigem Elternhaus, die Gewalt hat ihn ein ganzes Leben begleitet. Vom Schulverweis bis hin zur ersten Inhaftierung hat er sich dennoch entschieden, diese Spirale fortzusetzen. Wenn man will, dass seine Kunst als Zeugnis von Depression, Angst und Schuld auch in Zukunft den Stellenwert einnimmt, den es als Dokument der Zeit verdienen könnte, dann darf es nicht dazu führen, dass die Hörer gegen die Schwere seiner Verfehlungen und den Ekel seiner Gewalt abstumpfen. Vielleicht ist es das, was XXXTentacion in seinem sich selbst ambivalenten, immer wieder mit dem Suizid kokettierenden Schaffen angestrebt hat: Ein Mahnmal gegenüber den Schattenseiten der Gewaltspirale zu schaffen. Ein Gegengewicht gegen die eigenen Verfehlungen. Vielleicht wäre dieser Ansatz ein Weg, seine Kunst und seinen Einfluss in respektvoller Erinnerung zu halten, ohne seine Verbrechen zu verharmlosen oder zu normalisieren. Der posthume Konsum seiner Diskographie legt nämlich tatsächlich nahe, dass der Ekel vor diesen Abgründen die größte Triebfeder hinter der so authentisch dargestellten Depression gewesen sein könnte.


(Yannik Gölz)

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