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Review: Zugezogen Maskulin – Alle gegen Alle

veröffentlicht: Dienstag, 31.10.2017, 18:14 Uhr
Autor: baurau





01. Intro
02. Was für eine Zeit
03. Uwe & Heiko
04. Alle gegen Alle
05. Vor Adams Zeit
06. Stirb!
07. Yeezy Christ Superstar
08. Nachtbus – das war Ich hasse alle
09. Teenage Werwolf
10. Steffi Graf
11. Der müde Tod
12. Steine & Draht


Ich oute mich gleich mal als sort-of ZM-Fanboy – und höre, glaube ich, schon, wie sich die Kollegen bei Max im Büro versammeln und Wurfgeschosse verteilen. Meine Zuneigung rührt hauptsächlich daher, dass ich grim104 für den deutschsprachigen Rapper mit dem größten Potential halte. Dieses Potential rief er bei frühen Veröffentlichungen von Zugezogen Maskulin (hört euch nur "Lena Meyer Landruth" oder "Häuserkampf" an) regelmäßig ab und kulminierte in seiner bärenstarken selbstbetitelten EP. Testo wiederum ist der Grund für das "sort-of", denn obwohl dieser junge Herr live sehr gut rüberkommt, halte ich ihn für einen technisch deutlich beschränkten Rapper, der noch dazu nicht im Geringsten an die Texter-Fähigkeiten von grim herankommt. Dass er nicht ganz mithalten kann und eigentlich nichts zu sagen hat, spürt Testo wohl selbst, weshalb er ins vermeintlich Poppige und Plakative ausweicht, dabei aber schon beim ersten Schritt in Beliebigkeit und Stumpfsinn versinkt, was in seiner fürchterlichen "Töte deine Helden"-EP gipfelte. Die schlechte Nachricht ist, dass 104 zwar immer noch liefert, aber Testos Einfluss im Soundbild deutlich stärker wird und "Alles brennt" mit seinen plakativen Botschaften und Testos Gesang (bei "Plattenbau O.S.T." läuft es mir immer noch kalt den Rücken runter) das schwächste Release der beiden war, auf dem eigentlich nur grims Solosong "Oi" wirklich überzeugen konnte.

Doch plötzlich feiern alle halbironisch reiche Bengel/
Mit dem Sarah-Michelle-Geller-Swag aus "Eiskalte Engel"/
Hip-Hop hieß auf einmal: Unsere Väter haben Geld/
Und wir campen für die Yeezys vor dem Solebox in 'nem Zelt

(Grim104 auf "Yeezy Christ Superstar")

Sieht man sich das Cover dieses Albums an und den Titel "Alle gegen Alle", dann drängt sich mir das üble Gefühl in die Magengegend, dass der dämlich wirkende Titel keine Sub-Ebene umfasst, sondern wirklich so blass-verhärmt auf Bento-Art (ich schwöre, dass mir erst, nachdem ich das geschrieben hatte, aufgefallen ist, dass die eine grässliche Review zu dieser Scheibe geschrieben haben) auf eine angebliche Verrohung unseres gesellschaftlichen Diskurses anprangert – very 200X. Beginnen wir mit dem Titeltrack, so zeigt sich hier zunächst wie auf dem gesamten Album (besonders negativ auf "Teenage Werwolf"), dass die Hooks, für mich der größte Kritikpunkt am Vorgänger, tatsächlich noch eine Ecke schmalziger in-your-face wurden und endgültig Kraftklub-Niveau erreicht haben, schade.

Heut' sind wir noch richtig yolo drauf, Mann/
Einfach young und fresh/
Aber eines Tages sind wir alt/
So alt wie K.I.Z

(Testo auf "Stirb!")

Ein weiteres Problem von "Alles brennt" war das Potpourri an behandelten Themen, von Gentrifizierung über Jugendarbeitslosigkeit bis Krieg war alles dabei, wenngleich anders als bei Möchtegernpredigern wie den Antilopen zumindest meistens mit einem originellen Blickwinkel. Auch auf "Alle gegen Alle" findet sich wieder eine große Bandbreite von Themen, von Heimat ("Uwe & Heiko", "Nachtbus"), bösen sozialen Medien ("Stirb!"), überall etwas Konsumkritik und der gute alte Krieg ("Steine & Draht"). Wenn man aber selber nicht zufällig eine kongolesische Kriegswaise ist, was soll man dem als kommerziell orientierter Künstler denn wirklich ernsthaft mit dem Medium Musik neu hinzufügen? Blixa Bargeld kann das, klar, aber auf diesem Album führt es zu einer Zweiteilung der Songs in eine Kategorie der reinen Beschwersongs und in eine zweite, in der es den beiden MCs gelingt, aus einem abstrakten Thema eine sinnvolle Reduktion auf ihre eigene Gefühlsebene herzustellen oder in denen zumindest nicht eine rein monothematische Schiene gefahren wird, wie es noch bei "Alles brennt" fast ausschließlich der Fall war.
Rein sprachlich ist vor allem grim104, der auch in Interviews zur Scheibe deutlich differenziert nicht von einem "Wut-Album" sprechen will, nach wie vor eine echte Bank, der kluge Wortspiele, breit gestreute popkulturelle Referenzen und eine geballte Ladung Zynismus, aber auch Selbstironie in die Texte packt. Die Leistung der beiden MCs divergiert leider wieder stark, denn den Singsang, den sich Testo zugelegt hat und der mutmaßlich ironisch rüberkommen soll (gut zu hören auf "Was für eine Zeit"), aber sich nur artifiziell anhört, hält man auf Dauer kaum aus. Der Grimmige rappt ebenfalls mit bekanntem Stil, einer zeternden Aggressivität, die ihn aber im Gegensatz zu seinem Kollegen authentisch wirken lässt und auch viel besser zur Konzeption von ZM passt, die anders als K.I.Z oder der allseits beliebte Mushiflo keine reine Persiflage sein wollen – ich konnte beim besten Willen keine schwache Leistung von 104 auf diesem Album finden, Höhepunkt könnte sein Part auf "Steffi Graf" sein. Dieser Kontrast aus dumpfer Verschmitztheit und ehrlicher Empörung funktioniert aber halt nicht und lähmt das ganze Getriebe.
Die Produktion vom gewohnten Haus- und Hofproduzenten Silkersoft hilft den Protestsongs nicht, da sich die beiden Rapper mittlerweile meist von Synthies und Bässen im Artillerieformat begleiten lassen, so dass selbst Hudson Mohawke manchmal auf die Bremse treten würde. Ich mag so was persönlich sehr gerne, ich würde diesem Sound auch nicht kommerzielle Anbiederung vorwerfen wollen, da zumindest auf Albumlänge keine Provinzdisco derart stark verzerrte Musik spielen wird. Das ist kein Parolenpunkrock im HipHop-Gewand, eher eine vom Industrial angehauchte Monumentalelektronik in Riefenstahlschem Ausmaß, die wohl zum einen den Druck der sowieso schon nicht subtilen Messages verstärken soll, zum anderen eine Fallhöhe zusammen mit den oft ironisch gemeinten abgehobenen bis größenwahnsinnigen Lyrics aus Täterperspektive schaffen soll, die anschließend durch die Auflösung in den Texten zum Einsturz gebracht wird. Das gelingt zwar, behebt das Problem der Abnutzung über einen Großteil der Spielzeit aber nicht. Die bei den Themen angesprochene Zweiteilung zeigt sich auch hier, meist sogar deckungsgleich: Die feineren Songs ("Steffi Graf", "Der müde Tod", "Steine & Draht"), die mit mehr Originalität und Kreativität aufwarten können, weichen zumindest teilweise vom sonstigen Produktionsschema ab und bringen so (leider geballt am Ende) frischen Wind ins Album.

Skippy, Wicki, Flipper/
Bonzo geht nach Bitburg/
Unterm Schlussstrich schreibt man nichts mehr

(Grim104 auf "Steine & Draht")

Fazit:
Zugezogen Maskulin entwickeln sich weiter und das immerhin nicht nur in eine verkehrte Richtung. Was mich stört, habe ich oben hinlänglich ausgeführt, die Lichtblicke, die komplexer produzierten Titel und das leichte Abrücken von rein monothematischen Songs, sollen hier aber noch mal hervorgehoben werden und heben das Album für mich neben der teilweise tollen Leistung grims insgesamt über Durchschnitt. Das Duo scheint jedoch für grim104 immer mehr wie eine Zwangsjacke, die seine künstlerischen Ambitionen einengt. Ich wünsche ihm, dass er zusammen mit seinem Buddy wenigstens gut cashen kann, für das nächste Album erhoffe ich mir viel weniger Produktionsballast und weniger Plakatives. In der Zwischenzeit cutte ich mir alle Parts von grim104 raus und mache damit mein eigenes Mixtape "grim gegen 104". 2 Mics für Testo, 5 für Grim, treffen wir uns bei 3,5, die auch Silkersoft verdient hätte.


Franz Xaver Mauerer



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