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Review: Yung Hurn – Love Hotel EP

veröffentlicht: Dienstag, 14.03.2017, 13:20 Uhr
Autor: Max





01. Gefühle an dich in einer Altbauwohnung, Pt. I feat. Christian Rosa
02. Sag mir
03. Diamant (Love Hotel Band)
04. Rot
05. Vorbei
feat. Bausa
06. Blumé
07. Ich will dich (Piano Amore Edit)
08. Ja ich weiß
09. Pretty Babé
10. Gefühle an dich in einer Altbauwohnung, Pt. II


Karten auf den Tisch: Die deutsche Interpretation von Trap ist in vielerlei Hinsicht fehlgeschlagen. Statt einen eigenen Stil zu finden, adaptieren deutsche Rapper entweder den US-amerikanischen Vorreiter mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks oder schaffen eine wolkige Interpretation des Ganzen, die im Endergebnis, obwohl die Rapper das Prinzip, einfach Musik zu machen und nach Lust und Laune kreativ zu sein, verstanden zu haben scheinen, bei einem Großteil doch ordentlich in die Hose geht. Setzt man nämlich die rosarote Brille ab und lockert die Prinzipienreiterei etwas, sind die Songs, die am Ende bei der Mehrheit deutscher Trap-Künstler entstehen, trotz der noch so tollen Herangehensweise doch nicht mehr als durchschnittliche Pop-Anleihen mit ein paar Hi-Hats. Dennoch bestätigen zum Glück Ausnahmen die Regel: Als sogenannter "Cloud"-Rapper getarnt, schlich sich nämlich auch ein gewisser Yung Hurn (dessen Künstlername im Großen und Ganzen wohl auch alles über ihn bekannte ist) in die deutsche Szene und landete mit Songs wie "Opernsänger" oder "Nein" virale Hits, die zwar simpel, jedoch eingängig waren. So weit, so üblich, hatten Money Boy oder LGoony doch bereits nach ähnlichem Prinzip Erfolg – doch Yung Hurn wollte mehr, was wohl mit seinem "Krocha Tape" Anfang 2016, jedenfalls aber mit seinem Sommerhit "Bianco", der zusammen mit Bruder im Geiste (hoffentlich?) Rin die Festivalbühnen erobern sollte, deutlich wurde. Selten nämlich offenbarte ein anfangs noch eher humorvoll anmutender Act eine derartige Weiterentwicklung, die sich so rasant in Richtung musikalischer Vorreiter zu bewegen schien wie bisher bei kaum jemand anderem. Vielleicht Haftbefehl. Vielleicht. Dieser junge Mann kann Musik und er befindet sich künstlerisch in einer derart interessanten Entwicklungsphase, dass er mit der jetzt erschienenen "Love Hotel EP" die Weichen stellt; entweder für eine Stagnation auf gutem Level oder aber den ganz großen Wurf, der nachhaltig deutschsprachigen Rap, wenn nicht gar deutschsprachige Musik, auf lange Zeit prägen könnte. Folgt nach dem Sommerhit also der nächste Schritt oder handelt es sich, trotz aller Perspektiven, die man aufgrund seines Fortschritts annehmen kann, um ein One-Hit-Wonder?

Die Kritik vorab: Yung Hurn ist weiterhin Musik für Mittelschichtkids. Es ist wieder kitschig, es ist nicht ernsthaft, es ist gefühlvoll. Es ist für diejenigen, die sich zumindest im Rap weder für Politik noch Straßenalltag großartig begeistern können, da sie die Probleme eben maximal indirekt betreffen. Wem es gut geht, der braucht weniger Politik und interessiert sich daher auch weniger dafür, ja sieht sogar überhaupt keine Notwendigkeit für das Herauslassen von Frust oder Existenzangst. Auch hier sei angemerkt: Ausnahmen gibt es natürlich immer. Wer also größtenteils Geschichten aus Problemvierteln oder Kritik am System hören möchte, der wird textlich hier absolut nichts mitnehmen. Wenn Du jedoch um die 20 bist, studierst, kein Bafög bekommst, weil Deine Eltern zu viel verdienen, und ab und an auch mal schleifen lassen kannst: Willkommen. Und das ist keinesfalls negativ gemeint, denn musikalisch ist dieses Werk, wohlgemerkt für diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen, schlicht und ergreifend erster Güteklasse vom Bio-Bauernhof, von dem Deine Eltern immer das Frischeste vom Frischen holen, bevor sie den vollbeladenen SUV vor ihrer Stadtvilla parken. Fast so klischeebeladen wie der vorherige Satz sind jedoch die Zeilen des Österreichers selbst. Größtenteils kreist sich natürlich alles um Liebe, Liebe, Liebe, egal ob in einer Altbauwohnung oder im Video im ganz modernen Retro-Achtziger-Look (solltet bei Euren Eltern nochmal in alter Kleidung graben und überlegen, ob man diesen Trend wirklich will). Dabei erscheint die Themenwahl, die als roter Faden der gesamten bisherigen Diskographie des Wieners gelten dürfte, nur logisch: Was passt besser zu gefühlvoller Musik als die Königin aller Gefühle selbst? Denn so kitschig auch einige Zeilen anmuten mögen, sie sind im Gesamtkontext der Musik Yung Hurns nichts weiter als die Konsequenz aus mit verschiedensten Einflüssen gepaarten, samtweichen Klängen, sei es aus dem tiefsten South-Rap der USA oder schmalzigen E-Gitarren-Klängen, die Dieter Bohlen vor ein paar Jahrzehnten nicht besser hätte einspielen können. Was passt besser zu einem solchen Schmelztiegel der Kreativität als Texte, die eben hauptsächlich durch Emotionalität funktionieren?

Zwei Uhr früh in der Nacht/
Baby Nein, ich hab' keinen Schlaf/
Weil ich dein Gesicht vor mir hab'/
Weil ich's jetzt so dicht bei mir mag/

(Yung Hurn auf "Sag mir")

Natürlich stehen die Themen jedoch höchstens Spalier für ein musikalisches Grundgerüst, das der Kern der EP überhaupt ist. Und da wurde nochmal eine gewaltige Schippe draufgelegt. Ob Instrumentals, deren Spuren wahrscheinlich die Form eines Vokuhila haben, oder (und das ist umso erfreulicher) kantige Trap-Beats, die der Protagonist sicherer berappt als ein überwiegender Teil des deutschsprachigen HipHop. Ob Piano Edits, in denen er Gefühlen durch sich wiederholende Zeilen Ausdruck verleiht, oder ein lockerer Part über ausnahmsweise mal nicht Liebe, nämlich andere Gefühlshochs, Drogen oder Representer. Kaum hätte ich mir vorstellen können, nach den Anfängen dieses Mannes so etwas einmal zu sagen, aber verdammt – der Typ flowt. Österreichischer Dialekt gepaart mit einer Wortwahl, die jede noch so um die Ecke gedachte Punchline schon intellektuell meilenweit hinter sich lässt. Er singt, er rappt, er macht irgendwas dazwischen. Alles auf dieser Platte ist Yung Hurn und Yung Hurn ist Kreativität. Da wirkt es fast schon wie ein Fremdkörper, wenn der sich ebenfalls im Aufschwung befindende Bausa auf "Vorbei" einen Beitrag leistet, der dann leider auch in der Versenkung verschwindet. Es ist schlicht und ergreifend kein Platz für irgendetwas außer dem Protagonisten, komprimiert auf zehn Tracks, ob Rap, ob Pop, ob 80er, ob 2025: Die "Love Hotel EP" liefert viel, nur eben nicht genau das, was Du erwartest, und macht damit so gut wie alles richtig.

Baby schau/
Wer will keine Tasche von Louis Vuitton/
Oder Pullover von Vetements/
[…]
Brudi schau/
Alles, was ihr macht, ist out/

(Yung Hurn auf "Ja ich weiß")

Bei diesem Wirbel von Weiterentwicklung findet es mit Sicherheit der ein oder andere, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, sehr angenehm, wenn er "Pretty Babé" hört – zwar immer noch weit über dem früheren Niveau, könnte er so manchem dank des simplen Beats und der Adlips als 2016-Yung-Hurn-Gedächtnis-Song dienen.

Fazit:
So ausgiebig es durch "Gefühle in einer Altbauwohnung, Pt.I" eröffnet wurde, so atmosphärisch endet es durch den zweiten Part dieses Titels. Nicht zuletzt diese Harmonie macht die EP insgesamt zu einem konsequenten Werk, von vorne bis hinten. Auf gerade einmal 32 Minuten liefert der junge Österreicher einen Entwurf seiner Ideen und Vorstellungen, der weit über alles hinausgeht, was er bisher gemacht hat. "Love Hotel" zeigt, wie man Trap machen kann, ohne die amerikanischen Einflüsse an Travis Scott, Drake oder Young Thug Releases des vergangenen Jahres abzählen zu können. Es ist eine Demonstration, die nicht nur Yung Hurns vergangene Diskographie, sondern alle Rapper aus dieser Sparte mehr als alt aussehen lässt. Ein vielleicht unnötiges Feature und die ein oder andere Unstimmigkeit (so hätte "Diamant" weitaus besser ohne das Video funktioniert) schmälern die Tragweite dieses Werkes nur marginal: Vermutlich war er es schon lange, spätestens jetzt aber ist Yung Hurn dem Genre "Cloud" absolut entwachsen. Was uns präsentiert wird, ist ein Rapper und Musiker insgesamt, der noch viel Lust auf mehr macht und eine Entwicklung zeigt, die nahezu einzigartig ist. Ob diese EP einen nachhaltigen Einfluss ausübt, vermag nur die Zeit zu zeigen; das Potenzial dafür ist auf diesen zehn Tracks jedenfalls da.


(Max)



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