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Interview: Wyclef Jean ("Carnival", Young Thug, Spotify, Flüchtlinge)

veröffentlicht: Dienstag, 14.02.2017, 10:45 Uhr
Autor: InsertPointlessName


Was fragt man einen Künstler, der schon jede Frage auf der Welt gehört hat? Selbst wenn einem der Name Wyclef Jean auf Anhieb nichts sagt, so gab es wohl dennoch bei jedem Leser den Punkt im Leben, an dem man mit seiner Musik in Berührung kam. Mit den Fugees in den Neunzigern zur Ikone geworden, arbeitete Clef in den letzten beiden Jahrzehnten mit einigen der größten Popstars unserer Zeit zusammen – Produktionen für Superstars wie Destiny's Child, drei Grammys und mit "Hips Don't Lie" die direkte Beteiligung am Soundtrack unseres Sommermärchens schmücken sein Portfolio. 2017 meldet er sich nun gleich doppelt zurück: Seine "J'ouvert" EP ist dabei nur das Warm-Up zum dritten Teil der legendären "Carnival"-Reihe. Grund genug, sich Zeit für ein ausführliches Interview zu nehmen.



rappers.in: Dein Album kommt! Du wolltest es ja anfangs eigentlich "Clefication" nennen, nun ist es aber der dritte Teil deiner "Carnival"-Trilogie geworden. Warum dachtest du, dass es jetzt an der Zeit dafür wäre?

Wyclef Jean: Weißt du, die Musikindustrie ist wie ein Ozean; es gibt so was wie Ebbe und Flut. Und gerade fühle ich so eine Art "Carnival"-Welle – Drakes "One Dance", WizKid, Rihanna und die ganzen Reggae-Songs im Radio erinnern mich alle an mein eigenes Album von 1997. Wann immer ich Musik höre, inspiriert mich das, deswegen höre ich nie damit auf, Musik zu machen. Wenn mir jetzt etwas zustoßen sollte, existieren immer noch circa 200 unveröffentlichte Wyclef-Songs (lacht). Gerade fühlt es sich einfach richtig an, zurückzukommen.

rappers.in: Dass du dich daran erinnert fühlst, liegt wahrscheinlich auch an den karibischen Sounds, die derzeit in einer Menge Tracks verbaut werden, oder?

Wyclef Jean: Genau, deshalb bringen wir auch jetzt Anfang des Jahres die "J'Ouvert" EP, um den Leuten schon eine Richtung zu zeigen, wie sich das richtige Album dann im Juni anhören wird. Aber um auf die Frage zurückkommen: Ich bin ein Mann der Karibik, aber auch von der ganzen Welt. Deshalb habe auch in Bezug auf meine Alben immer von "New Modern World HipHop"-Alben gesprochen.

rappers.in: War es denn von Beginn an der Plan, die "Carnival"-Alben in Abschnitten von 10 Jahren zu veröffentlichen? Der erste Teil kam ja 1997, die Fortsetzung davon 2007.

Wyclef Jean: (lacht) Nein, tatsächlich nicht. Ich kann nur wiederholen, dass ich es "fühle". Fühle, wenn es an der Zeit für eine EP oder eben ein Album ist. Als ich "Gone Till November" gesungen habe, wusste ich ja selber nicht, wie viele November es letztendlich dauern würde. Nun sind wir aber offiziell zurück!

rappers.in: Vor zwei Jahren hast du unter anderem einen Song mit Avicii gemacht; nur eines von vielen musikalischen Experimenten in deiner Karriere. Gibt es überhaupt ein Genre, mit dem du rein gar nichts anfangen kannst?

Wyclef Jean: Ich bin da sehr eklektisch. Ich habe ja schon in jungen Jahren mit DJing angefangen und habe auf sehr vielen Partys aufgelegt. Der Erfolgsschlüssel eines DJs ist das Verständnis von so viel unterschiedlicher Musik wie möglich, da du ja auch immer für unterschiedliche Leute auflegst. Ich liebe einfach Musik allgemein, ich habe da nie... (überlegt) ich bin ja ein Fan von Jazz, speziell von Fusion-Jazz. Und da kann "Fusion" ja alles sein, das macht es so spannend. Deshalb bin ich prinzipiell natürlich offen für alle Arten von Musik.

rappers.in: In letzter Zeit fiel dein Name oft im Zusammenhang mit Young Thug, der ja unter anderem den ersten Song seines "Jeffery"-Albums nach dir benannt und dich auf dem gleichen Projekt gefeatured hat. War diese Hommage eine Ehre für dich? Wie ist der Kontakt überhaupt zustande gekommen?

Wyclef Jean: Ich habe allgemein ein gutes Standing bei der "neuen Generation" wegen meiner Vergangenheit. Eines Tages rief mich dann Thugger an und wollte mit mir die Namensrechte des Songs klären; am Ende hat er mich dann auch ins Studio eingeladen. Dort zeigte er mir eine Menge Musik und schlug vor, mich mit auf den Song "Kanye West" zu nehmen. So haben wir uns dann zusammengefunden. Er hat auf die selbe Art und Weise zu mir aufgesehen wie ich damals, als ich mit Carlos Santana "Maria, Maria" geschrieben habe. Das ist das schönste für mich – wenn ich irgendwo auf ein Konzert komme und ein 18-jähriger aus dem Publikum meine Sachen auswendig kennt, Songs von "The Score", "Carnival" oder die Musik mit Shakira. Das ist eine riesige Chance, sich über die Kids neu zu erfinden, und ich bin natürlich geehrt von der ganzen Liebe, die mir entgegengebracht wird.

rappers.in: Das muss ein unglaubliches Gefühl sein, zu sehen, wie eine komplett andere Generation die eigenen Songs mitsingen kann.

Wyclef Jean: Auf jeden Fall! Aber wie gesagt: Ich lebe nicht in einer Welt, in der das Alter für die Musik wirklich zählt. Ein Jay-Z ist fast 50 und immer noch in Sachen HipHop unerreicht. Ich bin 46, aber wenn ich mit der Gitarre auf die Bühne gehe, kann mir das auch keiner nachmachen. Trotzdem liebe ich natürlich, was die Kids machen und begrüße das sehr; wir sollten unbedingt Musik mit denen machen und die mit uns. Wichtig dabei ist, man selbst zu bleiben. Da liegt dann auch der Fehler, wenn Musiker der 90s versuchen, wie die neue Ära zu klingen, schließlich feiern die Kids einen ja aufgrund ihrer damaligen musikalischen Vision.

rappers.in: Jetzt, da du schon verschiedene Ären ansprichst: Vor ein paar Jahren hast du noch mit Leuten wie T.I. und Lil Wayne zusammengearbeitet, nun mit Vic Mensa und Young Thug; Rapper, die aktuell den US-amerikanischen HipHop dominieren. Bemerkst du eine andere Atmosphäre oder neuen "Spirit" in dieser Szene?

Wyclef Jean: Sie sind auf jeden Fall melodiöser. Die ganze Generation erinnert mich an die "Fugee"-Zeit. Nicht unbedingt inhaltlich, da hat jede Generation noch mal ihren eigenen Fokus, aber als wir damals mit den Fugees groß wurden, haben wir auch eine Menge gesungen und nicht nur gerappt. Einige Leute fanden das komisch und ich kann mich sogar an ein paar Magazine erinnern, die gesagt haben, dass das kein HipHop mehr sei. Heutzutage macht fast jeder einen Mix aus Gesang und Rap, das ist inzwischen zur Norm geworden. Oldschooler argumentieren dann manchmal damit, dass die Lyrics auf der Strecke bleiben, aber ich finde, da muss man differenzieren. Das ist nun eine ganz andere Generation und auf musikalischer Ebene entstehen da unglaublich tolle Sachen, gerade bei den Instrumentals.

rappers.in: Wird in den USA eigentlich auch HipHop aus anderen Ländern gehört? In Deutschland sind neben deutschem und amerikanischem Rap auch Künstler aus Frankreich recht präsent.

Wyclef Jean: Der springende Punkt ist, dass es bei uns unglaublich wichtig ist, die Sprache zu verstehen. Ich kenne zwar ein paar Wörter auf Deutsch, aber niemals genug, um die Lyrics zu verstehen (lacht). Der Text hat hier immer noch einen hohen Stellenwert, das hat natürlich auch mit dem Ursprung von HipHop zu tun.



rappers.in: Nach all den Alben, die du in deiner Karriere bisher schon veröffentlicht hast – wie viel Druck lastet noch auf dir, wenn du ein Album machst? Denkst du beim Produzieren schon über Dinge wie Resonanz nach?

Wyclef Jean: Ich befinde mich in einer so wunderbaren Position. Es ist inzwischen einfach ein komplett neues Zeitalter. Als wir damals Musik rausgebracht haben, sahen wir uns noch einem ganz anderen Druck ausgesetzt. Es hieß, wir mussten eine Million Platten in der ersten Woche verkaufen, 800.000 verkaufen ... nun geht es aber um das Streamen von Musik, das Entdecken von Musik. Du kannst dein Album plötzlich auf sieben Plattformen gleichzeitig veröffentlichen, das macht es für mich so spannend wie noch nie. Die neue Generation wird vielleicht vertraut mit meiner Musik und die alte Generation bekommt etwas, auf das sie seit "Carnival Vol. 2" gewartet hat – schneller als jemals zuvor.

rappers.in: Vor allem ist es möglich, mehr Musik veröffentlichen als jemals zuvor. Statt Verträge mit Presswerken auszuhandeln, kann man sein Release nun in Sekundenschnelle uploaden.

Wyclef Jean: Ja, das ist mir auch aufgefallen, als ich vor Kurzem "I Swear" rausgebracht habe. Oder bei "Hendrix", der dann mit den ganzen Spotify- und YouTube-Streams plötzlich mehrere Millionen Klicks hat und in den großen Playlists ist. Ich meine, das war nur eine Single. Wenn das die 90er wären, wäre ich schon dreifach Platin gegangen (lacht). Die Leute hören das aber umsonst. Und solange ich die mit meiner Musik erreiche, bin ich sehr zufrieden.

rappers.in: Zum Schluss ein paar politische Fragen: Ich weiß nicht, ob du über die aktuelle politische Lage in Deutschland im Bilde bist, aber zur Zeit haben wir auch hier eine "Flüchtlingskrise", die in manchen Regionen in Angst und Gewalt resultiert. Du als jemand, der sich selbst noch als Flüchtling bezeichnet – wie kann man den Leuten die Angst vor dem Neuen und Unbekannten nehmen?

Wyclef Jean: Ich glaube, ein großer Teil des Problems ist dieses propagandaartige Verhalten der Medien und Politiker. Es gibt so unfassbar viele Menschen auf der Welt, doch sobald irgendwo etwas passiert, eskalieren diese und verbreiten Angst; verallgemeinern. Wenn einer böse ist, sind es alle. Und auch, wenn wir uns mit diesen Ereignissen beschäftigen sollten, müssen wir uns doch an eine Sache erinnern, ob wir jetzt in Deutschland leben, in Amerika oder sonstwo: Wir sind alle Menschen und sollten alle nach Vereinigung streben.

rappers.in: Worte, die sich einige zu Herzen nehmen sollten. Umgekehrt, was sind die größten Hürden für einen Flüchtling in einem neuen Umfeld?

Wyclef Jean: Ich glaube, die größte Hürde ist es, akzeptiert zu werden. Das ist die harte Realität: Es ist für Menschen einfach schwierig, neue Menschen in ihrer Heimat zu akzeptieren. Du kannst diese Leute aber nicht immer nur verurteilen. Was ich ihnen dennoch zu verstehen geben möchte, ist: 99,9 % der Neuen sind tolle Menschen, die nichts mit dem zu tun haben, vor dem die Einheimischen Angst haben.



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Autor: Friedrich Stf.

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