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Review: Witten Untouchable – Republic of Untouchable

veröffentlicht: Sonntag, 05.02.2017, 17:06 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Gettin' Higher
02. Propaganda
03. Untouchable Workout
04. Rette sich wer kann
05. Handy hoch
06. Jules Verne
07. Aftershow
08. Offday
09. Erinnerungsskitze
10. Erinnerung
11. Undankbarer
12. Wenn ich fall'
13. Was hat das mit uns zu tun?!
14. Augen offen / Blick leer
15. Bring me down
16. Das hier ist mein Leben


Ich geh' raus in die Welt mit 'ner Audiodatei/
Schrei "Untouchable Album Nummer Zwei"/
Was ich mein', ihr braucht alle wieder Input/
Wo ich auch hinguck': Rapper vor dem Stimmbruch/

(Lakmann auf "Aftershow")

Kaum jemand scheint es mitbekommen zu haben, die meisten Magazine haben (zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt) vermieden, großartig darüber zu berichten und doch ist es da: Album Nummer zwei aus dem Hause Witten Untouchable. Natürlich beherrscht das Trio die Promomaschinerie keineswegs so gut wie viele Kollegen, was auch gar nicht ihr Anspruch zu sein scheint, aber dennoch hätten sie zumindest nach dem sensationellen "It was Witten" – das im Dezember 2013 erschienen ist und damit schon über drei Jahre in der Vergangenheit liegt – etwas mehr Aufmerksamkeit von der Szene erwarten können. Meiner Ansicht nach kommt es nämlich einer Frechheit gleich, nicht zu würdigen, was Creutzfeld-Jakob-Urgestein Lakmann, seine Partner Mess und Al Kareem sowie Produzent Rooq auf "Republic of Untouchable" veranstalten: In Zeiten von Autotunemassaker und Dancehall-Alben, in denen gefühlt jeder Zweite einfach nur versucht, auf Biegen und Brechen anders zu sein oder einen bereits erfolgreichen Amerikaner oder Franzosen kopiert – was leider viel zu selten auch wirklich brauchbare Musik zur Folge hat –, ist ein Release wie "Republic of Untouchable", auf dem einfach nur über klassische HipHop-Beats gerappt wird, erstaunlicherweise beinahe schon eine willkommene Abwechslung. Auf der Platte finden sich keine Versuche, neue musikalische Wege zu beschreiten, keine veränderten Songstrukturen, nur um der veränderten Songstrukturen willen, und genau das ist es, was dem Wittener Gespann am besten steht. Abwechslung kommt dennoch nicht zu kurz, denn neben den unterschiedlichsten Flows, die die drei Rapper auf beinahe jedem Song switchen, ähnelt auch kein Beat dem anderen. Ob nun klassische Oldschooldrumsets, orientalisch anmutende Streichersounds kombiniert mit synthetischem Klimpern, sich überlappende Samplepassagen oder wie auf "Offday" ruhige langsame Melodien mit genial gesetzten Cuts; was Rooq anfasst, klingt einfach nur verdammt dope.

Hass die ander'n, geb' Untouchable props/
Raus in die Welt aus Annen, das ist der Job/

(Mess auf "Jules Verne")

Inhaltlich konzentrieren die drei Rapper sich auch auf die Basics und streuen neben vielen Battle- und Representertracks sowie einigen gesellschaftskritischeren Passagen immer wieder vereinzelt private Leidensgeschichten ein, was sie stets glaubhaft und nachvollziehbar erzählen. Nebenbei machen sie auch noch ihrem Ärger über die aktuelle Szene Luft und erzählen witzige Storys vom Tourleben. Der ein oder andere eher suboptimal platzierte und mehr gewollt als gekonnt wirkende Wie-Vergleich, der meist auf das Konto von Mess geht, zum Beispiel "Mess am Mic, macht dich kalt wie Gletschereis" ("Untouchable Workout") trübt zwar die Stimmung, was allerdings in der Gesamtheit des Albums auch nicht weiter auffällt. Auch für Fans guter Reimtechnik finden sich große Momente und an dieser Stelle gilt es dann, Mess auch positiv zu erwähnen, der seine stets soliden Reimketten fast schon über komplette Parts erstreckt, ohne dabei am Inhalt zu kratzen, was auf diesem Niveau nicht vielen gelingt. Der wirkliche Flavour der Platte kommt erst in in den Hooks voll zur Geltung: Wenn die Stimmen von Lakmann, Kareem und Mess gemeinsam einsetzen und voller Elan die Zeilen rappen, entstehen stets kraftvolle, energiegeladene und unglaublich stimmungsvolle Passagen, die so auf kaum einem anderen Album zu finden sind.

Heut sind alle V.I.P. auf hohem Rang der Hierarchie/
Ausgezeichnet mit Awards für ihre mangelnden Verdienste/

(Al Kareem auf "Propaganda")

Fazit:
Wer "It was Witten" mochte, wird das neue Release aus dem Hause "Witten Untouchable" lieben, wer nichts mit dieser Art von Musik anfangen kann, dem kann ich leider auch nicht helfen, aber irgendwo veröffentlicht bestimmt bald der neueste MHD-Klon seine Free-EP für solche Menschen. Auf "Republic of Untouchable" treffen stark produzierte und kaum experimentelle HipHop-Beats auf ehrliche, stimmungsvolle und energiegeladen vorgetragene Lyrics, was in diesem Fall schon mehr als genug ist, um ein großartiges Album entstehen zu lassen. Auch wenn manch ein armer Unwissender vielleicht behauptet, Acts im Stil von Witten Untouchable würden im Jahr 2017 keinen mehr jucken, ist "Republic of Untouchable" wohl der Beweis, wie schön klassischer Deutscher Rap ohne Effekthascherei, Gesangseinlagen oder dem schlechten Kopieren von Trends aus den USA und Frankreich sein kann, und ich für meinen Teil hoffe nur, dass Lakmann sich durch seinen nahenden Vierzigsten nicht vom Rappen abbringen lässt.


El-Patroni (David)



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