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Special: Wie überlange Disstracks den Spaß am Beef zerstören

veröffentlicht: Mittwoch, 15.03.2017, 00:15 Uhr
Autor: Max

Auch wenn es viele Kinder-Happy-HipHopper nicht wahrhaben wollen: Beef gehört zu HipHop dazu. Damit meine ich nicht Battle, damit meine ich nicht Realtalk, ich meine Beef. Wirklichen, persönlichen Streit, der vollgepackt mit allem Möglichen an privater Fehde und kreativen Lines den Gegenüber möglichst ernsthaft und gleichzeitig unterhaltsam in die Knie zwingen soll. Gerade in Deutschland hat diese Disziplin Tradition: Seit Aggro-Zeiten und ersten Savas-Attacken so richtig beliebt, erlebte er seinen ersten kommerziellen Höhepunkt mit dem "Urteil", das einerseits, so würde ich behaupten, Ekos Karriere immer noch so ziemlich beendet hat und andererseits wohl Blaupause geworden ist, für alles, was danach kam. Bushido gegen Sido, Bushido gegen Fler, Kollegah gegen Aggro, Bushido gegen Kay und und und – um nur ein paar der bekanntesten der jüngeren Deutschrapgeschichte zu nennen. Deutschrapper erklimmen durch die Energie und Inbrunst, die sie, oft geleitet von Wut gegen eben den Feind, in ihre Disstracks stecken, zuvor ungeahnte Höhen und wachsen über sich hinaus. Ja, ich habe Spaß daran und ja, ich fand es immer geradezu spannend, auf den neuesten Konter oder den neuesten Angriff zu warten. Doch mittlerweile scheint die Magie, die diese 5. Säule des HipHop einst umkreiste, fast vollkommen erloschen: Denn ein Disstrack unter sieben bis zehn Minuten scheint zurzeit kaum noch vorstellbar zu sein. Ist es die Länge, die einen guten Disstrack ausmacht?



Eine Schuld will ich ihm nicht zuschreiben, eine der Ursachen für dieses traurige Phänomen ist aber mit Sicherheit Bushido mit "Leben und Tod des Kenneth Glöckler" gewesen. Man, war das legendär. Der rappt so lange. Der erzählt so viel. So ein episches Video. So eine Wut in der Stimme. Geil. Elf Minuten, die damals absolut beeindruckend waren, Kay One war besiegt, ohne sich groß gerührt zu haben (bis auf diesen einen komischen Song). Seine Antwort verpuffte daraufhin nach kurzer Zeit trotz epischer Länge. Und genau da schien es angefangen zu haben: Kays Ziel nämlich war es vorrangig, und damit prahlte er allzu gern, möglichst viel und möglichst lang zu rappen. So wollte er seinen Gegner übertreffen. Am Ende kamen dabei 25 Minuten raus, die man auch gern auf fünf hätte kürzen können. Warum auch immer: Trotz dieses abschreckenden Beispiels schienen es einige Rapper wohl für klug zu halten, diese Idee zu adaptieren. Das Prinzip: Je länger desto besser. Dabei war egal, ob es um ein Videobattle ging oder um Beef. Hauptsache, dein Track ist länger als der deines Gegners – schließlich beweist das, dass du viel mehr schreiben kannst, dass du viel mehr Zeilen einrappen kannst, dass du ein viel längeres, inhaltsvolleres und teureres Video machen kannst (wer erinnert sich, wie Kay One die Rechnung gepostet hat?). Doch zieht diese Logik? In vielerlei Hinsicht scheinen sich einige Fans tatsächlich davon beeindrucken zu lassen. Wie oft lesen wir, dass Spongebozz ja 30 Minuten Tracks innerhalb so und so kurzer Zeit machen könne. Doch eines vergessen Rapper wie Kollegah bei "Fanpost 2" oder KC Rebell bei "Dizz da" (obwohl dieser sich mit sieben Minuten noch halbwegs zusammenreißen konnte): Musik. Denn wenn Ihr einen Disstrack macht, macht Ihr immer noch Musik. Ihr dreht keinen Film oder schreibt ein Theaterstück. Das gucke ich mir vielleicht zwei-, dreimal an, wenn es mir gefällt. Aber Musik – die höre ich wieder und wieder, wenn sie mir gefällt, bis sie mir und all meinen Bekannten förmlich aus den Ohren quillt. Und einen Track, der 25 Minuten geht, höre ich mir ehrlich gesagt nicht ein einziges Mal wirklich an.

Deutschrap schafft sich mit dieser Herangehensweise ein großes Problem, das es eigentlich gar nicht bräuchte. Und es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar: Musik, die öfter gehört wird, generiert mehr Klicks, der Gegner wird viel mehr mit Deinem Track zugedröhnt und Du selbst schaffst etwas, das vielleicht noch in Jahrzehnten hin und wieder durch die Boxen dieses Landes dröhnt. Unter kommerziellen, taktischen und vor allem künstlerischen Gesichtspunkten ist es schlicht und ergreifend sinnvoller, seinen Diss auf ein paar Minuten zu komprimieren und die Hörer durch einen wirklichen Song zu überzeugen – nicht durch einen schlecht gedrehten Möchtegern-Kinofilm. Auf lange Sicht wird dieses Prinzip der immer länger werdenden Disstracks nicht funktionieren; das Ganze tut weder der HipHop Szene insgesamt gut, die dadurch vielleicht sogar die Lust am Beef komplett verlieren könnte, noch tut es den Rappern gut, die diese überlangen Songs produzieren. Ich jedenfalls gebe die Hoffnung nicht auf, irgendwann einmal wieder schöne, harte Disstracks wie "Das Urteil", "Fanpost" oder "Frohe Weihnachten" zu hören zu bekommen. In den USA hat Drake eindrucksvoll bewiesen, dass zwei Minuten schon reichen, um einen Gegner zu zerstören. Angeblich soll Sun Diego bald einen 1000-Bars-Diss veröffentlichen. Sollte das wirklich kommen, wird dieser Track wohl die Sterbenshymne für geilen Beef in Deutschland sein.


(Max)

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