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Interview: Weekend: "Die deutsche Hörkultur ist am Sack" (Interview)

veröffentlicht: Samstag, 21.10.2017, 17:19 Uhr
Autor: InsertPointlessName


"Keiner ist gestorben" – das ist die letzte gute Nachricht, die noch übrig ist. Gleichzeitig wohl auch die denkbar schlechteste. Zyniker war Weekend schon immer, auf seinem neuen Album zeigt der Gelsenkirchener jedoch zusätzlich politische und persönlichere Facetten. Dominierten die vorherigen Alben noch Weekends feinsinnige Beobachtungen des Alltags aus der Graswurzelperspektive, geht es nun mehr ums große Ganze. Wir sprachen mit ihm über Politik, die deutsche Musiklandschaft und den Echo.



rappers.in: 2015 hast du mit "Für immer Wochenende" und "Musik für die die nicht so gerne denken" gleich zwei Alben kurz hintereinander veröffentlicht. Wie sah die Entstehungsphase zu "Keiner ist gestorben" aus? Bist du nach so viel Output erstmal in ein Kreativloch gefallen?

Weekend: Also, "MFDDNSGD" ist in meinem Kopf gar nicht so ein richtiges Album, eher eine Art Tape zwischendrin. Das ganze Projekt ist in einem Monat entstanden, ich musste mich damals nicht aus meiner Komfortzone bewegen, sondern konnte einfach machen, worauf ich Bock hatte. Die Arbeit daran war also weniger akribisch als an einem Album, schon weil es so schnell ging. Bei dem jetzigen Album wusste ich dagegen schon, dass mein Anspruch ans Musikmachen irgendwo in der Mitte liegt – "Für immer Wochenende" ist mir rückblickend vielleicht ein bisschen zu ernst oder sogar zu brav, "MFDDNSGD" dagegen eben eher eine Spaßnummer. Bei "Keiner ist gestorben" wollte ich einfach wichtigere Dinge loswerden, als da passiert sind.

rappers.in: Also ein konkretes Konzept stand nicht von Beginn an?

Weekend: Nee, ich finde nicht, dass es wie'n Konzeptalbum funktioniert. Das hat 'ne Stimmung und man merkt, dass es in einem Mindstate entstanden ist, aber … Es gibt ja Leute, die machen ein Album zu einem Thema, da bin ich, glaube ich, zu sprunghaft für. Heute rege ich mich über die Sache auf und morgen freu ich mich über das. Ich widerspreche mir auch auf dem Album, aber ist doch okay. Man muss nicht immer konstruktiv sein und eine Meinung zwei Jahre vertreten, manchmal ist man auch einfach nur sauer und pöbelt. Und das ist das, was auf dem Album auch stattfindet.

rappers.in: Man merkt auf jeden Fall, dass du deutlich zynischer und sarkastischer bist als auf allem, was du davor gemacht hast. Als hätte sich über die letzten Monate einiges angestaut, was sich jetzt auf einmal entlädt.

Weekend: Es ist keine bewusste Ansammlung von Dingen, die mich nerven, das soll jedenfalls nicht das Konzept sein – auch wenn meine Musik immer ein bisschen so funktioniert hat. Mein erstes Album ist ja fast ein Themenalbum dazu, dass ich in die Rapszene komme und alles erstmal nicht so gut finde, auch ein wenig skeptisch bin. Das war damals das Thema, was mich beschäftigt hat und darum hab ich das so geschrieben. Ich kann verstehen, dass man das drei Jahre danach nicht mehr so interessant findet. Bei meinem zweiten Album war dann mehr Positives dabei, aber im Grundtenor bin ich da auch "Hater" (lacht).

rappers.in: Aber ein sympathischer Hater!

Weekend: Ich hoffe! Es ist halt immer die Frage, ob man sich darin wiederfindet. Wenn ich etwas hate, musst du es ja nicht auch haten. Wenn wir da zwei verschiedene Ansichten haben, wirst du diesen Song dann vielleicht nicht so feiern, aber so ist es ja immer in der Musik. Um das abzuschließen, es war jedenfalls nicht das Ziel, ein aggressives Album zu machen. Das ist am Ende eher der Zeit geschuldet, in der wir leben und dadurch, dass ich mein eigenes Leben nicht mehr so zum Mittelpunkt meiner Musik mache wie früher. Ich glaube, das hat mir ganz gut getan.

rappers.in: Die obligatorische Frage nach den Features: Fatoni, Edgar Wasser und 3Plusss sind wieder vertreten, wie auch auf deinem letzten Release, die Produzenten zum Großteil auch. Never change a running system?

Weekend: Mhmm, fangen wir so an: Peet ist so der Motherfucker, bei dem auch auf diesem Album wieder alles zusammengelaufen ist. Mit dem habe ich schon immer Mucke gemacht und mit dem werde ich wohl auch immer Mucke machen. Es gibt da keine Regel, wenn ich 'nen geilen Beat finde und drauf rappe, ist er da auch nicht böse – im Gegenteil, er findet das wahrscheinlich sogar gut, wenn ich ihn mal nicht mit Arbeit zuhaue (lacht). Das gilt im Grunde auch für Bennet On.
Neu dabei ist auf diesem Album jetzt MazeOne, ein junger Typ aus Ansbach, den ich bei 'nem Beat-Battle entdeckt hab. Ich war da in der Jury und als er aufgelegt hat, war das echt wie ein erleuchtender Moment, nach dem Motto: "Das ist doch genau das, was wir machen, wir müssen unbedingt mit ihm Musik machen". Später hat sich herausgestellt, dass er insgeheim sogar darauf gehofft hat, dass wir alle da sind.

rappers.in: Und bei den Features?

Weekend: Ich hab auch schon Rapsongs gemacht mit Features, wo's mir am Ende scheißegal war, was mit denen gemacht zu haben; wo man danach nie wieder gequatscht hat und es im Endeffekt auch keine befruchtende Zusammenarbeit war. Für dieses Album habe ich mir vorgenommen, nur Features zu machen, die hundertprozentig passen. Hättest du mich vor den Aufnahmen gefragt, wer die drei Deutschrapper sind, die ich am meisten feier, hätte ich dir vermutlich Dennis, Anton und Edgar (3Plusss, Fatoni, Edgar Wasser d.Red.) genannt. Überraschungsfeatures tun einem Album in puncto Aufmerksamkeit sicher gut, aber es gab eben auch schon Situationen, wo ich solche Zusammenarbeiten in meiner Karriere retrospektiv ziemlich langweilig fand.

rappers.in: Spielst du da auf dein Sido-Feature an?

Weekend: Das hatte ich jetzt nichtmal konkret im Hinterkopf. Ich mag den Song sehr gerne, er war auch fertig, bevor es überhaupt zu dem Feature kam. Damals hat man sich einmal irgendwo getroffen, war ganz nett, heute läuft man auch mal auf einem Festival aneinander vorbei, ohne "Hallo" zu sagen – aber scheiß drauf! Auf der einen Seite immer noch cool, einen Song mit Sido gemacht zu haben, wenn's aber nicht passiert wäre, wär's auch nicht so schlimm. Ein Album verkauft sich nicht besser, weil du einen bestimmten Feature-Part drauf hast.

rappers.in: Wir haben eben schon kurz drüber gesprochen, aber nun noch einmal konkret: Verdrossenheit ist Kernangelegenheit auf deiner neuen Platte. Gegenüber der Rapszene, der Politiklandschaft, gegenüber einigen gesellschaftlichen Entwicklungen. Warum entlädt sich das alles jetzt?

Weekend: Das war ja immer so ein Schwerpunkt, dass ich mit vielen Dingen, die im Rap stattfinden, inhaltlich nichts anfangen kann und dem widerspricht, was ich moralisch vertrete. Das ist schon offensiver auf diesem Album, liegt aber auch daran, dass ich inzwischen mehr hinterfrage, was meine eigenen Werte ... (überlegt) – Guck mal, ich bin dreißig Jahre alt, ich hab' keinen Bock mehr, mir von irgendwelchen Leuten erzählen zu lassen, dass die Drogen verkaufen, dann verkaufen sie aber gar keine Drogen. Das ist doch ein langweiliges Konzept und interessiert mich auch nicht. Dann kann ich auch Tim-Bendzko-mäßig Motivationslieder hören, der hat genauso viel zu sagen.
Musikalisch sind auf der anderen Seite so viele Rapper zu Wendehälsen geworden, die mit jedem Trend mitgehen. Erst hab ich Cool Kids gebitet, dann habe ich Casper-Karaoke gemacht und heute bin ich Travis Scott – ja cool, ich würde auch mal voll gern dich rappen hören, aber bisher hast du ja immer nur andere gerappt.

rappers.in: Gibt es denn auch Szeneentwicklungen, die du gut findest?

Weekend: Es gibt voll viele geile Sachen, nur sind die dann eben meist total unerfolgreich. Ich glaube, die Interpreten von meinen Lieblings-Deutschrapalben können nicht davon leben. Es liegt aber auch daran, dass die Hörkultur in Deutschland ziemlich am Sack ist. Meine These ist, Kendrick Lamar würde in Deutschland 300 Vinyls verkaufen.

rappers.in: Aber dann ist es doch bemerkenswert, dass sich gerade das Gros an den USA orientiert.

Weekend: Es ist halt immer so lose daran angelehnt. Ein richtig gutes Straßenrap-Album aus den USA ist für mich zum Beispiel "Blank Face" von Schoolboy Q. Das hätte in Deutschland keinen Erfolg, das ist viel zu musikalisch, da geht es zu wenig um das, was die Leute vielleicht "Image" nennen; zu wenig Phrasen, die man auf ein T-Shirt drucken kann. In den USA ist das anders, da geht es mehr um die Musik an sich. Das ist in Deutschland gerade so ein bisschen verloren gegangen. Es mag ein Luxusproblem sein, sich darüber zu beschweren, aber ich mache es eben einfach.

rappers.in: Vemisst du in Deutschland einen eigenen Sound, etwas, das originär hier entstanden ist?

Weekend: Ab und zu gibt es das ja. Casper zum Beispiel, Indiemucke mit Rap, das hat der nicht irgendwo geklaut, er hat da einfach verschiedene Einflüsse ganz neu zusammengebracht.

rappers.in: Klar, Casper wird in dieser Frage immer als Vorzeigebeispiel aufgeführt.

Weekend: Oder Dendemann! Der hat auch 'nen ganz eigenen Style, mit 'nem Beat umzugehen. Klar ist das auch irgendwie inspiriert, aber es ist auch einfach großartig und eigen. Oder K.I.Z, die funktionieren ja gar nicht so über den musikalischen Teil, sondern eher über Text und Witz. Aber dass sich daraus 'ne Kultur gebildet hätte, wie in England Grime zum Beispiel, nein. Hier sieht man, dass Trap in Amerika groß ist, dann wartet man ein paar Jahre und macht es dann auch. Mhmm.

rappers.in: Finde ich tatsächlich einen spannenden Ansatz. Vielleicht kann deutsche Musik am besten auf textlicher Ebene innovativ sein.

Weekend: Aber aktuell ist es doch so, dass Schreiben total vernachlässigt wird. Das, was ich mache, ist, glaube ich, eigentlich viel zu textlastig. Manchmal ratter ich einen ganzen Song ohne Pausen runter, weil ich viele Dinge sagen will – so muss man ja gar nicht vorgehen. Aber einen Text aus 30 Worten zu machen und in der Hook nur Automarken aufzuzählen, kann es auch nicht sein. Wir müssen das Thema wechseln und aufhören zu haten. Also, ich muss aufhören zu haten (lacht).



rappers.in: Okay! Ende 2016 hast du dich mit "Das Lied des Jahres" konkret politisch geäußert, für nicht wenige überraschend. Wie kam es dazu?

Weekend: Tatsächlich war das Lied schon Mitte des Jahres zu einem Großteil fertig geschrieben und sollte eigentlich das Album-Outro werden. Dann wurde das Album nicht fertig und ich habe es vorher rausgehauen. Die Grundemotion des Songs ist ja dieses verlorene Vertrauen in das, was um einen herum passiert. Wenn man merkt, dass es 2017 wirklich noch einen Rechtsruck gibt oder einen Trump als Präsidenten. Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich so etwas noch erlebe. Ich dachte, wir leben in einer aufgeklärten, fortschrittlichen Gesellschaft und Rechte von Minderheiten werden nur noch stärker. Jetzt haben wir uns allerdings in nicht einmal zwei Jahren sehr, sehr schnell zurückentwickelt.

rappers.in: Wir sprechen wenige Tage nach der Bundestagswahl, die AfD hat gerade 13% geholt.

Weekend: Man denkt immer, 13% ist als Wert nicht besonders viel. Ich kann jetzt aber durch die Straßen gehen und sagen 1, 2, 3, 4, Nazi. Ich hab vor der Wahl auch einen Post auf Facebook abgesetzt und mich anschließend gefragt, ob ich überhaupt Einfluss auf die Wahl der Leute nehmen kann und will. Für mich verläuft die Grenze im Endeffekt bei der Demokratie und ob man dann CDU, SPD oder Grüne wählt, ist dann jedem selbst überlassen. Aber die Scheiß-AfD? Das ist undemokratisch, das ist Hass. Diese Verbitterung hört man auch auf dem Album heraus, auch wenn ich sie nicht so konkret anspreche.

rappers.in: In Gelsenkirchen sind es sogar 18%, also noch einmal erheblich mehr Menschen. Bekommst du das auf der Straße oder im Alltag mit?

Weekend: Nein! Meine Freunde und ich haben uns die Wahl in unserer Stammkneipe liveticker-mäßig angeguckt und keiner von uns hat gecheckt, wer diese Menschen sein sollen. Ich würde mich voll gerne mit diesen Leuten unterhalten und herausfinden, warum sie so handeln, aber ich weiß einfach nicht, wer es wählt. Man ist da in zwei Blasen unterwegs, die sich aber nie treffen. In der Theorie kriegt man es mit, in der Praxis lebt man aneinander vorbei.

rappers.in: Da wäre man bei den klassischen Filterbubbles. Vermutlich ist das Ganze doch weniger abstrakt, als man gemeinhin annehmen würde.

Weekend: Aber das passiert ja nicht nur in den Netzwerken oder einzelnen Medien. Wenn ich in die Kneipe gehe, sollte man sich doch da wenigstens begegnen, oder?

rappers.in: Es möchte eben, verständlicherweise, keiner zugeben, dass er die AfD gewählt hat.

Weekend: Ich glaube gar nicht, dass es AfD-Wähler nicht zugeben möchten. Eher, dass die sich in einem komplett anderen sozialen Umfeld bewegen. Deshalb bringt es wahrscheinlich auch grundlegend nicht so viel, wenn ich mich zu diesen Themen öffentlich äußere. Man baut sich ja sein Umfeld aus den Leuten, mit denen man ähnliche Ansichten teilt und die man gut findet. Daher glaube ich auch nicht, dass ich ich diesen Menschen wirklich begegne.

rappers.in: Auf "Bottom" spielst du auch mit dem Klischee der Story "Junge, Ende 20, möchte irgendwas verändern". Ist das der Grund, warum du an vielen Stellen nicht so konkret wirst? Vielleicht auch, weil politische Message von weißen Rappern aus der Mittelschicht nicht so eine Wirkmacht hat?

Weekend: Ich finde zum Beispiel, dass "Superheld ist ein Scheißjob" oder auch "Bottom" sich sehr mit dem Thema auseinandersetzen. Bei "Bottom" geht es ja darum, in den Kopf von Menschen zu wollen. Dort stellt sich dann die Frage, was ich mit Musik erreichen kann und was nicht. Ich wollte nicht dieses politische Zeigefinger-Album machen und Handlungsaufträge erteilen, das finde ich langweilig. Ich setze jetzt einfach mal unser aller gute Einstellung voraus und hoffe, dass die Leute verstehen, wovon ich da rede und welche Ernüchterung sich, hoffentlich, gerade bei uns breit macht.



rappers.in: Kommen wir noch auf den letzten Track deines Albums zu sprechen, "Die Rede für den Preis den ich nie kriegen werde". Wer ist der Typ, der den Echo auf dem Klo hat?

Weekend: Ich weiß nicht, ob er möchte, dass ich das sage (lacht). Er kennt diesen Opener auf dem Track, aber wir haben nie darüber gesprochen, ob er damit cool ist, wenn ich seinen Namen verrate. Jedenfalls war ich bei ihm zuhause und er hat wirklich einen Klopapierhalter daraus gebaut, großartig!

rappers.in: In dem Song inszenierst du eine "Dankesrede", die wie eine Kritik am Echo und den fragwürdigen Dingen anmutet, die da in den letzten Jahren passiert sind. Warum interessiert dich das so, wenn die Preisverleihung in Musikerkreisen ohnehin längst verpönt ist?

Weekend: Es ist ja kein Lied gegen den Echo. Vielmehr geht es darum, eine Situation zu schaffen, wo dich alle hören. Der Echo ist ein Platzhalter, das könnte alles sein. Es geht darum, was mir wichtig wäre, wenn ich für einen Moment diese gebündelte Aufmerksamkeit hätte. Die Sachen, die ich in dieser Rede anspreche, sind wichtiger als das konstruierte Drumherum.

rappers.in: Du bist jetzt vier Jahre hauptberuflich Rapper. Als kleine Zwischenbilanz, könntest du dir dieses Leben im Moment noch zehn weitere vorstellen?

Weekend: Jetzt gerade ist es tatsächlich so, dass ich voll Bock habe, wieder einen normalen Ausgleich zu haben. Ich werde auf jeden Fall weiter rappen, aber ich weiß noch nicht, was das nächste Projekt nach meinem Album wird. Vielleicht suche ich mir nach der Tour im Januar auch erstmal einen Job. Nicht einmal, weil es finanziell eng aussehen würde; eher, um nochmal was anderes zu sehen. Ob mich die vier Jahre als Vollzeit-Musiker glücklicher gemacht haben, als es ein normaler Job getan hätte – schwer zu sagen. Aber ob es jetzt mein letztes Album war oder ich mich übermorgen doch wieder an einen neuen Text setze, weiß nicht einmal ich selbst.



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Autor: Friedrich Steffes-lay

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