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Review: Vega – Vincent

veröffentlicht: Dienstag, 10.01.2012, 00:40 Uhr
Autor: Redaktion





01. Vincent ist da
02. Dem Himmel so nah
03. So weit weg
04. Feuer
05. Ich bin König heut
06. Vollmond

07. Mit dem Kopf durch die Wand feat. Bosca
08. Wasser
09. Alles was zählt

10. Kannst du es sehn' feat. Timeless
11. Freund sein
12. Erde
13. Freitag der 13te
14. Nur du
15. Luft
16. Outro


Über zwei Jahre ist es heute her. Mit "Lieber bleib ich broke" erschien das damals so lang ersehnte Debütalbum des Frankfurter Rappers Vega. Seitdem hat sich einiges in seinem Umfeld verändert. Streit mit dem Labelpartner, rechtliche Schwierigkeiten um seinen Namen. Am Ende stand die Gründung eines neuen Labels: Freunde von Niemand, besetzt mit einigen ambitionierten Rap-Acts und Producern. Doch auch dann ging es weiter – Olson verließ das Label vorzeitig, Timeless kam dazu. Veränderung um Veränderung. Vega selbst scheint sich auf seinem zweiten Machwerk "Vincent" hingegen treu geblieben zu sein. Durch mitreißende Fantasiegebilde beschreibt er auch hier wieder selbstbewusst und kämpferisch seinen Weg.

"Sag den Leuten, ich hab' Meere durchschwommen/
Nein, sag ihnen, ich hab' Berge erklommen/
Und erzähl ihnen, auf der Fährte zur Sonne/
Hab' ich Löwen bekämpft, gegen Bären gewonnen/
"
(Vega auf "Dem Himmel so nah")

Passend zu Vegas wiederholter Forderung nach der Krone der Rapszene ist auch das Soundbild seines gesamten Albums. So hat es fast schon etwas Majestätisches an sich, wie die Hall-lastigen Beats, durch Pianos, Violinen oder Chöre verziert, aus der Anlage kommen. Das Gesamtbild wirkt dadurch auch stimmiger als beim Vorgänger, die Tracks fungieren nicht als einzelne Anspielstationen, sondern als komplexe Einheit. Selten genug, dass so etwas funktioniert. Thematisch zeigt sich der König ohne Krone von seiner gewohnten Seite: Freundschaft und Liebe, der Kampf um Anerkennung und Respekt, Werte und Moral, Frankfurt und die Rapszene. Dabei sind es gerade auch seine Stimme und ihr Druck, die den Aussagen eine ungewöhnliche Authentizität verleihen.

Oftmals ist es schwierig, bestimmte Tracks einer dieser Thematiken zuzuweisen, da immer wieder alle Themengebiete auf den einzelnen Anspielstationen vertreten sind. Mangelnde Themenvielfalt könnte man dem Frankfurter vorwerfen. Für mich ist das Ganze jedoch eine konsequent aufgebaute, stimmige Atmosphäre – was mir um Welten lieber ist, als inhaltlich voneinander gelöste Tracks in einer unschlüssigen Reihenfolge als Sammelsurium. So verliere ich mich in der Komposition von "Wasser", nur um im darauf folgenden Track mithilfe einer durchdringenden Kick wieder auf die Straße geworfen zu werden ("Alles was zählt"). Gerade einem Vega, der die Themen Loyalität und Freundschaft seit Jahren in seinen Stücken behandelt, müssen die vergangenen Schwierigkeiten um Labeldifferenzen persönlich sehr nahe gegangen sein. Das Vertrauen in sein Umfeld scheint dabei aber ungebrochen.

"Und sei dir sicher, meine Leute vertrau'n/
Und diese Krone bringen wir heute nach Haus'/
So machen wir es bei uns. Noch immer King in der Booth/
Will Sorgen im Alk ertränken – doch sie schwimmen so gut/
"
(Vega auf "Freund sein")

Die Freunde von Niemand-Kollegen Timeless und Bosca sind – man muss fast schon sagen: konsequenterweise – die einzigen Featurepartner auf "Vincent". Auf "Kannst du es sehn'" liefert Timeless neben Vega einen soliden Part ab, der das Potenzial des Kölners mehr als nur andeutet. Bosca ("Mit dem Kopf durch die Wand") fällt mit seiner Leistung für mich im Vergleich zu Vega leider ab. Dass er das besser kann, hatte er erst kürzlich auf seinem Solodebüt "Fighting Society" bewiesen.

Zwischen all den längeren Anspielstationen geht Vega auf seinem zweiten Album mit vier je um die anderthalb Minuten starken Tracks die Grundelemente durch. Auf "Feuer" aggressiv, auf "Wasser" nachdenklich, auf "Erde" kämpferisch und auf "Luft" – wie er selbst sagt – "schwerelos" und im ungewohnten Doubletime-Modus. Solche konzeptionellen Spielereien auf Alben faszinieren mich möglicherweise sehr leicht – atmosphärisch verstärken diese Einspieler jedoch zweifellos den Eindruck einer bestimmten, düsteren Schwere, die auf der Platte ruht. Gegen Ende des Albums wird der Adlerjunge noch persönlicher als bisher. Angefangen mit "Nur du", meinem persönlichen Albumhighlight, auf welchem man nicht nur Liebes- und Loyalitätsbekundungen findet, sondern sich der Interpret selbst, als Frankfurter Ultra und Straßenrapper, verletzlich und angreifbar zeigt.

"Denn wenn es keiner schafft, dann schaffen es wir/
Vergesse nie die Tränen in der Nacht, in der ich dachte, du stirbst/
Doch du bist meine Frau und ich bin dein Mann/
Ich hab's dir nie gesagt, doch ich wär' mitgegangen/
"
(Vega auf "Nur du")

Auf dem von Streichinstrumenten unterlegten "Outro" folgt nun doch noch die tiefgehende Auseinandersetzung mit den Geschehnissen der letzten beiden Jahre. Auch, wenn man als Außenstehender wohl nicht jede der größtenteils personenbezogenen Zeilen verstehen kann, entfaltet der Track seine Wirkung. Hier dürften die meisten Fans dann wohl am gespanntesten lauschen, wenn Vega die Vorkommnisse mit seinem Ex-Labelkollegen und Freund Olson thematisiert.

Fazit:
Mit "Vincent" liefert Vega ein persönliches, aber vor allem stimmiges Album ab, welches bei mir wohl noch einige Zeit auf Rotation laufen wird, ohne dass überhaupt Teile geskippt werden müssen. Ein ehemaliger Tourpartner des Freundes von Niemand hat es letztes Jahr an die Spitze der Charts geschafft – auch, weil seine Musik unglaublich viele Leute nachfühlen konnten. V spricht eine ähnliche, immer weiter anwachsende Zielgruppe an, nur, ohne dabei seinen Bezug zur Straße zu vernachlässigen. Um es in seiner Sprache zu sagen: Nach "Vincent" hat Vega die Schwelle zum Thronsaal endgültig überschritten.


Nikepa (Niklas Potthoff)



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