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Interview: Vega

veröffentlicht: Mittwoch, 11.01.2012, 21:27 Uhr
Autor: lupa




Das vergangene Jahr lief insgesamt ziemlich gut für den Frankfurter Rapper Vega: Nach einigen Streitigkeiten mit ehemaligen Kollegen und der zwischenzeitlichen Angst, gar den Künstlernamen verlieren zu können, ging es 2011 mit rasanter Geschwindigkeit wieder bergauf. Der "Adlerjunge" gründete ein hauseigenes Label, nahm diverse Künstler wie Migo, Timeless und Bizzy Montana unter Vertrag und spielte deutschlandweit erste größere Konzerte auf einer Tour. Innerhalb weniger Monate entstand eine regelrechte Bewegung – Phänomen "Freunde von Niemand". Denn scheinbar hat der Straßensound aus FFM einen äußerst hohen Identifikationsfaktor für viele Rapfans in Deutschland. Nachdem Bosca mit "Fighting Society" 2011 den Anfang machte, steht nun das zweite Label-Release in den Startlöchern: "Vincent" ist da. Grund genug für uns, ein Treffen mit V zu vereinbaren und ihn mit ein paar Fragen zu dem Nachfolger seines vor zwei Jahren erschienenen Debüts "Lieber bleib ich broke" sowie zu Karriere und Freunde von Niemand-Hype zu löchern.

rappers.in: Als wir uns vor über zwei Jahren das letzte Mal zum Interview getroffen haben, standest du an einem ähnlichen Punkt deiner Karriere wie jetzt – direkt vor einem Release. Damals handelte es sich allerdings um dein Debütalbum. Du hattest einen Hype, viele Leute aus der Szene kannten dich bereits von Veröffentlichungen wie dem "Beweis 2: Mammut Remix" mit Savas und hatten hohe Erwartungen an dich. Was ist für dich selbst der größte Unterschied zwischen dem Künstler Vega damals und dem Künstler Vega heute?

Vega: (überlegt) Der größte Unterschied ist, dass ich heute schon weiß, dass ich auf jeden Fall rappen kann, eine Base hab' und es viele Leute gibt, die meine Sachen feiern. Das mindert aber dennoch den Druck nicht. Es geht alles immer eine Stufe weiter nach oben. Am Anfang, bei "Lieber bleib ich broke", wollte ich einfach nur akzeptiert und Teil der Szene werden. Ich wollte ein Ansehen haben als richtig guter Newcomer... Was ja dann auch geklappt hat. Wir haben viele Awards gewonnen oder sind auf vorderen Platzierungen eingestiegen. Die Leute haben mich danach als kleine, neue Raphoffnung gesehen – und das war ja auch das Ziel. Das weiß ich jetzt natürlich alles schon. Ich weiß, dass ich starke Supporter hinter mir habe, die vielleicht ein bisschen krasser drauf sind als bei anderen Leuten. Und dementsprechend steigen auch die Erwartungen und Anforderungen. Am Anfang von "Vincent" hab' ich gesagt: Ich will 3.000 CDs verkaufen. 14 Tage vor Release hatten wir dann schon genau so viele Vorbestellungen. Jetzt ist das Ziel natürlich wieder ein ganz anderes – und es steigert sich ständig nach oben. Wenn das jetzt so bleiben würde, wäre ich auch irgendwie unzufrieden. Und bei meiner Musik... Das ist natürlich alles nicht mehr ganz so wild, nicht mehr dieses: "Hey, ich muss jetzt ins Game kommen und zerfleisch' alles". Das ist alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen erwachsener geworden als bei "Lieber bleib ich broke".

rappers.in: Und was ist das momentan für ein Gefühl? Bei dem ersten Release hattest du bestimmt Angst, dass du nicht akzeptiert wirst. Oder dass vielleicht Savas kommt und sagt: "Ich hab' dich bis jetzt gefeiert, aber deine Platte ist irgendwie nicht so geil". Du sagst zwar, du bist heute schon ein Teil der Szene, trotzdem spürt man doch nach einem gehypeten Debütalbum einen gewissen Druck, oder?

Vega: Das zweite Album war für mich auf jeden Fall schwieriger zu machen, als das erste. Beim ersten hatte ich nicht wirklich was zu verlieren... (überlegt)

rappers.in: ... nach dem Motto: "Entweder es wird gut – oder es bleibt alles so, wie es eh schon ist"?

Vega: Ja, genau. Entweder es wird besser und riesengroß, oder es bleibt, wie es ist. Aber auch, wenn es nicht so viele Leute gehört hätten, gab es ja damals noch die Möglichkeit, dass sie mal was anderes von mir hören würden. Aber heute muss alles mindestens so groß bleiben, wie es schon ist. Wobei das eigentlich nicht mal reicht – im Endeffekt muss es halt noch besser werden. Wie Jay-Z sagt: "Für dein erstes Album hast du dein ganzes Leben, für dein zweites sechs Monate". Ich hab' halt vier Mal sechs Monate draus gemacht. (lacht) Trotzdem gucken die Leute auf dich und erwarten, dass sie eine gewisse Qualität kriegen. Dass sie neu überrascht werden... Ich könnte mir auch vorstellen, dass dieses zweite Album das schwierigste meiner Karriere ist. Wenn es gut ist, die Leute das feiern und annehmen, dann hat man, glaub' ich, auch ein bisschen Ruhe. Dann können wir das dritte Album ruhiger angehen, weil wir sicher wissen: Wir sind jetzt da.

rappers.in: Interessanterweise hast du ja im gesamten Verlauf deiner Karriere "grundlos" immer mehr Fans gehabt. Damit meine ich: Zuerst hattest du kein wirkliches Album, dennoch gab es viele Leute, die dich gut fanden. Dann hast du "Lieber bleib ich broke" releast und dadurch mehr Fans bekommen. Veröffentlichst im Anschluss zwei Jahre lang nichts – bis auf deine EP – und hast dennoch in diesen zwei Jahren immer mehr Leute hinter dir stehen, die dich als große Hoffnung sehen. Wie hast du das selber erlebt und was denkst du, woher das kommt?

Vega: Der große Grundstein war auf jeden Fall "Lieber bleib ich broke", zusammen mit dem "Beweis 2: Mammut Remix" mit Savas. Der hat einfach eine Masse von Leuten erreicht. Ich hatte bei "Lieber bleib ich broke" um die 10.000 Hörer. 15.000 illegale Downloads, soweit ich weiß. Und diese Hörer haben auf jeden Fall Welle gemacht. Dieser Mammut Remix, der ja auch um den Dreh rum kam, hat mich zusätzlich einem ganz anderen Publikum vorgestellt. Da hatte man natürlich dann die Möglichkeit, sich einmal nur mit acht Zeilen zu präsentieren. Noch dazu kam ich direkt vor Savas auf dem Track und hatte das Glück, dass ich ein gutes Händchen hatte – und somit einen der besten Parts auf diesem Song. Da hatte ich natürlich dann viel Aufmerksamkeit auf mir und konnte mit meinem Album und der EP überzeugen. Warum sich das dann zwischendrin alles so gehalten hat? Ich weiß auch nicht, woran das liegt.

rappers.in: Es gibt wenige Rapper, die auf Tour gehen können und schon seit zwei Jahren nicht releast haben. Ich hab' dich selber in München gesehen, wo hunderte Leute kamen, die alle deine Texte konnten...

Vega: Wir hatten allgemein gesehen zwei Vorteile. Einerseits – und das sagen viele Leute, aber jeder, der ein bisschen auf uns geachtet hat, der merkt das – ist unsere Anhängerschaft viel extremer, als sie bei anderen Leuten ist. Das kommt natürlich auch durch diesen Fußballbezug, dieses Ultra-Ding und dadurch, dass das alles hart verknüpft ist. Und dass diese Leute sowieso einfach extremer an etwas hängen als andere Leute. Weißt du, was ich mein'? Deshalb nehmen mir diese Hörer dann auch gewisse Dinge übler, als sie sie anderen Rappern nehmen würden und sind dafür aber auch viel loyaler mir gegenüber. Der zweite Vorteil ist andererseits, dass ich noch nie in irgendeiner anderen Stadt war. Ich hab' zwar viele Gigs gespielt, die ausverkauft waren, vor 350 oder 400 Leuten hier in Frankfurt, aber ich bin ja nie wirklich rausgegangen. Ich war das erste Mal in Stuttgart, das erste Mal in München... Ne. (lacht) Das stimmt nicht, ich war das zweite Mal in München. Aber der erste Auftritt war der schlechteste meines Lebens. Ich war bei dieser Casper-Orsons-Tour. Da kannte mich noch keiner. Da hatte ich noch kein Album draußen, nur diese "Adlerjunge"-EP. Dementsprechend konnte man mich nie irgendwo groß sehen. Dadurch, dass ich die letzten zwei Jahre nicht releast habe, hab' ich auch auf keinem Festival gespielt. Somit war unsere Tour für viele Leute die erste Chance, mich überhaupt mal live zu sehen. Und da hatte ich das Glück, dass immer überall ein paar Leute standen, die wir hoffentlich auch überzeugen konnten. Bei der nächsten Tour wird alles auf jeden Fall noch besser werden, denke ich.

rappers.in: Wenn du mal die gesamte Rapszene betrachtest: Was denkst du, wo du aktuell stehst und wo du nach dem Release von "Vincent" stehen wirst? Auch auf die Wahrnehmung des Publikums bezogen.

Vega: Ich denke, dass sich meine Musik mit "Vincent" weiterentwickelt hat und das Album trotz gewisser Parallelen auf jeden Fall anders ist, als "Lieber bleib ich broke". Man hört das auch vom Sound her und der Qualität. Und ich denke schon, dass ich zu den fünf besten Rappern in Deutschland gehöre. Ich gehöre natürlich wirtschaftlich gesehen nicht zu den fünf erfolgreichsten Rappern Deutschlands. Aber ich denke, dass es nicht so viele gibt... (überlegt) Klar, Savas und Azad, diese ganzen Leute, die man immer nennt, das sind Ikonen. Die sollen alle ihren Platz kriegen. Die teilen sich auf jeden Fall die ersten zwei, drei Plätze und es gibt auch immer gute Newcomer. Aber in dem, was ich mache, denke ich, bin ich auf jeden Fall der Beste. Genauso, wie ein Kollegah, ein Farid und ein Haft in dem, was sie machen, einfach die Besten sind. Ich finde, es gibt nicht so viele deepe Rapper in Deutschland, die das machen können, was ich mache. Das krass Überzogene und Pathetische, das macht Cas halt noch. Und man sieht ja, was er damit für einen Erfolg hat. Ich mache das auf eine gewisse Art und Weise auch, aber auf eine viel streetlastigere. Viel düsterer. Ich finde, wir sind mit die zwei Einzigen, die überhaupt Musik auf dieser Schiene machen. Mir würde sonst gerade keiner einfallen. Tua hat manchmal auch solche Ansätze, aber der verpackt das musikalisch nochmal ganz anders. Und die anderen, die alle versuchen, pseudo-deepe Mukke zu machen, machen am Ende oft so viel Schwachsinn. Du weißt dann, der hat ein Problem – aber dabei bleibt's halt auch. Dem geht's halt scheiße, aber du hast keine Ahnung, warum. Die haben keine großen Wörter und umschreiben Dinge nicht so detailreich, sodass es dann einfach nicht catcht.

rappers.in: Meiner Meinung nach seid ihr, du und Casper, Rapper, die mit ihren Worten sehr eindrucksvolle Bilder malen können. Du erzählst, dass eine Tasse umgefallen ist, und beschreibst das mit 500 Wörtern – am Ende hat man als Hörer das Gefühl, dass das jetzt eine riesen Story war. Du hast im Gegensatz zu Casper zusätzlich eine sehr düstere Stimmung in deinen Tracks.

Vega: Interessanterweise habe ich gerade gestern mit dem Andi (Andreas Schnell, Promoter, Anm. d. Red.) eine ähnliche Diskussion gehabt. Er ist auch Autor und er hat mir erzählt, wie man eine Szene beschreiben kann. Er meinte, du kannst zum Beispiel sagen: "Da sitzen zwei Männer im Café und trinken Tee". Oder du kannst alles rundherum beschreiben. Wie es riecht, wie das Licht ist, wie die Männer aussehen. Am Ende vom Tag hast du dasselbe gesagt. Aber wenn man alles bildlicher und greifbarer beschreibt, kann der Hörer sich das Gesagte viel besser vorstellen.



rappers.in: Ich denke, dass gerade das ein Aspekt ist, den deine Hörer an deiner Musik so mögen. Selbst, wenn du sagst: "Der Mann im Café sieht so und so aus, er ist dünn und seine Hände zittern", gibst du niemandem exakt vor, wie die Situation bildlich aussieht. Das Bild entsteht immer nach der Eigeninterpretation und eigenen Wahrnehmung des Hörers. Wenn ich dir jetzt sage, der Himmel draußen ist blau, dann kann der Himmel hell-, dunkel- oder graublau sein. Aber du hast deine eigene Vorstellung und somit dein eigenes Bild im Kopf.

Vega: Natürlich. Die Kunst ist ja, etwas detailreich vorzugeben, aber dennoch Platz für eigene Interpretationen zu lassen. Das ist das, was die Musik so besonders macht. Es ist meine Geschichte, aber ich lasse genug Spielraum, sodass jeder daraus seine eigene machen kann.

rappers.in: Das ist der Trick.

Vega: (grinst) Genau, das ist der Trick. Aber das ist ja auch kein Geheimnis. Der Martin (Martin Merkt, Blogger, Anm. d. Red.) zum Beispiel schreibt auf seiner Facebookseite, dass es ja das große Geheimnis ist, dass ich Floskel-Musik mache, in die jeder seine eigene Geschichte reinpacken kann. (erstaunt) Ja. Natürlich mache ich das. Das ist doch der Trick. Das ist doch das, was diese Mukke geil macht... Aber er sagt das, als hätte er gerade ein riesen Geschenk ausgepackt und jetzt auf einmal wüsste es jeder. Ich sag' dazu nur: Okay, dann weiß es jetzt jeder. Dann kann es ja jetzt auch jeder nachmachen, wenn das alles so einfach ist.

rappers.in: Kommen wir mal inhaltlich auf "Vincent" zu sprechen. Was ist der wichtigste Track auf dieser Platte und was wiederum ist dein Lieblingstrack? Nicht nur, was dich am besten repräsentiert – sondern wirklich, was du persönlich am stärksten fühlst.

Vega: In dem Fall trifft beides auf den gleichen Song zu. Er repräsentiert mich am besten so, wie ich mich sehe und nach außen hin dastehen will. Und ich fühle ihn auch am meisten: das Outro. Erstens ist dieser Track in gewisser Hinsicht am nächsten an "Lieber bleib ich broke" dran. Ein bisschen, wie der zweite Teil, eine Fortsetzung von "Winter". Aber nicht wirklich, weil ich den zweiten Teil von "Winter" irgendwann noch machen möchte. Sonst hätte ich den Track auch "Winter 2" genannt... Und zweitens auch eine Art Rückblick auf die letzten zwei Jahre und das, was alles passiert ist. In dem Track sehe ich am meisten das, was wirklich Vega ist.

rappers.in: Interessanterweise ist das ja kein Track, in dem du, wie eben besprochen, Situationen beschreibst und Platz für Eigeninterpretationen lässt. Im Outro bringst du viele Sachen wirklich konkret auf den Punkt – wie die Themen Butterfly (Butterfly Music, ehemaliges Vega-Label, Anm. d. Red.), Oli (Olson, Anm. d. Red.), Fußball, Freunde... Dinge, die dich wirklich berührt haben. Das ist trotzdem alles pathetisch und trotzdem bist das du, aber ich denke, dass die Hörer diesen Track auch deswegen feiern werden, weil du sie da wirklich an dich ranlässt. Somit ist dieser Song wohl auch mit einer der persönlichsten deiner bisherigen Karriere?

Vega: Auf jeden Fall. Wahrscheinlich sogar der persönlichste. Es ist genau so, wie du es sagst: Das bin zu 100% ich. Da gibt es keinen Freiraum, um irgendetwas reinzuinterpretieren. Das ist einfach dieser Abschluss – das Intro hat ja noch die aggressive Haltung von "Lieber bleib ich broke". Das sollte einfach eine Art Übergang sein. "Vincent ist da und er macht alles kaputt" und "ich fick' die Charts" und was weiß ich. Und der zweite Song kommt dann mit der Geschichte "Ich hab' Meere durchschwommen" und "Dem Himmel so nah". Das zeigt dann diesen Weg, musikalisch und businesstechnisch, den ich nach dem ersten Release gegangen bin. Und dann endet alles mit diesem großen Outro-Feuerwerk, in dem es mehr um private Sachen geht. Das hört dann auf mit "Sag ihnen, Vincent war da" und nicht mehr mit "Und macht alles kaputt", sondern es ist jetzt wieder rum. Weißt du, was ich mein'...?

rappers.in: Klar. Auf "Vincent" führst du diese "König ohne Krone"-Sache von deinem Debütalbum ja noch ein bisschen weiter. Zum Beispiel rappst du, dass du "seit zwei Jahren besoffen vorm Thronsaal stehst" und gegen den, der da drin sitzt, kämpfen möchtest. Direkt im Anschluss sagst du einen Satz, der mir aufgefallen ist: "Und wie jeden Abend übelst enttäuscht jetzt. Keiner macht die Tür auf, typisch für Deutschrap". Warum ist es typisch für deutschen Rap, dass keiner die Tür aufmacht und was genau hast du mit dieser Aussage gemeint?

Vega: Es gibt viele Sachen, die damit gemeint sind. Auf der einen Seite soll es sagen, dass viele Rapper ein kleines bisschen feige sind, was Konfrontationen betrifft. Teilweise bin ich aber auch selber so. Ich sage ja auch selber: Savas ist der King und Azad ist der King. Und die werden einfach Kings bleiben, bis sie aufhören. Es ist schwierig für jemand anderes, da hinzukommen, bevor diese Leute nicht gegangen sind. Du hast halt einfach keine Chance, gegen solche Leute... (überlegt)

rappers.in: Du meinst, selbst, wenn Casper zum Beispiel Gold geht, ist es ganz egal, ob ein anderer, der ganz oben auf dem Thron sitzt, vier Jahre nicht releast. Und auch, dass es egal ist, ob derjenige jetzt an irgendwelche heutigen Standards angepasst ist oder nicht. Einfach, weil er irgendwann mal diesen Status erreicht hat.

Vega: Genau.

rappers.in: Sprich, im Endeffekt kann kein Vega kommen, der der neue König ist. Du könntest es besser machen als die anderen, aber die werden dennoch nicht vom Thron runterpurzeln.

Vega: Richtig. Was jetzt bei mir vielleicht nicht unbedingt der Fall ist, ich mache ja ganz andere Sachen als beispielsweise Savas. Aber dennoch kannst du dir nur ein anderes Wort ausdenken. Du kannst zum Beispiel Kollegah der Boss werden. Oder Azad der Bozz. Aber du kannst nicht der "King of Rap" werden. Und das ist halt traurig. Weil ich natürlich gerne "King of Rap" wäre! (lacht) Aber es gibt eben nur einen. Genauso kann keiner mehr "King of Pop" oder "King of Rock" werden. Es gibt einfach schon einen. Ich meine, Savas hat den Titel auch auf jeden Fall verdient und soll den auch behalten. Und ich... Ich werde wohl der "König ohne Krone" bleiben. Ist ja auch okay. (lacht)

rappers.in: Im Hinblick auf die Diskussionen der letzten Zeit würde ich gerne wissen, was deine grundsätzliche Einstellung zur Deutschrap-Medienlandschaft ist.

Vega: Viele sind mir tatsächlich egal. Ich bin generell immer offen und habe Bock, mit jedem zusammen zu arbeiten, der auch bereit ist, für uns was zu tun. Wenn jemand sagt, er will seine Seite mit uns pushen, aber will auch, dass unsere Tracks gehört und gesehen werden, dann habe ich damit generell gar kein Problem. Es gibt zwei, drei Instanzen, mit denen es in der Vergangenheit ein paar Schwierigkeiten gab, aber das ist ja auch kein Geheimnis. Bei rap.de zum Beispiel hatten diese Unstimmigkeiten allerdings nur etwas mit bestimmten Personen zu tun, die meines Wissens nach heute gar nicht mehr da arbeiten. Vielleicht kann man solche Schwierigkeiten dann auch zukünftig aus dem Weg räumen. Bei einigen Magazinen und Blogs finde ich leider, dass sie keine gute journalistische Arbeit machen. Und das ist auch eines der größten Probleme, denke ich. Es gibt so viele Blogs und Magazine und Seiten, aber nicht mal die Hälfte machen wirklich gute Arbeit. Oder führen mal ein gutes Interview. Selbst bei den großen gehört dazu, dass oft Sachen, die da gemacht werden, Totalschaden sind. Das ist einfach nur traurig und macht das Ganze schwierig. Allgemein bin ich cool mit euch, ich bin mit Toxik (hiphop.de, Anm. d. Red.) cool, wir machen viel zusammen. Mixery wollte mich nicht haben, die Bravo... Da haben wir jetzt das dritte Mal drüber geredet und haben es das dritte Mal nicht gemacht. Nicht, weil ich immer noch sage, ich bin komplett verschlossen denen gegenüber. Ich weiß, ich muss Geld verdienen und vielleicht gewisse Kompromisse eingehen. Aber es hat dieses Mal trotzdem nicht gepasst. Wir probieren das nochmal beim nächsten Album, ist ja keine große Sache. War es das, was du wissen wolltest?

rappers.in: Ich wollte allgemein ein Gefühl dafür bekommen, wie du dem Ganzen gegenüber stehst. Vor zwei Jahren haben wir im Interview angesprochen, dass du einen Hype um dich herum hattest. Heute kann dieses Wort ja kaum einer mehr hören. Dennoch: Wenn in der Deutschrapszene ein Hype entsteht, denkst du, dass dieser von den gerade angesprochenen Medien generiert wird oder dass er auf Basis der Musik und des Künstlers entsteht und es ihn somit "natürlicherweise" gibt?

Vega: Generell muss ich mal sagen: Die einzigen Leute, die letztes Jahr einen richtigen Hype hatten, das waren Haft und... Da hört es halt fast schon auf. Selbst dieser Nate-Hype war vorher, auch, wenn Nate riesig eingestiegen ist. Ich selbst hab' auch keinen Hype. Wir haben eine Base, wir arbeiten und verkaufen Platten. Als ich einen Hype hatte... Das ist einfach heute schon seit zwei Jahren vorbei.

rappers.in: Was ist denn für dich ein Hype?

Vega: Guck mal, als Haft kam, hatte er ein Video. Dieses Aggro-Ding. Das war nicht mal besonders toll, das war einfach nur ein One-Take-Video. Und er war danach einfach in aller Munde. Jeder hat das gesehen. Scheiß auf die Beweggründe und ob die Leute das gefeiert haben oder nicht – aber jeder Backpacker, jeder, der sich jemals einen Deutschrap-Scheiß angesehen hat, hat einfach dieses Video angeguckt. Das war wirklich ein echter Hype.

rappers.in: Sprich, ein Hype ist für dich, wenn jemand von null auf hundert geht. Rappt, macht ein Video, einen Promomove und auf einmal kennt ihn jeder, egal, ob man ihn kennen will oder nicht.

Vega: Nicht mal einen Promomove! Der macht einfach nur Mukke und kriegt einen Hype. Danach hat Haft zwei, drei Dinger rausgehauen und war die ganze Zeit am Start. Alle größeren Leute haben den gefeiert. Er hat ja auch was mit Sido gedreht. Und Farid hat auch nochmal einen Hype vor seinem Album gehabt, finde ich. Der war auch überall. Man kann sowas natürlich auch ein bisschen selbst generieren.



rappers.in: Du zählst ja gerade niemanden auf, der in der kürzlichen Diskussion zur sogenannten "neuen Reimgeneration" erwähnt wurde. Findest du, dass diese Künstler ungerechtfertigt erwähnt wurden?

Vega: Ehrlich gesagt, finde ich, von denen hatte keiner einen Hype. Vielleicht bin ich gerade wirklich schlecht informiert, dann verzeiht mir das bitte. Zum Ende des Jahres hin wurde über Cro viel diskutiert. Aber ich persönlich habe bis heute ein Video von dem gesehen.

rappers.in: "Easy".

Vega: Genau. Und das fand ich cool. Das wurde mir so zugetragen. Da kam der Hadi (Hadi El-Dor, Vegas Manager, Anm. d. Red.) und hat gesagt: "Guck mal hier, cooles Video, guck dir das mal an". Aber das war's auch schon. Das empfinde ich jetzt alles nicht als Über-Hype.

rappers.in: Na ja, Cro hat ja bis heute an die zwei Millionen Klicks auf YouTube und das innerhalb einer recht kurzen Zeit. Ich finde es dann schon gerechtfertigt, zu sagen, dass er einen Hype hat. Oder dass man über ihn spricht. Das ist was anderes, als wenn jemand hundert Platten verkauft und dann dichtet man ihm große Erfolge an. Natürlich muss man dann auch unterscheiden, ob jemand seine Platten verkauft oder ob man Sachen zum Download hochlädt. Auch da kann man nicht die Zahlen einfach mal kurz gegenüberstellen, weil beim Hörer jeweils eine ganze andere Motivation hinter Download oder Kauf stehen muss...

Vega: Also, diese Millionen rechtfertigen das dann auf jeden Fall bei Cro. 20.000 Plays zum Beispiel in ein paar Tagen finde ich jetzt nicht so die Wucht, ich mache das in drei Stunden. Aber trotzdem gibt es Leute wie Haft und Farid, die machen in drei Stunden 200.000 Plays. (überlegt) Weißt du, was ich vergessen habe? Wer im letzten Jahr wirklich einen richtigen Hype hatte... (lacht) Das war der Hadi! Der hatte auf jeden Fall einen Hype. Der hat mehr Facebook-Follower oder Freunde, als viele Rapper.

rappers.in: Ach, hat er noch so eine zusätzliche Fanpage?

Vega: Ja, klar. (lacht) Der ist doch ein Star! Der polarisiert, der ist einfach eine Figur. Die Leute hassen oder lieben ihn. Der hat manchmal wirklich doppelt so viele Likes als Rapper, die zig Platten verkaufen. Sehr interessant. Vielleicht sollte der ein Album machen...

rappers.in: Was glaubst du, welche Nachwuchskünstler für 2012 relevant sind?

Vega: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass am Schluss nichts Großartiges mehr bei rumgekommen ist. Es gibt niemanden dieser neuen Leute, den ich persönlich krass finde. Aber das ist natürlich auch einfach nicht meine Musikrichtung. Das, was Cro macht, ist cool und der soll seinen Respekt kriegen und den Erfolg seines Lebens haben. Ich gönn' dem das alles. Ich persönlich guck' mir das an und finde, dass es künstlerisch gut gemacht ist – aber es ist nicht mein Geschmack. Ich kann auch AC/DC hören und merke, es ist gute Musik. Aber auch das höre ich mir dann halt nicht an. Ahzumjot, bei dem bin ich leider zu uninformiert. Bei meinen eigenen Jungs denke ich, dass Timeless 2012 einen echten Hype kriegen wird. Einfach, weil er wirklich ein richtig guter Rapper ist. Nicht, wie es 100 richtig gute neue Rapper gibt – der ist auf jeden Fall was Besonderes. So, wie es auch beim Olson war und ist. Ich denke wirklich, dass die beiden auf einem Level rappen. Wobei Timeless technisch eigentlich noch ein bisschen besser ist. Und ich denke, er wird auf jeden Fall seine Aufmerksamkeit kriegen. Bosca hat bei seinem ersten richtigen Rap-Solorelease in den ersten zehn Tagen 2.000 CDs verkauft, hat dafür leider Gottes in der Medienlandschaft überhaupt nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient hat. Er verkauft mehr Platten als irgendwelche Leute, die sich seit zehn Jahren als Rapgröße in Deutschland sehen und das kriegt einfach keiner mit. Aber er wird auch sein zweites Solo machen und auch das wird wichtig sein – und er wird damit große Erfolge feiern können. Ansonsten sage ich dir ehrlich, es gibt niemanden für mich, bei dem ich noch sage: "Der ist geil".

rappers.in: Ich hätte ehrlich gesagt gedacht, dass eine der Hoffnungen für dich auch MoTrip ist...

Vega: Ich habe bisher nur "Was mein Auto angeht" gehört – das fand ich cool. Aber ich fand auch, dass er musikalisch gesehen unter seinen Möglichkeiten war. Das Video und alles war top, keine Frage. Aber ich denke, er kann auf jeden Fall noch krassere Sachen machen. Und das wird er uns 2012 wohl auch zeigen. (grinst)

rappers.in: Möchtest du irgendetwas zu dem Thema "Vega ist schwulenfeindlich" sagen? Eventuell kurz erzählen, wie du diese Diskussion in den letzten Tagen erlebt hast? Einige Leute werden das mit Sicherheit nicht wirklich mitbekommen haben. Mittlerweile wurden viele Beiträge zu dem Thema auch wieder gelöscht, sodass der ein oder andere Leser das vielleicht nicht ganz nachvollziehen kann.

Vega: Das Problem ist, ich hab' einfach Songs geschrieben und wir heißen "Freunde von Niemand". Die Leute fragen immer: "Warum nennt ihr euch 'Freunde von Niemand'?" und ich sag' immer: "Weil wir nicht draußen in der Szene rumrennen und jeden Idioten auf unseren Alben featuren, weil uns das vielleicht ein paar Hörer oder Downloads mehr bringt". Die Leute, mit denen wir Mukke machen, bei denen wollen wir auch immer, dass es menschlich passt. Dass wir zwei, drei Mal gechillt haben und wissen: "Das ist ein cooler Typ. Mit dem haben wir Bock, was zu machen". Der Rest der Szene sieht das eher nicht so. Die Leute kommen und featuren sechs große Namen, die haben am besten noch alle untereinander Beef. Deswegen sag' ich einfach: "Ich hab' zugesehen, wie deutsche Rapper Männer küssen" – das ist auf das, was ich gerade gesagt hab', bezogen. Dass sich alle gegenseitig den Penis halten und sagen: "Ihr seid alle die Geilsten!" und drehen sich um und sagen: "Eigentlich bist du ein Schmock, aber du hast halt das und das, und deswegen machen wir jetzt Mukke". Weißt du, was ich mein'? Es geht mir nur darum. Das hat nichts mit Schwulenfeindlichkeit an sich zu tun. Jeder, der einigermaßen klar denken kann, der versteht das auch. Ich sag' ja auch: "Ich hab' zugesehen, wie..." – allein der Satz sagt ja schon, dass ich von außen selber zugesehen habe, wie sich alle bitchig verhalten. Das ist die Kernaussage der ganzen Geschichte. Und genau das gleiche bedeutet der Satz: "Ich hass', wenn Rapper gegenseitig anfassen". Damit meine ich auch nicht, dass diese Rapper schwul sind. Ich meine genau das gleiche, wie in der anderen Line. Und wenn ich sag': "Ich kann nicht unten sein mit Männern, die ihr'n Arsch geben", dann meine ich auch Leute, die sich einfach für Geld bücken. Leute, die sich für Cash verändern. So, wie es früher einfach jeder Rapper auch schonmal gesagt hat. Aber heute machen sie uns einfach mal 'ne Schwulenfeindlichkeit daraus.

rappers.in: Wie wir schon gesagt haben, bist du jemand, der viel mit Metaphern arbeitet, was eben den schon genannten Raum zur Interpretation lassen soll. Im Prinzip bringen die dadurch entstehenden Bilder die Dinge ja eben nicht exakt auf den Punkt. Was denkst du, wieso man dann auf die Idee kommt, Lines von dir "beim Wort" zu nehmen? Sprich, davon auszugehen, dass hier kein Spielraum von dir gelassen wurde, sondern du alles wortwörtlich so meinst, wie du es gesagt hast?

Vega: Ich denke, dass das größtenteils Haterei ist. Der Martin hat das halt gesagt und wollte ein bisschen hetzen. Hat ja auch geklappt. Es gibt Leute, die dumm genug sind, das nachzubabbeln. Wir haben letztes Mal selber geguckt, ich hab' auf "Lieber bleib ich broke" sogar auf dem Track mit Savas gesagt: "Verse, die zerbersten Gays". Das hat niemanden interessiert. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass du keinen Rapper in Deutschland finden wirst, der nicht eine einzige Zeile gemacht hat, die man ihm schwulenfeindlich auslegen kann. Wenn man das will. Mir ist das scheißegal, ich hab' mich dazu jetzt mehrmals geäußert. Mich juckt das nicht, ob ein Mann einen anderen Mann liebt. Und mir ist auch scheißegal, ob alle sagen, ich bin schwulenfeindlich. Alle sagen das auch von Eminem. Der verkauft aber 10 Millionen Platten. Das ist kein Problem. Die Leute haben viel darüber geredet, das war kurz vor meinem Album, und die Leute reden immer noch. Wie der Sunny (Sunny Bizness, Anm. d. Red.) sagen würde: "Bad news are good news".

rappers.in: Kommen wir zur letzten Frage. Du hast am 19. Februar deine Releaseparty. Wie soll 2012 danach weitergehen?

Vega: Am 19. Februar machen wir das erste Mal die Batschkapp voll. Wir sind ja bisher immer nur im Nachtleben gewesen, einer kleineren Location in Frankfurt. Einen Monat später ungefähr kommt das Bizzy-Album. Nach "Ein Hauch von Gift" kommt jetzt "Gift". Komplett. (grinst) Mitte des Jahres machen wir alle zusammen einen Labelsampler. Das Timeless-Album kommt, das Bosca-Album auch. Und hoffentlich Ende des Jahres noch ein Solo von mir. Wir haben also viel vor dieses Jahr. Und bei Migo sind wir gerade am gucken. Da soll auch bald releast werden, aber wir sind noch auf der Suche nach einem finanzstarken Partner. Migo muss man einfach ganz anders präsentieren, als wir es bei Bosca zum Beispiel gemacht haben. Bei Migo braucht man viel mehr Geld, weil er Musik macht, die einer breiten Masse vorgestellt werden muss. Bei Bosca und Timeless kann man mit weniger Aufwand Videos drehen und Platten rausbringen, aber bei Migo scheint das nicht der richtige Weg zu sein. Wir sind hier auch schon in Gesprächen mit Leuten und ich denke, dass seine Platte auf jeden Fall 2012 kommen wird.

rappers.in: Habt ihr denn vor, dieses Jahr auf Tour zu gehen oder auf Festivals zu spielen?

Vega: Auf Tour gehen wir höchstwahrscheinlich wieder im April oder Mai und eventuell auch Ende des Jahres. Und bei den Festivals kommt es eher darauf an, ob wir eingeladen werden. Ich hatte bisher kein Release und deswegen gab es auch keinen Grund dafür. Ich hoffe aber schon schwer, dass ich drei, vier Festivals dieses Jahr spielen kann, zum Beispiel auf dem Splash! oder dem HipHop Open. Mein Album kommt jetzt im Frühjahr, die Festivals sind sechs Monate später. Wenn wir den Labelsampler dann noch hatten, denke ich, dass wir gute Chancen haben. Wir sind auf jeden Fall Festival-Boys. (lacht) Findst net?

rappers.in: Willst du zum Abschluss noch was loswerden?

Vega: Ich geb' Props an mein Team, an rappers.in und an... (überlegt) Hm. Ansonsten an niemanden. Genau. Danke an alle fürs Lesen. 13.01.2012: Vincent kommt. Alle vorbestellen auf Amazon und kaufen, machen und tun.


(Florence Bader)

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