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Review: Vega – Lieber bleib ich broke

veröffentlicht: Freitag, 16.10.2009, 13:45 Uhr
Autor: disdi





01. Intro
02. König ohne Krone
03. Winter
04. Inferno
05. Ich bin
06. Praline feat. Face
07. Die Jungs von der Bushalte
08. Achthundertzwanzig
09. Goldene Flügel
10. Für immer Pt. I
11. Welt
12. Als der Rest der Welt schlief
13. Abturn feat. Kool Savas, Ercandize & Moe Mitchell
14. 2 Sekunden
15. Für immer Pt. II
16. Als der Teufel mich rief
17. Wenn der Junge kommt
18. Momente

Mit dem Warten ist es so eine Sache. Überall wird gewartet: auf den Bus, auf die große Liebe, auf den Messias oder eben auf die neue Platte des präferierten Musikinterpreten. Die Amis warten auf "Detox" und viele Deutsche werden auf Vegas Debüt "Lieber bleib ich broke" gewartet haben. Zu diesen Leuten zähle auch ich mich, denn ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Vega-Parts auf "Deutsche Probleme" und die "Adlerjunge EP" nicht fehlerfrei wiedergeben könnte. Aber mit der Wartezeit steigen auch die an das Werk gestellten Erwartungen und für nicht wenige Veröffentlichungen der letzten Zeit lag die Messlatte einfach zu hoch. Ob "Lieber bleib ich broke" diesem Trend Widerstand leistet, soll folgende Rezension zeigen.
Der Tonträger startet mit einem epischen Intro, in dem Vega gelungen darstellt, was den Rezipienten erwartet, denn Zeilen wie "Ich bin Straße, ohne Drogengeld und Stiche im Rücken" oder "Ich bin Rap, und ich bleibe es auch" bringen auf den Punkt, worum es dem frankfurter Youngblood geht: um Ehre, Stolz und Authentizität. Dass dieser Stolz auch seiner Heimatstadt gilt, zeigt der Rapper auf dem an Nessbeals "Roi sans couronne" angelehnten Stück "König ohne Krone".
Mit "Winter" folgt ein Song, welcher sowohl aufgrund der stimmungsvollen Vortragsweise als auch des passenden Instrumentals an Intensität kaum zu übertreffen ist und welchem der Spagat zwischen Deep- und Roughness lehrbuchgerecht gelingt:

"Adler auf der Schulter und ich schwör' dir, Mann, ich lass' ihn schrei'n/
Hass am Mic – was soll sein? Das ist Butterfly/
Gegen den Staat, Leben ist hart/
Fünf gebrochene Menschen bilden ein Label aus Stahl/"

Eben dieser Spagat ist bezeichnend für den gesamten Tonträger, denn Vega schafft es wie kein Zweiter, deep zu sein, ohne aber deep zu klingen. So beschreibt er auf dem grandiosen " Die Jungs von der Bushalte" das Leben zwischen Straße, Stolz und Freundschaft. Wieder gelingt es ihm, nicht ins Unglaubwürdige abzudriften und damit einer kaputten deutschen Jugend endlich eine realistische Identifikationsplattform zu bieten: weg von Schusswaffen, hin zur blanken Faust, raus aus utopisch teuren Autos, rein in Bushaltestellenhäuschen und Jugendclubs.

"Das ist ein' Döner zu kaufen und von allen Jungs als Letzter zu essen/
Das ist Kleingeld in Jeanstaschen/
– manchmal kein Geld in Jeanstaschen/
Rausgehen und weiterhin Weed hustlen/
Kein Gangster, das ist ehrlicher Sound/"

Kreatives Konzeptpotenzial beweist V auf den Tracks "Für immer Pt. I" und "II", auf denen er verschiedene Sichtweisen einer vergangenen Beziehung darstellt. Auf Teil I erwartet den Hörer eine reife Reflexion der Beziehung, in der er die Fehler bei sich sucht – und findet – und in der er, untermalt von einem Piano-Streicher-Instrumental, seiner Sehnsucht Luft macht. Teil II hingegen ist geprägt von Wut und Unverständnis und zielt ganz darauf ab, den Schuldigen in der Partnerin zu sehen:

"Du warst mehr als meine große Liebe – du warst mein bester Freund/
Und wenn etwas ist – denk an mich, ich helfe euch/"
("Für immer Part I")

"Du warst mehr als meine große Liebe – du warst mein bester Freund/
Es ist vorbei, Girl, ich hoffe, du verreckst noch heut'/"
("Für immer Part II")

Diese ambivalente Darstellung wirkt keinesfalls unreflektiert. Ganz im Gegenteil. Erst durch eine solche gelingt, was bisher nur Curse vermochte – nämlich, das überwältigende Gefühl "Liebe" greifbar zu machen und auch die Kehrseite der Medaille glaubhaft darzustellen.
Dass Vega nicht nur die Großen des Geschäfts im Rücken hat, sondern auch battlemäßig vorne mitspielen kann, beweist er in "Abturn", in dem er von Kool Savas, Ercandize und Moe Mitchell unterstützt wird und wo er mit Sprüchen wie "Guck, ihr schlaft noch mit Ollen, ich fick' Mädels in' Bauch" zu überzeugen weiß. Darüber hinaus findet sich nur der Butterfly Music-Künstler Face auf der Platte, während die restlichen Tracks von Vega allein bestritten werden. Hierbei wächst V technisch nicht über sich hinaus, kann jedoch problemlos mit den aktuellen Standards mithalten, wobei das Augenmerk bei "Lieber bleib ich broke" weniger auf der technischen Seite zu liegen hat. Denn Vega schafft es ohne verbale Umwege, Werte und Wahrheiten in unsere Gehörgänge zu prügeln, ohne dabei stumpf zu wirken: Wenn Reden Silber ist und Schweigen Gold, dann scheint On-point Brillant zu sein.

Die Instrumentals, welche größtenteils von Emonex poduziert wurden, tragen mit donnernden Brettern sowie mit ruhigeren Nummern maßgeblich zum düsteren, beinahe endzeitlichen Klangbild bei, über dem es dem Frankfurter gelingt, das Straßenleben derart schnörkellos zu beschreiben. Seine Texte scheinen frei von jedem "Cocaine Cowboys"- oder "Scarface"-geschwängerten Gangsterkitsch, frei von schwülstig-verklärten Ghettoreports, frei von Straßenpathos und bekannten Raphyperbeln. Ebensowenig sind sie von wirtschaftlicher Profitgier beschnitten oder zeigen Anzeichen von Zurückhaltung, sodass die Frage, welcher Rapper in Deutschland denn eigentlich "real" sei, ein für alle Mal geklärt sein dürfte. Mit "Lieber bleib ich broke" fertigt der Adlerjunge den ersten Spiegel an, in dem sich viele Jugendliche zum ersten Mal unverzerrt sehen könnten.


disdi (Christian Weins)



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