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Interview: Veedel Kaztro ("Büdchen Tape III", Politik, Kunst) – Text

veröffentlicht: Mittwoch, 22.03.2017, 15:25 Uhr
Autor: Nic-O


2016 war es vergleichsweise ruhig um Veedel Kaztro. Doch das soll sich 2017 wieder ändern: Zu Beginn des Jahres kündigte er den dritten Teil seiner Büdchen Tape-Reihe an. Grund genug, sich mit dem Kölner in seiner Heimatstadt zu treffen und ein bisschen über seine neue Platte, Politik, Bescheidenheit und Künstlertum zu sprechen. Was dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier lesen!



rappers.in:
Hallo Veedel! Am 31.03. kommt dein "Büdchen Tape 3" raus. Ausnahmsweise war 2016 ein Jahr, in dem du keine eigene Platte herausgebracht hast, lediglich das Kollabo-Mixtape mit der Sektorwestbüdchengang steht zu Buche. Hast du dir also mehr Zeit für das neue Album genommen oder warst du eher auf außermusikalische Dinge fixiert? Du studierst ja nebenbei auch noch.

Veedel Kaztro:
Ich würde nicht sagen, dass ich mir mehr Zeit genommen habe. Es hat genauso lange gedauert wie immer. Zwei oder drei Monate schreiben, dann nochmal etwa genauso lange aufnehmen, dann nochmal zwei Monate warten auf Mische und Produktion. Ich habe mich diesmal auch öfter bei meiner Mutter auf dem Land eingeschlossen und in Ruhe Themen und Texte gesammelt. Gefühlt habe ich im letzten Jahr aber trotzdem viel gemacht, auch wenn da textlich nicht viel rauskam. Ich habe viel Klavier gespielt, da nehme ich seit einem Jahr ernsthaften Unterricht.

rappers.in:
Wie hat sich das denn ergeben?

Veedel Kaztro:
Ich wollte das eigentlich immer machen. Ich habe erst Gitarre gespielt, das dann aber jetzt davon ablösen lassen. Ansonsten hatte ich auch genug zu tun, ich hab' auch an meinem Charakter gearbeitet (lacht).

rappers.in:
2015 kam ja "Fenster zur Strasse" mit Mels, jetzt führst du die Büdchen-Saga fort. Gibt es etwas, was Büdchen Tapes ausmacht, etwas, weshalb "Fenster zur Strasse" kein Büdchen Tape war? Oder war es eher, um einen klaren Schnitt zu setzen, dass "Fenster zur Strasse" ein Projekt mit Mels war und nicht diesen klassischen Mixtape-Charakter hat?

Veedel Kaztro:
Zum einen das letztere, auf jeden Fall. Andererseits ging es da ja auch um Storytelling, um das Leben in der Stadt, deshalb auch der Name. "Büdchen 3" dagegen ist meiner Meinung nach wieder etwas facettenreicher und hat nicht durchgängig dieselbe Stimmung. Es reiht sich auch insofern in die ersten beiden Teile ein, als dass ich versucht habe, herauszufinden, was meine Stärken sind und was meine Marke ist. Diese Stärken wollte ich ausspielen und etwas ähnliches wie die ersten beiden Teile produzieren, nur halt soundmäßig an 2016, das Jahr, in dem ich das Tape geschrieben habe, angepasst.

rappers.in:
Weil du den Sound ansprichst: Es gibt eine sehr breite Palette an Produzenten auf dem Tape. Etwa die Hälfte des Tapes kommt von YOURZ, insgesamt haben sich sieben verschiedene Produzenten beteiligt. Selber produziert hast du diesmal nicht. Warum?

Veedel Kaztro:
Naja, eigentlich wollte ich das schon. Aber die Tracks, die ich selbst produziert habe, haben es jetzt letztendlich nicht mit aufs Album geschafft. Ich hatte einfach viele sehr gute Beats von anderen Leuten und so ein YOURZ beispielsweise ist, was den Sound angeht, im Produzieren einfach besser als ich. Was ich bei mir mag, sind die Samples und Melodien, aber das Ausproduzieren habe ich selbst einfach noch nicht so gut drauf. Eigentlich hätte ich mir gewünscht, dass mindestens ein von mir produzierter Song auf der Platte ist, aber im Endeffekt haben wir geguckt, was das Gesamtergebnis ist. Und da habe ich mir auch keinen Zacken von der Krone gebrochen, keinen Beat von mir darauf zu haben.

rappers.in:
Bei Mels verhält es sich ähnlich? Ihr habt ja viel zusammen gemacht.

Veedel Kaztro:
Ja, da kommt auch noch mehr. Wir sind weiterhin Musikpartner, er ist auch mein DJ zurzeit. Wir überlegen auch noch, eine Fortsetzung von der "Nachlegen EP" aus dem Jahr 2013 machen. Aber beim neuen Album hat sich das einfach nicht ergeben.

rappers.in:
Gehen wir mal konkret auf das neue Album ein. Musikalisch finde ich es, wie du schon gesagt hast, sehr vielseitig. Jeder Beat ist anders und sticht auf seine Art und Weise hervor. Es hat einen klaren Mixtape-Charakter und ist, meiner Meinung nach, keine klare musikalische Einheit. Als Auskopplungen hast du jetzt aber zwei "trappige" Songs gewählt, die für mich nicht repräsentativ für das Album sind. Wieso?

Veedel Kaztro:
Also: Wir machen auf jeden Fall noch weitere Singles, die dann in die andere Richtung gehen. Aber keine Ahnung, "Respek" mochte ich halt einfach als Statement, nachdem länger nichts mehr von gekommen war. "Veezy macht blau" hat für mich einen Ohrwurmflavour und ist für einfach eine Hitsingle, vielleicht brauchen die Leute noch ein bisschen, um das festzustellen. Aber ich sehe den auch gar nicht als Trapsong, das einzige Element sind halt die Hi-Hats.

rappers.in:
Deshalb habe ich es auch in Anführungszeichen gesetzt. Gerade in den letzten Jahren ist es ja in Mode gekommen, alles, was eine 32-tel Hi-Hat hat, als "Trap" zu bezeichnen.

Veedel Kaztro:
Dadurch ist auch ein Schwarz-Weiss-Denken etabliert worden, dass es nur BoomBap und Trap gibt. Es ist halt einfach ein Samplebeat mit einem anderen Rhythmus. Ich hatte Bock, etwas schneller zu rappen und einen Song zu schreiben, der auch live abgeht. Und der Song ist auch einfach schön dumm. Die Hook ist einfach und dämlich, so wie eine Hook sein soll.

rappers.in:
Deine Videos werden ja immer auf fremden Kanälen hochgeladen. Es ist da immer zu beobachten, dass die Reaktionen, ausgehend jetzt mal vom Like-Dislike-Verhältnis, zu Beginn sehr negativ sind und sich im Laufe der Tage einpendeln. Und bei den neuen Singles sagten auch viele wieder: "Oh Nein, jetzt springt er auf diese Trapschiene auf."

Veedel Kaztro:
Naja, ich habe das ja schon immer gemacht. Wer sich noch an diese Videosingle erinnern kann …

rappers.in:
Die mit dem Glockenbeat, in der du drei Minuten lang ein Müsli isst?

Veedel Kaztro:
Ja, genau. Die kam Anfang 2014 raus, als es das zwar in Amerika schon gab, in Deutschland aber noch nicht. Deshalb ist der Vorwurf, dass ich auf irgendetwas aufspringen würde, einfach haltlos. Ich habe 2012 wie viele andere auch "Flockaveli" von Waka Flocka Flame gehört und war davon krass beeindruckt, gerade von den Adlibs, die haben mich richtig gecatcht. Der Song "Gästeliste" mit TAMI beim MOT war auch in dem Stil. Ich habe das halt schon immer gemacht, deswegen bin ich sicher auf keinen Zug aufgesprungen.

rappers.in:
Das neue Tape ist ja sonst auch deutlich abwechslungsreicher, der Eindruck könnte halt durch die Singles entstehen.

Veedel Kaztro:
Ich habe das eben schon gemacht, bevor dieser riesen Hype in Deutschland ausgebrochen ist und das hier ein neues Level erreicht hat. Im Endeffekt ist ein Song ein Song und dieses Schubladendenken ist halt echt nicht so meins.

rappers.in:
Kommen wir nochmal zurück auf deine musikalische Erfahrung. Bei "Coach Veezy" rappst du "Ich kann Klavier und auch Gitarre zocken". Das fließt in deine Musik aber nicht wirklich mit ein. Eine bewusste Genretrennung?

Veedel Kaztro:
Ja, ich halte das gerne getrennt. So komische Experimente können manchmal funktionieren, können aber auch sehr unangenehm sein, so Popanbiederungen beispielsweise …

rappers.in:
Es muss ja nicht Pop sein. Goldroger beispielsweise hat ja im letzten Jahr gezeigt, wie man Genres gut mischen kann.

Veedel Kaztro:
Ja, definitiv. Aber ich mag das einfach eher straight und ohne Experimente. Gitarren- und Klaviermusik lasse ich lieber für sich stehen, das ist bei mir auch gerade erst in der Entstehungsphase. Aber ich habe eigentlich vor, mein Leben lang Musik zu machen und kann mir vorstellen, in drei Jahren mal eher in Richtung Chanson zu gehen. Ich höre halt so viel auch außerhalb von HipHop, aber so Crossover ist einfach nicht meins.



rappers.in:
Lass uns mal in ein großes Themenfeld vordringen, welches bei deinem neuen Album nicht ausbleibt: Politik. "Büdchen Tape 3" ist meiner Meinung nach textlich deutlich politischer als die letzten Releases. Man merkt dir den Hass auf die derzeitige politische Situation an, auch bei deinem Anti-AfD-Track, den du vor ein paar Monaten veröffentlicht hast. Warum spielt Politik jetzt so eine große Rolle in deinen Texten? Traust du dich jetzt, dich zu äußern, oder hat sich die Lage die letzten Jahre einfach derart verschlimmert, dass du deine Meinung kundtun musstest?

Veedel Kaztro:
Also es gab auf "Fenster zur Strasse" den Song "In der Stadt", da ist das Thema auch schon angeschnitten, sogar relativ deutlich.

rappers.in:
Aber die Thematik nimmt nach meinem Gefühl einen größeren und wichtigeren Teil ein.

Veedel Kaztro:
Es passiert ja immer sehr viel komisches Zeug auf der Welt, durch das Internet kriegt man das auch alles noch besser mit heutzutage. 2016 war ich relativ sensibel für bestimmte Geschehnisse, Stichwort Populismus und Pegida. Das sind Sachen, die mich sehr mitgenommen haben und die einen fertigmachen können, wenn man sich das zu häufig gibt. Das hat mich sehr beschäftigt und ich musste einfach Lieder darüber schreiben. Das ist natürlich auch Bewältigung dieser Themen für einen selber. Mir geht es da gar nicht unbedingt darum, Leute von meiner Meinung zu überzeugen. Jeder soll sich da seine eigene Meinung bilden.

rappers.in:
Ein Song, bei dem das auch musikalisch sehr gut transportiert wird, ist "Hund ohne Leine", den du zusammen mit Sparky und Simon Grohé gemacht hast. Beim Hören empfinde ich eine deutlich aggressivere Stimmung als von dir gewohnt. Gab es da einen Auslöser?

Veedel Kaztro:
Es ist im Endeffekt ein Rausschreien der Wut. Es geht da nicht unbedingt um Politik, sondern eher um meinen Status als Künstler, mich nicht jeder gesellschaftlichen Konvention zu beugen. Auch eine gewisse Art von Rechtfertigung gegenüber meiner Situation, dass ich beispielsweise keinen 9-to-5-Job habe. Ich sage, was ich von bestimmten Erwartungen halte. Und ich sage Leuten, die diese Erwartungen haben und sich durch Statussymbole und Geld auf dem Konto definieren, dass sie das gerne tun können, aber ich das nicht tun werde. Ich mache Mukke und da bin ich auch sehr stolz drauf. Man lebt halt in einer Welt mit Menschen, die andere Normen haben und meine Musik ist da auch eine Art Abkapselung, eine Selbstabgrenzung sozusagen.

rappers.in:
Ähnlich gelagert ist auch der Song "Angst" mit TAMI. Da geht es um das Zeitalter der Angst und der Angst vor der Angst selber. Ebenso geht es darum, dass diese Angst Rechtspopulisten Aufschwung gibt. Lässt sich das überhaupt noch bekämpfen? Bringen rationale Argumente noch etwas? Guckt man auf die Wahlen in Amerika, ist man ja verlockt, das Gegenteil anzunehmen.

Veedel Kaztro:
Naja, ich habe schon das Gefühl, dass je mehr Lügen und Meinungsmache aufgedeckt werden, mehr Stimmen laut werden, die sich dagegenstellen und das anprangern. Es gibt jede Menge Blogs wie beispielsweise AfD-Watch, in denen die Dinge analysiert werden.

rappers.in:
Ja, aber meine Frage ist ja, ob so etwas überhaupt was bringt.

Veedel Kaztro:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Aber ich glaube, es ist auch eine Typsache: Es gibt halt die, die alles fressen und sowieso über wenig nachdenken.

rappers.in:
Mittlerweile wird ja überall vom "postfaktischen Zeitalter" gesprochen.

Veedel Kaztro:
Ja, aber es sind doch noch dieselben Menschen wie vor fünf oder zehn Jahren. Meiner Meinung nach ist nicht alles verloren. Es ist alles wie immer, aber es ist offensichtlicher, wie die Lager verteilt sind. Ich war jetzt vor kurzem im Osten und man muss einfach sagen: Die Städte da sind einfach vernachlässigt worden. Und da ist es doch klar, dass sich Wut anstaut. Und die Wut war sicherlich auch schon Mitte der 90er da, aber jetzt kriegt man es halt mit.

rappers.in:
Das ist auch ein Schneeballeffekt. Immer mehr Leute trauen sich dann, auch etwas zu sagen und ihren Hass zu projizieren.

Veedel Kaztro:
Und das ist halt scheiße. Aber das gab es immer schon und die Frage sollte doch eher sein, warum dem nicht schon viel früher Beachtung geschenkt wurde. Wieso muss es erst so weit kommen, dass die Situation eskaliert und Heime angezündet werden? Alle schütteln jetzt mit dem Kopf und Gabriel bezeichnet diese Leute als "Pack", was den Konflikt nochmals anheizt. Das war einfach dumm von ihm. Man sollte sich eher mit den Leuten befassen. Natürlich passiert das auch, Journalisten versuchen das ja immer wieder. Aber die Leute sind mittlerweile auch schon zu aufgebracht und es kommt zu keinem vernünftigen Gespräch.

rappers.in:
Es ist einfach eine sehr festgefahrene Lage.

Veedel Kaztro:
Ja und es ist schade, dass es so weit gekommen ist. Jetzt wundern sich alle, wie das passieren konnte, aber viele Leute tragen da auch eine Mitschuld.

rappers.in:
Das Thema wurde also nicht früh genug angegangen und jetzt muss man mit den Konsequenzen leben?

Veedel Kaztro:
Es ist einfach viel vergessen worden. Leute sind vergessen worden, ganze Städte sind vergessen worden. Ich habe jetzt von Freunden aus dem Osten ein paar Geschichten über Köthen und Bitterfeld-Wolfen gehört. Das sind verarmte Landstriche mit jeder Menge Arbeitslosigkeit. Und dann werden die Leute radikal und irrational, weil es ihnen schlecht geht. Natürlich geht es nicht klar, dass diese Menschen dann jede Objektivität verlieren und zu solchen Mitteln wie Gewalt greifen. Aber so, wie viele Flüchtlinge die Folge von Waffenexporten sind, so sind diese Leute das Resultat von viel Vernachlässigung.

rappers.in:
Man merkt, dass dich das Thema sehr mitnimmt …

Veedel Kaztro:
Auf jeden Fall. Gerade durch Facebook kriegt man sowas ja auch noch mehr mit. Es ist schlimm zu sehen, wie hasserfüllt diese Menschen werden.

rappers.in:
Hand in Hand mit dem Thema Politik geht der Themenkomplex des Patriotismus. Ich habe das Gefühl, dass deine Heimatstadt, Köln, beim "Büdchen Tape 3" nicht mehr so eine große Rolle spielt wie bei den letzten Releases. Ist jetzt sogar Lokalpatriotismus zu viel des Guten?

Veedel Kaztro:
Naja, ich würde mich schon als Lokalpatrioten bezeichnen, auch wenn ich das eigentlich nicht so gerne mag, weil man dadurch etwas anderes immer weniger wertschätzt. Auf "Almans" geht es ja beispielsweise um die Entstehung eines Mobs, durch Sauferei oder Fußballspiele beispielsweise. Kein Front gegen Fußball, aber du weißt, was ich meine. Und sowas, also Alkohol, Gruppendynamik und Feindbilder, kann leider das schlimmste aus dem Menschen herausholen. Dann werden jegliche Hemmungen über Bord geworfen und das Hirn wird ausgeschaltet. Und da spielt ein Nationalgefühl auch immer mit, dieser wohlige Gruppeneffekt.
Man kann ja seine Heimat mögen und repräsentieren, aber man sollte da – wie bei allen Sachen – nicht übertreiben und das als Begründung für irgendwas nehmen.

rappers.in:
Es war also keine bewusste Entscheidung zu sagen: "Ich schreibe nicht mehr über Köln"?

Veedel Kaztro:
Es war keine bewusste Entscheidung. Aber ich mache ja Rap und da finde ich es auch immer ganz geil, seine Stadt zu representen, auch um seine Leute anzusprechen.

rappers.in:
Das kam bei der "Fußball EP" ja auch klar rüber.

Veedel Kaztro:
Ja, genau. Es kommen auch bestimmt noch Sachen zu dem Thema. Als Rapper ist das ja auch immer so ein Battlegedanke zu sagen: "Guck mal, in Köln geht es ab. Wir machen krasse Sachen." Aber es muss halt irgendwie mit Stil passieren.

rappers.in:
Du hast den Track "Almans" gerade schon kurz angesprochen. Da geht es viel um die deutsche Feier- und Trinkkultur und wie sie dich oft anwidert. Was machst du am Donnerstag? (Weiberfastnacht, Anm. d.Red.)

Veedel Kaztro:
Ja, Donnerstag gehe ich Karneval feiern auf jeden Fall. Keine Ahnung, das ist schon ein bisschen paradox. Aber hier in Köln kann man das ja auch ein bisschen alternativ feiern.

rappers.in:
Also nicht Zülpicher Straße? (Partymeile in Köln, Anm. d.Red.)

Veedel Kaztro:
Doch, auch das. Es ist ja auch immer ein bisschen inspirierend, die Leute zu sehen. Die sind ja so, wie sie sind. Aber ich will auch nicht von "den Leuten" sprechen, das ist so von oben herab. Es ist halt, wie es ist. Und klar gibt es Sachen, die widern einen an, wenn man draußen rumläuft.

rappers.in:
Sollte bei sowas denn nicht auch "leben und leben lassen" gelten?

Veedel Kaztro:
Ja, das auf jeden Fall. Und man kann daraus ja auch für sich selbst lernen und sein eigenes Verhalten überdenken. Jeder war mal besoffen und weiß, wie man sich dann verhält. Aber ich hatte oft die Situation, dass wir draußen unterwegs waren und es dazu kam, dass sich die Situation aufgeheizt hat. Und ich habe mich da oft in der Rolle des Schlichters wiedergefunden, ich bin auch Pazifist.
Aber um nochmal auf die Frage zurückzukommen: Wir reden hier natürlich auch von Einzelfällen. Es gibt ja genügend Leute, die friedlich miteinander feiern. Aber wenn etwas passiert, dann sollte man auch dagegen stehen und sagen: "Ey, es ist nicht okay, wie du dich verhältst." Ich bin auch ein Karnevalsfan und gehe gerne raus und wenn es eklig ist, dann kann man das auch sagen, anstatt das pauschal zu verurteilen.



rappers.in:
Lass uns mal auf ein anderes Thema zu sprechen kommen. Auf "Veezyness" rappst du "Jeder ist jetzt DJ, jeder macht jetzt Kunst." Machst du es dir da nicht etwas zu einfach? Machst du Kunst? Was macht denn Kunst für dich aus?

Veedel Kaztro:
Ich mache auf jeden Fall Kunst, weil ich wirklich etwas erschaffe. Wir bringen jetzt meine fünfte Platte raus, da kann mir keiner was erzählen. Was ich aber wirklich damit meine, ist halt dieses aufgeblasene Ego von irgendwelchen Leuten, die sich wie die krassesten fühlen, obwohl sie nicht wirklich etwas leisten. Es gibt ja viele Leute, die sich an Klickzahlen oder Instagram-Likes aufgeilen. Irgendwelche Fitnessmodels oder so, die sich wie der beste Mensch der Welt vorkommen, dieser ungerechtfertigte Stolz.

rappers.in:
Aber das ist ja auch immer eine Sache der Perspektive.

Veedel Kaztro:
Ja klar, aber es gibt halt bestimmte Sachen, bei denen die Leute sich selber einfach abfeiern.

rappers.in:
Aber das geht ja einher mit Social Media und dem allgemeinem technischen Fortschritt.

Veedel Kaztro:
Das ist auf jeden Fall eine Sache, die das ganze sehr gefördert hat. Aber viele werden dann arrogant und kriegen so einen Höhenflug. Aber ich stelle mir dann die Frage: Wie kommst du darauf, dich wie Gott in Frankreich zu fühlen? Was machst du denn? Guck mal, was es für wirklich krasse Sachen gibt. Und damit meine ich nicht unbedingt mich, sondern auch andere Kunstformen wie Film oder Architektur, tatsächliche menschliche Errungenschaften.

rappers.in:
Also ein Aufruf zu Bescheidenheit?

Veedel Kaztro:
Ja, genau. Einfach mal überlegen, ob der eigene Stolz gerechtfertigt ist. Ich nehme da auch immer gerne DJs als Beispiel, die auf irgendwelchen Partys auflegen.

rappers.in:
Heutzutage nennt sich ja auch jeder DJ. Für mich ist es schon auch ein Unterschied, ob jemand nach viel Übung mit Turntables auflegt, oder in irgendeinem Club seine Playlist abspielt. Das eine ist halt Kunst und Handwerk und das andere ist …

Veedel Kaztro:
Bespaßung.

rappers.in:
Ja genau!

Veedel Kaztro:
Ja, ich weiß nicht, das ist ja auch so ein Szeneding. Da gibt es diese It-Leute, die sich für die gefragtesten Hunde in der Welt halten und auch irgendwie eine zu hohe Meinung von sich haben. Wie du gesagt hast: Bescheidenheit ist gut und wichtig.

rappers.in:
Weil du jemand von rappers.in neben dir sitzen hast, müssen wir natürlich auch noch kurz über das Thema Battlerap sprechen. Du hast ein DLTLLY-Battle hinter dir und auch am MOT teilgenommen. Ist Battlerap für dich Geschichte?

Veedel Kaztro:
Also ich habe mir nach dem DLTLLY-Battle gegen Buddi, Grüße gehen raus an ihn, die Frage gestellt, ob das für mich das richtige ist. Ich habe da halt grandios verkackt. Ich war einfach mega aufgeregt und nicht so abgebrüht. Ich mag Battlerap eigentlich sehr gerne, finde aber auch, dass da viel Müll bei rumkommt. Es ist einfach oft dasselbe und es wird auf Müttern und Freundinnen rumgehackt. Es geht da vielen teilweise auch darum, möglichst schnell an Fame zu kommen. Das wirkt dann oft auch weniger wie Rap, sondern mehr wie Sprücheklopfen auf Video.

rappers.in:
Du schließt aber nicht aus, noch einmal Battlerap zu machen?

Veedel Kaztro:
Vielleicht. Ich habe es aber konkret nicht vor, es ist ja auch sehr zeitaufwendig. Es macht halt schon Bock, vielleicht 2020 oder so.

rappers.in:
Und damit kommen wir auch schon zur Abschlussfrage, die ich mit einem Zitat aus "Hund ohne Leine" einleiten möchte. Da sagst du "Meinst du im Ernst, mich beeindruckt dein Geld/ Dein Auto, dein Bizeps, dein Blick auf die Welt". Was beeindruckt dich denn?

Veedel Kaztro:
Humor auf jeden Fall. Aufrichtigkeit auch. Wenn Menschen versuchen, an sich zu arbeiten und nicht stehen zu bleiben, einfach etwas aus sich zu machen. Ich kriege leider oft mit, dass Leute sich hängen lassen, das passiert einem selbst ja auch manchmal. Man sollte halt versuchen, straight zu sein, ein Vorbild zu sein. Aber nicht in diesem Kollegah-Sinne, sondern dass die Leute sehen, dass man sich seine Gedanken gemacht hat und sich mit Dingen auseinandergesetzt hat. Gerade in Zeiten, in denen so viel Scheiße gelabert wird. Und man sollte zu sich und seiner Meinung stehen. Wenn man Probleme hat, dann sollte man nicht rumheulen, sondern etwas ändern.

rappers.in:
Jetzt ist Platz für die letzten Worte, die nie jemand sagen möchte!

Veedel Kaztro:
Ich grüße meine Homies von der Sektorwestbüdchengang, Shoutouts an rappers.in. Ich hoffe, dass viele Leute das Album hören, es kommt am 31.03. über Melting Pot Music. Und wie ein Rapper sage ich Peace zum Schluss. Peace!



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Büdchen Tape III vorbestellen bei MPM oder Amazon

(Nicolas Blum)

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