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VBT Magazin: VBT: Ein Bekennerschreiben

veröffentlicht: Samstag, 03.01.2015, 19:56 Uhr
Autor: Redaktion




VBT: Ein Bekennerschreiben

In Anbetracht all des vergangenen und des nun wohl bald wieder aufkommenden Aufruhrs rund um das VBT musste ich in den letzten Wochen bis Monaten immer wieder Diskussionen rund um das Thema Battlerap führen. Diskussionen rund um unser geliebtes Turnier – von Themen wie Realness, Freestyle, Oldschool, Newschool, Internet, über die RBA bis hin zu den Kopien des Turniers. Irgendwann bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich eines mal klarstellen will: Ich liebe Battlerap. Ich liebe Freestylesessions, bei denen sich zwei mehr oder weniger begabte Rapper in einem nach Bongrauch stinkenden Homestudio schlecht gereimte Standardphrasen an den Kopf werfen. Ich liebe Battlejams, bei denen sich kampferprobte MCs vor einer HipHop-affinen Menge verbal die Fressen polieren. Und ich liebe die RBA, die wohl den ersten Schritt gegangen ist, um deutschen Battlerap ins Internet zu transportieren; von den Heads bis zur Train herab, stehen hier seit je her für Rapper so gut wie aller Kaliber Tür und Tor offen, sich im verbalen Zweikampf fair und sportlich zu messen und einen Fuß in die Raplandschaft des kompletten deutschsprachigen Raums zu setzen. Und das ist, was auch das VBT schon immer ausgemacht hat: Eine Plattform, um sich zu messen, weiterzuentwickeln und Kontakte zu knüpfen – nur eben den einen logischen Schritt weiter, das Video als neue Ebene und neues Potential ins Geschehen einzubinden. Und ich liebe das VBT. Dennoch wurde das Prinzip der Videobattles vielerorts kritisiert, was allem voran mit der steigenden Popularität einherging. Zu Beginn des diesjährigen Turnieres wollen wir nun die Gelegenheit nutzen, um als Veranstalter zu einem der größten Vorwürfe klar Stellung zu beziehen:

Zunächst – dieser Artikel ist kein Leitfaden, was eine gute Runde in einem Videobattle ausmacht, sondern sollte vielmehr eine Grenze setzen, was nicht mehr hineingehören sollte. Natürlich steht es prinzipiell jedem Artist, der im VBT antritt, absolut frei, wie er seine Runde zu gestalten hat. Das geht vom Musikalischen übers Videotechnische, bis hin ins Textliche. Wahrscheinlich ist es gerade diese unglaubliche Vielfalt an ins Rennen gehender Musiker, die das VBT so groß und erfolgreich gemacht hat. Dennoch ist in den letzten Turnieren ein Trend aufgekommen, den wir weder gutheißen noch unterstützen können, weswegen wir diesem noch einmal klar entgegenwirken wollen.

Die Rede ist von Realtalk, der die Person hinter der Kunstfigur angreift. Das meint nicht, bekannte Ereignisse und Fakten für das Einleiten einer Punchline zu verwenden, indem man zum Beispiel einem Gegner, der allgemeinhin bekannt BWL studiert, ebendies in einer guten Verpackung vorwirft. Das ist absolut legitim und auch ein gern gesehener Teil eines Battles. Problematisch wird es hingegen, wenn man damit beginnt, private Informationen über einen Gegner zu nennen, sie bestenfalls noch mit Screenshots aus Facebook und Konsorten zu unterlegen und all das nicht einmal mehr sonderlich gut zu verpacken. Es ist nicht nur – und auch wenn das nun drastisch klingt – menschlich absolut widerwärtig, einer Person, die man bestenfalls über das Internet kennt, mit rufschädigenden Informationen zu konfrontieren, sondern auch eine extrem faule und effekthascherische Art und Weise, sich einen Vorteil zu erschleichen. Es erfordert weder große textliche Finesse noch eine wirklich effiziente Pointensetzung, um so ans Ziel zu kommen. Vielleicht mag das eine große Gruppe an Leuten ansprechen und vielleicht fühlt sich diese davon auch unterhalten, aber diese Art von Unterhaltung ist dieselbe, die auch Bild und RTL zum Besten geben. Das hat nichts mit der eingangs erwähnten Kultur des Battleraps oder des HipHops allgemein zu tun. Es zieht das Wortgefecht von einer musikalischen und sportlichen Ebene herab auf eine persönliche Schlammschlacht untersten Niveaus, was mit Sicherheit nicht der Grund war, für den das VBT damals ins Leben gerufen wurde.

Noch schlimmer wird es allerdings, wenn man Vorwürfe und skandalöse Geschichten einfach an den Haaren herbeizieht, nur um diesen einmaligen Effekt zu erzielen. Das wohl drastischste Beispiel hierfür liegt erst wenige Wochen zurück und – da brauchen wir uns nichts vorzumachen – der Großteil von Euch hat es zumindest mitbekommen: Das Finale des JBBs zwischen Spongebozz und Gio. Das hier wird das erste und letzte Mal, dass dieses Thema auf rappers.in Erwähnung findet und das auch nicht, um gegen Juliensblog zu schießen. Im Gegenteil; bis auf das Konzept der Videobattles haben wir absolut nichts mit ihm gemein und er bedient mit seinem Format eine Zielgruppe, um die wir ihn – auch wenn sie unserer quantitativ überlegen sein mag – gar nicht beneiden. Dennoch wollen wir uns die Gelegenheit nicht nehmen lassen, zu dieser dort immer wieder kultivierten und honorierten Art des Dissens klar Stellung zu beziehen; denn sie ist das absolute Gegenteil des Battlestils, den wir unterstützen und der unserer Vorstellung entspräche. Die Kultur und das Prinzip, dass hinter dieser Form von Unterhaltung steht, ist die, dass in Sachen Realtalk immer noch einer draufgesetzt werden muss. Erst reichte es, dass man einen Gegner mit peinlichen alten Videos bloßstellt. Irgendwann mussten dann Chatverläufe mit ihren Freunden herhalten, um den Kinderscharen glaubhaft zu machen, dass der zufällig zugeloste Mensch aus dem Internet doch ein ganz widerliches Exemplar der menschlichen Gattung sei. Und wenn man über diesen zugeteilten Menschen, den man vermutlich gar nicht mal richtig kennt, nichts entsprechend Bloßstellendes mehr finden kann, dann kam es nun jüngst, wie es kommen musste: Eine falsche Story, ein gefälschter Beweis dafür und ein unfassbarer Skandal um einen Menschen, der damit absolut nichts zu tun hat. Und warum? Weil irgendwo noch irgendetwas draufgesetzt werden musste. Weil irgendwie ein noch erschütternderer Skandal aus dem Boden gestampft werden musste. Mal hält man dem Einen vor, bei einem Unfall beide Eltern verloren zu haben, der Nächste ist rechtsextrem, und der Übernächste hat dann eben ein kleines Mädchen vergewaltigt. Zum Gipfel des Ganzen frisst ihm seine Anhängerschaft selbiges auch noch aus der Hand und der Betroffene geht mit einem überaus ernsten Rufschaden nach Hause. Ist das unterhaltsam? Mag sein. Vielleicht unterhält es Leute, die auch sonst Freude an Skandalgeschichten haben und es für sinnvoll halten, schmutzige Wäsche anderer Leute online auszubreiten. Aber das steht in keinem Bezug zu Battlerap und der Kultur, die wir uns wünschen und nach der wir das VBT immer wieder veranstalten.

Warum also breiten wir all das aus, obwohl es gar nicht unser Turnier ist? Das hat zwei Gründe. Zum einen werden wir doch des Öfteren an den Auswürfen des JBBs gemessen. Ich habe privat schon mehr als einmal in einer Diskussion über Rap auf die Frage, ob mein Gegenüber das VBT kenne, die Antwort erhalten, ob das denn "der kindische Quatsch mit dem rappenden Schwamm sei". Nein! Das VBT und das JBB unterscheiden sich in ihren Philosophien fundamental. Uns geht es darum, eine Bühne für Competition zwischen talentierten MCs und für Newcomer zu bieten, nicht darum, eine seelenlose Klickmaschine heranzuzüchten. Außerdem wollen wir Teilnehmern wie Zuschauern das beste Erlebnis und möglichst viel Freude am Turnier bieten, weswegen wir die Rapper in den Vordergrund stellen und sie von einer objektiven und seriösen Jury bewerten lassen, statt einen Personenkult um einen Juror zu erschaffen, um dessen Gunst die Teilnehmer Runde für Runde bangen müssen. Wie gesagt: Unser Ziel ist es wirklich nicht, Juliensblog in seiner Sache anzugreifen. Aber hiermit wollen wir uns endgültig von seinem Format distanzieren und klarstellen, dass wir mit seiner Philosophie und seinem Turnier nur das von uns erfundene Prinzip des Videobattles gemeinsam haben. Zum anderen – um auf den Anfang des Abschnitts zurückzukommen – sind auch im VBT immer wieder Runden erschienen, die sich hart an dieser Grenze befanden und teils auch darüber hinausgegangen sind. Auch hier wurden immer wieder Chatverläufe als Punchline verkauft und Insidergeschichten über Gegner ausgepackt, die lyrisch nie über eine bestenfalls mittelmäßige Leistung hinausgegangen sind, und ihre Wirkung allein über die Sensationssucht entfalten konnten.

Um das endgültig klarzustellen: Dies sollte kein Gegenstand eines Rapbattles sein. Nicht im VBT, nicht in der RBA, auf keiner Live-Bühne und auch nicht im nach Bongrauch stinkenden Homestudio. Unser Turnier stellt eine seriöse und professionelle Plattform für Battlerap dar, in der Tradition wie Kultur Hand in Hand gehen und bei der jeder MC und jeder Rapstil herzlich willkommen sind. Und diese Kultur besagt, dass sich Rapper in einem Battle nach Herzenslust an die Gurgel gehen können, sich die übelsten Beschimpfungen an den Kopf werfen dürfen und den Gegner als Kunstfigur so gut es geht dem Erdboden gleichmachen sollen, solange es die Grenze zur Privatperson nicht auf einem ernsten Level übertritt und man sich nach dem Battle die Hand geben kann. Das ist, was das VBT darstellen sollte und das ist der Battlerap, den ich liebe, den wir als rappers.in-Crew lieben und der das Turnier dahin gebracht hat, wo es heute steht. Und diese Tradition erfolgreich weiterzuführen, das ist unsere Ambition und deshalb freuen wir uns sehr auf das neue Jahr und ein weiteres, großartiges VBT.

(rappers.in)

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