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Review: Ufo361 – 808

veröffentlicht: Donnerstag, 19.04.2018, 20:55 Uhr
Autor: Cuttack





01. Ohne mich
02. Beverly Hills
03. Kontostand
04. Balenciaga
05. Superstar
06. Power
feat. Capital Bra
07. Alpträume
08. Odio
feat. Yung Hurn
09. Dream feat. Trettmann
10. Gewinn
11. Erober die Welt
feat. RAF Camora & Gzuz
12. Stay high 2.0
13. 808


Ufo361 funktioniert gewissermaßen als Blaupause des Trap-Rappers in Deutschland. Dieser Fakt ist ihm Fluch und Segen zugleich: Segen, weil kaum einer so gekonnt und authentisch amerikanischen Sound von Produktionsästhetik bis Stimmeinsatz in die deutsche Sprache übersetzt. Fluch, weil er diesen Zustand bislang nicht überflügeln konnte. Sein Debutalbum "808" – der offizielle Nachfolger der kommerziellen "Ich Bin x Berliner"-Mixtapereihe" – versucht nun, diesen letzten Funken überspringen zu lassen. Und auch wenn das Projekt rein musikalisch durchaus eine Entwicklung beweist, fehlt dem Album der Mut, von bewährten Formeln abzuweichen.

Es ist ein bisschen skurril, dass Ufo361 tatsächlich selbst das interessanteste Element auf "808" ist. Auch wenn seine minimalistischen Lyrics vor Wiederholungen und Plattitüden strotzen, liefern seine Performances ein spannendes und dynamisches Bild seiner Person ab. Das Bild eines jungen Mannes, der vom Erfolg zerrissen, von formloser Paranoia zerfressen ist. Wenn er auf "Balenciaga" Lines wie "Keiner gönnt mir meinen Erfolg/ Leider hab ich's so gewollt" zetert, lässt sich fast vergessen, dass der Erfolg in der Musikindustrie eigentlich seit Tag eins das Ziel war. "808" reagiert auf das Erreichen dieser Landmarke auf fast schizophrene Art und Weise. Auf der einen Seite wird der Erfolg ausgiebig zelebriert, ganz besonders im beinahe manischen Poltern gegen die Hater, Neider und Zweifler. Und dennoch schimmert immer wieder durch, dass der aktuelle Zustand nicht das damalige Versprechen einzuhalten scheint. Auf "Alpträume" wird dieser Konflikt besonders deutlich:

Ja, und dann ging es Schlag auf Schlag/
Kein Vertrieb, kein Vertrag, doch trotzdem in den Charts/
Ja, auf einmal kleben all an mei'm Arsch/
Und als ich mich gefragt hab', wo ihr wart, war keiner von euch da/

(Ufo361 auf "Alpträume")

Diese Ambivalenz harmoniert wunderbar mit dem expressiven, schmerzverzerrten Stimmeinsatz des Stay High-Zugpferdes. Er keucht, wispert, jault und schreit, wirkt immer ein wenig gehetzt und übermüdet. Der Vibe der rauen Erschöpfung machte ihn schon immer zu einem der charakterstärkeren Performer in Deutschland. Und doch kapitalisiert "808" nur sporadisch von der neu gefundenen Sicherheit in der Selbstdarstellung. Auf jeden "Alpträume" oder "Balenciaga" kommen mindestens zwei belanglose Representer wie "Stay High 2.0", "Kontostand" oder "Erober die Welt". Und befindet sich Ufo im reinen Flex-Modus, zerfällt viel von seinem Appeal in uninspirierte Fließbandware. In letzterer Kategorie reihen sich leider auch die meisten Featuregäste ein. Capital Bra hält zwar energetisch mit und Yung Hurn ist grundsätzlich them illest, aber weder Trettmann noch Gzuz und RAF Camora deuten ihr A-Game auch nur an. So bleibt ein wirklicher Mehrwert neben ein bisschen Abwechslung leider aus.

Ein interessanter Faktor ist darüberhinaus auch die Produktion, die verschiedenste Produzentenhäuser in einen einzigen nokturnalen und finsteren Trap-Teppich vereint. Das große Highlight sind zweifelsohne die Instrumentals aus den Federn der amerikanischen 808 Mafia und Ronny J, die auf "Ohne Mich" und "Power" selbst mit Beats, die auf der Platte eines Amis eher Deep-Cut-Material gehabt hätten, deutlich mehr Biss und Energie in die Bude bringen, als es die deutsche A-Liga hier vermag. Nicht, dass die Produktionen von Sonus030, AT Beatz und Jimmy Torrio per se etwas falsch machen. Sie sind für sich betrachtet sicherlich kompetent, angenehm und makellos ausproduziert. Allerdings fehlt einem Groß der Beats auf "808" schlicht die wirkliche Durschlagskraft, die exzentrische Qualität oder die markanten Riffs oder Melodien, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. So fehlen trotz eines dichten und geladenen Vibes die wirklichen Banger, um in wirklich überdurchschnittliches Terrain aufzustoßen.

Aufgewachsen in 'ner großen Stadt/
Aufgewachsen in 'ner Drogenstadt, ja/
Hier zählt nur, ob du Kohle machst/
Nein, nein, hier zählt nur, ob du Kohle hast/

(Ufo361 auf "Beverly Hills")

Ufo will zeigen, dass er jetzt bei den ganz Großen mitspielt. Ein Feature mit Future wollte er sich klar machen. "808" gerät aber eine Nummer zu zahm, um deutschen Trap wirklich vorwärts zu bringen. Auch wenn handwerklich sehr Vieles richtig gemacht wird und auch das düstere Konzept einwandfrei verfolgt wurde, gibt es kaum einen Track auf der Platte, der wirklich das Potential zur Zeitlosigkeit mitbringt. Der zweite Verse von Opener "Ohne Mich" ballert auf dem einsetzenden 808 Mafia-Beat ziemlich und "Alpträume" bietet einen der eindrucksvolleren introspektiven Momente des Berliners, darüberhinaus bleiben Ausreißer nach oben und unten aber eigentlich aus. "808" ist ein stabiles Trap-Tape mit starken Vocal-Lines, dafür aber eher uninspirierten Produktionen. Empfehlenswert für Fans der Sparte auf jeden Fall, aber das großspurig angekündigte 808-Manifest ist definitiv nicht zustande gekommen.


(Yannik Gölz)



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