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Review: Trettmann – #DIY

veröffentlicht: Sonntag, 22.10.2017, 17:28 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Intro
02. Knöcheltief
feat. Gzuz
03. Grauer Beton
04. Billie Holiday
05. Dumplin & Callaloo
06. GottSeiDank
feat. Bonez MC & RAF Camora
07. Nur Noch Einen feat. Joey Bargeld & Haiyti
08. New York
09. Fast Forward
feat. Marteria
10. Geh Ran

Manche lesen gerne austauschbare Einleitungen, die mit den Eckdaten zum Künstler vollgepackt werden. Hier bitte – für Euch: https://de.wikipedia.org/wiki/Trettmann

Hallo! Ich heiße David und bin alles andere als ein Fan von Trettmann. Auf "Palmen aus Plastik" skippe ich den Vaporizer Song jedes einzelne Mal und in meiner letzten Review habe ich noch die Frage gestellt, warum eigentlich jeder ein Feature mit dem Typ will. Eine Ansammlung eigenartiger Zufälle führte nun aber dennoch dazu, dass mir sein neuestes Werk zugespielt wurde und ich war innerlich schon bereit, mich gehörig über den nächsten langweiligen Autotuneaffen aufzuregen, der nur dem Trend hinterherhechelt:

"Ja geht schon klar das Album. Ich hörs morgen nochmal." So oder so ähnlich waren meine Gedanken nach dem ersten Durchgang der neuen Trettmann-Platte. An besagtem "Morgen" starte ich das Album erneut und erkenne urplötzlich, was mir hier auf die Ohren drückt: ein einziges musikalisches Wunder! Was ich beim ersten mal Hören noch als soliden Trap mit Gesangseinlagen und viel Effekt auf der Stimme abgetan hatte, ergibt nun in meinem Kopf einen ganz anderen Kontext. Hinsichtlich der Produktionen kombiniert KitschKrieg Rhythmen, die eher an ältere Jazzsongs erinnern. Allerdings werden diese Melodien mit synthbasierten Elementen und eindringlichen Drums gespielt, die man als solches sonst hauptsächlich aus dem Bereich des Trap kennt. Dies wird noch mit unglaublicher Souveränität mit der aktuellsten Interpretation von Dancehallmusik kombiniert, wodurch ein Soundkonstrukt entsteht, welches ich so noch nie gehört habe. Trotz vieler mutiger Produktionen und teils völlig neuer Wege, scheint den KitschKrieg-Verantwortlichen aber doch der Mut gefehlt zu haben #DIY komplett ohne Afrotrap-Nummer zu releasen, weshalb das Album phasenweise dann doch mehr der aktuellen Trendwelle entspricht, als es sein müsste. Nichtsdestotrotz zählt ein Großteil der Produktionen auf #DIY zu den spannendsten Dingen des bisherigen Deutschrap-Jahres und ich würde meinen linken großen Zeh darauf verwetten, dass wir spätestens im Frühjahr 2018 massenhaft schwache Abkupferungen der Platte am Markt finden werden.

Gestern haben sie es noch belächelt/
Heute hab'n es alle aufm Zettel/
Neuer Tag, neues Glück, neues Level/
Stell' mein Licht unter keinen Scheffel/

(Trettmann auf "Knöcheltief")

Auf lyrischer Ebene hat es erst den Anschein, Trettmann würde keine ausgiebigen Geschichten formulieren, sondern einfach nur mit einzelnen Satzteilen um sich werfen. Eigentlich tut er genau das auch, jedoch greifen diese ähnlich wie Puzzleteile ineinander, erzeugen Schritt für Schritt immer mehr inhaltliche Tiefe und ergeben bei genauem Zuhören dann ganz plötzlich Sinn. Trettmann präsentiert die in einer Mischung aus Autotune und war-das-jetzt-Autotune-oder-seine-echte-Stimme vorgetragenen Themen derart authentisch, dass sich manch ein Straßenrapper, dem niemand auch nur ein Wort glaubt, gerne mal eine Scheibe abschneidet. Ob Trettmann nun auf "Grauer Beton" die Vergangenheit revue passieren lässt oder gemeinsam mit seinen Palmen-aus-Plastik-Freunden Bonez und RAF den eigenen Erfolg feiert, sein Erzählstil weiß einfach zu überzeugen. Auch die Gastbeiträge können sich sehen lassen: Während Marteria sich dem Stil von Trettmann völlig unterordnet und zumindest versucht, durch starke Reimpattern zu überzeugen, machen Hayiti, GZUZ und die eben erwähnten Bonez und RAF ganz genau das, wofür ihre Fans sie lieben, was ihnen gelingt, ohne dabei mit dem Stil des Albums zu brechen.

Fazit:
In meinem Fazit möchte ich mich ähnlich kurz fassen, wie in meiner Einleitung: #DIY ist mit Sicherheit eines der spannendsten Alben 2017. Jedem wird das Autotune-geschwängerte Dancehall/Trap-Experiment bestimmt nicht zusagen, aber dass die Platte nachhaltigen Einfluss auf Deutschrap haben wird, halte ich für eine unumstößliche Tatsache. Die Idee aus den Elementen eines klassichen Trap-Beats durch neue Melodien und eigenwilliges Arrangement etwas vollkommen Eigenes zu zimmern, ist ebenso simpel wie genial und wurde hier derart gut umgesetzt, dass die Nachahmer der kommenden Monate es bestimmt verdammt schwer haben werden. Wer beim ersten Durchlauf nicht sonderlich begeistert ist, dem möchte ich abschließend aus tiefstem Herzen empfehlen, #DIY noch eine Chance zu geben, denn wenn es Liebe auf den zweiten Blick gibt, ist es bei mir auf jeden Fall diese Platte.


El-Patroni (David)




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