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Review: Travis Scott – Birds In The Trap Sing McKnight

veröffentlicht: Freitag, 16.09.2016, 15:26 Uhr
Autor: Wossap





01. the ends feat. André 3000
02. way back feat. Kid Cudi & Swizz Beatz
03. coordinate feat. Blac Youngsta
04. through the late night feat. Kid Cudi
05. biebs in the trap feat. Nav
06. sdp interlude feat. Cassie
07. sweet sweet
08. outside feat. 21 Savage
09. goosebumps feat. Kendrick Lamar
10. first take feat. Bryson Tiller
11. pick up the phone feat. Young Thug & Quavo
12. lose feat. Cassie
13. guidance feat. K. Forest
14. wonderful feat. The Weeknd

Wir schreiben den 5. August 2016: Neben einem gewissen Frank Ocean, der für heute sein Album "Blonde" angekündigt hatte, wollte auch niemand Geringeres als Travis Scott sein neues Werk "Birds In The Trap Sing McKnight" an diesem Tag an den Start bringen. Wie das ausging, werden wohl die meisten Leser dieser Review nur allzu gut wissen. Weder Frank Ocean noch Travis Scott glänzten mit Zuverlässigkeit, wodurch sich weltweit unzählige Musikfreunde ohne das Vergnügen eines der Releases hören zu können. ins Bett begeben mussten . Doch während Ocean "Blonde" immerhin knapp zwei Wochen später veröffentlichte, mussten sich die Fans des zweitgenannten Artists weiter auf den Nachfolger von "Rodeo" gedulden. In einem Interview mit (billboard.com) beschwerte sich Jacques Webster, so der bürgerliche Name von Scott, unterdessen über zu wenig Freiheiten, die ihm von seinem Label Epic Records gewährt werden, was sich seiner Meinung nach bei einer derart ausgereiften Kreativität letztendlich schädlich auf die Vermarktung der eigenen Person auswirke. Daraufhin stand "Birds In The Trap Sing McKnight" plötzlich in einem anderen Licht. Steckt hinter der verlängerten Wartezeit mehr als nur die Inkonsequenz eines drogenaffinen Südstaatenrappers? Bestand nun die Möglichkeit, dass man diesmal etwa nicht nur die unbeschwerte Seite des US-Amerikaners, sondern auch eine kritische und unzufriedene zu sehen bekommt? Spiegelt sich in genau diesem Widerspruch der Anspruch an die Platte wider? Nach einem längeren Hickhack um das Mastering durch einen gewissen Mike Dean und weiteren Ungereimtheiten fand die Warterei am 2. September dann ein Ende. Nun stellt sich also die Frage, ob "Birds In The Trap Sing McKnight" tatsächlich die lange Wartezeit wer ist und sich von den anderen Werken des Sprechgesangskünstlers abheben kann oder ob der MC aus Houston, Texas nicht nur in seiner Promophase für Enttäuschungen sorgte.

Okay, I got it, copy/
20/20, but I can't see nobody/
One eye open, Illuminati/
This might be the verse that make 'em drop me

(Travis Scott auf "the ends")

Nach der doch irgendwie besonders interessanten Vorbereitungszeit auf den neuen Longplayer, insbesondere dem eben erwähnten Interview, erscheint es keineswegs als überraschend, dass die Erwartungen an das Album doch noch einmal hochgeschraubt wurden. Von nun an zählt jedoch nur das Ergebnis. Los geht es also mit "the ends": Nach einem seichten Autotuneintro dröhnen krachende Bässe aus den Boxen, die Synthesizer wissen zu überzeugen und gleich zu Beginn des ersten Parts kommt mit "This might be the verse that make 'em drop me" eine an Epic Records gerichtete Zeile, die mich dann besonders aufhorchen lässt. Doch daraufhin folgt dann … nichts. Nicht nur auf dem eben genannten Song, sondern auch auf allen anderen 13 Tracks. Travis Scott versucht es mit demselben Rezept, das ihm schon größtenteils positive Rezensionen für seine bisherigen Releases "Owl Pharao", "Days Before Rodeo" und "Rodeo" eingebracht hat. Auf "coordinate" geht es um leichte Damen und Drogen, in "beibs in the trap" beschreibt er das Leben in der Hood, "lose" charakterisiert die Attitüde seiner Crew und "through the late night" behandelt wiederum das Nachtleben rund um bewusstseinserweiternde Substanzen. Von Kritik an seinem Label keine weitere Spur, auch von irgendeiner Form von Unzufriedenheit ist nichts zu hören. Es geht weiter wie gehabt – das Interview wohl doch nur heiße Luft, zumindest vorerst. Zurück im Text: Weder erfindet der 24-Jährige das Game neu, noch entwickelt er den Südstaatentrap weiter. Der GOOD Music-Member beruft sich mit seinem zweiten Studioalbum einfach auf das, was unzählige MCs aus dem Süden der Staaten genauso gemacht haben und auch nach "Birds In The Trap McKnight" auch weiterhin machen werden – er erzählt einfach von seinem Alltag. Nicht, dass dieser nicht interessant wäre; ganz im Gegenteil. Doch Travis Scott zeigt sich durch das Ansprechen der üblichen Themen Fame, Drogen, Bitches und dem Trap-Lifestyle im Allgemeinen wieder nur von den Seiten, die man von ihm schon lange kennt. Und dies kann und darf für ein viertes Release nach solchen Äußerungen vor der Veröffentlichung einfach nicht der lyrische Anspruch sein. Da ist es tatsächlich eine willkommene Abwechslung, wenn der Texaner auf seinem Track mit Kid Cudi eine schöne Hommage an einen der größten Hits des Letztgenannten mit einbringt ("Day 'n' nite, I toss and turn / I keep stress in my mind, mind"). Für Variation im Text sorgen dann aber doch größtenteils ein paar seiner elf Features. Wenn beispielsweise ein André 3000 mit seinen Zeilen wieder an seine Bestform von vor mehreren Jahren anknüpft ("I gave up on the Bible long time ago / I hope it ain't give up on me, I don't know"), hat "Birds In The Trap Sing McKnight" inhaltlich seine stärksten Phasen. Dann geht es mal nicht nur um reine Prahlerei, sondern auch um ernstere Themen wie Mord an Kindern, Glaube und Liebe, wie man sie auf einem Album dieser Art wohl nicht erwarten würde ("You think I don't care about you? / Girl, you better call my best friend"). Auch andere Gäste wie Nav oder Kendrick Lamar wissen mit ihren Gastparts zu überzeugen und bringen dadurch mehr Variation in die Partie. Lässt man mal den Sound an sich, der später noch detaillierter angesprochen wird, aus dem Spiel, bietet der Trap-MC vom Inhalt des Albums her eher ein "Rodeo 2.0" oder gar ein einfaches Mixtape als ein eigenständiges Album. Wenn das die Texte des selbsternannten kreativen Travis Scott sein sollen, will ich beim besten Willen nicht wissen, wie Texte von ihm während einer längeren Schreibblockade aussehen würden.

Do you like that? Follow me/
Nicest, follow me/
Backwoods, follow me/
Practice, follow me

(Travis Scott auf "guidance")

Wer jetzt fürchtet, dass es sich bei "Birds In The Trap Sing McKnight" um ein Werk handelt, das schnellstmöglich wieder in Vergessenheit geraten darf, kann die nächsten Zeilen auf jeden Fall etwas beruhigter lesen. So einfallslos der Großteil der Texte auch sein mag, vom Sound her weiß Travis Scott auf jeden Fall, was es heißt, ein dickes Album auf die Beine zu stellen. Das gesamte Release kennzeichnet sich durch einen wunderbar dreckigen Dirty-South–Sound, wie ihn wohl kaum ein anderer Trapper mit seinem Producerteam rund um Koryphäen wie TM88, Hit-Boy, Cardo oder auch das deutsche Producer-Duo CuBeatz besser auf die Beine stellen könnte. Dabei spielt dem Houstoner auch die Auswahl der Featuregäste in die Karten. Aber wenn wir mal ehrlich sind: Welches Album würden Namen wie The Weeknd, Kid Cudi, André 3000, Bryson Tiller oder Kendrick Lamar, alle wohl gemerkt in Top-Form, nicht zu einem Black-Music-Paradies machen? Auf dem Nachfolger von "Rodeo" findet man ein absolut einheitliches Soundbild vor. Dreckige Synthesizerproduktionen und sowohl imposante als auch krachende 808s machen "Birds In The Trap Sing McKnight" zu einem Werk, welches alleine von den Instrumentals her einen Wiedererkennungswert bietet, wie man ihn heutzutage nur noch selten vorfindet. Selbst auf "first take", welches eine Ode an die Liebe darstellt, weicht Travis Scott nicht von seinem Gesamtkonzept ab. Für ein wenig Abwechslung auf dem Track sorgt dann jedoch Bryson Tiller, der ebenso wie The Weeknd auf "wonderful" ein paar ruhigere und harmonischere Elemente durch seinen Gesang mit einfließen lässt. Allerdings offenbart sich hier so ein wenig die Berechenbarkeit des Releases, da Tiller mit "Exchange" auf seinem Hitalbum "Trapsoul" einen wesensgleichen Song ablieferte. Generell ist anzumerken, dass 13 Featuregäste bei einer Tracklist von 14 Songs schlicht und einfach zu viel sind. Zwar bringen die Gastparts bei einem einheitlichen Soundbild ab und an eine willkommene Abwechslung mit sich, allerdings passiert es zu oft, dass Travis Scott durch seine fehlende Inspiration schon mal im Schatten eines Kid Cudis, Kendrick Lamars oder eines André 3000s landet, was definitiv nicht das Ziel eines Soloalbums sein sollte. Positiv daraus ziehen kann man jedoch wieder, dass es vom Sound her wirklich keinen einzigen Aussetzer auf dem Tape gibt. Jeder Track hat seine Daseinsberechtigung und es würde mich nicht wundern, wenn es nicht wenige davon sowohl in Clubs rund um den Globus als auch in die prestigeträchtigen US-HipHop-Single-Charts schaffen.

Fazit:
"Birds In The Trap Sing McKnight" hat falsche Erwartungen geweckt. Travis Scott macht genau da weiter, wo er aufgehört hat. Er macht Banger für die Menschen in den Clubs, für Poser, die gerne cruisen und für seine Jungs aus dem Bando. Das mag zwar nicht vor der so oft erwähnten Kreativität strotzen, soll aber auch funktionieren. Die im oft genug erwähnten Interview noch so angepriesene Metapher von den "Birds In The Trap" entpuppt sich dadurch als reine Phrasendrescherei. Man lernt keine neue Seite von Travis Scott kennen. "Birds In The Trap Sing McKnight" fühlt sich insgeheim wie das neueste Mixtape des MCs aus Houston an, was auch durch die Präsenz von 13 Featuregästen unterstrichen wird. Den Nebendarstellern kann man es schlussendlich nicht vorwerfen, dass das Album nicht als Album funktioniert. Den Fehler sollte der 24-jährige Protagonist unbedingt bei sich selbst suchen und finden, bevor er dann 2017 mit "Astroworld" wohl sein drittes Studiotape an den Start bringt.


David Doblinger



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