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Review: Travis Scott - Astroworld

veröffentlicht: Dienstag, 07.08.2018, 18:35 Uhr
Autor: No My Name Is Maxi





01. STARGAZING
02. CAROUSEL feat. Frank Ocean
03. SICKO MODE feat. Drake
04. R.I.P. SCREW feat. Swae Lee
05. STOP TRYING TO BE GOD feat. James Blake, Kid Cudi & Stevie Wonder
06. NO BYSTANDERS feat. Juice WRLD & Sheck Wes
07. SKELETONS feat. The Weeknd & Pharrell Williams
08. WAKE UP feat. The Weeknd
09. 5% TINT
10. NC-17 feat. 21 Savage
11. ASTROTHUNDER
12. YOSEMITE feat. Gunna & NAV
13. CANʼT SAY feat. Don Toliver
14. WHO? WHAT? feat. Quavo & Takeoff
15. BUTTERFLY EFFECT
16. HOUSTONFORNICATION
17. COFFEE BEAN

Gemessen an der Quantität lang erwarteter Releases ist 2018 schon jetzt eines der spannendsten Jahre dieses Jahrzehnts. Egal ob "TESTING" von A$AP Rocky, Kanye Wests Nachfolger von "The Life Of Pablo" oder das neue Album von Nas (nachdem er zwei Jahre zuvor auf dem Song "Nas Album Done" schon stolz das baldige Release verkündet hatte) – nach jahrelangen wagen Ankündigungen der Rapper selbst wurde der Durst nach neuer Musik vor allem in den Sommermonaten endlich gestillt. Nur ein Album fehlte nach wie vor: "Astroworld" von Travis Scott. Bereits im Spätsommer 2015 als direkter Nachfolger seines Debütalbums "Rodeo" angekündigt, verstrichen die Jahre ohne ein Releasedate. Zwischendurch erschienen zwar mit "Birds in the Trap Sing McKnight" und einem Kollabo-Mixtape mit Quavo zwei neue Projekte des Rappers, die jedoch beide auf mediokre Kritiken stießen. Nachdem dann ein Großteil von Travis Scotts Feature-Parts und Loosies nicht mehr an die Qualität seines Debüts anknüpfen konnte, stand für viele schon fest, dass "Astroworld" die nächste Enttäuschung darstellen wird. Gerade weil Fans mit "Coming Soon"-Ansagen jahrelang auf die Folter gespannt wurden, wird es schwierig, deren hohen Erwartungen zu erfüllen.
"Astroworld" ist nicht nur der Titel von Travis Scotts drittem Album, sondern auch der Name eines Freizeitparks in Houston, der 2005 geschlossen wurde, um neue Apartment-Häuser zu errichten. In einem Interview verkündete der Künstler selbst, dass das der Vibe ist, auf dem das Projekt aufbauen soll – die Zerstörung der idyllischen, kindlichen Sorglosigkeit, weil mitsamt dem Freizeitpark auch der Spaß aus der Stadt ausgelöscht wurde. Und gleich der erste Track namens "Stargazing" steht exemplarisch für die musikalische Umsetzung des Konzepts: Sphärische, melancholische Synthesizer-Klänge treffen auf düstere 808s, während Travis Scott mit einem beispiellosen Wechsel von typischen Rap-Parts und einem Falsett-Post-Chorus, der durch die Pitch-Correction einen markanten, träumerischen Klang erhält, überzeugt. Nach dem Beat-Switch mündet das entspannte, trillwave-typische Soundbild in eine deutlich hektischere, aggressivere Richtung. Durch den damit einhergehenden Kontrast wird über fast fünf Minuten hinweg schon auf dem Intro eine subtile Melancholie und Enttäuschung zum Ausdruck gebracht, die bis auf wenige Ausnahmen auf den restlichen 17 Tracks noch fortgesetzt wird.

I was always high up on the lean (yeah, yeah)/
Then this girl came here to save my life/
Girl, look to the sky, down on my knees (straight up)/
Out of nowhere, you came here to stay the night

(Travis Scott auf "Stargazing")

Wie auch bei "Rodeo" und "Birds in the Trap Sing McKnight" erwarten den Hörer wieder haufenweise Feature-Gäste. Neben wenig überraschenden Auftritten von Künstlern wie Quavo, Takeoff oder Nav befinden sich auch einige unerwartete Features auf dem Album. Besonders "Stop Trying To Be God" sticht hier heraus, denn neben Travis Scott wirkten auch James Blake, Stevie Wonder und Kid Cudi an dem Song mit. Trotz der vielen großen Namen ist der Track dennoch travis-zentrisch aufgebaut und die Features wurden dezent, aber dafür umso effizienter eingesetzt: Kid Cudi sorgt mit seinem charakteristischen Summen für eine zusätzliche Portion Melancholie in der Hook und Stevie Wonder bereichert das Outro, in dem die Vocals von James Blake stammen, mit einer bestrickenden Mundharmonika-Melodie. Jeder Mitwirkende findet seinen Platz, ohne dass der Track inhaltliche Kohärenz verliert. Travis Scott, der den oft einseitig als erstrebenswerten, beneidenswerten Rapper-Lifestyle so gut kennt wie kaum ein anderer, appelliert an den Hörer, sich niemals vom Gott-Komplex einholen zu lassen und seine Freunde zu vernachlässigen. Die Aussage mag zwar nicht neu oder einzigartig sein, aber durch selbstreflektierte Lines, die bei Travis ohnehin sehr rar sind, sticht "STOP TRYING TO BE GOD" aus allen 17 Anspielstationen besonders hervor und ist musikalisch dank der starken Leistung des eindrucksvollen Line-Ups einer der interessantesten, atmosphärischen Songs auf "Astroworld".

Is it the complex of the saint that's keepin' you so, so still?/
Is it a coat of old paint that's peelin' every day against our will?/
Is it too long since the last open conversation you had? Oh no

(James Blake auf "STOP TRYING TO BE GOD")

Travis Scott, Pharrell Williams, Tame Impala und The Weeknd ist eine andere Konstellation, die sich vor dem Release des Albums wohl niemand hätte denken können. Leider ist "SKELETONS" aber gleichzeitig ein Beispiel dafür, dass ein imposantes Line-Up nicht gleich für einen ebenso grandiosen Track spricht. Dabei wären die Grundvoraussetzungen alle gegeben: Die entspannte Psychedelic-Rock-Produktion von Tame Impala wirkt erfrischend und die Hook, die Bridge und das Outro kommen atmosphärisch daher. Der Verse von Travis Scott ist an Belanglosigkeit aber kaum zu überbieten – er rappt ein paar Lines über das erste intime Treffen mit seiner Freundin Kylie Jenner in einem uninspiriert von Kanye West kopierten Flow und nach gerade mal neun Zeilen setzt schon die Bridge ein. Der Song wirkt viel mehr wie eine halbgare Song-Skizze, plätschert nur so vor sich hin und wird seinem eigentlich starken Grundgerüst alles andere als gerecht. Der darauffolgende Track "WAKE UP", auf dem Travis Scott ein weiteres Mal von The Weeknd unterstützt wird, entpuppt sich als ähnlich enttäuschend. Das auf Radiofreundlichkeit getrimmte Midtempo-Instrumental verlangt wirkungsvolle, dominante Vocals von den beiden Interpreten – die scheinen aber zu sehr damit beschäftigt zu sein, einen seichten, kursorischen Hit zu produzieren, sodass dieser Two-Track-Run zum Tiefpunkt des Albums wird.

I don't wanna wake up/
I want you spread out on the sheets/
Said her pussy so good/
And her pussy so sweet

(The Weeknd auf "Wake Up")

Hat man die zwei Ausreißer nach unten aber erstmal überstanden, wirkt die zweite Hälfte des Albums umso stärker. Statt auf teils forciert-wirkende Beat-Switches und überraschende Features zu setzen, sind die nächsten Tracks düstere, atmosphärische Trap-Banger, die einem noch einmal ins Gedächtnis rufen, warum bei der Frage nach dem Vorzeige-Trap-Künstler schlechthin der Name Travis Scott bei vielen HipHop-Fans als erstes in den Kopf kommt. Lyrisch gehen Songs wie "5% TINT" zwar nicht über den gewohnten Trap-Themen-Horizont bestehend aus Selbstbeweihräucherung und Lifestyle-Talk hinaus, aber durch ausufernde, träumerische Outros, Travis' Signatur in Form seiner einzigartigen, ikonischen AdLibs und natürlich seinem charakteristischen Vocalstil samt Autotune-Harmonien ist nahezu jeder Song ein Highlight, ohne auch nur kurz repetitiv und uninspiriert zu wirken.
Nachdem das Intro "Stargazing" mit sphärischen, synthetischen Klängen die Reise durch einen geschlossenen, heruntergekommenen Freizeitpark einleitete, endet "Astroworld" mit dem ruhigsten Song auf dem Album. Statt einem von dreckigen 808s geprägten Soundteppich wie auf fast allen anderen Songs des Projektes benutzte Nineteen85 typische Boombap-Drums, die als Grundlage für Travis Scotts Beschreibung seines Alltags mit seiner Freundin Kylie Jenner, deren gemeinsame Tochter Anfang des Jahres geboren wurde. Dank Autotune-Adlibs und einem gesummten Harmonizer-Outro fällt "COFFIE BEAN" aber nicht aus der musikalischen Grundkonzeption heraus, sondern sticht viel mehr positiv hervor. Mit unpersönlichen, autotune-verzerrten Vocals begonnen, endet das Album dramaturgisch sinnvoll mit ruhigen, klassisch gerappten Lines, welche die Person Travis Scott in den Mittelpunkt stellen und dadurch – wie es bei einem Outro sein sollte – das Gefühl hinterlassen, die Geschichte, welche weniger durch Lyrics, sondern viel mehr durch nuancierte Sounds impliziert wird, sei zu Ende erzählt.

No matter how many tickets your tour sold/
You feel this deep in your torso/
Feel like someone's readin' your horoscope/
Some shit only me and the Lord knows/
SOS, that's for those who hear this in morse code

(Travis Scott auf "COFFE BEAN")

Auch wenn "Astroworld" kein perfektes Album ist, werden kleine Schwächen durch großartige Standout-Tracks, den teils minimalen, aber stets die Songs bereichernden Einsatz von Features und ein erfrischendes Soundästhetik-Konzept deutlich überschattet. Gerade im Zeitalter des Streamings, wo als Mittel zum Zweck extra viele (Filler-)Songs auf Alben gepackt werden, um eine höhere Chart-Position zu erzielen, sticht ein kohärentes Projekt wie dieses aus der Masse mittelmäßiger Alben hervor. "Astroworld" ist nicht nur ein geschlossener Freizeitpark, sondern gleichzeitig eine Allegorie für die Popkultur und den Alltag in Houston – auf "R.I.P. SCREW" gedenkt Jacques Webster an den im Jahre 2000 verstorbenen Pionier des Chopped-And-Screwed-Stils DJ Screw und "HOUSTONFORNICATION" dreht sich rund um seine Erlebnisse in seiner Heimatstadt, in die er seit seinem Erfolg zum Entspannen zurückkehrt. Travis Scott schafft es, trotz hoher Erwartungshaltung ein nachhaltiges Album zu liefern, auf dem er nach dem enttäuschenden "Birds in the Trap Sing McKnight" wieder zu seinen Stärken zurückfindet.


(Maximilian Krupp)



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