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Review: Trailerpark – TP4L

veröffentlicht: Montag, 06.11.2017, 16:38 Uhr
Autor: Cuttack





01. TP4L
02. Endlich normale Leute
03. Sterben kannst du überall
04. Poo Fighters
05. Hab dich mal nicht so
06. Arbeitskollegen
07. Armut treibt Jugendliche in die Popmusik
08. Nach allen Regeln der Kunst
09. Schlechte Angewohnheit
10. Rapetrain
11. Als gelesen markiert
12. Weg von hier
13. Aragorn
feat. Vortex

Okay.
Ich habe Angst.

Das geht raus an den Trailerpark-Fan, der auf Facebook das negative Zitat aus der Review gelesen hat und jetzt auf dem Weg in den Kommentarbereich-Aufstand einen Umweg in den Artikel macht, um zu gucken, ob ich mir irgendeine Blöße gebe, über die man sich aufregen könnte. Ich mein, ob die da ist oder nicht, da unten steht die Welt doch eh schon in Flammen. Aber hey, wenn Du eh schon da bist: Gib mir einen Moment. Okay? Okay. Ich bin für Dich, nicht gegen Dich. Die ersten beiden Trailerpark-Alben stehen irgendwo tief in meinem CD-Regal. Die aktuellen beiden nicht. Ich werde nun mein Bestes geben, um zu erklären, wie dieser Sachverhalt zustande kommt. Du liest dir das jetzt durch, lässt es einen Moment sacken und steinigst mich dann erst. Deal?

Armut treibt Jugendliche in die Popmusik/
Schlagervibes und wir beten, dass Gott uns vergibt/

(Alligatoah auf "Armut treibt Jugendliche in die Popmusik")

"Armut treibt Jugendliche in die Popmusik" fasst das grundlegende Problem von "TP4L" selbstironisch eigentlich recht treffend zusammen: Die Beats klingen wie von der Kik-Stange und die Texte sind so witzig wie das uneheliche Kind von Mario Barth und JuliensBlog. Die Produktion lehnte ja schon immer in stampfenden Pop, doch während Tai Jason hier früher kreative und vielfältige Maßarbeit mit diversen Texturen und griffigen Ohrwurm-Melodien zusammenbaute, geriet "TP4L" sichtlich lieblos. Die Synthesizer klingen durch die Bank wie Presets, die Drums dürften auf kaum einem Song mehr als eine Viertelstunde Arbeit in Anspruch genommen haben, fast jeder Tracks basiert auf unoriginellen Melodien auf naheliegenden Instrumenten auf einem "Four to the Floor"-Drumbeat, wie er auch auf einem Helene-Fischer-Album stattfinden könnte. Vergleicht man das mit kompetent ausproduzierten Instrumentals wie "Fledermausland" oder "Selbstbefriedigung", merkt man, wie auch Party-tauglicher Pop-Rap mit fundamental verschiedenen Ansprüchen an Detail und Klang ausgespielt werden kann.

Die Rockeinflüsse auf Tracks wie "TP4L" spielen sich im Übrigen auf dem musikalischen Horizont Deines Bierzeltnachbarn Horst ab, der Dir mal gesagt hat, dass "Hard Rock scho gscheite Mukke isch". Damit meint er, dass er mal AC/DC gehört hat. Apropos Bierzelt: Dafür, dass den vier Herren immer wieder solide Fachkenntnis unterstellt wird, biedert sich hier die ganze Platte mehr und plakativer an Dorfdiscos an, als alle Voralben es getan haben. Diese Art stampfende 4/4 Drums mit ein bisschen Riff-Geschredder will "festivaltauglich" kommunizieren, klingt aber vor allem dated und handwerklich ziemlich billig. Dazu kommen Songs wie "Rapetrain", die auf derart hirnlosen Gimmicks basieren, dass sich dagegen sogar neue 257ers-Alben wie Descartes anfühlen. Trällert Alligatoah dann auf "Als gelesen markiert" über Kackspuren auf Toilettenpapier, sollte sogar ein Vierzehnjähriger irgendwann sagen: "Hey, Jungs, ich glaube echt, dafür bin ich langsam zu alt."

Sind gelandet im Raumschiff, wir tanken das Rauschgift/
Fahren mit dem Panzer zum Auftritt (yüah)/
Endlich wird wieder gefickt (hahaha)/
Du hast doch längst vergessen, wie das ist/

(Sudden auf "TP4L")

Und ich weiß. Es ist alles nur Spaß. Es soll nur hirnloser Humor sein, auf dem man betrunken auf dem Festival ein wenig abspackt. Klar, in Ordnung. Aber, bei aller Liebe: Dieses Album macht keinen Spaß. Also so wirklich nicht. Die Jungs versuchen über die Dauer des Tapes nicht einmal mehr, eine anständige Pointe zu schreiben. Es fallen einfach nur "provokante" Begriffe. Basti hält es keinen Track zusammen, ohne irgendwie betonen zu müssen, wie gerne er ja Kinder ficke. Timi gibt in so ziemlich jeder zweiten Line irgendetwas mit irgendeiner Droge zu Protokoll. Sudden fickt irgendetwas. Alligatoah gibt sich zwar die meiste Mühe, bis auf vereinzelte Lichtblicke wirkt aber auch der Vorzeige-Musterknabe der Gruppe abgebrannt und ideenlos. "Schwarzer Humor" kann cool sein, keine Frage. Nur wird vor lauter Provokation und vermeintlicher Grenzüberschreitung vergessen, dass irgendetwas wie "Humor" zu schwarzem Humor gehört. Und nein, im Grunde bedeutungslose Satzfragmente um irgendwelche tausendfach gehörten Schlagworte hin und her zu schieben, ist kein Humor. Und auch wenn die Pointen des Quartetts nie tiefschürfend oder subversiv waren, die Kombination aus absolut hingerotzter Produktion und müdem, ausgebrannten Selbst-Recycling sorgen für ein Album, das diesen Spaß-Faktor schlicht nicht mehr bringt, wenn man im Bann von Fan-Loyalität und Sympathie nicht unbedingt daran glauben will.

Bin auf Koks gar nicht zimperlich, pose am Kinderstrich/
Heut mit meiner Kacke, Dicka, Kot macht erfinderisch/
Ah, das ist Kot für die Welt/
Mann, wir produzier'n nur Kacke, so wie Tokio Hotel/
Hab' mich tierisch im Kot gesuhlt/
Trailerpark, das sind die mit dem roten Stuhl/
Und betret' ich eine Kirche, guckt man komisch, weil/
Ich bin nicht getauft, ich bin kotgeweiht/

(Basti auf "Poo Fighters")

Fazit:
Durch ihre starke Marke entstand im Fledermausland eine brutale Fanbase, die mit Festivaltauglichkeit und schwarzem Humor die Tatsache leugnen will, dass Trailerpark auf "TP4L" nichts mehr macht, außer Wühltisch-Bierzelt-Pop mit Klamauk zu kombinieren, der kaum über Stichwort-Namedropping hinausgeht. Genießbar kann das an diesem Punkt eigentlich auch nur noch die verdiente Liebe zu den Protagonisten machen, die natürlich immer noch kultige, liebenswerte Typen sind, die natürlich definitiv auch rappen können. Aber wenn das der Anspruch ist, dann läuft der Mist hier bald auf der selben Wellenlänge wie die Insane Clown Posse in den Staaten, in denen lieblose Scheißmusik von frenetischen Fans durch Nostalgie an die Edgy-Teenager-Tage hochgehalten wird. Das Ding ist: Im Gegensatz zu unser aller Lieblingsclowns sollten Alligatoah, Timi, Basti und Sudden es besser können. Deswegen appelliere ich an die Hörer des Ganzen: Stoppt die Insane Clown Posse-isierung Eurer Lieblingsband! Gebt ihnen Liebe, geht zu den Konzerten, die weiterhin fantastisch sein werden, aber feiert es nicht aus Gewohnheit, denn daraus werden nur noch kürzere und formelhaftere Alben entstehen. Die Beats werden noch liebloser, die Jokes noch weiter totgeritten und am Ende wird Trailerpark den endgültigen Schritt zur Selbst-Parodie vollziehen, vor dem sie mit diesem Album ohnehin schon bedrohlich nahe stehen. Und wenn nicht, dann erwarte ich aber auch, dass Ihr in vier Jahren zu "CSB 28" oder "TP16L" einen Juggalo-Marsch auf den Bundestag startet. Dass die Tracks, die auf schlechten Stuhl-Witzen aufbauen, in naher wie ferner Zukunft nicht mehr besser oder lustiger werden, wisst Ihr nämlich selbst.


(Yannik Gölz)




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