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Review: Trailerpark – Crackstreet Boys 2

veröffentlicht: Sonntag, 11.11.2012, 19:30 Uhr
Autor: WoboSolagl





01. Wall of Meth
02. Fledermausland
03. New Kids on the Blech
04. Superstars
05. Schlechter Tag
06. Pokémonkarten
07. Selbstbefriedigung
08. Fahrerflucht
09. Oer-Erkenschwick
10. Alles für ein Shirt
11. Immer noch egal
12. U-Bahnschläger feat. K.I.Z. & Massimo
13. Rolf feat. Dana

Drogenexzesse, Sex mit minderjährigen Fans, Becher voll Erbrochenem und anderen Körperflüssigkeiten: Was für die Durchschnittsboyband als Indikatoren für das Ende der Karriere gewertet werden kann, ist bei Trailerpark aka Timi Hendrix, Sudden, Basti und Alligatoah schnöder Alltag. Scharen junger Mädchen schreien und weinen hier aus ganz anderen Gründen und ein Bravo-Interview würde vermutlich mit der Entführung des Journalisten enden. Wer Zweifel daran hat, dass eine Boyband mit einem solchen Image funktionieren kann, darf sich von dem eben erschienenen Album "Crackstreet Boys 2" der vier eines Besseren belehren lassen, sofern er das Augenzwinkern, das in jedem der Texte mitschwingt, versteht.

Zum Einstieg wird auf einem von Jack Fuh produzierten Dubstep-Beat auf "Wall of Meth" aus Gründen der "Fanbindung" ein Groupie an Bastis Bett gefesselt, von Alligatoah etwas "Ei-Liner und Gliedschatten" aufgelegt, von Sudden "Champagner in die Fotze" geschüttet und von Timi Hendrix ins Bett gekackt. Hier wird schon zu Beginn klar gemacht, dass den Hörer nicht die typischen Boybandtexte erwarten.

"Und das Wohnmobil hat Räder verdammt/
Doch wir können hier nicht weiter, hier ist Fledermausland/
Und so bleib ich in der Wagenburg und lebe hier/
Kannst du die Berge nicht erreichen, hol den Schnee zu dir/
"
(Alligatoah auf "Fledermausland")

Der Titel "Fledermausland" und die von Alligatoah gesungene Hook sind eindeutige Anspielungen auf das Duke’sche Zitat aus dem Film "Fear and Loathing in Las Vegas". Besagter Film weist wohl einen ähnlichen Verlauf wie ein Trailerpark-Tourtag auf, da auch dieser scheinbar den Konsum diverser legaler wie auch illegaler Drogen beinhaltet. Ein Lebensstil, der unter anderem zu einem Lebenslauf "mit mehr Löchern als das Gesicht von Mickey Rourke" führen kann, wie Timäh dann auf "New Kids on the Blech" klarstellt. Doch trotz gewaltiger Drogenexzesse und anderer Laster sind Trailerpark dennoch bessere Menschen als ihre Fans und Hörer, da sie schließlich "Superstars" sind und somit wesentlich mehr Privilegien genießen dürfen. Das wird mit einem extrem rockigen Beat und einer Hook von Beatmasta unterstrichen.

"Jeder Radiosender landesweit spielt unser Lied – Superstars/
Immer wenn wir Schuhe brauchen, stirbt ein Krokodil – Superstars/
Wir checken im Hyatt ein, zerstören uns're Suite – Superstars/
Und bereits zum Frühstück zieh'n wir Kokain – Superstars/
"
(Beatmasta auf "Superstars")

Dass das Leben jedoch auch als Superstar nicht immer rosig ist, erfahren wir in dem Lied "Schlechter Tag", das zeigen soll, dass selbst die härtesten Zeiten noch immer etwas Gutes mit sich bringen. Auf einem fast schon glücklich klingenden Beat werden tragische Situationen und Lebensgeschichten mit viel Ironie beschönigt und als halb so schlimm abgetan. Auch hier beweist Kaliba 69 wieder sein Gesangstalent in einer Hook, die verlangt, über die Tragödien von heute Morgen wieder zu lachen. Für alle, die das nicht können, sowie die kopfschüttelnden Moralapostel und Spaßverderber, denen das Augenzwinkern entgangen ist, gibt's am Ende des Tracks eine Schweigeminute, um wieder zur Ruhe zu kommen.
Nach dieser kleinen Pause erklärt uns das romantische Arschloch Sudden dann auf "Pokémonkarten", wie man heutzutage Frauen ins Bett lockt: Gegen das Bezirzen durch Sammelkarten ist kein weibliches Wesen, weder Schlampe noch Babe, gewappnet, wie er auf einem wundervoll kitschigen Beat von Beatzarre verrät. Und sollte dies doch einmal nicht funktionieren, müsse man nur mit einem Kamehame-Ha à la Son Goku nachhelfen.

"Komm und schnapp ihn dir, mach meine Hose auf, denn/
Dann wird er groß, ja, so groß wie deine Augen/
Ein Pikachu-Tattoo zeichnet meinen Schwanz/
Baby, sei jetzt mal ein Mann, und zeig mir was du kannst
"
(Sudden auf "Pokémonkarten")

Wer nicht genug glitzernde "Pokémonkarten" besitzt, um die Frauenwelt beeindrucken zu können, hat keine andere Wahl, als der "Selbstbefriedigung" zu frönen, wie es Trailerpark im gleichnamigen Track tun. Der von Alligatoah mit E-Gitarre und Co. gezauberte Beat bietet eine grandiose Rock-Plattform, um über die absurdesten Facetten der Masturbation zu rappen, was gepaart mit einer Ohrwurmhook für Hitpotenzial sorgt.
In der Rolle eines nur wenig rücksichts- und keineswegs verantwortungsvollen Autofahrers nimmt Alligatoah uns mit auf eine "Fahrerflucht". Sonst so ordentlich, dass man ihn auf Konzerten und sogar im Wald mit einem Staubsauger antreffen kann, hinterlässt er hier auf der Autobahn eine Schneise der Verwüstung bis nach "Oer-Erkenschwick", wo diverse mehr oder minder nachvollziehbare Bitten sogenannter Fans an die Truppe thematisiert werden. Anfragen nach einem "Supertight MC"-Feature, einem Konzert auf einem Nordpolgletscher oder in "Oer-Erkenschwick" werden mit einem dezenten "NEIN!" quittiert. Im Gegenzug hat die Boyband dann aber jede Menge Shirts dabei, welche die Besucher ihrer Konzerte für einen geringen Obolus in Form der einen oder anderen kleinen Gefälligkeit erhalten. Das Einverleiben verschiedener Körperflüssigkeiten der Bandmember und diverse andere Geschichten, die sich auf Trailerparkkonzerten schon so zugetragen haben sollen, erhalten mit "Alles für ein Shirt" nun also auch ihre eigene Hymne.

"Hast deine Ehre grad verkauft – und das alles für ein Shirt/
Von der Stage ins Krankenhaus – und das alles für ein Shirt/
Und ganz Facebook lacht dich aus, die Karriere ist verbaut – und das alles für ein Shirt, alles für ein Shirt/
Du schickst deinen Vater auf den Strich – und das alles für ein Shirt/
Und du nagelst deine Sis – und das alles für ein Shirt/
Deine Mama wird gefickt, selbst der Labrador macht mit – und das alles für ein Shirt, alles für ein Shirt
"
("Alles für ein Shirt")

Der Track "Egal" aus dem 2011 erschienenen DNP-Album "Bis einer weint" von Basti und Beatmasta findet mit "Immer noch egal" einen Nachfolger, der ersterem sowohl qualitativ als auch in Sachen Pietätlosigkeit oder auf sonstige Weise in nichts nachsteht: Basti sieht die Dönermorde als Antwort auf den Gammelfleischskandal und fragt sich, ob es am Aussehen seiner Mutter liegen könnte, dass Conscious-Rapper sie nicht ficken wollen – und das Ganze geht dennoch wunderbar ins Ohr. Spätestens an diesem Punkt haben sämtliche Menschen, die den Trailerpark-Humor nicht verstehen, fluchtartig den Raum verlassen, weswegen es keinen Grund mehr für Zurückhaltung gibt und man getrost in die Rolle der "U-Bahnschläger" schlüpfen kann. Wer würde sich bei einer solchen Thematik besser als Featuregast eignen als K.I.Z. zusammen mit Massimo?
Zu acht beleuchtet man verschiedenste Aspekte des "U-Bahnschläger"-Lebens und tritt alles, was sich in den Zügen und am Bahnhof so herumtreibt, zu Boden.
Also genau dahin, wo "Rolf" schon lange angekommen ist: ganz unten und am Ende seiner Karriere. Gemeinsam mit Dana, die hier wie in einigen anderen vorangehenden Trailerpark-Liedern die Hook singt, erzählt uns Tim Jong-Il vom Ende eines abgehalfterten Musikstars und rät den zuhörenden Kindern, einen anständigen Beruf zu wählen oder es ihm gleich zu tun und einfach "Timäh" zu werden. Wie könnte ein Boyband-Album besser enden als mit einem gut gemeinten Rat an Kinder und Jugendliche?

Fazit:
"Crackstreet Boys 2" bietet jede Menge musikalischer Variation von dubstep- über rock- bis hin zu fast popmusikähnlichen Beats von unter anderem Gee Futuristic, Cop Dickie und Ronald Mack Donald. Eine Fülle an Thematiken von Sammelkarten bis zum Prügeln in der U-Bahn machen die CD facettenreicher als die gesamte Karriere vieler anderer Boybands. Auch auf den jeweiligen Solotracks brillieren die Bandmitglieder unentwegt mit Trailerpark-typischem Witz, der gerne unter die Gürtellinie geht, hinter dem dennoch immer eine tieferliegende Aussage steckt. Um diese zu erkennen, muss ab und an einfach mal über den Rand des Bechers voll Kotze gesehen werden. Daher verdient das Album zu Recht fünf Mics und sollte das nicht reichen, lege ich noch mein glitzerndes Pikachu der ersten Edition oben drauf.


Wobo Solagl (Daniel Fersch)



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