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Review: Tony D – Für die Gegnaz

veröffentlicht: Montag, 21.09.2009, 01:07 Uhr
Autor: holi





01. Intro
02. Hundert Metaz
03. Jackpot
04. Keine Gegnaz
feat. Sido
05. Meine Gang feat. TMR & BC
06. Bäm Bäm
07. Zehn
08. Paff Paff
feat. B-Tight & Freddy Cool
09. 2 krasse Rapper feat. Kitty Kat
10. Für die Sekte feat. Die Sekte
11. Schlachtschiff feat. B-Tight
12. Kommst nicht klar feat. Freddy Cool
13. Voll daneben
14. Hundert Metaz RMX
15. Outro


"Wo sind die Gegnaz?! Wo sind die Gegnaz?! Wo sind die Gegnaz?!" schallt es einem noch in den ersten Sekunden von Tony Ds zweitem Solo "Für die Gegnaz" erwartungsvoll entgegen. Eine durchaus berechtigte Frage und vielleicht wäre der ursprünglich für das Werk angedachte Titel, an den auf der finalen Fassung nur noch ein Sido-Feature erinnert, am Ende ja doch die bessere Wahl gewesen: "Keine Gegnaz".
Denn den Damager mit irgendeinem anderen deutschen Sprechgesangsmusikanten in Konkurrenz zu stellen, würde ihm und seiner Sache in wohl mindestens 100% aller Fälle nicht gerecht. Man vergliche da Äpfel mit Abrissbirnen. Schließlich dürfte eins sonnenklar sein: In einem Auto-Quartett mit Kategorien wie Flow, Stimmeinsatz, Reime oder Themen wäre Tony wohl der Trabant mit "Totalschaden". Ersetzt man diese jedoch durch etwa Dezibelzahl, Partytauglichkeit und Gegnaz per minute, sieht die Sache schon ganz anders aus, oder...? Eben. Versuchen wir's also heute einfach mal Tonystyle!
Zumindest auf den ersten Blick hat "Für die Gegnaz" eine derartige Sonderbehandlung allerdings nicht unbedingt verdient: Verbale Beigaben von, wie bereits erwähnt, the artist formerly known as Maskenmann wie auch B-Tight und Kat sowie Freddy Cool, den MCs Basstard und Bogy... Eine Tracklist, welche sich liest, wie so viele, die sich in den vergangenen Jahren mittels eines inzwischen zum Stehen gekommenen Sägeblattes ihren Weg in die Media Control-Rangabfolgen gebahnt haben. Auffällig allenfalls jene teils Comic-haften Songtitel, welche schon hier unterschwellig vom fast kindlichen Charme des gebürtigen Libanesen D künden. "Bäm Bäm"! "Paff Paff"! Auch die Producer-Credits sprechen mit Namen wie Desue, Shuko, Tai Jason und Flash Gordon eine nun vielleicht tote, doch immer noch recht deutliche Sprache: Aggro Berlinerisch.
Doch schon die von Letzterem mit dick Marschmusik und Synthies inszenierte 100 Meter-Einführungsrunde macht den grundlegenden Unterschied deutlich: Wo dein Lieblings-MC für einen Storyteller wahrscheinlich mal wieder das gesamte dramaturgische Arsenal eines Groschenromanautoren bemühen zu müssen meint, gereicht einem Tony D zur abendfüllenden Handlung, was ich unmöglich in poetischere Worte hätte kleiden können als der Meister selbst etwa auf "Bäm Bäm":

"Einschlag Faust – Gesicht kaputt"

Ganz im Ernst: Der 26-jährige Rabauke mag den Begriff "Punchline" vielleicht ein wenig wörtlicher nehmen als die Meisten, aber mit der richtigen Grundlage – musikalisch auf Seiten des Künstlaz, alkoholisch auf der des Höraz – weiß ein straightes "ich hau' dir aufs Maul" unter Umständen mehr zu bewirken als ein Haufen allzu bemühter Metaphern für im Endeffekt ein und dasselbe. So weit, Mohamed Ayads Kunstfigur zur bewussten Überspitzung der letztendlich allgegenwärtigen Substanzlosigkeit zeitgenössischer Rapmusik hoch zu stilisieren, möchte ich an dieser Stelle nicht gehen, aber denkbar wäre es doch...

"Zeig, was du hast, ich will es sehen/
Hol alles raus, davon nehm' ich zehn/
"
("Zehn")

"Er wirft ihn [den Joint] mir zu – mit der Glut/
Ich fang' ihn auf, rauch' ihn auf – schmeckt sehr gut/
"
("Paff Paff")

Ob er Frau bei gepflegtem Crunk-Rock zum Blankziehen animieren möchte, oder zu psychedelischen Klängen gemeinsam mit dem (glänzend aufgelegten) Neger das Gras weggeraucht wird: Mr. D besticht durch unverhohlene Direktheit, gepaart mit einer nur scheinbar unfreiwillig komischen Note und bringt uns so eine Prise von dem zurück, was einem seiner Ex-Kollegen einst in einem Zug mit der verchromten Kopfbedeckung abhanden kam. Kein Zweifel: Hier hat sich jemand das Kind im Manne bewahrt wie Schwarzenegger in "Junior". So wird sich kurzerhand zusammen mit einmal mehr Bobby Dick, dem der Einfluss des Kreuzberger Kindskopfes "hörlich" gut tut, als Pirat verkleidet ("Schlachtschiff"), nur um danach auf dem zur E-Single erkorenen Daddler-Anthem "Jackpot" Highscores und – natürlich – Gegnaz hinterherzujagen.

"Hier kommt der Riiiieeese – Tony D auf Deck/
Wenn du mich siehst, lauf weg, weg, weg, weg, weg/
"
("Schlachtschiff")

Fazit:
Tony D ist ein Actionfilm, der auf all den vom Zuschauer ohnehin nur gerade so noch erduldeten Firlefanz wie Plot, Dialoge und Anspruch ausnahmsweise mal gleich von vornherein verzichten wollte. Die Frage ist nur, wer hinterher tatsächlich noch Freude an einer eineinhalbstündigen Aneinanderreihung von Explosionen, Verfolgungsjagden und Gewaltexzessen hat. Insofern tut "Für die Gegnaz" gut daran, dem Schädiger auf mehr als der Hälfte aller Vollwertstücke Minimum einen Mitstreiter zur Seite zu stellen, der einen gerade noch rechtzeitig zurückholt, ehe einem auch die allerletzten Deutschrap-Wertvorstellungen vor den Augen zerbröckelt sind. Für mehr, so mein Gefühl, ist die Szene 2009 einfach noch nicht bereit. Dennoch: Spätestens mit dem als Outro fungierenden, mehr als kongenialen Neuaufguss von Tony Discos abgespacetem 08er Clubbrett "Der Mann mit dem Klang" steht für mich zumindest fest, dieser Junge ist anders. Und anders als anders würde ich ihn nicht wollen...


holi (Nico Mönnig)



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