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Review: Teesy – Glücksrezepte

veröffentlicht: Freitag, 03.10.2014, 00:12 Uhr
Autor: GameofMo





01. Der Anfang
02. FC Fernweh
03. Rom & Paris
04. SOS
feat. Cro
05. Hochzeit
06. Generation Maybe
feat. Megaloh
07. Märchen
08. Glücksrezepte
09. Balance
10. Keine Rosen
11. Unbetitelt
12. Danke
13. Unendlichkeit


Deutschraps Tendenz, sich in alle möglichen Richtungen auszubreiten, ist längst nichts Neues mehr. Sei es nun Rock, Soul oder Pop – haben wir mittlerweile alles schon einmal gehört. Und doch wird es nie langweilig, wenn sich Rapper in andere musikalische Gefilde aufmachen und uns eine – man könnte sagen – interdisziplinäre Arbeit vorlegen. Das neue Werk des bei Chimperator unter Vertrag stehenden Teesy, sein großes, offizielles Debütalbum "Glücksrezepte", gehört in diese Kategorie. "Teesy, ist das nicht der, der mit Hemd und Fliege auf der Bühne steht und mindestens so viel singt wie rappt?" Zugegeben: Viel hatte ich von ihm bisher nicht gehört, lediglich ein ganz grobes Bild von seiner musikalischen Tätigkeit herrschte in meinem Kopf. Mal einen Track hier, mal einen Part dort, aber das hatte bisher nicht gereicht, um mir wirklich eine Meinung zu bilden. Noch ein Grund mehr für mich, seinen Worten auf dieser Platte zu lauschen.

"Das ist doch gar kein Rap mehr!", hört man oft, wenn es um Teesy geht. Das muss ja prinzipiell überhaupt nichts Schlimmes sein. Außerdem: Doch, das ist zum Teil schon noch Rap. Das zeigt sich direkt im überaus gelungenen Intro. Auch, wenn es etwas zu abrupt beendet wird, ist es ein Atmosphäre kreierender Einstieg, der mit kaum wahrzunehmenden Klängen anfängt, auf welche rhythmische Schläge folgen – und mit dem Stimmeinsatz schaltet auch der Beat noch mal einen Gang hoch. Ein Einstieg, der Lust auf mehr macht. Der erste Eindruck ist also absolut positiv. Um gleich etwas zu spoilern: "Der Anfang" ist leider nicht repräsentativ für das Album. Was vor allem rückblickend unglaublich schade ist.

"Der Anfang, das Ende, die Glut/
Die Sandbank, die Welle, die Flut/
Von ganz unten nach oben geschwommen/
Als hätte grad' in diesem Moment etwas Großes begonnen/
"
(Teesy auf "Der Anfang")

Aber mal der Reihe nach: Inhaltlich ist das hier irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Vielleicht ein Drittel. Wer eine Facebook-Page mit "tiefsinnigen" Zitaten betreibt ("Ich kann nicht sagen, wo es hingeht. Alles, was ich weiß, ist, dass ich am Leben bin", Teesy auf "FC Fernweh") oder bei etwaigen Jugendmagazinen für die Beziehungstipps zuständig ist ("Und wenn sie dich gut findet, dann schnapp dir deine Chino, umarme die Welt und dann geh mit ihr ins Kino", Teesy auf "SOS"), kann sich vielleicht mehr über die Ausformulierungen der "Glücksrezepte" Teesys freuen. Auf mich wirken sie mehr wie eine hübsch aneinandergereihte Sammlung von Phrasen. Mit einer großen Prise Kitsch, nicht zu vergessen. Insofern passt der Inhalt super zu Teesys Gesang, der genauso schmalzig wirkt wie seine Texte es leider oft auch tun. Schmalzig ist gar nicht mal zwangsläufig negativ gemeint, nur auf Albumlänge dann eben doch etwas zu viel. Die meiste Zeit ist es ein Hin und Her: Oh, lässiger Rap! ... Och nö, schon wieder Singsang ... Und 'ne gewöhnungsbedürftige Hook ... Yes, wieder ein bisschen cooler Rap! – und so weiter. Besonders negativ fallen Nummern wie "Rom & Paris" auf: "Du bist grade richtig. Dem Mädchen vor dir fehlte es an Rom und Paris." Ganz abgesehen von der Frage, was genau das jetzt über das Mädchen "vor dir" aussagt: Die beständig mit Herzblut abgefeuerte Kopfstimme ist teilweise echt ... anstrengend. Das soll nicht heißen, dass Teesy kein guter Sänger ist, das will ich ihm nicht vorwerfen. Der Gesang ist einfach so markant, dass man ihn entweder liebt oder hasst. Das eigentliche Problem ist, dass er zusätzlich so tonangebend – um nicht zu sagen erdrückend – wirkt, dass alles andere nicht wirklich zur Entfaltung kommt. Was schade ist, denn die Rap-Parts des Albums sind absolut gelungen. Lässiger, entspannter Flow, für die Zwecke ausreichende Technik, Style und Atmosphäre kommen an. Wäre da nur nicht diese schmalzige Kopfstimme, die zu oft um die Ecke kommt und meinem Hörgenuss auf Dauer einen Strich durch die Rechnung macht. Die daraus entstehende Monotonie und Gleichartigkeit vieler der Anspielstationen wird für mich persönlich letztlich so erdrückend, dass auch die konstant guten bis sehr guten Produktionen nicht reichen, um diesen negativen Eindruck wettzumachen. Schade, denn worauf Teesy da musiziert, ist abwechslungsreich, durchdacht, atmosphärisch. Schön gesetzte Drums, manchmal überlagernde Klänge, manchmal ein kleines bisschen elektronischer – das passt alles wunderbar. Und so bekommt jeder R'n'B-Fan endlich einmal hochwertige Musik seines Genres, "made in Germany". Falls man die mangelnde inhaltliche Tiefe verkraftet und Teesys Stimme den persönlichen Geschmack trifft, versteht sich.

"Haben mit 14 Sex, pubertieren noch mit 20/
Scheißen auf Idole, studieren jedes Jahr was and'res/
Emos, Hipster, Metro, Glitzer/
Retro – 'Wie geht's dir?' – 'Geht so, Wichser'/
"
(Teesy auf "Generation Maybe")

Dass es doch anders geht, dass Teesy es schaffen kann, seine Talente – die er zweifelslos halt – zu bündeln und umzusetzen, beweist "Generation Maybe". Wir haben einen sanften Beat, der mit viel Liebe fürs Detail produziert wurde, nicht zu aufdringlich ist und den Künstlern Freiraum lässt. Dazu noch einen langsam rappender, lässiger Teesy. Obendrauf noch einen Megaloh, welcher den Beat noch einmal deutlich mehr zu nutzen weiß und auch den hier wirklich guten Teesy abhängt. Inhaltlich wird uns ebenfalls endlich etwas geboten: In knapp fünf Minuten schaffen es die Künstler, den aktuellen Zeitgeist einzufangen und dabei nicht zu sehr in die Klischee-Phrasendrescherei abzudriften – wie es auf "Glücksrezepte" ansonsten doch eher die Regel ist. Dieser tolle Rap-Track steht aber leider alleine da, was – ich kann es nur noch einmal betonen – wirklich schade ist: Ich hätte ein Teesy-Rapalbum wahrscheinlich echt gefeiert.

Fazit:
Teesys Leidenschaft für Musik kaufe ich ihm absolut ab. Auch das, was er uns sagt beziehungsweise vorsingt, wirkt authentisch, ungezwungen, nicht zu verkopft. Die Soundkulisse ist konsequent umgesetzt, smooth und verbleibt ohne große Überraschungen. Das Problem: Die sehr markante Kopfstimme – die meinen Geschmack schlichtweg nicht trifft – bringt textlich nichts Atemberaubendes hervor. Zumeist Beschäftigung mit Beziehungen in freundlicher, höflicher Manier, auf die Kavaliersart. Von einem Mann der alten Schule eben. Man muss Teesy zugutehalten, dass wir dank ihm eine Platte mit vorzeigbaren R'n'B-Klängen aus Deutschland vor uns haben. Worauf ich allerdings gerne verzichtet hätte, wenn ich dafür mehr von dem bekommen hätte, was der nette, junge Mann meiner Meinung nach am besten kann: Rap.


(GameofMo)



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