Angemeldet bleiben?

Interview: Takt32 ("ID", Kiss FM, NS-Rap & Berlin) – Text

veröffentlicht: Freitag, 23.12.2016, 17:06 Uhr
Autor: InsertPointlessName


Um politische Themen macht Deutschrap oftmals einen großen Bogen, zumindest bei einem Blick auf den Mainstream. Von Takt32 lässt sich dies nicht behaupten. Nach seinem Debütalbum "Gang" im letzten Jahr und der kürzlich erschienenen "Chimera" EP steht nun das Release von "ID" an, seinem zweiten Studioalbum. Wir sprachen mit ihm über Kommunikation: während des Albumprozesses, interkulturell und zwischen Rechtsrap, HipHop und den Medien.



rappers.in: Hallo und danke, dass du dir Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Du befindest dich wahrscheinlich gerade im Pressemarathon?

Takt32: Ja, so'n bisschen, wir haben dieses Jahr alles ein bisschen komprimiert und auf einen Tag gelegt, aber easy. Hatte schon zwei Interviews, jetzt bin ich im Flow.

rappers.in: Vielleicht haben wir ja trotzdem ein paar neue Fragen für dich, angefangen bei deinem Album: Das wurde ja wieder komplett von Jumpa produziert?

Takt32: Genau, fast. Nico Chiara hat auch ein paar Melodien beigesteuert, das ist der, der dieses Jahr auch schon für Fler produziert hat. Aber alles in enger Zusammenarbeit mit Jumpa, der war also an jedem Track beteiligt.

rappers.in: Hat sich denn sonst irgendwas bei der Arbeit an deinem zweiten Album verändert? War es entspannter oder hattest du dann doch mehr Druck? Es heißt ja, das zweite Album ist immer am schwersten.

Takt32: Es ging eigentlich. Ich hatte Gott sei Dank genug Einflüsse über die Jahre, das erste ist inzwischen ja schon wieder anderthalb Jahre her, und hatte mir schon da Gedanken gemacht, wie das zweite Album aussehen könnte. Das erste war ja dafür da, die "Gang" so ein bisschen in den Vordergrund zu stellen, also eine Art Hommage an die Jungs. Bei "ID" wusste ich aber schon im Vorhinein, dass ich da eher mich in den Fokus stellen und auch etwas persönlicher werden möchte. Von daher war's thematisch gesehen nicht so schwierig wie beim ersten Album, weil man sich da noch um alles Gedanken gemacht hat. Auch beim Produktionsprozess war's ein bisschen entspannter: Jumpa und ich waren eingegroovter, wir haben uns unser eigenes Studio gebaut und hatten Kontakte in den Mix-/Masterbereich. Daher lief alles etwas reibungsloser, sodass wir uns komplett auf die Musik konzentrieren konnten.

rappers.in: Als "Gang" veröffentlicht wurde, ist ja diese ganze Trap-Geschichte hier in Deutschland so langsam ins Rollen gekommen. Inzwischen gibt es Unmengen an Rappern, die bestimmte Styles aus Amerika übernehmen oder französische Elemente mit Straßenrap verknüpfen. Du hast ja dadurch, dass du sowohl längere Zeit in Frankreich als auch in den USA gelebt hast, eine besondere Nähe zu diesen Ursprüngen – wie beobachtest du die Entwicklung hierzulande, ist das Fortschritt oder eher reine Kopie?

Takt32: Aus meiner Perspektive ist das immer 'ne Frage, wie das der jeweilige Künstler selbst interpretiert. Bei mir war das eben durch meine Aufenthalte in Frankreich und in St. Louis einfach Bestandteil von mir und meinem Musikverständnis, ich habe nie probiert, das zu kopieren, sondern eigen zu interpretieren, wie ich das wirklich wahrgenommen habe und wie es mich beeinflusst hat. Ich find's halt Quatsch, Lebensgefühle, worum's ja gerade beim Trap geht, aus anderen Ländern zu kopieren, weil's da überall anders ist. Dass der Sound hierzulande Einfluss hat, ist ja völlig normal, das finde ich auch nicht schlimm. Frankreich ist nunmal Nachbarland und innerhalb Europas gab's auch schon immer kulturellen und musikalischen Austausch.

rappers.in: Bei den ganzen Synergien entsteht dann im Idealfall auch wieder etwas Neues.

Takt32: Genau, gerade in Großstädten! Guck mal, allein in Berlin vermischt sich alles. Hier hast du so viele Kulturen, die Einfluss nehmen, da wär's dumm zu sagen "der hat das kopiert!" Nee, der ist dann einfach hier groß geworden. Solange man immer ein bisschen Eigencharakter und Individualität erkennt, ist doch alles gut.

rappers.in: Sound wird hierzulande oft adaptiert, gefeatured wird international aber kaum. Ich kann mich jetzt auf Anhieb auch an kein durchweg gelungenes Feature in der Hinsicht erinnern. Können internationale Features überhaupt funktionieren?

Takt32: Schwierig, glaube ich. Erstmal ist der Klang der Sprache allein schon problematisch. Ich spreche ja nebenbei noch französisch, das hat für mich schon eine viel angenehmere Klangfarbe. Deshalb benutze ich auch manchmal französische Wörter anstelle des deutschen Worts, weil's einfach cooler klingt und besser flowt. Deutsch ist dagegen eher hart und hat teilweise endlos lange Wörter; auf englisch und französisch drückt man sich eher kurz aus. Auf Deutsch hast du natürlich den Vorteil, dass du über Neologismen und sowas mehr sprachliche Möglichkeiten hast. Bei einem internationalen Feature kommt es dann im Endeffekt aber eher auf den Klang an; Deutsch ist halt echt keine Weltsprache. Daher denke ich, dass es schwer ist, als Deutscher in den USA oder so Fuß zu fassen – wenn, dann höchstens über Melodien oder Vibe wie jetzt bei RAF und Bonez.

rappers.in: Deswegen hast du wahrscheinlich auch kein Franzosen-Feature auf deinem Album, obwohl du bestimmt ein paar Kontakte hast.

Takt32: Voll, ich wollte zwar erst, hab' auch mit ein paar Jungs gequatscht. Ich bin auch relativ cool mit Chris Macari und den Jungs von Booba, aber das ist immer so ... Also für 'ne Hook ja, aber das wäre dann auch wieder zu schade gewesen. Bei "ID" geht es ja vordergründig um mein Leben und ich habe "nur" zwei Jahre in Frankreich verbracht, daher lag die Priorität schon eher bei deutschem Rap. Ich hab schon Bock, mal was zu machen, aber dann vielleicht eher für ein Mixtape oder ein einzelnes Projekt.

rappers.in: Das nimmt schon meine nächste Frage vorweg: Du hast dieses Jahr mit "Chimera" eine EP veröffentlicht; in der Box liegt eine weitere als Bonus-Inhalt. Dazu kommen noch diverse Teaser und "Warm-Ups". Ist das alles ein bisschen an die US-Mixtapekultur angelehnt oder sind das, mal böse gesagt, die B-Seiten vom Album?

Takt32: Bei der Box ist es tatsächlich so, dass ich die Bonus EP erst einzeln releasen wollte, weil das keine "Left over"-Tracks sind, sondern Sachen, die ich auch während des Albumprozesses gemacht habe, weil ich da Bock drauf hatte. Die haben dann aber letztendlich nicht mehr zum Konzept gepasst, also haben wir sie als musikalische Beilage in die Box gepackt, weil ich das dann doch cooler fand als ein T-Shirt oder zusätzliches Poster, das sich dann doch niemand aufhängt. Und bei den Warm-Ups ging's eher um den Battle- und Representercharakter, ganz nach dem Motto "was andere auf ihr Album packen, können wir in 20-30 Minuten schreiben und aufnehmen", das war so der Gedanke dahinter.

rappers.in: In deiner Musik geht es ja oft um Politik; auf der "Chimera EP" sprichst du Bedrohungen wie die AfD an und hast auch Links unter deinen Videos geteilt, über die man sich selber in der Flüchtlingshilfe engagieren kann. Als Gegenpol dazu war kürzlich Makss Damage bei Kiss FM zu Gast, der ja offen mit seiner Rechtsradikalität umgeht. Das negative Echo war entsprechend groß, auch von deiner Seite. Was genau hat dich daran gestört, wie kommuniziert man überhaupt am besten mit Neo-Nazis?

Takt32: Das Problem bei diesem Interview bei Kiss FM war nicht das Interview selbst oder dass man ein Gespräch oder den Dialog sucht – gewaltlose Kommunikation sollte immer an erster Stelle stehen. Die Art und Weise, wie das gemacht wird, ist dann schwierig. Du kannst nicht jemanden einladen, der auch rhetorisch relativ versiert ist, und dem dann nicht die Stirn bieten und die Sachen, die er sagt, nicht hinterfragen. Wenn jemand kein Problem damit hat, sich als Neo-Nazi darzustellen, sollte man das auch kritisch hinterfragen und nicht mit 'ner Frage wie: "Ja, du isst doch aber auch Döner." Das ist für mich unterstes BILD- oder Bravo-Niveau und hat nichts mit kritischer Aufklärung zu tun.

rappers.in: Die Stellungnahme von Kiss FM war ja dann, dass man "emotionale Themen" nicht auslassen möchte, um diese "intensiv zu diskutieren".

Takt32: Genau, dem ist auch nichts entgegenzusetzen, nur das muss dann eben auch getan werden. Die hätten sich da weitaus besser vorbereiten müssen, was auch nicht schwierig gewesen wäre. Man hätte da an ganz vielen Stellen die Idiotie der Neo-Nazis aufdecken können, was aber nicht gemacht wurde. An der Stelle hab ich dann auch gesagt, dass ich keinen Bock mehr habe, bei Kiss ein Interview zu machen.

rappers.in: Oha, so weit geht das dann also.

Takt32: Wir hatten im Rahmen der Promophase ja auch bei denen einen Termin, aber dann eben gesagt, dass wir das erstmal kategorisch ablehnen, da aufzutreten. Die ganze Stellungnahme war ja eher 'ne Farce, da wurde sich weder entschuldigt noch gesagt, dass man es beim nächsten Mal besser macht.



rappers.in: Mit dem Hoch, das HipHop als Genre, oder auch besonders als Jugendkultur, gerade feiert – wie hoch siehst du die Gefahr, dass "NS-Rap" zu einem festen Bestandteil des Genres heranwachsen kann?

Takt32: Die Gefahr ist immer so hoch, in Relation dazu, wie kritisch und wie vorbereitet man sich damit auseinandersetzt – das führt auch wieder zurück zu diesem Kiss FM-Ding. Klar wird das an Popularität gewinnen, da HipHop ja auch an Popularität gewinnt und über den Mainstream und die Kommunikation mit Jugendlichen wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft wird.
Da sollte die Szene, besonders die großen Künstler, einfach klarer Stellung beziehen. Damit meine ich nicht mich, sondern Leute, die im 50.000 – 60.000er-Bereich verkaufen.

rappers.in: Im Prinzip ist die Verbindung von Neonazismus und HipHop ja an sich schon absolut widersprüchlich, wenn man bedenkt, wo die Wurzeln liegen. Das Problem sehe ich dann zum Beispiel darin, wie leicht sich einige Stilmittel adaptieren und für eigene Zwecke umdeuten lassen – Lokalpatriotismus, Representing oder diese überzeichneten Männlichkeitskonstrukte. Wie erklärt man eben jemandem, der keine Ahnung davon hat, was das in einem Raptext bedeutet?

Takt32: Da sehe ich zum Beispiel auch die Aufgabe bei den HipHop-Medien, das zu reflektieren. Entweder bist du ein reines News-Medium à la RapUpdate oder du bist ein kritisches, journalistisches HipHop-Medium, von denen es leider viel zu wenige gibt. Wenn du jetzt jemandem erklären sollst, was "Lokalpatriotismus" ist, solltest du dem vielleicht nicht nur den typischen "Fick alle, die nicht Berliner sind"-Song zeigen, sondern auch einen Kontrast in Form eines "Scheiß auf Rassismus, wir sind alle gleich"-Songs dazu geben. Die Balance macht das letztendlich.
Da muss Deutschrap allgemein aber auch mal seine Scheinheiligkeit ablegen und akzeptieren, dass es im 21. Jahrhundert auch Schwule und erfolgreiche Frauen in großen Firmen gibt. Männlichkeit muss man heute nicht mehr unbedingt über seine Statur ausdrücken, sondern vielleicht auch einfach über Intelligenz.

rappers.in: Klar, wobei der Deutschrap-Fan, der sich über RapUpdate hinaus über sein Genre informiert, das normalerweise schon verstanden hat. Die Frage ist ja eher, wie übergreifende Medien, wie jetzt auch wieder Kiss FM, das Lieschen Müller erklären.

Takt32: Voll! Das sollte jetzt auch gar kein aktives Deutschrapmedien-Bashing sein, die verstehen das ja im Allgemeinen schon besser als das Feuilleton oder ein Pop-Radiosender. Aber dadurch, dass Deutschrap inzwischen Mainstream ist, müssen sich auch Mainstream-Medien, die sich vorher vielleicht nicht mit HipHop beschäftigt haben, kritisch damit auseinandersetzen. Oder überhaupt mal damit auseinandersetzen, bevor die jemanden einladen, um mit ihm darüber zu reden. Da stimm' ich dir schon zu.

rappers.in: Du bist zwar 'ne Menge herumgekommen, aber im Prinzip schon Berliner. Auf deinem Album ist wie letztes Jahr wieder ein Liquit Walker-Feature, eine Videopremiere wurde über AggroTV released und bei Rap am Mittwoch warst du lange Zeit Stammgast. Ist dir das eine Herzensangelegenheit, für Berlin die Fahne hoch zu halten oder ergibt sich das dadurch, dass diese Institutionen einfach in deiner Umgebung sind?

Takt32: Ich glaube, das ist ein bisschen was von beidem. Die Berliner Szene ist schon recht dicht beieinander, da läuft man Leuten auch oft privat über den Weg und findet da schneller Zugang zu. Auf der anderen Seite halte ich schon mal gerne die Fahne hoch, auch wenn es da wichtig ist, den Spagat zwischen "Lokalpatriotismus" und "nicht intolerant wirken" zu schaffen. Da muss man immer bisschen aufpassen.

rappers.in: Es gibt ja Leute, die zeichnen "Berlinrap" als eigenes Genre aus und sehen das sehr ortsbezogen.

Takt32: Ja, aber Berlin hat immer noch was Eigenes, 'ne eigene Dreckigkeit, 'nen eigenen Flair. Gerade was Straßenrap angeht, ist das in Berlin schon noch was anderes als in anderen Städten.

rappers.in: Obwohl ich dich gerade bei den Rap am Mittwoch-Cyphern als sehr guten Livekünstler wahrgenommen habe, hast du bis auf ein paar Gigs noch keine richtige Tour gespielt. Ist da inzwischen was Konkretes geplant?

Takt32: Wir sind gerade in der Festival-Bookingphase und auch wenn ich noch nichts verraten darf, sind auf jeden Fall ein paar coole, große Auftritte dabei. Und was die Tour angeht, gehen wir gerade die Städte durch. Wir sind ja dadurch, dass nur der Vertrieb über Universal läuft, immer noch independent und machen alles selber, dementsprechend sind wir aktuell vor allem mit dem Album beschäftigt. Nach Release steht das aber für 2017 ganz oben auf unserer Agenda.

rappers.in: Ich danke dir für das Interview! Wenn du möchtest, kannst du gerne ein paar abschließende Worte an die Leser richten.

Takt32: Ich freue mich über jeden, der sich die Platte holt und uns supportet. Vielen Dank ebenfalls für das Gespräch!




Takt32 auf Facebook
"ID" bei Amazon bestellen


Autor: Friedrich Stf.

Dieses Interview wurde 6889 mal gelesen
0 Kommentare zu diesem Interview im Forum