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Adventskalender: Türchen #05 Marc Leopoldseder & Amadeus Thüner

veröffentlicht: Mittwoch, 05.12.2012, 08:37 Uhr
Autor: lupa

Alle Jahre wieder ... Dieses Jahr möchte ich Euch dennoch nicht mehr ganz so viel an gleicher Stelle wie jedes Jahr mitteilen. Die Entscheidung fiel auch 2012 bereits Ende August, dass ein Adventskalender her muss. Klar war, dass niemand mehr Bilder malen möchte und dass wir mit dem gerade übernommenen VBT-Mag, der VBT Splash!-Edition sowie vielen neuen Redakteuren keine Zeit mehr dafür haben, mindestens 24 Tracks in Rapdeutschland zu sammeln, die auf hohem Niveau und von gestandenen Künstlern sind. Zu guter Letzt fanden die meisten Nasen aus der Redaktion eh "schon immer", dass der Adventskalender von 2009, der mit fünf Fragen an verschiedenste Persönlichkeiten aus der Deutschrap-Szene eine Art Jahresrückblick darstellte, der bisher gelungenste sei. Und somit wird der ganze Spaß von vor drei Jahren in diesem außergewöhnlichen Deutschrapjahr wiederholt. Wir freuen uns sehr, knapp 50 gestandene Persönlichkeiten unserer Szene mit interessanten Antworten auf die „immer gleichen Fragen“ an Bord zu haben. Anders gesagt: Haters gonna hate. Und der Rest freut sich. Fröhliche Weihnachten und ein erfolgreiches, fröhlich-glückliches neues Jahr. Lupa & die rappers.in-Redaktion.

Türchen #05 Marc Leopoldseder (JUICE-Schlussredakteur, Webseite)




rappers.in: In diesem Jahr erging es deutschem Rap in mancherlei Hinsicht so gut wie nie zuvor – vielen Künstlern gelang der Sprung in die Charts, ein großer Teil deutschsprachiger Rapper landete sogar in den Top 10. Welches Album konnte dich 2012 am meisten überzeugen und weshalb?

Marc Leopoldseder: "Grüner Samt", "Kanackis", "Hinterhofjargon", "Selfish", "Das Chaos und die Ordnung", das alles lief und läuft bei mir rauf und runter. Und "Raop" natürlich. Ich hab' das ganz normal fanboymäßig in jeder erhältlichen Ausführung gekauft: mit T-Shirt, mit Playbutton, mit Schlüsselanhänger, auf Vinyl, auf Tape, mit DVD, ohne DVD – mit Bettwäsche gab's leider nicht. Kann man in puncto Realkeeperei nun gerne fragwürdig finden, aber es gibt einfach keinen besseren Soundtrack zum Abspülen als "Raop". Punkt.

rappers.in: Welche Persönlichkeit hat für dich 2012 eine maßgebliche Rolle in der deutschen Rapszene gespielt und warum?

Marc Leopoldseder: Celo, weil "rrrrrasiert" und "Brudi" normal zum Alltagsvokabular gehören. Audio88 und Yassin, weil "normal" genauso normal dazugehört. Xavier, weil er die normalste Frage des Jahres gestellt hat. Und für mich persönlich Duzoe, weil er mir so viele normale Facebook-Freunde beschert hat.

rappers.in: Welches Ereignis hat deiner Meinung nach in diesem Jahr einen großen Beitrag zur Entwicklung der Deutschrapszene geleistet?

Marc Leopoldseder: VBT und Splash!, das sind so die zwei Ereignisse, die abgesehen von den großen Hype-Themen wichtige Impulse gegeben haben. Das VBT, weil das Turnier unglaublich viel Online-Aufmerksamkeit generiert, womöglich zukünftige Protagonisten ins Rampenlicht gebracht und ein neues, junges Publikum an die Szene herangeführt hat. Und das Splash!, weil man dort sehen konnte, dass die nächste Generation nicht nur virtuell an der Szene teilnimmt, sondern auch am Start ist, wenn es um Support und Feierei geht. Letztes Jahr war's in Ferropolis ja schon so geil, aber 2012 hat noch mal alles getoppt.

rappers.in: Was war die extremste Veränderung, die das nun ausklingende Deutschrapjahr im Vergleich zu 2011 erfahren hat? Und was meinst du, wie es 2013 weitergehen wird?

Marc Leopoldseder: Dass der Cro-Hype das Image von deutschem Rap in der Öffentlichkeit völlig umgekrempelt hat, dürfte wohl die extremste, aber gleichzeitig angenehmste Entwicklung der letzten Zeit sein: Menschen von "draußen" fragen nicht mehr sofort nach Gewaltverherrlichung, Homophobie und Parallelgesellschaften, wenn man ihnen erklärt, womit man sich so den ganzen Tag beschäftigt. Jetzt wollen sie wissen, ob Cro die Maske trägt, weil er so hässlich ist. Und ob man noch Karten besorgen kann für die Tochter und deren Freundinnen. Überhaupt: Es gibt plötzlich wieder sehr viele junge Menschen auf HipHop-Veranstaltungen, darunter sogar weibliche. Unfassbar. Hoffen wir, dass das so bleibt. Und die Menschen vom Bauer-Verlag HipHop trotzdem weiterhin für tot halten.

rappers.in: Zu guter Letzt: Was wird dir ganz persönlich in Bezug auf deutschen Rap 2012 noch lange im Gedächtnis bleiben?

Marc Leopoldseder: Was für ein unfassbarer Fehlversuch von Mitmensch dieser Rap-Analysen-Blogger ist. Rapmusik als Erbsenzählwettbewerb missverstehen ist die eine Sache und hierzulande nicht ganz unüblich, aber dass er seine Planlosigkeit dann noch mit so einer eklig überheblichen Haltung in die Welt rausposaunt, das ist schon ziemlich bemerkenswert. Und dann meint er, obendrein noch selber rappen zu müssen: Technik streng nach Vorschrift zusammengestohlen, Swag wie ein Polizeischüler, verkauft er seine – uiuiui – total provokante Grütze aus pubertären Geschmacklosigkeiten, handelsüblichem Chauvinismus und Ulk-Rassismus auch noch als "schwarzen Humor". Und wer das so daneben und dumm findet, wie es nun mal ist, darf sich dann von humorhochbegabten Internet-Fickfehlern erklären lassen, dass er den Witz nicht verstanden hat. Wow.



Türchen #05 Amadeus Thüner (JUICE, TätowierMagazin, highfivesandstagedives)




rappers.in: In diesem Jahr erging es deutschem Rap in mancherlei Hinsicht so gut wie nie zuvor – vielen Künstlern gelang der Sprung in die Charts, ein großer Teil deutschsprachiger Rapper landete sogar in den Top 10. Welches Album konnte dich 2012 am meisten überzeugen und weshalb?

Amadeus Thüner: Ich möchte mich da ungern festlegen, da dieses Jahr wirklich vielfältig und erfolgreich war und man bei einem Griff in die Releasekiste immer gleich zig Künstler unterschlagen würde. Es war für mich persönlich aber schön zu sehen, wie deutscher Rap eine Aufmerksamkeit bekam, die dieses Mal gänzlich abseits etwaiger Provokationen passierte. Deutschrap ist schlussendlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, besitzt aber immer noch genügend Attitüde, um genau auf diesen Fakt zu scheißen. Deutschrap ist immer noch cool und jeder hat seine Berechtigung. Und vor allen Dingen ist Deutschrap 2012 endlich wirklich musikalisch geworden. Jeder darf, jeder macht und am Ende muss man sich nur noch aussuchen, was dem persönlichen Geschmack entspricht. Eine wunderbare Grundlage für den geneigten Hörer und Fan und für den Künstler sowieso. Denn wenn man mit einem Album Erfolg haben wollte, war 2012 das richtige Jahr.

rappers.in: Welche Persönlichkeit hat für dich 2012 eine maßgebliche Rolle in der deutschen Rapszene gespielt und warum?

Amadeus Thüner: Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. One love. Community. Each one, teach one. "Dies, das, Ananas."

rappers.in: Welches Ereignis hat deiner Meinung nach in diesem Jahr einen großen Beitrag zur Entwicklung der Deutschrapszene geleistet?

Amadeus Thüner: Marsi hat's grün gemacht, Cro die Charts dominiert, Savas mit Xavier rumgehangen, MoTrip die Straße und Haftbefehl, Celo, Abdi und Schwesta Ewa die Straßenstrichs für sich behauptet. Und irgendwo dazwischen habe ich tausende Dinge vergessen, die dieses Jahr ebenfalls dazu beigetragen haben, dass es so erfolgreich und doch auch positiv verlief. Klar ist aber natürlich auch, was ihr mit den VBT-Battles korrekt klargemacht habt.

rappers.in: Was war die extremste Veränderung, die das nun ausklingende Deutschrapjahr im Vergleich zu 2011 erfahren hat? Und was meinst du, wie es 2013 weitergehen wird?

Amadeus Thüner: Eine große Veränderung beziehungsweise Weiterentwicklung, die sich bereits im letzten Jahr abzeichnete, ist die weitere Öffnung ins Musikalische. Deutschrap darf alles und das ist vollkommen okay. Ansonsten wurden die jeweiligen Faktoren durch die diversen Erfolge wohl nur verstärkt. Denn machen wir uns nichts vor: Rapmusik und die HipHop-Kultur prägen in sozialem, wirtschaftlichem und musikalischem Sinne nicht erst seit diesem Jahr die Gesellschaft.

rappers.in: Zu guter Letzt: Was wird dir ganz persönlich in Bezug auf deutschen Rap 2012 noch lange im Gedächtnis bleiben?

Amadeus Thüner: Zum einen gab es den Moment, als DJ Stickle auf einer der besten Privatpartys des gesamten Jahres den bis dato noch unbekannten Song "Lila Wolken" in seinem Remix zum besten gab und Marteria aus lauter Freude darüber mehrfach "DJ Stickle"-Sprechchöre anstimmte. Das war schön, unterstrich in der Gesamtheit aus Großstadtsommer, Sonnenaufgang und Partymarty den Song aber auch als solches. Dick und fett. Und dann noch eins: Dieser Casper spielte im März eine Show in der Columbiahalle. Und während der Balkon durch springende Pressefans erfolgreich zum Wackeln gebracht wurde und der Schweiß von den Meter hoch hängenden Stahlträgern tropfte, freute ich mich – auch nach gefühlt 40 Shows in den vergangenen sechs Jahren – darüber, was für eine Energie von Künstler und Band zum Publikum und zurück gehen kann. Das ist ein Livemusikmoment, wie er sein soll. Und umso schöner ist es dann, wenn er vom Deutschrap kommt.


(Florence Bader)
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