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Review: Summer Cem – Cemesis

veröffentlicht: Freitag, 12.02.2016, 18:10 Uhr
Autor: PeasOut





01. Reicht nicht
02. Gary Pedro Crock feat. Farid Bang
03. Nimm mich mit
04. Seid ihr mit mir
05. Dreckige Finger
06. Sintflut
07. Pilot
feat. KC Rebell
08. Tam korrekt
09. Es war Cem
10. Nicht komplett
feat. Mic Donet
11. Pink Floyd
12. Preach
feat. Sefo
13. Bitte Spitte Cocaina feat. Farid Bang
14. Wolke 7
15. Wenn das alles ist


Mit "Cemesis" veröffentlicht Summer Cem über ein Jahr nach "Hak" seinen insgesamt fünften Langspieler, erneut über das Label Banger Records. Doch schon vor dem Hören stehen schon einige Fragen im Raum: Warum hat der Künstler sich auf seinem eigenen Cover den Mund zugenäht? Und worauf spielt der Titel an? Wahrscheinlich ist, dass sich hier der altgriechischen Sprache bedient worden ist, um auf eine Schöpfung (Genesis), oder gerechten Zorn (Nemesis) anzuspielen. Ob der Name des Albums jedoch überhaupt eine Bedeutung hat, weiß bislang nur Summer Cem, denn egal wie schlüssig eine Interpretation des Titels anhand fremdsprachlicher Begriffe auch sein mag, kann diese sich genau so gut als zufällig herausstellen.

"Ah, ich war schon mit Dingern am handeln/
Da warst du noch Panini-Sticker am sammeln/
Ah, mach dir kein' Schädel, mein Dicker/
Auch wenn du ein Fisch bist – Helene ist Fischer/
"
(Summer Cem auf "Sintflut")

Was erwartet uns soundtechnisch auf "Cemesis", einem Album, das durch sein Cover eine düstere Stimmung erwarten lässt? Darf man sich auf ein mit aggressiven Bangerbeats gespicktes Release freuen oder kauft man quasi die Katze im Sack und Summer Cem überrascht hier tatsächlich? Wie man es bei einem Banger-Release erwarten kann, ist keins von beiden der Fall; hat man auf der einen Seite mit "Sintflut" und "Es war Cem" Lieder, die genau so klingen, wie man es durch die genannten Komponenten erwartet, stehen diesen mit "Nicht komplett" und "Pilot" jedoch melodiösere Tracks entgegen. Für sich betrachtet passt die Instrumentierung immer zu der entsprechenden Aussage des Tracks, als Gesamtes fehlt "Cemesis" allerdings der rote Faden. Die Linie, der Summer Cem folgen möchte, wird einem auch nach mehrmaligem Hören nicht klar. Aggressiver Punchlinerap und Elemente eingängiger Hooks werden teilweise zusammen auf Tracks verwendet, sodass der Anschein erweckt wird, dass hier nicht die Musik, sondern die Erfüllung eines Zwecks im Vordergrund steht. Eben das trifft auch auf die Featureauswahl für "Cemesis" zu: Stellen Namika als Überraschungsgast, welcher die Einleitung und Chorus von "Pink Floyd" veredelt und Mic Donet auf "Nicht komplett" eine angenehm melodische Abwechslung dar, schafft es Farid Bang quasi im Alleingang, zwei Tracks des Albums durch seine Art des Raps zu ruinieren. Auf "Bitte Spitte Cocaina" ist das ganze nicht so tragisch, da man bei "Bitte-Spitte"-Tracks ohnehin keine musikalische Offenbarung erwartet, bei "Gary Pedro Crock" wird mit der Auswahl des Beats ein hoher Anspruch an den Flow des Künstlers gestellt, was die Schwächen Farids in eben diesem Bereich verdeutlicht.

"Ich hab' keinen Plattenboss, der mich anschreit/
Und dachte jahrelang, ’n Lattenrost wär' 'ne Krankheit/
Mein Hausarzt gibt mir Marlboro-Verbot/
Guten Morgen Deutschland! Ich fick' euer Jahreshoroskop/
"
(Summer Cem auf "Tam Korrekt")

Die große Problematik, die "Cemesis" mit sich bringt, liegt allerdings nicht an dem wenig konzeptionierten musikalischen Teil, sondern vielmehr an der textlichen Komponente, da die Sichtweise, was Kunst und was Schund ist, hier kaum weiter auseinander gehen könnte. Vergleiche wie "Eure Konten sind meist ungedeckt wie Benzema im Strafraum" oder "Doch deine Füße riechen als hättest du sie mit Käse überbacken" möchten zwar im Zusammenhang ihren Zweck erfüllen, doch die fehlende Innovation lässt dadurch nicht ausgleichen. Könnte ich nicht zum Beispiel Benzema mit jedem beliebigem, bekannten Stürmer austauschen und es als eigene Idee verkaufen? Wären dies nur Einzelfälle, könnte man darüber hinwegsehen, allerdings finden sich Zeilen wie diese auf dem kompletten Album wieder. "Tam Korrekt" zum Beispiel besteht nur aus Wortspielen und teilweise zweitklassigen Punchlines, für die sich wohl mancher Battlerapper zu seiner Anfangszeit schämen würde. Dass Summer Cem dies aber bis zum Gipfel treiben kann, zeigt er, in dem er anderen Rappern: "Eure Vergleiche sind unter aller Sau wie Zitzen" vorwirft. "Cemesis" bietet auf textlicher Ebene eine kurzweilige Unterhaltung, sofern man auf relativ anspruchslose Wortspiele und Vergleiche steht, inhaltlich kann ich aber einem Großteil des Albums nichts abgewinnen. "Pilot" ist einer der wenigen Lichtblicke in dieser Hinsicht, da Vergleiche zwar vorhanden sind, aber in den Hintergrund rücken und Platz für eine Gesamtaussage machen. Und dass Summer Cem Texte in dieser Richtung eher liegen, hat er in der Vergangenheit schon auf verschiedenen Tracks (unter anderem auf "Diesesmal" mit Zemine) bewiesen und sollte sich zukünftig auf diese Richtung der Musik konzentrieren.

"Dein innerer Kern ist weich, trotz harter Schale/
Dein Kopf macht Randale, ein paar kostbare Jahre, die du noch hast/
Du hast nicht vor, auf deinem Sofa zu gammeln/
Lass uns an die frische Luft und ein paar Vorstrafen sammeln/
"
(Summer Cem auf "Pilot")

Fazit:
Mit der Veröffentlichung von "Cemesis" beweist Summer Cem vor allem eins: Mut. Nicht viele Künstler würden sich trauen, den Sarkasmus im eigenen Werk so perfekt zu tarnen, während mancher behauptet, dass es diesen sarkastischen Unterton auf dem Werk gar nicht gibt. In jedem Fall ist sicher, dass "Cemesis" textlich bis auf einzelne Ausnahmen zwischen einer Zumutung und einer kurzweiligen Unterhaltung auf RTL-Niveau schwankt. Würde er sich auf die Richtung Musik konzentrieren, in die "Nicht komplett" geht, wäre eine positive Resonanz der fest eingeschworenen Kritiker sicherlich zu erwarten. Sollte er allerdings weiterhin die Prollschiene fahren, die ihm beileibe nicht schlecht steht, dürfte es eine textliche Umorientierung benötigen, die nicht jeden Vergleich beinhaltet, der ihm dem Anschein nach einfällt. Wenn Summer Cem in zukünftige Releases etwas Konzept reinbringt und der Gesamtaussage eine Chance gibt, bin ich gerne dazu bereit, seiner Musik eine weitere Chance zu geben, denn positive Lichtblicke sind vorhanden, obwohl sie auf "Cemesis" extrem rar gesät sind.


Lasse Golenia (PeasOut)



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