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Review: Steasy – Statussymbol

veröffentlicht: Mittwoch, 13.12.2017, 13:06 Uhr
Autor: KDePa





01. Superlativ
02. Liebeslied
03. Gesten
04. Teenitus
05. Weltmusik
06. Silvester
07. Untertitel
08. XXX
09. Everybody’s Darling
10. Farid Bang
feat. Weekend
11. Elitepartner
12. Hip Hop
feat. Zarte Lust
13. Du weißt es
14. Harald J.
15. Kinderaugen
feat. Lea
16. Gute Zeit

Da ist es nun, das Debutalbum von Steasy. Den meisten von uns ist der Kieler Rapper wohl seit seinem Sieg in der Splash-Edition des 2013er VBT oder aber auch durch seine starke Performance bei der normalen Version des Battle-Turniers im Vorjahr bekannt. Andere mögen sich noch an ältere RBA-Runden oder seinen Feature-Part auf Hollywood Hanks mittlerweile schon Kultstatus besitzenden Soloalbum "Soziopath" erinnern. Doch obwohl er schon während des VBT-Hypes 2013 und dann ein weiteres Mal im Jahr 2015 ein Album ankündigte, veröffentlichte Steasy in den letzten viereinhalb Jahren erst einmal zwei EPs sowie diverse, lose ausgekoppelte Songs und Videos. Alle Label-Angebote hatte er dankend abgelehnt und konnte so mit großer Selbstbestimmtheit an seinem Album feilen. Doch was wird den Hörer erwarten? Arrogant-lässigen Poser-Rap, der quasi zum Markenzeichen des Künstlers geworden ist? Oder macht es dieser anderen ehemaligen Turnier-Rappern gleich und wendet dem alten Stil auf dem Debutalbum den Rücken zu?

Der Einstig in das Album zeigt einen Steasy, wie man ihn kennt, mit "motherfucking arrogante[m] Sound" und falls jemand die Selbstüberhöhung des Künstlers doch kritisch sieht, wird er mittels rhetorischer Fragen à la "Was denn, ja, ja, ja was denn?" in die Schranken gewiesen. Der Rapper sei der "Superlativ", eine "Steigerung nicht möglich". Auch "Gesten" geht inhaltlich in dieselbe Richtung und zelebriert zu einem treibenden Beat den Egozentrismus. Steasy baut also auf jene stilistischen Zutaten, die bereits seinen Battle-Rap so beliebt machten, rappt über sich selbst, gegen ein lyrisches Du oder Ihr und verwendet für ihn typisches Vokabular wie die immer wiederkehrende Anrede "Motherfucker", bewusst gesetzte Betonungen und lang gezogene Silben am Versende. Ebenso dürfen Anspielungen an die Leidenschaft Sport oder die Heimatstadt Kiel nicht fehlen. Und wer beim "Liebeslied" der Platte liebreiche, romantische Worte an die Angebetete erwartet, muss wohl enttäuscht werden, da es auch hier ganz selbstgefällig um die Eigenliebe des Rappers geht. Doch trotz aller arroganter Attitüde wirkt der Künstler nicht unsympathisch. So ist die Überheblichkeit doch stets humoristisch vorgetragen, die Selbstherrlichkeit oft so übertrieben, dass sie nur mit einem Augenzwinkern gedacht werden kann, und auch an Wortwitz mangelt es jenen ansonsten ohne tiefere Message oder komplexeres Konzept ausgestatteten Songs durchaus nicht.

Keiner, der so styletechnisch perfekt/
Mit einer Line hier ganz allein die Szene komplett scheiße aussehen lässt/

(Steasy auf "Superlativ")

Mein Style und der Sound sind letztendlich/
So aufreizend lässig, das braucht keine Message/

(Steasy auf "Liebeslied")

Ich bin zwar nicht Silbermond, doch ich versprech' dir nicht zu viel jetzt/
Wenn ich dir sage, ich bin das Beste, was dir je passiert ist/

(Steasy auf "Teenitus")

Doch die Platte bietet keineswegs Poser-Rap auf 16 Songs, sondern ist wesentlich facettenreicher und persönlicher. Auf "Untertitel" wird der intensive Arbeitsprozess während der Entstehung des Albums beschrieben und damit einen gefährlichen Vorgang, bei welchem die Kunst langsam von der Person des Künstlers Besitz ergreift, diesen von seinen Nebenmenschen entfernt und geistig isoliert. Herausstechend ist auch der Track "Silvester", den es bereits zum letzten Jahresübergang für genau 24 Stunden frei verfügbar zu hören gegeben hat und welcher erfrischend selbstkritisch daherkommt. Steasy bereut zu leisen, doch dynamischen Gitarrenriffs vergangene Antriebs- oder Mutlosigkeit sowie die daraus hervorgegangenen verpassten Chancen, ein bekanntes Muster, das jährlich an Silvester sein Ende finden soll, diesen Vorsatz allerdings nur in den wenigsten Fällen wirklich einhält. Der Song ist gleichzeitig eine Kampfansage an Durchschnitt und Alltagstrott, denn "Veränderung bleibt auch nur Stillstand, wenn man sich im Kreis bewegt".
Nachdem auch das berauscht-melancholisch klingende "Harald J.", ein Lied auf Lebensgenuss, Muße, Leichtlebigkeit und Sonnenuntergänge an der "coast of life", ruhigere Töne anschlägt, klingt das Ende des Albums hingegen eher poppig. Steasy blickt hier einmal durch "Kinderaugen" auf seine ersten Lebensjahre und sein Dasein als wilder Raufbold zurück, der seinen Träumen nachhängt und die Grenzen austestet. Gastmusikerin Lea steuert von Piano und Trompeten begleitet die passende Gesangs-Hook dazu bei, bevor "Gute Zeit" die Platte abrundet und den Künstler abschließend noch einmal bodenständig zeigt. An mehreren Stellen erteilt er hier der fast schon genreüblichen Fixierung auf materielle Güter und soziale Anerkennung eine Absage. Sein Style, sein Sound, eben seine Musik ist das, was Steasy als sein persönliches "Statussymbol" begreift.

Keine verbindlichen Abmachungen, keine Anpassung, kein Bausparen/
Wollte raus da, meine Faust ballen, bis auch der letzte weiß, was ich drauf hab'/
Jedem den Fickfinger zeigen, Widerstand leisten, doch saß dann nur komplett/
wie so 'ne Pussy mit 'nem beschissenen Kaffee und immer verschlafen dumm rum in der Uni/

(Steasy auf "Silvester")

Als ein dritter auf dem Album befindlicher Block an Tracks kann ein solcher der Themen- und Konzeptsongs angenommen werden, der zwar einerseits für thematische Breite sorgt, jedoch leider ebenso viel Austauschbares in sich birgt. So kann ein Song über "Hip Hop", bei dem die Erwartungshaltung mancher Teile der Szene, jenem noch so alten Stereotyp zu entsprechen, ironisch auf die Schippe genommen wird, zwar durchaus unterhaltsam sein, ist jedoch bei weitem keine neue Idee. Ähnliches gilt für "Elitepartner", in dem es um die ideale Partnerin geht, oder "XXX", wo die Musik des Rappers mit "Sex in den Ohr'n" verglichen wird. Auch "Weltmusik" ist ein solide ausgearbeiteter Track, auf dem der Künstler die Qualität seiner Musik berappt und dessen Schwäche gerade in diesem Konzept begründet liegt, wo Gegenstand und Medium eins sind. Hier könne schließlich besser der Rap für sich sprechen und den Hörer auf diese Weise überzeugen, anstatt sich in ausufernden Ankündigungen zu verlieren.
Außer Lea haben es noch die beiden ebenfalls aus dem VBT bekannten Rapper Weekend und Zarte Lust, seines Zeichens ebenso Mitglied der Federballklikke, auf die Feature-Liste geschafft und fügen sich gut in die jeweiligen Tracks ein, indem sie Steasys Humor passend ergänzen, ersterer mit seiner Lakonie, letzterer mit simplen, doch unterhaltsamen Wortspielen. Die Beats wurden zu großen Teilen vom Berliner Twen-T4svn, der eigentlich eher in Richtung Filmmusik produziert, sowie weiterhin von Donkong, Snew und Peet beigesteuert und bewegen sich zwischen düster-elektronischen und fröhlich-poppigen Sounds, wobei die vielen eher HipHop-untypischen Instrumentale oftmals von einem epischen Unterton beherrscht werden. Für Cuts und Scratches zeigt sich DJ Cuebic verantwortlich, während Steasy wie gewohnt stark flowt, Tempo und Rhythmus variiert und mit Intonationen spielt. Sowie er sich allerdings thematisch in neue Gefilde begibt, muss er auch gelegentlich seine Stimme den nachdenklicheren Stimmungen entsprechend anpassen, was ihm wiederum ebenfalls gekonnt gelingt.

Eh ich lebe für Hip Hop – viva la Vida/
Als echter real keeper wie Iker Casillas/
Und ich sterbe für Hip Hop wie 2Pac Shakur/
Ich weiß mehr über die Elemente als Mutter Natur/

(Zarte Lust auf "Hip Hop")

Fazit:
Auch das Debutalbum ist durch und durch Steasy, der zwar neue Wege erkundet, ohne sich dafür jedoch verstellen zu müssen. Vor allem erlaubt er dem Hörer Einblicke in sein Seelenleben, welche es so zuvor noch nicht von ihm zu hören gab. Es ist in weiten Teilen immer noch der bekannte Poser-Rap, der durch seinen unverkennbaren, jedoch nicht aufdringlichen Humor überzeugt und dessen arrogante Attitüde unterhaltsam ist, ohne abgehoben zu wirken. Dies gelingt auch immer wieder durch kleine persönliche Einwürfe. Dabei ist der Kieler stilistisch für alles offen und überzeugt auch bei den persönlicheren Tracks. Gerade wegen seiner humoristischen Art verwundert es, dass er nicht mal eine pointierte Geschichte erzählt, anstatt nur allzu oft berappte Songkonzepte von neuem zu bearbeiten. So lässt sich vor allem in dieser Hinsicht nur auf einen Nachfolger hoffen, der gerne auch früher als in vier Jahren erscheinen darf.


Maximilian Lippert



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