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Review: Sleaford Mods – English Tapas

veröffentlicht: Montag, 03.04.2017, 20:59 Uhr
Autor: baurau





01. Army Nights
02. Just Like We Do
03. Moptop
04. Messy Anywhere
05. Time Sands
06. Snout
07. Drayton Manored
08. Carlton Touts
09. Cuddly
10. Dull
11. B.H.S.
12. I Feel So Wrong


Im von OVO als nette Geste ausgestatteten "Drake Room" der r.in-Büroetagen im 20. Stock an den Treptower Türmen: Bei der täglichen Review-Redaktionskonferenz schwappt mir fast etwas Sherry aus dem Glas, als ich merke, dass meine Kollegen Sleaford Mods nicht kennen. Spricht einerseits für sie, da jeder Feuilleton-Schleimer der SZ sich schon seit Jahren mit den beiden Briten ziert (weil die sagen oft fuck, voll noise), andererseits können Sleaford Mods nichts für diesen unerwünschten Beifall, den sie selbst nicht befördern, sondern stattdessen auf den mit "English Tapas" nicht mitgezählt drei Alben und fünf Vorgängertapes konstant hochqualitatives "spoken word"-Geschrei von Jason Williamson (englischerer Name nicht verfügbar) mit repetitiven Beats von Andrew Fearn abliefern, mit einer konsequenten Unterschichtenperspektive mit Hass auf die da oben und die blinden Arschlöcher auf derselben Ebene.
Dabei setzte zuletzt unverkennbar ein Professionalisierungsprozess ein, jedoch von niedrigem Niveau ausgehend (sogar James Jencons Tapes sind besser produziert als die frühen Werke der Sleaford Mods). Dieser Prozess ist mit dem letzten Album "Key Markets" eigentlich abgeschlossen gewesen, trotz Majorlabel-Backing blieben die beiden Engländer ihrem Konzept treu und haben ihren Sound gefühlt einfach zur perfekten Hörbarkeit ausproduziert, ohne weitere Experimente zu wagen. Dabei entwickeln die beiden auch live trotz ihres eher monoton herkommenden Konzepts aufgrund der emotionalen Stimmgewalt von Williamson eine irre Energie, die ihnen weltweit Beachtung einbrachte.
Die beiden Mods waren politisch übrigens arg gebunden, haben im Zwist Labour verlassen und kräftig bei den Querelen um Tattergreis Corbin mitgemischt. Dementsprechend war zu erwarten, dass sich in "English Tapas" wieder ein ordentlicher Schuss Agitation finden wird, und die Leadsingle "B.H.S." (für alle Nicht-Leser des The Economist: CEO einer Supermarktkette fährt eben diese gegen die Wand aber kassiert vorher Subventionen) bestätigt diese Vermutung auch:

We're going down like BHS/
While the abled bodied vultures monitor and pick at us/
We're going down and it's no stress/
I lay and hope for the knuckle dragging exodus

(Sleaford Mods auf "B.H.S.")

Ebenfalls sehr rasch zeigt sich, dass das neue Signing bei Rough Trade nicht etwa zu einer Revidierung der bisherigen musikalischen Formel führt, wieder bilden Fearns simple und monotone Beats, die wirken wie die erste Demo einer Idee zu einem Track, die passende Grundlage für Williamsons Sprechgesang, der wie schon auf den beiden Vorgängeralben nur sporadisch durch "richtigen Gesang" (= der MC zieht einen Vokal) angereichert wird. In der Mischung: viele Hits. Die Stücke sind nach wie vor ausgesprochen homogen, der Jack-Johnson-Effekt stellt sich aber nicht ein, jeder Song ist für sich genommen ausreichend musikalisch und thematisch variiert, um einen eigenen Charakter zu erhalten und im Gedächtnis zu bleiben. Das ist hier keine Vereinfachung, sondern das Konzept der beiden ist post-modern minimalistisch: Bass, Kickdrum, nölendes Cockney-Gekeife: Diese drei Faktoren ergeben anscheinend tausende Möglichkeiten der Zusammensetzung, die Sleaford Mods auch hier wieder zu etwas Rundem ausreizen, das wie gemacht ist für misanthropische Fahrten in der U9 nördlich des Limes der geistigen Gesundheit namens Bahnhof Zoo. Der Charme des Sounds liegt dabei ganz klar in Williamsons authentischem Hass und seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten als MC. Er trägt die Tracks, die musikalisch nur Skelette sind, und kann sich auch aufgrund der Stumpfheit der Beats ganz ausbreiten und mit kleinsten nuancierten Verschiebungen arbeiten. Live starrt er dabei am Publikum vorbei auf sein Mic und genau diesen "frenzy state" braucht er, um einen stimmlichen Maelstrom zu erschaffen, in dem man sich als Hörer im besten Fall verliert.

Make shift roaching as I sweat/
Rush hour and I'm not meant to sweat/
But they forgive me that I'm sure/
Here comes the Monday law/
Of cigarettes and trains and plastic and bad brains/
And heartbreak lays upon the self of this the another hell, well

(Sleaford Mods auf "Time Sands")

Wie von ihnen gewohnt, geben sich die beiden Menschenhasser keinerlei Blöße bei den Texten, die unbedingt grausam ehrlich aus rein subjektiver Perspektive mit viel Humor von Gott und der Welt erzählen. Trump, Brexit und Co. führen aber nicht dazu, dass Williamson versuchen würde, die großen Themen mit seinem "unique selling point" perspektivischer Authentizität zu verbinden oder Touralltag und Musikerleben zu verarbeiten, stattdessen konstruiert er das Große weiterhin aus dem Kleinen des kleinen Manns, kritisiert das System also durch seine für ihn sichtbaren Auswirkungen, statt sich in abstrakter Argumentation zu verheddern. So in meinem Liebling "Time Sands", siehe oben, durch die Augen eines Druffies im Berufsverkehr, allerdings scheißt Williamson zumeist auf Storytelling und rantet direkt, ohne Rahmen.

I'm sick of the fat so far mixed in, mate, gluten free/
Try scrolling down a website, the NME, without laughing/
I'll give you ten quid if you can keep a straight face/
Honestly, just fucking try it, mate

(Sleaford Mods auf "Dull")

Die inhaltliche Vielfalt, verbunden mit dem zwar klar definierten Instrumentarium, das aber ja nicht nur auf diesem Album so eingesetzt wurde, ergibt jedoch eine kleinere Schwäche: Jeder Sleaford Mods-Track könnte letztlich auf jedem Sleaford Mods-Release zu finden sein, die beiden produzieren Single-Sammlungen ("English Tapas"!), keine echten Alben. Das ist zu verschmerzen, allerdings ist das ein Aspekt, der auf "Key Markets" schon eine Idee weiter entwickelt war – übrigens genauso wie eine Öffnung hin zu freieren Beat-Strukturen. Letztlich perfektionieren die beiden hier einen Sound, den sie eher auf dem (hervorragenden) Vorvorgängeralbum "Divide and Exit" gepflegt hatten, mit Ausnahme des experimentielleren und ausgesprochen gelungenen "I Feel So Wrong".

Fazit:
Der anhaltende kommerzielle Erfolg der Sleaford Mods, aber auch das anhaltende Wohlwollen auch feuilletonfremder Musikkritiker ist eben nicht in Stillstand begründet, sondern in der steten, aber organischen Weiterentwicklung ihres Schaffens. Das lässt sich nicht auf gesteigerte technische Produktionsfähigkeiten reduzieren, sondern auf den ernsthaften Wunsch, sich weiterhin authentisch auszudrücken und dabei dem eigenen Ouevre zuzuschauen, wohin es sich entwickelt. Das passiert hier zwar inkrementeller, als es das Vorgängeralbum vermuten ließ, allerdings auf allerhöchstem Niveau. Hier fällt nicht jemanden nichts Neues ein, hier ist jemand einfach noch nicht fertig mit seinem Ding.

I had an organic chicken it was shit
(Sleaford Mods auf "Cuddly")


Franz Xaver Mauerer



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