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Review: Sinan G – Schutzgeld

veröffentlicht: Samstag, 19.03.2011, 13:32 Uhr
Autor: Bobby Stankovic





01. Intro
02. Schutzgeld
03. Copland
04. Badaboom
feat. Eko Fresh
05. Einbrecher Sound
06. Business
07. 110
feat. Massiv
08. Payback feat. P.A. Sports
09. Babas von morgen feat. KC Rebell
10. Gib mir das Cash
11. V.I.P. 2
feat. Farid Bang
12. Untergrund feat. Frauenarzt
13. Essen City
14. Die Sirenen
15. Legende
16. Schutzengel
feat. Manuellsen
17. Ursache und Wirkung
18. Ghetto Politik


Auf der Straße herumgehangen. Drogen vertickt. Das ganz große Geld gemacht. Dann aber erwischt und ins Gefängnis gesteckt worden. Doch Glück gehabt. Lediglich eine dreijährige Haftstrafe erhalten. Wie ein Mann durchgestanden. Harte Erfahrungen gesammelt. Zum HipHop gekommen. Mit dem Bruder ein eigenes Label eröffnet. Schnell zum angesehenen Rapper aufgestiegen... Was klischeebeladen und fiktiv klingt und an das ewige Image des x-beliebigen Berufsschul-Gangstarappers erinnert, ist die tatsächliche Vergangenheit des Sinan Farhangmehr, besser bekannt unter dem Pseudonym Sinan G. Der Deutschiraner, der bereits vor zwei Jahren mit seinem Debütalbum "Ich bin Jesse James" für Aufsehen in der Deutschrapszene sorgte, sollte also bestens über das harte Leben auf Westdeutschlands Straßen Bescheid wissen. Ob er seine Erlebnisse auch mit sprechgesanglicher Klasse in ein authentisches Rapalbum verwandeln kann?

Mitte des letzten Jahres konnte der Essener sich in der ZDF-Dokumentation "Zeche is nich" ein wenig Gehör verschaffen, und auch wenn er in Interviews definitiv zu oft "Weißte, was ich mein?" sagt, gelang es ihm vor laufender Kamera doch, seine schicksalhafte Vergangenheit emotional und mit sozialkritischen Ansätzen zu vermitteln. Das "Intro" des Albums bleibt jedoch in den ersten Hörminuten mit einem gesampleten Dokumentationssprecher der einzige Verweis auf seinen Fernsehauftritt. Stattdessen werden mit dem Titeltrack des Albums und den beiden Videoauskopplungen "Copland" und "Badaboom" sogleich härteste Punchlines auf den Hörer losgelassen. Diese bewegen sich jedoch allesamt auf einem sehr oberflächlichen, technisch bestenfalls durchschnittlichen Level. Größter Haken an Sinans Straßenpoesie ist aber, dass er seine biografischen Schießerei- und Gefängniserlebnisse im selben Satz etwa mit angeblichen Monopolstellungen auf dem Heroinmarkt verwässert. Auch NRW-Kumpane Eko Fresh kann mit einem blassen Auftritt das erste Drittel des Long Players nicht mehr vor dem Fehlstart bewahren.

"Denn ich steig' jetzt in den Beamer, Mann, ich bleibe bei den Beamern/
Sieh an, sieh an, man sagt, mein Homie Sinan ist 'n G, Mann/
"
(Eko Fresh auf "Badaboom")

Doch Besserung versprechen einige namhafte Interpreten, die sich nicht zu schade waren, für Szenen-Neuling Sinan G ein paar Zeilen zum Besten zu geben. Neben dem bereits angesprochenen Eko, schneiten unter anderem auch Größen wie Massiv, PA Sports, Farid Bang oder Frauenarzt ins Essener Studio. Okay, es ist sicherlich nicht ganz zufällig, dass so gut wie alle Featuregäste gerade selbst mit neuen CDs in den Startlöchern stehen und die Gastauftritte somit unter einem gewissen Verdacht bloßer Eigenwerbung stehen, aber immerhin hinterließen sie Sinan solide Sprachakrobatik, die sein 18 Tracks umfassendes Werk zwar aufzuwerten weiß, aber das ein oder andere Mal auch seine eigenen technischen Defizite entblößt.

"Mein Album 'Das Streben nach Glück', Odysseus/
Ich möchte, dass sich jeder verdrückt! Ich fick' euch/
Sinan G und P.A., Ausnahmecrew hier/
Du bist nur ein Opfer, der sein Bauchnabel zupierct/
"
(PA Sports auf "Payback")

Unterlegt ist "Schutzgeld" von Beats verschiedenster Produzenten. Unter anderem sind Joshimixu, Jason Stillwell, Rooz Lee und Soldjer Beats für die Instrumentals verantwortlich. Ihnen gelangen durch die Bank passende und dem Straßenraprahmen entsprechende Unterlagen, die aber von schwankender Qualität sind und zum Beispiel im Falle von "Die Sirenen" mit plumpen, billigen Samples auskommen. Doch hier und da lässt sich Sinan Germany auch wirklich raffiniert in Szene setzen. Wo bei manchen Tracks seine fehlende Stimmgewalt stört, hamoniert diese etwa auf "Gib mir das Cash" perfekt mit dem Joshimixu-Beat, der minimalistisch vor sich hinpocht. Und ausgerechnet einen Track namens "Essen City" mit einem orientalisch angehauchten Beat zu füttern, ist ebenfalls eine gute – da mutig-provokative – Idee.

Sicher ist dem ein oder anderen Leser aufgefallen, dass in dieser Sinan G-Review noch kein einziges Mal eben jener zitiert wurde. Leider gibt es dafür auch Gründe. Im Vergleich mit Punchline-Chefs wie Farid Bang kommen die lyrischen Ergüsse des Esseners viel zu oft sehr mager daher. Den reimenden und vergleichenden Sinan meint man schon mal irgendwo besser gehört zu haben. Vor allem als störend erweist sich in einigen Tracks sein Stimmeinsatz, der mehr Biss und Aggressivität hätte vertragen können. Besser wird es erst dann, wenn sich Sinan von seinen deutlich anzumerkenden Vorbildern des Straßenrap löst und versucht, sich auf alternativere Weise zu profilieren. Mit "Schutzengel" ist beispielsweise eine nachdenklichere Nummer auf der Platte vorhanden, die offenbart, welch schöpferische Kräfte ebenfalls in dem Deutschiraner schlummern. Und auch wenn man den Track, umgeben von einer Vielzahl an Battletracks, nicht unberechtigt als reinen Alibi-Track abstempeln könnte und es metrisch eigentlich weitaus passender wär, wenn Manuellsens Gesang in der Hook anstatt mit "Baby" mit dem Wort "Bitch" enden würde, so hört man doch heraus, dass Sinan G mit Tracks wie diesem oder den von einem herrlich verträumten Frauengesang begleiteten "Ursache und Wirkung" in der Lage ist, deutlich glaubwürdigere Texte zu Papier zu bringen.

"Wir sind Deutschlands Landplage, schwarzhaarig/
Guck mich an und du siehst, wo die Wurzel jeder Straftat ist/
Da sind Einbrüche, Autoschieberei/
Drogendealerei, 17 Jahre und die erste Schießerei/
"
(Sinan G auf "Ursache und Wirkung")

Fazit:
Immer mehr Rapper mit Ghettorap-Attitüde schießen wie Pilze aus dem (westdeutschen) Boden. Warum gerade Sinan G ein Recht auf Langlebigkeit in der Szene hat, kann er mit seinem zweiten Album leider nicht beantworten – und das, obwohl er die richtigen Antworten sogar parat gehabt hätte. Eine schicksalsreiche Vergangenheit wie die des jungen Esseners dürften wohl die wenigsten seiner bereits etablierten Rapgame-Kollegen aufweisen. Leider lässt er viel zu selten aufblitzen, in welch mitreißendem Stil er seine Erlebnisse verarbeiten kann. Der Ex-Fußballer, der mit Rot-Weiss Essen hochklassigen Fußball hätte spielen können, dem dies jedoch nach eigener Aussage aus moralischen Gründen verwehrt blieb, verpasst auch mit dieser Platte den Aufstieg in die erste Rapliga. So erwartet den Hörer letztlich nur ein durchschnittliches, technisch eher schwaches Album, das gerade so als Lückenfüller im Gangstarapfrühjahr herhalten kann.


Bobby Stankovic (Niklas Pollmann)



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