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Review: Silla – Vom Alk zum Hulk

veröffentlicht: Donnerstag, 27.08.2015, 11:41 Uhr
Autor: Rogozhin





01. Warm up
02. G.O.D.
03. Der K- K- ihr wisst schon
04. Die letzten ihrer Art
05. Gainz
06. Sixpack
07. Adrenalin Boost
08. Cardio King
09. Mr. Olympia
10. Arnold
11. Veteran
12. Du bist echt
13. Deadline
14. Flexcover
15. Vom Alk zum Hulk
16. Cool down


Gerade einmal neun Monate nach Audio Anabolika bringt Silla sein neues Werk Vom Alk zum Hulk auf den Markt. Der Titel, eine bereits aus dem letzten Album bekannte Zeile, legt nahe, dass wir es hier mit der konsequenten Fortführung des wohlbekannten Prinzips zu tun bekommen. Das bedeutet druckvolle Representer und Bodybuildingrap, aber durchaus auch glaubhaft umgesetzte Selbstreflexion. Immerhin machte gerade diese nachdenkliche Ader Audio Anabolika zu einem ausgewogenen Gesamtwerk. Ein schneller Blick auf die Trackliste lässt mich jedoch zweifeln, ob dies auf Vom Alk zum Hulk im selben Maße der Fall sein wird. Hat Silla, seit einigen Monaten auch Aushängeschild seines eigenen Traingsprogramms mit dem unbeschreiblichen Namen "Brust und Bizeps", diesem wertvollen Charakteristikum seines Schaffens etwa den unfassbar breit trainierten Rücken zugekehrt und sich endgültig dem "Fitnessrap" zugewandt?

"Und meine Sucht nach einem Push wurde richtig krass/
Fühl mein Puls wenn ich das Fitnessstudio durchgeschwitzt verlass/
Das Feeling besser, als wenn ich Latinobräute fick/
Fühle mich wie Hulk nach dem Aminosäurekick/
"
(Silla auf "Adrenalin Boost")

Für die bedeutenden Fragen der Zeit gibt es stets eine kurze, und eine längere Antwort, und diese hier kann recht kurz mit einem wehmütigen "Ja" beantwortet werden. Von den selbtkritischen Tönen der Vorgängeralben hat Vom Alk zum Hulk nicht viel geerbt. Einige Titel sollen zwar nicht nur zum maximalen Aufpumpen des Bizeps motivieren, sondern auch zum Durchhalten angesichts widriger Lebensumstände, und zum Fokussieren auf das in weiter Ferne liegende Ziel. Leider erreicht Silla dabei aber niemals dieselbe thematische Tiefe, die den Vorgänger so bemerkenswert machte. Stattdessen beginnt er bereits mit den ersten vier Tracks eine Reise in die lyrische Ödnis, in der den Hörer nach wie vor aggressive Bretter erwarten, die allerdings schnell langweilen und auf Abwechslung hoffen lassen. Diese kommt danach nur bedingt in Form einer ganzen Reihe von Bodybuildinghymnen, und so stellt sich schließlich eine drückende Monotonie ein.
Dass textlich nicht viel geleistet wird, ist gerade deshalb schade, weil Silla mit einem Song, der ausgerechnet den Titel "Cardio King" trägt, beweist, dass er immer noch selbstreflektiert und textlich halbwegs durchdacht klingen kann. Das Leben mit einem Dauerlauf zu vergleichen, ist zwar nicht unbedingt eine neue Idee, aber immerhin wird hier noch ein letzter Versuch in Richtung anspruchsvolle Unterhaltung gemacht.

"Also lass ich alles fallen, was mich schwächer macht/
Denn den ersten Platz erreicht man nur mit letzter Kraft/
Wie im Dauerlauf die Jahre vergehen/
Damit am Ende für mich auch mal die Fanfaren erklingen/
"
(Silla auf "Cardio King")

Die Instrumentierung, die in drei Viertel aller Songs dem selben Schema folgt, vergrößert die Eintönigkeit nur weiter: Drums mit Trapanleihen, knarzige Synthies, Chöre und ab und zu mal eine Gitarre oder eine Glocke sind mittlerweile keine bahnbrechenden Neuheiten mehr, wobei man anmerken muss, dass das gesamte Album absolut einwandfrei produziert ist, nur eben ziemlich unspannend. Selbst Aufbau und Länge der Tracks ist so ähnlich, dass man sie nur mit Mühe auseinander halten kann. Die einzigen noch aus diesem Brei hervorstechenden Songs sind der kitschige Trennungssong "Du bist echt", das relaxte Outro "Cool down" mit passendem Gitarrensolo, und "Arnold", die Ode an den fiktiven, nach einem ganz bestimmten Namensvetter benannten, Bodybuildersohn auf einem soulig angehauchten Samplebeat.

"Du brachtest deinen Body schon in Shape mit drei/
Und in dein Babybrei wolltest du immer Whey mit rein/
Ich bin stolz auf dich mein Sohnemann/
Du bist kein Drogenjunk und fasst auch nie die Bole an/
"
(Silla auf "Arnold")

Wer einen kurzen Blick auf die Trackliste wirft, kann sofort erkennen, dass Sillas neue Scheibe ein reines Solowerk ist. Ganz untypisch wird auf jegliche namentlich genannte Gastbeiträge verzichtet – eine gesungene Hook hier und dort ist durchaus vorhanden – was deswegen schade ist, weil Silla auf seinen bisherigen Veröffentlichungen stets große Mengen an bekannten und talentierten Rappern vereinigte und damit dringend benötigte Abwechslung schuf. Vom Alk zum Hulk leidet zusätzlich an seinen inhaltlichen Kehrtwenden. Einmal fleht Silla seine Angebetete an, zu ihm zurückzukehren ("Du bist echt"), ein andermal nimmt er das "Beziehungsende … schonungslos in Kauf/" ("Adrenalin Boost"), ein weiteres mal "kämpft" er für seine Freundin ("Cool down"), um schlussendlich folgende Zeile zum Besten zu geben: "Ich bang sie durch und schick die ganzen Schlampen weg/" ("Flex Cover"). Zu beliebigen anderen Themen lassen sich ähnliche Zitatsammlungen füllen. Dies führt letztendlich dazu, dass man Silla keine seiner Facetten mehr so wirklich abnimmt – für einen Imagerapper eine Katastrophe.

Fazit:
Als Album mit selten spannenden Texten und einer ebenso häufig mediokren Produktion, dazu einer ermüdenden Monotonie, bleibt Vom Alk zum Hulk deutlich hinter seinem Vorgänger zurück, der sich im oberen Mittelfeld einordnen lässt. Dies mag sicherlich auch an der vergleichsweise kurzen Entstehungsphase gelegen haben. Die thematische Schwerpunktverschiebung weiter in Richtung Fitnessrap, weg von allzu reflektierender Lyrik hat Sillas künstlerischem Schaffen nicht gut getan und es drängt sich immer mehr der Verdacht nach Erfolgmsaximierung auf. Rappen über den eigenen Körperbau ist zwar simpel und in Verbindung mit weiteren Produkten entsprechend profitabel, ist aber das wohl fruchtloseste Thema, das der zeitgenössische HipHop zu bieten hat. Wer nicht gleichzeitig mit einer abwechslungsreichen Beatwahl und unterstützenden Gastbeiträgen einen Ausgleich zu inhaltlichen Tiefpunkten schaffen kann, dem geschieht, was Silla mit Vom Alk zum Hulk passiert ist: Ein Album, das man nur mit Disziplin am Stück durchhören kann. Natürlich, wer ohnehin bedingungsloser Fan ist, oder einfach einen Platz im Plattenregal füllen will, ist mit diesem Album sicherlich ausreichend bedient. Ansonsten kann man aber auch einfach etwas Anderes hören.


(Rogozhin)



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