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Review: Silla – Silla Instinkt

veröffentlicht: Freitag, 18.03.2011, 21:46 Uhr
Autor: TonySunshine





01. 6ter Sinn
02. S.I. 2011
feat. Bintia
03. Streetkings feat. Navigator
04. Live aus Berlin feat. Fler
05. Du schaffst das feat. Shizoe
06. An manchen Tagen feat. MoTrip
07. Wo bist du?
08. Träumer/Jetlag
09. Deepthroat
10. Killa
feat. JokA & MoTrip
11. Bandenkrieg feat. Nazar
12. Nur der Mond ist mein Zeuge feat. Fler & Reason
13. Süchtig feat. Bizzy Montana, Nicone & Navigator
14. Ich hasse dich zu lieben feat. Sarah Gad
15. Jeder Tag feat. Raf Camora
16. Marlboro Mann
17. Vogel flieg
feat. Kitty Kat
18. In meinem Himmel feat. Azad & Manuellsen
19. Back am Block

Ach ja, was hatte ich nicht alles befürchtet, als endgültig feststand, dass das lange angekündigte "Silla Instinkt" nun endlich erscheinen sollte! Als langjähriger Fan von God... Silla muss ich mir eingestehen, dass ich ihn mit den Jahren immer mehr für einen Rapper gehalten hatte, der zwar zunehmend sein Handwerk zu beherrschen wusste, doch sich ebenso von der Masse der Rapper immer weniger abheben und in ebendieser immer mehr untergehen würde. Nur allzu gerne hätte ich ein zweites "Massenhysterie" in den Händen gehalten. Nun konnte ich mir nach etlichen Verschiebungen doch noch eine Meinung zu "Silla Instinkt" bilden und muss sagen: Es ist definitiv kein zweites "Massenhysterie" geworden. Schlimmer noch: Es hat damit in etwa so viel zu tun wie Godzilla mit einem Kuscheltier. Hmm... Und jetzt ab in den Müll damit? Von wegen! "Silla Instinkt" ist trotzdem – oder gerade deswegen – ein mehr als amtliches Album!

"Mein Vater hat mich eines Nachts vor die Tür gesetzt/
Ich war total drauf und hab' dann die Tür zerfetzt/
Ich kann ihm bis heute nicht mehr in die Augen seh'n/
Weiß nicht, wohin mit meinen Gedanken, weil der Glaube fehlt/
"
(Silla auf "6ter Sinn")

Bereits im ersten Track "6ter Sinn" wird deutlich, dass Sillas neues Album im Gegensatz zu älteren Werken nicht mehr nur nebensächlich und oberflächlich nachdenkliche Themen behandelt, sondern inhaltlich nun eben hier der Schwerpunkt liegt und die Texte sehr selbstreflektierend und persönlich ausgefallen sind. Meist ist das auch sehr ansprechend, wie etwa seine Erzählungen über die Alkoholsucht auf "6ter Sinn". Silla versteht es, Gefühle auszudrücken – mehr als ich ihm zugetraut hätte. So kommen Sillas Parts etwa auf "Vogel flieg" oder "In meinem Himmel" gefühlvoll und authentisch rüber, ohne dabei in unnötigem Kitsch unterzugehen. Mit einfachen Worten bringt es der ILM-Rapper auf den Punkt.

"Ich hasse es, dass du immer an meiner Seite bist/
Ich kann nicht mehr, manchmal bräucht' ich auch mal bisschen Zeit für mich/
Eigentlich müsst' ich dich verfluchen, doch ich kann es nicht/
Weil du, egal, was noch kommt, mein Ein und Alles bist/
"
(Silla auf "Ich hasse dich zu lieben")

Wer kennt es nicht? Man hört einen Song und ist beeindruckt, wie sehr er genau das ausdrückt, was man gerade fühlt. Mit "Ich hasse dich zu lieben" hat es mich nach längerer Zeit einmal wieder erwischt. So sehr, dass es mir fast unheimlich war. Auch wenn der Beat und die von Sarah Gad gesungene Hook schon arg in Richtung Pop gehen, ist der Track mein Favorit auf dem Album. Dicht gefolgt von "An manchen Tagen", einer Zusammenarbeit mit dem Rapper MoTrip. Beide übertrumpfen sich mit ihren Parts gegenseitig und bauen mit Hilfe astreiner Raptechnik, stimmigen Texten und des besten Instrumentals des Longplayers eine Atmosphäre auf, die ihresgleichen sucht.

"Ich mein', die Zeit, die uns noch bleibt, is' ungewiss. Wenn man hier unten is'/
Bewundert man die Sterne in der Ferne, doch sie funkeln nicht/
In diesem Bunker ist es durchgehend dunkel/
Keiner von euch kann sich vorstellen, wie wir durchdreh'n hier unten/
"
(MoTrip auf "An manchen Tagen")

Wenn es doch nur immer so schön wäre auf "Silla Instinkt". Wobei ich wenig zu meckern habe. Klar, der ein oder andere Track verschlägt einem nicht zwangsweise die Sprache und läuft halt nur so dahin ("Marlboro Mann", "Killa", "Deepthroat") – einen richtigen Fehlgriff gibt es jedoch nur ein einziges Mal. "Du schaffst das" ist ein stinklangweiliger Kopf-Hoch-Song par excellence mit einer unhörbaren Hook von Ex-Aggro-Goldkehlchen Shizoe. Na ja, es ist ja allseits bekannt, wovon "gut gemeint" die kleine Schwester ist... Doch darüber kann man bei der Vielzahl an guten Tracks getrost hinwegsehen. Neben den erwähnten ruhigeren Songs hat Silla das Pöbeln natürlich nicht ganz vergessen und erst recht nicht verlernt. Ob mit Silla und Fler nun "die Deutschen am Mic" sind, gleich ganz Südberlin Maskulin unterwegs ist oder Silla auf "S.I. 2011" in Richtung Selfmade Records schimpft – die Battletracks machen Spaß.
Die Gastbeiträge können mit Ausnahme des vermeintlich schwächeren Geschlechts und MoTrip allesamt als ganz nett – jedoch keinesfalls als notwendig – abgehandelt werden. Ganze Arbeit haben dagegen die Produzenten geleistet. Djorkaeff, Beatzarre und Produes, Sinch, Raf Camora sowie Abaz und Manuel Mayer schaffen qualitativ hochwertige Beats mit Wiedererkennungswert und enttäuschen nur in den seltensten Fällen.
Kurzum: Das lange Warten hat sich doch tatsächlich gelohnt. Silla besticht mit einem rundum gelungenen Album, bei dem wirklich für jeden etwas dabei sein sollte. Ein klein wenig wünsche ich mir zwar immer noch "Massenhysterie 2.0" – und ja, ich hätte mich unmenschlich über ein einst unumgängliches Orgi-Feature gefreut –, trotzdem halte ich "Silla Instinkt" für Matthias Schulzes bestes Werk seiner Rapkarriere.


(TonySunshine)



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