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Interview: Sickless im Interview: "Ein Thema soll gar nicht so konkret sein"

veröffentlicht: Dienstag, 06.11.2018, 17:36 Uhr
Autor: Cuttack


Es hat ein paar Jahre gedauert, bis Sickless einen Nachfolger für sein 2014-Album "Horus" veröffentlicht hat. Seitdem stand es dennoch nicht still um das Zugpferd des Stuttgarter Labels Wirscheissengold, das nicht nur weiterhin großflächig auf deutschen Festivalbühnen vertreten war, sondern auch einige Arbeit an den anderen Artists betrieben hat. So gab es nicht nur noch einen ziemlich erfolgreichen Post-Release-Rollout mit Singles wie "Astronaut" oder "Dos Pistoleros", sondern auch ein äußerst erfolgreiches Feature mit Lakmann und Marz, das über eine satte Million an Klicks generieren konnte. Mit "Beta" meldet sich Sickless nun auf sechs Tracks zurück und hat sich mit der Redaktion zusammengesetzt, um über die Veränderung seines Outputs, politische Implikationen und die Rolle von Musik in seinem Leben zu sprechen.



rappers.in: Die "Beta"-EP wolltest du eigentlich schon 2016 veröffentlichen. Seitdem ist einiges passiert. Was hat sich verändert, bis sie die Form von heute erreicht hat?

Sickless: Ich saß schon ein halbes Jahr nach "Horus" an neuen Tracks, also seit Mitte-Ende 2015, habe alles mögliche gemacht und verworfen. Bis wir bei den sechs Songs auf "Beta" gelandet waren, hatte ich fast 25 Beats in den Händen. Da war ein Song mit Weekend geplant, den wir nicht nehmen konnten, weil dann Casper zufällig die genau gleiche Hook gemacht hat.

rappers.in: Wie bitte?

Sickless: Die "Ich sehe was, das du nicht siehst"-Hook. Das hatte ich genau so gemacht, auch – um diese Reichsbürger zu verarschen. Sogar mit dem gleichen Vokabular. Und genau an dem Tag, an dem ich es dann tatsächlich recordet habe, kommt die neue Casper-Platte raus und der Weekend schreibt mir, ich solle mir das mal anhören. Und ich denke mir nur so "Ne, alter?!". Nur eine von vielen Gründen, warum manche Songs am Ende durchs Raster gefallen sind. Ich hab' dir schon erzählt von dem Ghananian Stallion-Beat, den ich nicht nehmen konnte (Anm.: Der Beat landete kurz darauf auf Marterias "Roswell"). Ich weiß nicht. Es war ein langer Prozess, zwischendurch dachte ich, ich mach' ein Album, oder vielleicht auch nur Singles. Es waren acht Tracks, sieben, fünf. Erst mit den letzten Beats für "Wattebeton" und "Memento" ist der Knoten dann geplatzt, vielleicht auch, weil mir Intros und Outros persönlich so am Herzen liegen. In den drei, vier Monaten vor Release ging es Schlag auf Schlag und ich habe die Gelegenheit durchgezogen.

rappers.in: Wenn du schon von deinen Beatpools erzählst: In welche Richtung findet dein musikalischer Prozess gewöhnlich statt? Vom Beat zum Text oder andersherum?

Sickless: Immer erst der musikalische Impuls, sprich der Beat, damit ich verstehe, welche Bilder ich schaffen will. Vielleicht können andere stringenter und konsequenter Schreiben, aber bei mir ist es das Bild, das ich transportieren will, das mir ein Beat geben muss.

rappers.in: Du sagtest auf "Memento" ja selbst: "Kein roter Faden, nur Collagen".

Sickless: Ja, diese Collagen kommen teilweise ja auch ganz unbewusst, ich kann das dann auch nur bedingt steuern. Die Gedankengänge funktionieren da unkoordiniert und ich mag das als Stilmittel, einfach auch, weil sich das interessanter dechiffrieren lässt.

rappers.in: Du hast ja auch bereits gesagt, dass das der Grund sein könnte, warum das neue Projekt sich politischer als noch "Horus" oder "Seth" anfühlt: Die Szenarien und Bilder sind deutlich dunkler als früher geraten. War das bewusst?

Sickless: Nein, es war kein bewusster Vorgang. Man macht im Leben ja eben auch bestimmte Phasen und Erfahrungen durch, Probleme, die sich im Wesen niederschlagen. Zur Studienzeit, aus der meine letzten Projekte heraus entstanden sind, da hat sich das alles noch ein bisschen süßer angefühlt. Ich weiß nicht, irgendwie ist diese Nüchternheit mit dem Alter oder mit den gereifteren Gedankengängen gekommen ist. Man ist eben etwas schlauer, man hat Existenzkrisen anderen Kalibers erlebt. Wenn ich gefragt werde, was ich arbeite, sage ich als jemand, der auf tausend Baustellen tanzt immer, ich bewege mich in der großen Musikindustrie-Blase. Nicht mal meine Schwester könnte definieren, was genau da jetzt mein Job ist. Das heißt Verlag, Label, selber Künstler sein, auf Festivals arbeiten und dann kommt man irgendwann an einen Punkt der Selbstständigkeit, an dem es nicht mehr so läuft, und man muss Dinge ernster hinterfragen.

rappers.in: Welche Rolle spielt das Künstlersein in der aktuellen politischen Debatte?

Sickless: Ich hab's nie darauf angelegt, dass ich gesagt hätte, als Künstler müsse ich nun zwangsweise Stellung zu Dingen beziehen, auch wenn viele das im Anbetracht der jüngeren Debatten das generell gefordert haben. Man wünschte sich mehr Künstler mit Haltung. Aber das war nicht mein Impuls. Es ging mir darum, dass die Themen mich beschäftigt haben. "Himmel & Hölle", der Song hat mich drei Jahre beschäftigt, weil ich ihn immer wieder umgeschrieben habe. Selbst an dem Punkt, an dem ich dachte, er sei viel zu lange herumgelegen, um noch veröffentlicht zu werden, habe ich gemerkt, dass seine jüngste Instanz noch einmal aktueller geworden ist.

rappers.in: Kannst du vielleicht kurz wiedergeben, welches Gefühl der Song einfängt?

Sickless: Ich habe tatsächlich damit angefangen, als es mit der Flüchtlingskrise angefangen hat, als die ersten größeren Menschenmengen angekommen sind und der erste mediale Rechtsruck zu spüren war. Als die Leute mit den Bussen zu den Flüchtlingsheimen gefahren ist. Und ich hatte im Moment diesen Beat von EnaKa rumliegen, der mir genau die richtige Muse zu dieser Stimmung gegeben hat. Aber meine Reaktion auf diese Bilder sollte in diesem Song zum Ausdruck kommen.

rappers.in: Hast du das Gefühl, dass Politik und Ästhetik verknüpft sind?

Sickless: Ja. Sehr. Schnell gesagt, ja – aber dann im negativen wie im positiven. Wahlkampf zum Beispiel verbindet Politik ja ganz deutlich mit Ästhetik, wenn man sich zum Beispiel mal ansieht, was auch ein Lindner mit seinen Plakaten da mobilisieren konnte. Aber auch Anti-Ästhetik kann da eine Rolle spielen, schau dir mal einen Trump an, der da mit dem Arsch abreißt, was zuvor von einem Obama und seiner First Lady an ästhetischen Ideen aufgebaut wurde. Es wird bewusst kaputt gemacht.

rappers.in: Aber Anti-Ästhetik kann ja auch Ästhetik sein. Die Konfrontation von "Eliten" durch eine Bekenntnis zur Geschmacklosigkeit ist etwas, das man so verstehen könnte.

Sickless: Ja, stimmt, das kann ich so nachvollziehen.

rappers.in: Um den Bogen zu spannen, fragen wir die Frage andersherum: Wenn du deinen Eindruck einer politischen Situation in ein ästhetisches Konstrukt, also einen Song, einlässt, hast du das Gefühl, dass das gesellschaftlichen Wandel erzeugen könnte?

Sickless: Ja, gewissermaßen. Ich habe zumindest das Gefühl, dass es sinnvoller ist, Gefühle und Eindrücke nicht plakativ auszudrücken, sondern eher subtil zu ästhetisieren, wenn man sie mit Leuten teilen will. Ich hab da vielleicht ein Beispiel: Ich hatte die letzten Tage einen Riesen-Ohrwurm vom neuen SAM-Song. Super gerappt, produziert und Video natürlich. Aber er schafft es da, ein feinfühliges Rassismusthema zu ästhetisieren und du hörst dann plötzlich im Club, wie er darüber rappt, dass wie weißen Eltern seiner Freundin ihn nicht akzeptieren. Zugezogen Maskulin wäre auch ein Beispiel. Politikrap sollte so aufgezogen werden und die Grenze zum "Zeckenrap" liegt ja auch nie ganz fern dann. Leider wird ja auch schnell allem, das sichtlich auch nur ein bisschen links der Mitte stattfindet, vorgeworfen, es sei sowieso nur "linksgrünversiffter Gutmenschenkram". Es ist eben eine Frage, ob es subtil ist oder nicht. Aber manchmal braucht es wohl auch die Keule. Gerade jetzt sind die Samthandschuhe wohl leider auch schon etwas zu spät. Starke Parolen können ja auch ästhetisiert werden.

rappers.in: Im Grunde reden wir konkret ja gerade vom Rechtsruck, der in vielerlei Hinsicht ein Anti-Elitäres und dadurch eben oft auch impliziert ein anti-akademisches und anti-intellektuelles Weltbild in der Gesellschaft stärkt.

Sickless: Naja, gut. Die finden dann ja aber trotzdem super, wenn sich irgendein Künstler hinstellt und ihre Positionen teilt. Die AfD versucht zum Beispiel ja immer wieder, irgendwelche Songs für ihre Wahlkämpfe zu instrumentalisieren. Clueso oder Jennifer Rostock haben sie gespielt, glaube ich, und sobald von deren Gegenwind kam, waren es dann doch wieder Zecken. Sehr opportunistisch.

rappers.in: Um mal weg von der Politik zu kommen: Im Vergleich zum Voralbum "Horus": Was hat sich auf "Beta" verbessert?

Sickless: Zuerst einmal bin ich auf jeden Fall weiterhin stolz auf "Horus" und finde, es ist ein absolut rundes Ding geworden, aber trotzdem fühle ich mich inzwischen wohler damit, die Themen so zu bearbeiten, wie ich sie bearbeite. Auch in der Produktion ist einiges professioneller geworden. Ich glaube allerdings auch nicht, dass ich in naher Zukunft so düster bleiben werde, für mich war das einmal Ballast, der sich zwischen den Zeilen angestaut hat, abwerfen. Deswegen denke ich auch nicht, dass das darauf folgende Album etwas heiterer ausfallen wird, auch wenn es wohl weiterhin thematisch bleibt. Nicht mehr so schwer.

rappers.in: Gab es denn spezielle musikalische Inspirationen?

Sickless: Uff, ich habe wirklich verdammt viel gehört in letzter Zeit. Witzigerweise sitze ich jetzt gerade an einer "Beta"-Playlist, wo alles drin landen wird, das mich im Schaffensprozess geflasht hat. Zum Beispiel das Sample für "Wattebeton", vieles, das weit über HipHop hinausgeht. Ich hör da unfassbar viel Musik. Ein Name, den man nennen könnte wäre wohl Mac Miller, da habe ich mich auch neulich mit Marz sehr lange darüber unterhalten. Rest in Peace, er war vielleicht so etwas wie mein Blueprint, um erwachsene Rapmusik zu machen. Anderson .Paak finde ich auch fantastisch. Aber zu viel, um es jetzt aufzuzählen.



rappers.in: Sprechen wir vielleicht noch über ein paar der Songs im Detail: Vorhin hast du gemeint, Intros und Outros seien dir beim Machen eines Projekts sehr wichtig. Was macht "Wattebeton" zum Beispiel zu einem guten Outro für dich?

Sickless: Ich lasse auf Outros gerne Platz für dahinter, ein bisschen sphärischer Raum, es muss in der Soundästhetik aufgehen. Ich hatte noch einen anderen Beat, der vermutlich auch einen introspektiven Closer hergegeben hätte, aber vielleicht nicht so in die amoröse Richtung wie "Wattebeton" jetzt. Und dann kam 7apes und meinte bei mir und meinte, wir können in den letzten zwanzig Minuten ja noch etwas Sample-mäßiges auf die Beine stellen. Ich zeig ihm also dieses Genesis-Sample gezeigt und er spielt in einer halben Stunde diesen Beat ein und ich schreibe die ganze Nacht den Text runter. Ich war in der Zeit sowieso in einem gewissen emotionalen Chaos, wie es eben jeder mal hier und da erlebt und auf einmal habe ich so viele Bilder und Ideen und Eindrücke in meinem Kopf, die einfach geflossen sind. Die Hook habe ich in fünf Minuten geschrieben und war erst total skeptisch, weil ich nicht wusste, ob das nicht zu simpel oder zu reduziert sein könnte, aber dann habe ich sie ein paar Leuten gezeigt und das Feedback war klasse. Die haben mir gesagt, ich solle mich viel öfter trauen, mit meiner Stimme auch einmal so etwas zu probieren. Es hat sich wohl gelohnt. Generell, ich habe viele Pausen gelassen, ich habe viel gekürzt, verdichtet.

rappers.in: Man könnte sagen, es wären "Einstürzende Komfortzonen".

Sickless: Äh, ja, so in etwa.

rappers.in: In meinem Kopf klang diese Überleitung besser. Egal, ich fand den clever. Ich will auf jeden Fall über den Song "Einstürzende Neubauten" reden. Was hat einen Song über diese ikonische Band inspiriert?

Sickless: Das hat tatsächlich mit einem der Bücher angefangen, das mich über lange Zeit geprägt hat. Und zwar "1984" von George Orwell. Das war eigentlich eine Schullektüre, auf der ich auch nach dem Abi noch lange hängengeblieben ist. Dann habe ich diesen Beat gehört und auf einmal ist es mit einem meiner Lieblingsfilme zusammengeflossen, nämlich "Fight Club". Und dadurch kam natürlich noch ein bisschen linkeren Revolutions-Politik eingeschoben. Am Ende war es ziemlich abstrakt, ich wollte auch nicht, dass man da eine konkrete Message ableiten kann. Es steckt zum Beispiel auch eine Referenz auf südafrikanische Townships drin. Es kamen sehr viele filmische Ideen zusammen. Zum Beispiel auch aus "District 9". Irrer Film, da habe ich mich echt gefragt, was ich da gerade sehe. Irgendwie hat sich daraus diese Bildfolge ergeben von Leuten, die nachts durch die Stadt ziehen und unter Hydranten duschen und sich nicht unterkriegen lassen. Ein Thema soll gar nicht so konkret sein.

rappers.in: Da geht’s vielleicht ja auch um ein Gefühl.

Sickless: Ja, absolut! Es geht nicht konkret um eine Minderheit oder eine Gruppe, es geht um dieses Gefühl von Unmut und Umsturz, das zur Zeit von vielen Menschen geteilt wird, das zu einem gewissen Grad ja ganz konkreter Zeitgeist ist. Vielleicht ja sogar bei Leuten, die AfD-Anhänger sind, die sich selbst wie eine gebashte Minderheit fühlen, die sich jetzt wehren müssen.

rappers.in: Aber ist das nicht auch ein Argument dafür, dass diese Gefühls-Ästhetik von politischen Ideen zu einem gewissen Grad von jeder Gruppe angeeignet werden kann? Das wäre ja durchaus eine Kritik an deinem Ansatz.

Sickless: Aber das passiert ja ohnehin schon durchweg in den vergangenen Jahren. Da muss man sich eben fragen, ob es nun um das ästhetisieren geht oder vielleicht auch um das salonfähig-machen von Begriffen und Narrativen. Da ist die Frage, was das alles bedeutet. Ästhetik liegt am Ende des Tages ja im Auge des Betrachters.

rappers.in: Ich meine, was wäre jetzt, wenn morgen Pegida ankommen würde und sagt: "Einstürzende Neubauten" ist jetzt unsere Hymne?

Sickless: Das könnten sie vielleicht sogar machen, aber am Ende des Tages erfordert eine Aktion eben auch eine Reaktion und da könnte ich dann ja klipp und klar Stellung dazu beziehen. In der Hinsicht könnte man ja verdammt viele Songs dafür in die Mangel nehmen, weil Musik eben offensichtlich Dinge offen und leer lässt, die Leute dann mit ihren eigenen Ideen auffüllen könnten. Weißt du, was ich meine? Das ist immer offen.

rappers.in: Es ist ja vielleicht auch einfach keine notwendige Verantwortung der Kunst, konkret zu sein.

Sickless: Ja. Außerdem fehlt da immer noch eines der wichtigsten Worte, das ich nie zu predigen müde werde: Kontext. Kontext ist absolut King. Es ist glaube ich noch nie so wichtig geworden, etwas in seinem Entstehungskontext zu betrachten, in einer Zeit von Fake News und Hot Takes. Im Ganzen. Da enstehen dann erst Bilder, Netwerke, Problematiken und Diskurse. Wer den Kontext nicht sieht, der sieht nicht die Komplexität der Lage.


(Yannik Gölz)

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