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Review: Shindy – Dreams

veröffentlicht: Montag, 14.11.2016, 13:03 Uhr
Autor: Cuttack





01. Kudamm x Knesebeck
02. Family First
03. Roli
04. Hallelujah
feat. Rin
05. Dreams
06. Heartbreak Hotel
07. Art of War
feat. Bushido
08. Me, Myself & I
09. Playerhater
feat. Ali Bumaye
10. Statements feat. Bushido
11. Monogramm
12. Zahlen
13. Laas Abi Skit
14. 31. Dezember
15. Eggs Benedict


Shindy hat ein neues Album gemacht. Endlich! Ein neues EGJ-Release bedeutet nämlich, dass wir ein wenig angemessenen Zirkus und Melodrama in dieses furztrockene, stinklangweilige Deutschrapjahr bekommen, das 2016 bisher darstellte. Klar waren da die überhaupt nicht erzwungenen Fehden zwischen Fler und Kollegah und diesen beiden anderen Typen da (ihr wisst schon, die einen, irgendwas mit der Türkei und Kurdistan), bestimmt wurde sich auch ein wenig auf Twitter gezofft, wahrscheinlich wurden ein paar wacke Rapper bekannter als sie sollten und mit Sicherheit ist Deso Dogg ein paar mal gestorben und wieder auferstanden. Aber sonst? Diesen letzten Satz kann man vermutlich auf jedes Jahr nach dem Urknall anwenden, dementsprechend entlocken wir damit keinem geneigten Rapupdate-Gourmet einen Lach-React aus der Facebook-Tastatur. Allerhöchste Eisenbahn also, dass die Gossip-Routiniers von Ersguterjunge zur Rettung eilen und uns ein paar neue Themen vorsetzen. Was gibt es also? Gefühlt mehr Promo für die Box als am eigentlichen Album? Solide. Mutmaßlich dreister Betrug an den eigenen Fans? Stabil! Bushido ziemlich unheteronormative Blümchenjäckchen anziehen lassen? Großartig! Na geht doch! Ich bewerte diese Promophase mit 5 von 6 wütenden Emojis und lege noch ein Whatsapp-Lagerfeuer für die herrlich weinerlichen Unboxingvideos von Shindys Fans drauf.

(Yannik "Die zweitbesten Zähne im Game" Gölz)

Okay, ist ja gut.

Ich mach 'ne Million mit Fruity Loops/
Die Gang bleibt gleich wie die Looney Toons/

(Shindy auf "Family First")

Shindy hat also ein neues Album gemacht. Mal zurück zum Ernst, denn abgesehen von all dem klassischen EGJ-Rummelplatzmarktgeschrei haben wir hier ja einen erwiesen ernst zu nehmenden Musiker vor uns, der schon einige Hitsongs in seiner Diskographie vorweisen kann und dessen Soloreleases eigentlich durchweg solide bis gut aufgenommen wurden. Einen Musiker, einen Ästheten, eine Interpretation des etablierten CCN-Sounds durch feinfühligere Hände und Ohren. Ein durchaus solides Erfolgsrezept und ein berechtigter Erfolg für den Wahlberliner, der uns auf seinem Dritten Langspieler seine Träume offenbaren will. "Dreams". Das Cover offenbart, dass wir keiner Traumanalyse nach Freud oder Feuerbach bedürfen, um festzustellen, dass all diese Träume vorrangig materieller und sexueller Natur sein könnten. "Fuck Bitches, Get Money", so betete es schon der Vorgänger fast mantrahaft herunter, so dass sich fast die Frage stellt, wie genau diese Träume eigentlich aussehen. Von was träumt Shindy also auf seinem Status Quo?

60.000 Bücher, in der ersten Woche Bestseller/
Sitz' ich heute irgendwo beim Essen, nerven plötzlich all diese Geschäftsmänner/

(Shindy auf "Zahlen")

Um den musikalischen Aspekt einmal in aller Kürze zu beantworten: Kennt Ihr die anderen beiden Alben von Shindy? Herzlichen Glückwunsch, denn dann kennt Ihr auch "Dreams“. Großartige Samples werden recht vorhersehbar in ein klassisches HipHop-Gewand mit latenten Trap-Untertönen raffiniert und darauf erklärt uns Michael Schindler, dass er Geld hat und schöne Frauen fickt. So weit, so bewährt. Der inhaltliche Clue dieses Werks sind nun tiefe Einblicke in sein Seelenleben, zum Beispiel, dass er früher nicht viel Geld hatte und keine schönen Frauen gefickt hat. Bei so viel intensiver Charakteroffenbarung kommt ungleich mehr Sympathie auf, wenn er uns dann Track für Track erneut mitteilt, dass er inzwischen ja doch viel Geld hat und doch schöne Frauen fickt. Inspirierend! Leicht verdientes Geld, wie er gerne betont, was bei der Formelhaftigkeit der Tracks gar nicht einmal so sehr überrascht, wie er vielleicht beim Recording erwartet hätte. Wir bekommen hübsch geflowte Parts aus der Retorte, mehr als fragwürdige Vergleiche ("Immer große Klappe wie ein Schwertfisch", "Immer wieder Shindy, Shindy, Shindy, Shindy/ Du bist schwer zu knacken wie das Rätsel auf den Cini Minis", "Fame wie die Biene Maya", "Die Hoe will rummachen, Captain Morgan"), und Bushido-Features, die sie vermutlich vor ein paar Jahren über hatten, eingefroren haben und nach Bedarf jetzt wieder in der Mikrowelle auftauen.

Kann man so machen, klingt auch ganz schön und der Erfolg sei ihm ehrlich gegönnt, ist er doch einer der wenigen deutschen Rapper, die musikalisch genau wissen, was sie tun, und mit einem einfühlsamen Gespür für Ästhetik Visionen für Soundbilder realisieren können. Natürlich reißen die Texte an und für sich keine Bäume aus, tragen den High-Society-Vibe des Releases aber definitiv mit und immer wieder kommen Formulierungen und Bilder zustande, die definitiv eine absolut eigene Atmosphäre kreieren. So lässt die Passage über den Tod seiner Großmutter aufhorchen und davon träumen, was gewesen wäre, hätte er all die Lückenfüller mit tatsächlich bemühten Darstellungen seines Lebens und seines Erfolgs besetzt, hätte er statt lieblosen Schilderungen von einem quantitativen Ist-Bestand seines Sexlebens echte Einblicke in eine vielleicht interessante Welt der Sexualität der Reichen und Schönen gegeben. Hätte er die teils gigantischen Samples etwas wagemutiger gechoppt. Könnt Ihr Euch vorstellen, was ein Kanye West mit dem Sample von "Statements" gemacht hätte? Was ein Madlib oder ein Dexter aus dem Fundament für das "Dreams"-Instrumental gesponnen hätten? Natürlich sind schöne Beats und ansprechende Soundkulissen entstanden, aber im Grunde genommen haben wir durchgängig dasselbe Schema von 4/4-Loops auf ein oldschooliges Drumgerüst, das hier und da mit einer Basskick und ein paar Trap-Perkussionen aufgelockert wird, Intro, Part, Hook, Part, eventuell eine Bridge, Hook, Outro. Ein wenig mehr Wagemut hätte von großen Hits träumen lassen können. Was bekommen wir? Das, was auch die echten Shindy-Fans von diesem Album sagen. Es ist okay.

Fazit:

Wir sprechen hier von Sido-Level, ob ihr wollt oder nicht/
Ich red' von Savas-Level, ob ihr wollt oder nicht/
Ich mein' Bushido-Level, ob ihr wollt oder nicht/
Für immer, ob ihr wollt oder nicht/

(Shindy auf "Statements")

Das sind also Shindys Träume. Oder besser gesagt: Sie waren es. Denn anscheinend hat er sie sich bereits erfüllt. Er hat sie sich schon nach seinem ersten Album erfüllt. Was entstanden ist, ist ein halbherziges Album, das von seinen bekannten Stärken deutlich über den Deutschrap-Status getragen wird, aber in seiner offensichtlichen Ambitionslosigkeit dennoch enttäuscht zurücklässt. Dieses Tape, es hätte großartig sein können. Was bleibt, ist okay. Umso ironischer, wenn man auf dieses Produkt dann den Stempel "Dreams" aufsetzt. Wovon hat Shindy denn geträumt? Einen Status wie Savas, Sido oder Bushido zu erreichen? Herzlichen Glückwunsch, den hat er von mir aus erreicht. Wenn er nächstes Jahr sein nächstes Album veröffentlichen wird, wird es sich gut verkaufen. Es wird auch wieder gut klingen. Ich kenne es ja schon, ich habe seine drei anderen Alben ja schon gehört. Es wird relevant bleiben, was er tut. Es wird weiterhin auf Interesse stoßen. Aber ist das der ganz große Traum? Ganz ehrlich, das ist kein Rockstarleben, das ist Spießbürgertum. Das sind keine Träume, das sind Berechnungen. Die zelebrierte Stagnation einer Szene. Meinetwegen, tut es. Aber wenn das das Statement ist, das Shindy und Anhang setzen wollten, dann: Dream on, Gentlemen.

(Yannik "Cuttack" Gölz)




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