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Review: Shindy – NWA 2.0

veröffentlicht: Montag, 07.10.2013, 20:43 Uhr
Autor: Redaktion





01. Arbeit ist out
02. NWA
03. Warum ich das mach ...
04. Ice-T
05. Immer immer mehr
feat. Bushido & Sido
06. Rentner
07. Springfield 2
feat. Bushido
08. Highschool Musical
09. Mein Shit
10. Lieblingslied
feat. Julian Williams
11. Stress mit Grund feat. Bushido & Haftbefehl
12. Bruce Wayne feat. Eko Fresh
13. Oma
14. Spiegelbild
feat. Julian Williams
15. Slow Motion
16. Cabriolet
17. Panamera Flow
feat. Bushido

Besser konnte es kaum laufen: Da ist also dieser Sidekick des Rappers Kay One, der, wie später behauptet, wohl beträchtlich zu wenig bis gar keine Gage für seine Backup-Auftritte bekommt. Also wendet sich der Rapper vom selbst ernannten Prinzen ab und veröffentlicht den Disstrack "Alkoholisierte Pädophile". Ganz nebenbei wird er bei einem der größten Plattenlabels der deutschen HipHop-Szene gesignt, nachdem er 2012 bereits ein erstes Angebot zurückwies. Damit konnte sich Shindy also in Ruhe an die Produktion seines Nummer-eins-Albums machen. Die Chart-Platzierung könnten böse Zungen natürlich darauf zurückführen, dass Label-Chef Bushido sich keine Blöße gab, jeden Politiker, den er kennt, zu beleidigen. Die Promophase mutierte dadurch immer mehr zu wirklichem "Stress ohne Grund" und die Indizierung von "NWA" durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, kurz: BPjM, wirkt dann eben nur noch wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Im Endeffekt sorgte die Sperrung sogar nur dafür, dass die Kassen bei ersguterjunge erneut klingelten – mit vier neuen Tracks konnte man "NWA 2.0" nur wenige Wochen nach der Erstveröffentlichung auf Platz 6 der Albumcharts hieven. Wie sich die neue CD eigentlich anhört, die sogar ein Haftbefehl-Feature dazu liefert, erfahrt Ihr nun hier.

Schon im ersten Track "Arbeit ist out" merkt man: Shindy ist gar nicht so sehr auf "Stress mit Grund" aus. Sehr smooth kommt er auf einem lockeren Pianobeat an, während er erzählt, dass er doch eigentlich nur das Frühstück, frisch gemacht von Mutti, genießen und chillen will. Das Feeling, das hier bereits verdeutlicht wird, setzt sich ohne große Abstufung auf dem zweiten Track "NWA" fort. Diesmal ohne Piano, dafür aber hervorragend und lässig geflowt über einen Elektrobeat. Man sieht, wie gut Shindy sich selbst beurteilt. Dass er sich für den King und "Mr. Nice Guy" in einer Person hält, kriegen wir hier also nicht zum letzten Mal zu hören. Auch auf "Warum ich das mach ..." ist noch wenig von "Stress mit Grund" zu hören – doch was wir geboten bekommen, ist feinster Representer-Rap mit Sommerfeeling. So könnte man dieses Album genauso gut auch im Radio spielen. Generell zeigt sich Shindy auf "NWA 2.0" textlich recht vielseitig. Beispielsweise rappt er auf "Immer immer mehr" gemeinsam mit Bushido und Sido über seinen Weg ins Rap-Geschäft.

"Dann waren Sido und Bushido in den Charts/
Damals hab' ich auf mein allererstes Mikrofon gespart/
Mein Direktor hat gemeint, dass er alles besser weiß/
Hab' gesagt: 'Wenn du so schlau bist, wieso bist du dann nicht reich?'/
"
(Shindy auf "Immer immer mehr")

Während das Soundbild beinahe durchgängig auf Radiomusik getrimmt ist, nimmt Shindy also die verschiedensten Themen in seine Texten auf. Im Gegensatz dazu ist er seinen Features recht treu geblieben – so findet sich Bushido auf vier der 17 Tracks wieder. Der zweite Bushido-Part ist auf "Springfield 2" zu hören, auf dem der Label-Chef mit Zeilen wie "Du willst entertaint werden? Digga, hol dir T-Home" nicht unbedingt sein Meisterstück abliefert. Generell bekleckert sich Bushido mit seinen Feature-Parts keinesfalls mit Ruhm. So zählt, nicht zuletzt dank ihm, "Panamera Flow" zu den schwächsten Tracks des Albums. Feature Nummer vier wäre eigentlich "Stress ohne Grund" gewesen: Nun gab es leider aber doch einen Grund für die Presse, sich über dieses Werk herzumachen. Die Indizierung nutzte man zum Umbenennen des Songs in "Stress mit Grund". Obendrein kam ein Feature mit Haftbefehl zustande, der sich via Facebook klar gegen die Journalisten der BILD aussprach und sich zu den beiden Rappern bekannte. Das Ergebnis ist ein sehr viel besseres, denn, sind wir ehrlich: Raptechnisch war "Stress ohne Grund" so gar nicht interessant.

"Shindy ist 'ne Rap-Stilikone/
Politiker sind sauer so wie Nestea-Zitrone/
Es ist Shindy Cool, Sonny Black, Baba Haft/
Jeder scheiß Kanacke mit 'nem Benz macht auf Arafat/
Mein Hype übertrieben, diesen Heißblüter lieben/
Bitches, wenn ich sterbe, baut mir drei Pyramiden/
"
(Shindy auf "Stress mit Grund")

Das Feature mit der meisten Überzeugungskraft bleibt jedoch Eko Fresh. Sein jüngstes Album "Eksodus" stieg nicht umsonst an der Spitze der Charts ein, und auch auf "Bruce Wayne" präsentiert er sich gewohnt stilsicher. Hier rettet Eko ein wenig die Ehre aller "NWA 2.0"-Features, denn Julian Williams, seines Zeichens vierter und letzter Gast, gesellt sich auf die gleiche Stufe wie Bushido. Eigentlich schlimmer, denn Julian denkt wohl, Autotune könne seine fehlenden Gesangsqualitäten kompensieren ... Nein, das kann kein Programm der Welt. So quälen sich beide recht hart über "Lieblingslied", das dem Titel keineswegs gerecht wird. Schon besser ist da "Spiegelbild", aber auch nur, weil hier die Seite von Shindy herausgekitzelt wird, die unbedingt deepe Texte rappen möchte. Eine erstaunlich gute Facette, wie sich zeigt. So kann er dann auf dem Track "Oma" sein ganzes Potenzial ausschöpfen.

"In deinem kleinen Haus brennt nie wieder Licht/
Ich kann nicht ausdrücken, wie ich dich vermiss'/
Ich war so ein Bengel, Oma war ein Engel/
Nur das Allerbeste genug für ihren Enkel/
Kannst du dich an den Tag erinnern, als ich mir Ohrlöcher stechen lies/
Du hast geweint vor Enttäuschung, das vergess' ich nie/
"
(Shindy auf "Oma")

Mit dieser doch sehr tiefgreifenden Einsicht in Shindys Privatleben präsentiert das neueste Mitglied von egj einen der vielleicht besten Tracks auf "NWA 2.0". Die deepe Schiene würde ihm vielleicht sogar noch besser stehen, doch auf meine und im Endeffekt alle anderen Meinungen gibt er "kein' Fick", wie er auf dem gleichnamigen Track rappt ... Na ja, eigentlich will er das sagen, aber die Bundesprüfstelle findet das nicht so cool wie er selbst. Deswegen ist aus "Kein Fick" auf "NWA" "Mein Shit" auf "NWA 2.0" geworden. Das Sample hat man hierbei weitläufig geändert, genau wie den Text. Vielleicht sollte man zwischen all dem Representer-Rap und den Thementracks auch die Konzeptsongs hervorheben. Auf "Rentner" rappt Shindy über sein Leben als alter Mann, auch wenn seine Vorstellung über das Leben im Alter komplett over the top ist. Wie Shindy mit dem "Sportwagen jedes Wochenende fortfahren" will, weiß er wohl auch noch nicht so ganz, denn sonderlich schnell ist Shindy auch jetzt keineswegs, wie er uns in "Slow Motion" erzählt. Richtig cool ist der Track aber auch nicht. Denn egal, wie gechillt man klingen will, Zeilen wie "Meine Freundin schreibt mir, die Beziehung ist beendet" leiert man dann doch nicht monoton herunter.

Fazit:
"Stress ohne Grund" hätte es im Vorfeld gar nicht gebraucht, beweist Bushido doch ein wahnsinnig glückliches Händchen mit Shindy. Als Debütalbum ist das sehr stark, was der Künstler hier abliefert. Wenn auch auf Mainstream getrimmt, harmoniert er grandios mit jedem seiner Beats. Das, was letztendlich den guten Gesamteindruck ein wenig schmälert, ist die Länge des Albums. Mit 17 Tracks bekommt man zwar sehr viel für sein Geld, doch letztendlich strecken Tracks wie "Highschool Musical", "Cabriolet" oder "Ice-T" das Album nur unnötig. Im Großen und Ganzen kann man aber sagen, dass "NWA 2.0" von allem etwas bietet: deepe Texte, Representer-Rap und speziell tolle Beats, bei denen definitiv ein Könner am Werk war. Für die meisten Beats zeichnet Shindy selbst verantwortlich, aber auch Beatzarre, Djorkaeff und Bushido steuerten einige Instrumentals bei. Da klingt keiner gleich, da ist überall ein wenig Innovation und Coolness hinter. Wer hier zuschlägt, den erwartet eine Platte, die man einfach durchgehend hören und genießen kann. Man kann sich auf ein künftiges Release jetzt schon freuen – vielleicht klappt es dann auch ohne Stress im Vorfeld, denn den hat dieser Künstler bei Weitem nicht nötig.


(Sven Aumiller)



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