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Unknown Kings: September 2014

veröffentlicht: Samstag, 20.09.2014, 14:49 Uhr

Autor: TagTiC



Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf Facebook oder Massenmails im Instant Messenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: "Hey, ich habe mein Album fertiggestellt! Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab." Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre, wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Beginn des Internetzeitalters rumgeistern, ist das nahezu unmöglich. Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem – da kann er ja (meistens) nichts falsch machen – während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen. Mit dieser Rubrik haben wir uns das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die unserer Meinung nach (!) mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypter Internetgrößen zu finden sein noch Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen. Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.






Takt32 – #OVERKILL

Folgende Worte hallten am 6. November 2013 durch einen szenebekannten Berliner Club: "Ja, ich war nie King bei RAM, hab' keine 1.000 Fans wie die, hab' auch keinen verfickten Labeldeal. [...] Hab' kein Album draußen, nicht mal 'ne EP." Diese doch sehr ehrliche Selbsteinschätzung wurde mittlerweile von über 100.000 Leuten bei YouTube angeklickt. Geändert hat sich seitdem doch einiges: Die 1.000 Fans hat Takt32 schon weit überschritten und seit dem 15. August wäre nun auch endlich das mit der EP geklärt. Das Ganze könnte man eher als eine Art Demotape statt als ein Gesamtkunstwerk betrachten, denn auf den sechs Tracks von "#OVERKILL" präsentiert sich der Ostberliner so variabel wie selten ein junger Künstler. Während er mit gefühlvoll eingesungener Hook auf "#sohell" die Jugendsituation in der Hauptstadt mit französischen Banlieus gleichsetzt, zieht er seinen Hashtag-Flow über einen Trapbeat auf "#bestertag" beinahe den ganzen Track durch und bringt so einen Hauch von Amirap-Flavour auf das Release. Doch Takt32 hat nie vergessen, für was er bekannt ist und für was vor allem seine Fans ihn lieben: tighten Battlerap. Den präsentiert er beispielsweise eindrucksvoll auf "#dreizwei", wo er auf einem schnellen Synthie-Beat mit harten Drumsets Zeilen wie "Unsere Tracks klatschen wie Hooligans in Zagreb" spittet. Den Kontrast zwischen ebensolchen Battletracks und seichten Gitarrenriffs, die auf "#vollerfarben" erklingen, wenn er die Schönheit der Berliner Nacht in all ihren Facetten besingt und berappt, macht nicht nur dieses ordentliche Debüt, sondern vielleicht auch den Rapper Takt32 an sich aus. Ein Allrounder eben, der Stipendiat aus dem Plattenbau.

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2Seiten – Bipolar Express

Ich blicke gestresst auf die Uhr, als der Zug endlich am Hauptbahnhof einfährt. 20 Minuten Verspätung, typisch. Dicht gedrängt an einen unglücklich dreinblickenden Anzugträger und mit respektablem Abstand zum Kinderwagen links von mir trete ich vom Bahnsteig ins Abteil, wo ich glücklicherweise direkt einen Vierer-Sitzplatz erwische. Jeden Tag das Gleiche. Und was macht das Gewohnheitstier, um dieser Tristesse zu entfliehen? Richtig, Musik anschließen und den Jungen, der mittlerweile im Kinderwagen zu schreien begonnen hat, ausblenden. Doch irgendwas stimmt nicht. Denn mittlerweile leicht dösend empfängt mich hinter meinen geschlossenen Augen ein Schaffner. Ich erkenne den Namen Bülent Demirtas auf dem Namenschild, als er mein Ticket entwertet. Anstatt dem Alltag in die Musik hinein zu entfliehen, habe ich mich auch noch gedanklich in einen Zug verfrachtet. Doch die Aussicht im "Bipolar Express" ist sehr viel schöner als die, die mich erwartet, wenn ich meine Augen öffne. Auf unserer musikalischen Reise zeigt mir der Zugführer 2Seiten auch wortwörtlich zwei Seiten. Auf der einen eine Welt, die auch in schönen Momenten vom Realismus geprägt bleiben muss, um nicht den Halt zu verlieren, auf der anderen der Genuss selbiger, um auf die Kosten des Lebens zu kommen ("Konsument von Augenblicken"). Wie viele davon tatsächlich "der Rede wert" waren, entscheidet man bekanntlich erst danach, genau wie bei vielen Aussagen, die Pal-One und der Poetry Slammer auf gleichnamigen Track richtigstellen. Der Zug fängt an, unregelmäßiger über die Gleise zu tuckeln. Im Instrumental, das ich im Hintergrund wahrnehme, erklingen laute Bongos über einer klatschenden Meute. Fast schon aggressiv und gestresst wirkt bereits dieses kleine Anziehen des Tempos, nachdem man auf der gesamten EP nur seichte Klänge und eine beruhigt klingende, angenehme Stimme von 2Seiten hört. Dazu experimentelle Beats, die geprägt sind von den Geräuschen der Xylophone, Cabasas, Gitarren und Drums. Ein Soundteppich, der nicht nur wohl und angenehm im Ohr wirkt, sondern auch perfekt harmoniert, mit einem tiefenentspannten Demirtas. Was er sagt, wirkt hingegen doch länger nach als nur diese eine Zugfahrt lang, das merke ich schon jetzt. Wenn er über seine Vergangenheit referiert und 2Seiten erzählt, wie sie in den Kontext mit seinem aktuellen Schaffen nachwirkt, hallen einem die prägnanten Aussagen des Lyricist auch später im Kopf nach. Die vielleicht wichtigste Botschaft gibt er dennoch etwas früher auf dem Release mit: "Das Leben ist schön". Mit diesem Gedanken öffne ich meine Augen und blicke auf das mittlerweile friedlich schlafende Baby. Der Zug steht still. Nicht ein Geräusch ist mehr zu vernehmen, denn auch der "Bipolar Express" ist nach neun Haltestellen am Ende angekommen. Endstation. Ich steige aus mit einem Grinsen auf dem Gesicht. "Das Leben ist schön".

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dissythekid – Pestizid EP

Man will fast schon weiterskippen, als die ersten leisen Töne des "Interludes" anschlagen. Unangenehm hallen die Klänge der Nacht, das Fiepen von Tieren, unterlegt von einem dumpfen Ton, durch die Kopfhörer, bevor dissythekid die ersten, verstörenden Sätze zum Besten gibt. Etwas von seiner Wohnung am Park, wie er mich manchmal sieht, ohne, dass ich ihn bemerke. Wohliger wird es einem nicht, wenn auf "Hook" ein völlig überzogener Bass den Takt angibt, der fast schon an Maschinengewehre erinnert. Dass der Rapper genau diese Atmosphäre braucht und sich seine ganze Qualität erst dann ausspielt, wenn man ihm den Raum genau dafür lässt, das erahnt man erst im Laufe der EP. Aber wer dissythekid eine Chance gibt ... Nun, der kann eines der innovativsten Werke des Jahres bestaunen. Hier ist weder thematisch noch vom Sound her etwas schon bekannt. Die interessante, helle Stimme wirkt fast gepitcht über die maschinellen Sounds und harten Drums, während er von einer Jugend erzählt, in der ein Heranwachsender die Texte seiner Lieblingsrapper für bare Münze nimmt und kurzerhand den Teddybären massakriert ("Hook"). Auf gleichem Track ertönt dann doch der Wunsch: "Ich will doch eigentlich nur sein wie andere Kinder und dass es warm ist und man mich drückt in einem Winter, Bücher lesen lernen und wunderschöne Bilder". Das alles ist unterlegt mit einem hoch singenden Männerchor im Hintergrund, nur um einen kurz darauf auf harten Drums wieder mit "Nein, war ein Spaß, fickt euch Hoes, ihr seid behindert!" zu begrüßen. dissy ist halt anders. Zwei Tracks später dann doch wieder die emotionale Seite zu zeigen und einen Disstrack gegen den Freund der großen Liebe zu schreiben, denn "Du hast die, die ich schon immer wollte" ("Benzin"), untermalt durch den kurz aussetzenden Synthie im Hintergrund, ist genauso paradox und zwiespältig wie der Rest von "Pestizid". Eeinerseits wirkt alles so berührend, andererseits kalt und abweisend im gesamten Soundbild und der Art. Der nächste Widerspruch in sich folgt, als er plötzlich den Comedy-Rapper mimt. Wenn dissy dann nämlich beispielsweise den "Trash"-Film fährt und kurz vor seinen Parts noch mal Ohrwürmer aus den frühen Zweitausendern anstimmt, die man eigentlich nie im Ohr haben wollte, summt man doch wieder angeheitert mit. Es gibt eigentlich kein passenderes Wort als "krude", um dieses Release zu beschreiben, nur leider klingt das viel zu negativ behaftet für so ein beeindruckendes Werk. Und das ist "Pestizid" auf alle Fälle: beeindruckend.

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KinG Eazy – Startklar

Wenn Amirap auf die Azzlackz trifft, würde das Ergebnis vielleicht KinG Eazy heißen. Der ist seit August endlich "startklar" und man fragt sich sogleich, warum auch immer er sein Talent so lange im Verborgenen hielt. Laut eigenen Angaben rappt der Lüneburger nämlich seit nunmehr acht Jahren und trat erst jetzt durch seine Battle-Erfahrung in Erscheinung. Die Vorliebe für amerikanische, traplastige Beats ist genauso unverkennbar wie der leichte Autotune-Effekt in beinahe jeder Hook, der allerdings so wenig aufdringlich oder lästig wie selten wirkt. Vielmehr erscheint all dies stimmig für ein Gesamtprodukt, was in englischer Sprache auch auf der anderen Seite des Atlantiks problemlos angenommen werden würde. KinG Eazys Markenzeichen ist die nasale und teils schrille Betonung in Parts und Hook, die hin und wieder gewöhnungsbedürftig klingen, aber dennoch immer stylisch geflowt sind ("Nix könnte anders sein"). Für die großen lyrischen Meisterwerke ist der Lüneburger auch nicht bekannt, doch dafür für einen Hörgenuss, auch bedingt durch die optimalen Beatpicks. Namhafte Produzenten wie SadikBeatz unterlegen die Texte des Rappers mit wummernden Drums und schrillen Effekten, die aber nie aufdringlich wirken, sondern eher noch mal die Unverkrampftheit des MCs hervorheben. Stets unterstützt wird er von seinen nicht weniger talentierten Kollegen aus der niedersächsischen Hansestadt, die seinen Stil perfekt ergänzen und Hooks beisteuern. Hervorzuheben wäre hier vor allem der Rapper Aze, der auf "Für die Hater" einen kleinen Part mit technischer Raffinesse auf die EP bringt. Von uns aus ist also alles "startklar" für ein Album von KinG Eazy im neuen Jahr.

"Startklar" – kostenloser Download



Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "Unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor Kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "Kings – *Künstlername*" an [email protected]. Bitte beachtet aber, dass wir nicht auf jede Anfrage persönlich antworten können. Ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!


(Sven Aumiller)

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