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Review: Sentino – Sentinos Way 3 – Sohn des Paten

veröffentlicht: Samstag, 08.04.2017, 17:18 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Intro
02. Sohn des Paten
03. Ingenieur des Verbrechens
04. Und dann stirbst Du
05. Junge aus der City
06. Die Farbe Lila
07. AS Monaco
08. 100K
09. C4
10. Milieu
11. Kopf über Herz
12. Pandora
13. Verräter


Sentino! Ein Name, der seit über einem Jahrzehnt wie ein Schatten über Deutschrap schwebt: Die Gerüchte, er hätte an vielen erfolgreichen Releases zu Beginn des Jahrtausends mitgeschrieben, halten sich, vor allem im Zusammenhang mit Namen wie Bushido, höchst hartnäckig. Seine eigenen Veröffentlichungen wurde allerdings nie eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteil wie der vermeintlichen Ghostwritertätigkeit und so verschwand Sentino irgendwann von der Bildfläche, bis er 2012 mit "Stiller Westen" einen neuen Versuch startete, der in meinen Augen rigoros scheiterte. Und dann kam Fler. Gemeinsam waren die beiden Unterwegs nachts in Berlin und hatten zwar kein' Bock, ihre Waffen zu ziehen, dafür aber reichlich Erfolg und YouTube-Klicks. Sentino, Hauptverantwortlicher für die wohl bekannteste Deutschrap-Hook des Jahres 2016, schien wieder voll zurück zu sein. Mit neuem Label im Rücken und in epischen Interviews sowie einem Musikvideo medienwirksam neben Fler platziert, sah alles nach optimalen Voraussetzungen für einen späten Durchbruch aus. Doch es kam wie es bei "Maskulin"-Acts immer kommt: Trennung – widersprüchliche Aussagen – Kritik an Fler – Drama, Drama, Drama. Dem Weg seiner Vorgänger konsequent weiter folgend, wäre ein erfolgloses Album der nächste Schritt, den er mit "Sentinos Way 3 – Sohn des Paten" eventuell gehen könnte.

Wenn ich nach Holland fahr', kann sein, dass ich dem Zoll dann sage/
Ich hätt' ne Neun bei, doch das war nur ne Zollangabe/

(Sentino auf "Pandora")

Produktionstechnisch bilden moderne, teils trapinspirierte Neuinterpretationen jener Beats, auf denen Sentino schon Mitte der 2000er Jahre zu hören war und die ihre musikalischen Einflüsse klar in Übersee beziehen, das Grundgerüst. Die Produzenten scheinen mit Checklisten gearbeitet zu haben: Synthesizer – Check, HiHat-Massaker – Check, übertriebener Bass – Check, gleich kommt die Hook, also noch einen schrilleren, lauteren Synthesizer drüber legen – Check. Klingt zwar alles gut, aber hat man in den letzten Jahren auch schon oft genug gehört und beeindruckt längst schon keinen mehr. Inhaltlich findet sich neben Gedisse namentlich nicht genannter, aber durch subtile Hinweise klar ersichtlicher Personen, auch noch viel Gedisse namentlich genannter Personen und grundsätzlich wäre es wohl einfacher aufzuzählen, welcher deutsche Rapper keine Erwähnung auf "Sentinos Way 3" findet. Darüber hinaus bekommen wir allerhand Geschichten aus dem Alltag eines Kriminellen zu hören, die – im Gegensatz zu vielen Genrekollegen – auf eine Art und Weise erzählt werden, dass man Sentino wirklich glaubt, Vieles davon erlebt zu haben, oder zumindest jemanden zu kennen, der jemanden kennt, der die polnische Unterwelt beherrscht. Vor allem die gut erzählte und auch gekonnt angesungene Gangsterstory "Kopf über Herz"(ein Plot aus der andere einen abendfüllenden Spielfilm gemacht hätten) weiß hierbei in allen Punkten zu überzeugen. Parallelen zu Flers letztem Album finden sich nicht nur im Songtitel "Junge aus der City", sondern an verschiedensten Stellen: Ob Sentino nun kleinere Formulierungen übernimmt, die es identisch auch auf "Vibe" zu hören gab, oder er den Flow seines ehemaligen Labelchefs derart gekonnt kopiert, dass man in unaufmerksameren Momenten schon glauben könnte, Fler wäre ein Überraschungsgast auf "Sentinos Way 3", man hat permanent das Gefühl, er wolle nur verdeutlichen, dass er an einem der besten Alben des vergangenen Jahres sehr wohl einen großen Anteil hatte. Dann ist natürlich auch noch Platz, um seinen Unmut über die Szene im Allgemeinen mit Lines wie "Seh' Typen, die mal Street waren, mit Liebesliedern Gold gehen."("100K") deutlich zu machen. Außerdem wird Sentino nicht müde, immer wieder auf unterschiedliche Art zu erwähnen, dass er es war, der als Ghostwriter für diverse große Alben und erfolgreiche Songs verantwortlich war, am besten gelingt ihm dies auf dem Song "Die Farbe Lila" mit einem simplen Zweizeiler:

Du würdest heute im Keller wie ein Junkie leben/
Aber du konntest meine Handschrift lesen/

(Sentino auf "Die Farbe Lila")

Fazit:
"Sentinos Way 3" ist definitiv ein Album mit Höhen und Tiefen: Geschichten aus einer kriminellen Welt, die den meisten Fans wohl auf ewig verschlossen bleibt, einige gut gewählte Beleidigungen an Szenekollegen und ehemalige Wegbegleiter, die zum Teil wirklich längst überfällig waren. Offene Klarstellungen, andere Perspektiven auf bekannte Geschehnisse der letzten Jahre und zum Teil auch einfach ganz simpler Gangstarap inklusive solider Reimtechnik. All das ist zwar nichts Weltbewegendes, Sentino macht es aber dennoch besser als viele andere. Negativ fallen vor allem einige unterirdische Wie-Vergleiche auf, die man sich an dieser Stelle auch einfach hätte sparen können. Die Beats passen in die Trapvorlage, nach der schon seit Jahren gearbeitet wird, und das merkt man den viel zu glatten und berechenbaren Produktionen ganz einfach an. Hier wird zu keiner Sekunde versucht, etwas Eigenständiges zu schaffen, sondern einfach nur hemmungslos abgekupfert. Ich erinnere mich, als ich im zarten Alter von fünf Jahren einen Delfin mit Schablone gezeichnet und nicht verstanden habe, warum meine Eltern ihre mangelnde Begeisterung nicht verbergen konnten. Mama, Papa, heute versteh ich euch.


El-Patroni (David)



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