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Review: Savas & Sido – Royal Bunker

veröffentlicht: Donnerstag, 05.10.2017, 19:39 Uhr
Autor: Cuttack





01. Haste nich gesehen
02. Royal Bunker
03. Jedes Wort ist Gold wert
04. Unterschied
05. Wenn ich oben bin
06. Hall of Fame
07. Freund/Feind
08. Keene Probleme
09. Neue Welt
feat. Lakmann
10. Meine Pflicht
11. Haie
feat. Nico Santos
12. Alles noch beim Alten
13. Normale Leute
feat. Marteria
14. Leben geben

Ich mach das hier nur noch, weil es sein muss/
(Sido auf "Haste nich gesehen")

Als die Ankündigung von "Royal Bunker" die Runde gemacht hat, gab es etwa gleichviel Grund für Skepsis und Vorfreude. Natürlich: Die Namen an sich legen die Messlatte hoch genug. "Zwei der Besten, die es je gemacht haben", kündigt das Intro es großspurig an, Sido und Kool Savas haben zweifelsohne Großes vor Augen. Ein Kollabo-Album zweier wegweisendener Berliner Veteranen, die allerdings sehr unterschiedliche Wege beschritten haben. Zu Zeiten von einem "Pimplegionär" oder einem "Arschficksong" bewegten sich die Beiden musikalisch wie thematisch noch in ähnlichen Fahrwassern, das Kollabo-Album erscheint nun aber nicht inmitten der Zweitausender, es erscheint heute. 2017. Und Savas entwickelte sich in den vergangenen Jahren immer mehr in seine Rolle des HipHop-Altmeister und des Meisterspitters, was nicht zuletzt auch ein gutes Stück neue Identität für den Berliner stiftete, während Sido einen wechselhaften Kurs zwischen schamlosem Kommerz und liebäugelnder Nostalgie mit seinen Wurzeln eingeschlagen hat. Da bildete sich also eine ganz schöne Distanz und mit "Royal Bunker" erkunden die Beiden nun einen Sound, der den schmalen Grat zwischen Retro-Cool und hängengeblieben wankend geht. Ist die Platte einfach nur ein wenig Nostalgie für Dipset-Berlin oder tatsächlich ein musikalisches Statement?

Ich battel' dich in Shorts und umsonst, auch wenn's kein'n Sinn hat/
Dicka! Mittenwalder Straße, wart, ich komm' und hol dir Pint ab/
Leere Worte, ihr Horste spielt keine Rolle wie der Blinddarm/
Sag, wat willste mit dem Säbel da, du Honk, du bist nicht Sindbad/

(Savas & Sido auf "Royal Bunker")

Die erste unumstößliche Wahrheit, die sich auf dem Tape eindeutig herauskristallisiert, ist: Für die kreative Vision und den Sound saß zweifelsohne Savas an den Drückern. Zwar wollte sich auch das letzte Sido-Album ein wenig in Richtung HipHop der alten Schule ausrichten, der Sound von "Royal Bunker" erinnert aber am deutlichsten an die Vorprojekte von Essah, der bereits auf "Essahdamus" und "Märtyrer" einen Bars-fixierten Punchline-Rap lieferte, der jede TeamBackpack-Cypher stolz machen würde. Furios, wortverspielt und mit enormem Fokus auf ausgefeilte Reimschemata und Flowpattern peitschen hier die Parts durch die Samplebeats und eine Hook dient bestenfalls als Orientierungspunkt auf dem Song, melodischer als ein betonter Chant wird es kaum. Dafür sorgen auch die Instrumentals, die sich auf einen Untergrund-Flavour zurückbesinnen, der am ehesten an einen berlinisierten, rohen Klang von Ostküstenproduzenten wie Alchemist, Aesop Rock oder Apathy erinnern: Obskure Samples mit schrägen, eigenwilligen Melodieläufen und staubigen, nostalgischen Texturen zimmert man hier in kompetenter Art und Weise auf eine Mischung aus BoomBap-Drumpattern und Dipset-Percussions, die zwischendurch mal mit der ein oder anderen Snare-Roll aus der Vergangenheit geholt werden, um ein wenig mit dem Zeitgeist der Hauptstadt zusammenzufließen. Müsste man den Flavour dieser Musik zusammenfassen, könnte man sich gut vorstellen, RZA würde Samplebeats in einer Berliner Shishabar zusammenschrauben. Klingt cool, funktioniert über die Spielzeit auch einwandfrei.

Entsprechend traditionell gerät das Songwriting: Bar für Bar arbeitet sich das Duo durch den Langspieler und macht mehr oder weniger eindrucksvoll klar, dass sie im aktuellen Stadium ihrer Karriere nichts zu Dringliches zu erzählen haben. Zumeist gibt es fast schon comichaft unrealistischen Größenwahn ("Wir sind die Reinkarnationen von Biggie und 2Pac", "Kurt Cobain nur ohne Gitarre und Depression", "Zwei der Besten, die es je gemacht haben") oder Momente, in denen die Lines so absurd daherkommen, dass man gar nicht so recht einordnen kann, was man da gerade gehört hat ("Ich fahr' diese Schiene so wie Thomas, die kleine Lokomotive"). Wenn man ehrlich ist, zerfließt der Text über weite Teile der Platte in einen wohlklingenden Trott, der beizeiten häufiger durch Stirnrunzeln als durch besonders clevere Pointen unterbrochen wird. Muss ja auch gar nicht sein, war vermutlich auch gar nicht Teil des Plans. "Royal Bunker" liefert ein Battlerap-Album der klassischsten Manier, das eher auf Stuntraps und halsbrecherische Flow setzt, als mit irgendwelchen anderen Finessen oder Strategien beeindrucken zu wollen. Funktioniert für Savas einwandfrei, Sido gibt sich auch alle Mühe. Der Maskenmann wirkt zwar über weite Strecken eher abgeschlagen und kann raptechnisch offensichtlich bei Weitem nicht mit seinem Tag-Team-Partner mithalten, beweist aber zumindest einmal mehr sein Händchen dafür, auch simple Flows ziemlich angenehm klingen zu lassen.

Wer hat was gesagt? Bin ertaubt, doch nicht wegen dem Alter/
Die beste Zeit deines Lebens ist bei mir lediglich Alltag/
Stanni hoch tausend, quatsch mal weiter von Money, Münchhausen/
Oldschool, Essah der Tyrannosaurus, guck/

(Savas & Sido auf "Alles Noch Beim Alten")

Ein ziemlich radikales Statement, ein so willentlich eindimensionales und fokussiertes Album aus dieser Position heraus zu veröffentlichen. "Royal Bunker" folgt einer untergründigen und recht spartigen Soundvision irgendwo zwischen MF Doom und Melbeatz, Army of the Pharaohs und "Märtyrer". Die Beats fallen alle in dieselbe Schublade, setzen die aber höchst versiert um, auch die Parts unterscheiden sich bis auf zwischenzeitliche Thementracks kaum. "Keene Probleme" bringt einen etwas dämlichen Refrain, auf "Haie" und "Neue Welt" finden sich die wenigen poppigeren Momente und "Normale Leute" mit Marteria fasst dann die Konzeption von "Royal Bunker" noch einmal zusammen. Wenn man ehrlich ist, ist es vielleicht ein wenig zu eindimensional, ein wenig zu nostalgisch für ein Zusammentreffen dieser Größenordnung, denn die Platte macht am Ende des Tages auch nicht mehr, als einen ohnehin schon bestehenden Sound ins Auge der Öffentlichkeit zu pflanzen, wo er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wirklich bestehen können wird. Statt musikalischer Innovation gibt es ein Rückbesinnen auf das Handwerk und den Flow, eine Suppenkelle Oldschool für die Autotune-ermüdeten Teile der Deutschraphörer. Und auch wenn dieses nostaglische Pflaster für alle Trendskeptiker am Ende des Tages keine Bäume ausreißen wird, kann man doch nicht leugnen, dass es für das, was es ist, ziemlich einwandfrei umgesetzt wurde.

Eine Empfehlung für alle, die mit dem aktuellen Stand der Rapmusik nicht so recht warm werden, trotzdem der Disclaimer: Da das Album musikalisch eigentlich gar nicht so hoch zielt, wie es es textlich die ganze Zeit propagieren will, genießt es sich am Besten, wenn man die Erwartungen eher niedrig lässt. Dann wird man aber auch Vieles zu mögen finden.


(Yannik Gölz)



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