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Review: Samy Deluxe – Der letzte Tanz

veröffentlicht: Montag, 04.01.2010, 23:05 Uhr
Autor: unknownKing





01. Intro
02. Neue Saison
03. Der letzte Tanz
04. So viele Fragen
05. Katze aus dem Sack
06. Hin und her
07. Truf is back
08. Draussen aufm Dauf
09. Hamburg 2009
10. Sag mir was du von mir willst
11. Samsimilias Rache
12. Samsimilias letzte Worte
13. Hussel und Flow
14. Nie genug
feat. Ali A$
15. Outta hier

Manche hofften es, viele munkelten es, einige haben es sich gedacht – jetzt weiß es jeder: Das letzte Opfer des großen Labelsterbens 2009 (übrigens ein ganz heißer Kandidat für das Wort des Jahres) wird Deluxe Records sein. Nach einiger Zeit im Geschäft kann das Label auf viele Künstler, wild durchgemixte Tapes und letztendlich eine Artist-Reduzierung (à la "Liebling, ich habe das Label geschrumpft") auf die zwei verbliebenen Rapper Ali A$ und Tua zurückblicken. Da gibt es nachträglich viel zu erzählen, viel Revue passieren zu lassen. Denn wenn man als Künstler ein eigenes Label hochzieht, stecken da bekanntlich nicht nur Herz und Seele, sondern auch mächtig Blut und Schweiß drin. Und auch, wenn man in HipHop-Kreisen oft nur mit einem angedeuteten Kopfnicken im Takt auskommt, bittet Samy Sorge nun mit diesem letzten Mixtape aus dem Hause Deluxe Records zum letzten Tanz.

Und wer weiß, dass einem der allerletzte Tanz bevorsteht, der will diesen auch noch mal voll und ganz auskosten. So findet sich auf dem von DJ Mixwell well gemixten Mixtape neben 14 Solosongs von Samy Deluxe persönlich nur ein Feature mit Schützling Ali A$. Auch für die Beats zeichnet der Labelchef fast zur Gänze alleine verantwortlich. Außer ihm haben unter anderem die Instrumens und Monroe das ein oder andere Instrumental beigesteuert. Wenn man das Tape so anhört, hat man das Gefühl, Samy will mit jedem noch mal das Tanzbein schwingen, um auch wirklich an jeder Haltestelle der Label-Reise ein letztes Mal Stopp zu machen. Da gibt es Songs, die an die alten Hamburgs Finest Mixtapes erinnern (z.B. "Truf is back", "Draussen aufm Dauf"), ab und an trällert Sam auch mal wieder einen Refrain ganz im Stile seines jüngsten Albums (z.B. "So viele Fragen"), und – oh mein Gott – Samsimilia?! Ihr habt es erfasst. Kifft Sam jetzt wieder, hatte er nicht aufgehört? Die Verbraucherschützer und Eltern schreien – die Kids auch: Denn das Alter Ego Samsimilia ist back. So geht es auf drei Tracks über fünf Beats acht Minuten lang einzig und alleine um HipHops gute alte fünfte Säule. Auf "Sag mir was du von mir willst" erzählt ein (unnötigerweise) geautotuneter Samy über seine Erfahrungen mit dem grünen, an dieser Stelle personifizierten Mittel:

"Und nach so, so langen Jahren musst' ich es endlich erkenn'/
Du machst mich zum besseren Künstler, aber schlechteren Mensch/
Und wo setz' ich nun die Priorität/
Ich sing' mein Lied hier und hoffe, dass mich jemand versteht/
"

Zwar verfällt er der Liebe laut eigener Aussage noch ab und zu, aber wenn, dann lediglich zu einem kleinen One Night Stand. Dieser noch etwas kritischere Track läutet dann die beiden Songs "Samsimilias Rache" und "Samsimilias letzte Worte" ein. Auf dem Rache-Song rappt Samy auf drei Beats über die Vorzüge des Konsums. Wer sich schon immer einen "Grüne Brille"-Nachfolger gewünscht hat, wird hier vielleicht nicht komplett zufrieden sein, aber einige Zeilen wie "Ich bin durchgehend am Rollen wie ein Lasterfahrer" gehen eigentlich schon ganz gut in die Richtung. Auf dem Track "Samsimilias letzte Worte" wird das Alter Ego nach einem richtigen Knallerpart dann scheinbar endgültig begraben, aber nicht, ohne dass "alle einen dicken Joint rauchen".

Aber auch die etwas neueren Anhänger bekommen die ausgestreckte Hand zum Tanze gereicht. Auf "So viele Fragen" beklagt sich Samy mit bekannter "Bis die Sonne rauskommt"-Friede-Freude-Eierkuchen-Harmonie darüber, dass man bei den meisten deutschen Rappern keine positive Energie mehr vorfinden würde. Aber meistens beschränkt er sich beim Singen dann doch auf die Hooks, die mal sehr gut, mal ganz okay getroffen sind. Ersteres findet man auf dem etwas melancholischeren "Hin und her". Hier geht es um Selbstzweifel, Zerrissenheit, und die Frage, was morgen folgt. Schöne Hook, guter Text, guter Rap. Hiervon könnte man ruhig in Zukunft mehr hören:

"Vor ein paar Jahr'n hab' ich bloß Amis kopiert/
Aber dann letztendlich fand' ich zu mir und ich hab' es kapiert/
Oh nein, ich will dieses Land nicht regier'n/
Aber ich hoffe sehr, ich kann's inspirier'n – zumindest kann ich's probier'n/
"

Darüber hinaus gibt es weitere Songs, die Erwähnung verdienen. Sei es der Nachfolger der damaligen Hamburg-Hymne "Hamburg", "Hamburg 2009", oder der schon vom Teaser teilweise bekannte Track "Draussen aufm Dauf", auf dem Samy mit dreckiger Stimme über die Vorzüge des Dorfs zur Großstadt rappt. Doch die Ironie kann er nicht unbedingt lassen: "Doch leider kann ich mir hier nirgendwo 'nen Döner kaufen." Guter Song mit guter Technik, wobei man über die Verwendung von heruntergepitchten Stimmen in Hooks streiten kann.

Kommen wir also zu den Schwachpunkten. Mixtape hin oder her: Ein nerviger, hochgepitchter Junge, der nach den Liedern irgendwelches Zeug dazwischen labert (andauernd ein "Aaaahnt, Diggaa, schwöre, Altah"), stört einfach das Gesamtbild – auch, wenn ich zugeben muss, dass es teilweise zur Überleitung für die nächste Mixtape-"Etappe" ganz passend ist. So fragt der nervige Vogel zum Beispiel, ob Samy denn nun doch wieder kifft und im Anschluss folgen die bereits erwähnten Samsimila-Songs. Ganz gute Idee, aber dennoch bitte nie wieder so umsetzen...! Ansonsten wird die Vielfalt eigentlich als ein vollwertiges Plus von mir angesehen, aber wenigstens von der Mische her hätte man das etwas angleichen können. So sind einige Songs mit Doppelspuren und Addlips vollgeklatscht und wirken schön dreckig und voluminös, während die Stimme bei anderen Liedern wieder total drucklos herüberkommt.

"Und egal, was all ihr Hater auch sagt/
Ihr habt niemals ein eigenes Label gehabt/
So hatte keiner unserer Acts riesen Karriere gemacht/
Dafür haben wir zwei Azubis durch die Lehre gebracht/
"

Der Titelsong "Der letzte Tanz" schließt mit dem Label ab und zieht noch mal einen letzten Schluss, wieso es nicht so ganz klappen wollte. So sagt Sam, dass es zwar bei ihm so gut läuft, wie schon lange nicht mehr, es aber mit Deluxe Records trotzdem immer weiter bergab ging. Er will sich ab jetzt nur noch auf das Künstlerische konzentrieren und das Geschäftliche "lieber den anderen" überlassen. Ein passender Track, der vielleicht durch einige Rechtfertigungen einen etwas faden Beigeschmack haben könnte. Ein Wunder eigentlich, dass er mit den ganzen Danksagungen am Ende nicht als Outro gesetzt wurde.

Fazit:
Insgesamt bin ich ehrlich gesagt sehr überrascht von dem Gesamtwerk an sich. Nach in meinen Augen eher laschen Hamburgs Finest Mixtapes, einem nicht wirklich überzeugenden Dynamite Deluxe Revival und einem nur zur Hälfte guten Soloalbum holt Samy hier noch mal einiges aus sich raus. Wer ihn die letzten Jahre live auf dem Splash!-Festival oder vergleichbaren Bühnen sehen durfte, hat hoffentlich so viel Gefühl für Musik, um zu wissen, dass der Typ es einfach kann. Die Authenzität, Autorität und Energie, die da auf der Bühne ausgestrahlt wird, ist für mich immer noch einmalig. Bloß die Studioarbeit fiel meiner Meinung nach bei den letzten Releases immer enttäuschend, ja, sogar richtig mager aus. Ich bin keiner von denen, die sich immer verzweifelt an die alten Tage von Künstlern klammern, aber während des Bestehens von Deluxe Records lief mit Sicherheit nicht immer alles richtig. Und gerade jetzt, beim letzten Tanz quasi, habe ich das Gefühl, dass der Altmeister endlich seine Schrittfolge gefunden hat. Das ist kein Gestolpere mehr beim Versuch, unbedingt etwas Neues und Innovatives zu machen. Aber genauso wenig findet man hier einen 32-jährigen Gastherren vor, der versucht, im A-Kurs mit denselben einfachen Tänzen Frauen herumzukriegen. Das ist einfach entspanntes, ungezwungenes Tanzen, nicht immer konventionell, sondern einfach nach Gefühl, wie's halt passt. Unbedingt genau so weitertanzen, bitte.


(Jan König)




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